Die Corona-Tagebücher #13: Fußmatten-Genießertresen

Sandra Köhler lebt seit vielen Jahren in einem Mehrparteienhaus in Wersten. Schon vor Corona trafen sich Teile der dortigen Nachbarschaft ab und an zum gemeinsamen Essen und Trinken. Seit Beginn der Krise kommt nun, darin sind sich die Bewohner einig, die Geselligkeit definitiv zu kurz. Um aber zumindest den weiterhin vorhandenen Durst – wie auch den Hunger – zu stillen, erfand die Hausgemeinschaft vor einigen Wochen den Fußmatten-Genießertresen. theycallitkleinparis hat mit Sandra Köhler über die nachahmenswerte Erfindung gesprochen.

Sandra, wo wohnst du?
Im schönen Wersten, unmittelbar am Südpark in einem 15-Familienhaus. Von meiner Dachterrasse schaue ich in einen begrünten Innenhof und lausche dem Schnattern von Enten und Gänsen. Unterlegt wird das Ganze vom Rauschen der Autobahn, das ein wenig an Meeresrauschen erinnert.

Wie sehen deine Tage derzeit aus? Jeder Tag ein Sonntag?
Ich arbeite an einem Berufskolleg und bespaße da die Azubis des Nahrungsmittelgewerbes. Da diese gerade 40 Stunden an vorderster Corona-Front stehen, dürfen wir sie nur mit freiwilligen Aufgaben versorgen. Selbst die Oberstufen kommen aber vor lauter Arbeit aber kaum dazu. Trotzdem schicken wir Aufgaben zu Prüfungsaufgaben, und mit den nächsten Aufgaben die entsprechenden Lösungen der vorangegangenen. So hoffen wir, dass sich die Schüler für die Abschlussprüfungen Ende Mai fit machen können. Zudem überarbeiten wir didaktische Jahresplanungen und ich habe mal angefangen mein Büroleben zu digitalisieren. Des Weiteren glaubt man gar nicht, was man alles putzen kann. Bisher kam keine Langeweile auf, auch Dank meiner tollen Nachbarschaft.

Mit wem lebst du denn so Tür an Tür in Wersten?
Unsere Hausgemeinschaft ist bunt gemischt, vom jungen Pärchen über den Manager, der nur während der Woche hier wohnt, Senioren, Alleinstehenden und Familien ist hier alles vertreten. Die Fluktuation ist eher gering.

Wie war das Verhältnis untereinander vor Beginn der Corona-Krise? Gab es da auch schon gemeinsame Unternehmungen?
Schon in den vergangenen fünf Jahren haben wir uns ab und an mit bis zu fünf Parteien getroffen, gemeinsam gegessen und getrunken. Von uns spuckt keiner ins Schnapsglas. Zu Beginn der Corona-Krise wurde schnell gegenseitig angeboten etwas vom Supermarkt mitzubringen oder Altglas mitzunehmen, wenn jemand das Haus verließ. Es wurden Sammelbestellungen für die Veedelsbuchhandlung „Buch in Wersten“ abgegeben, Biokistenbestellungen erweitert und jeden Sonntag gibt es eine Gemeinschaftsbestellung bei einem unserer Lieblingsrestaurants, um ihr Überleben zu sichern.

Vor Kurzem habt ihr im Haus auch ein kontaktloses Nachbarschaftsbetrinknis abgehalten. Wie funktionierte das genau?
An einem kontaktlosen Freitagabend habe ich ein Foto von einem Gin Tonic auf Facebook gepostet und meiner Freundesliste zu geprostet. Daraufhin hat ein Nachbar kommentiert, ich möge mal auf meine Fußmatte schauen. Habe ich gemacht – und ein Espressotässchen mit selbstgemachtem Eierlikör gefunden. Dieses habe ich dann erfreut ebenfalls bei Facebook gepostet. Ein anderer Nachbar zeigte sich ob des Alkoholschmuggels an seiner Wohnungstür vorbei genötigt Zoll einzuführen. So nahm die Abstandsparty ihren Lauf. Im 20-Minuten-Takt stellten wir uns gegenseitig Alkoholisches auf die Fußmatten.

Was für Drinks wurden noch auf deiner Fußmatte platziert?
Das Angebot war ziemlich abwechslungsreich: Killepitsch, Gin Tonic, Flimm und Kakao mit Amaretto wechselten die Besitzer. Und so war er geboren der Fußmatten-Genießertresen.

In der Folge ist es dann aber keinesfalls bei Flüssigem geblieben.
Korrekt. In den Tagen nach der Geburtsstunde der Idee fanden sich immer wieder selbstgemachte Köstlichkeiten wie Osterstuten, Erdbeerkuchen, Waffeln und natürlich Osterschokolade auf den Fußmatten in unserem Haus.

Würdest du also sagen, dass eure Nachbarschaft irgendwann gestärkt aus der Corona-Krise hervorgehen wird?
Zwischendurch sorgen wir uns immer wieder mal um unsere Figur, aber insgesamt haben wir festgestellt, dass die Corona-Krise gerne noch andauern kann. Uns hat sie als Nachbarn noch näher zusammengebracht. Man wohnt jetzt noch lieber hier im Haus, wo man ja momentan gezwungenermaßen einen großen Teil seiner Freizeit verbringt. Man fühlt sich geliebt. Insofern kann ich anderen Hausgemeinschaften das Ganze zur Nachahmung nur empfehlen.

In dieser Reihe bereits erschienen:

Die Corona-Tagebücher #1: Solidarische Nachbarschaft Düsseldorf

Die Corona-Tagebücher #2: It’s oh so quiet

Die Corona-Tagebücher #3: Falsche Verknüpfungen

Die Corona-Tagebücher #4: Vom Geben und Nehmen

Die Corona-Tagebücher #5: Der Radius wird kleiner

Die Corona-Tagebücher #6: Kunst & Quarantäne

Die Corona-Tagebücher #7: Hausmusik

Die Corona-Tagebücher #8: In die Leere

Die Corona-Tagebücher #9: Virologen-Merchandise

Die Corona-Tagebücher #10: Was heißt hier sofort?

Die Corona-Tagebücher #11: Unfrisur

Die Corona-Tagebücher #12: Was heißt hier sofort? (2)

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