Die Corona-Tagebücher #18: Jenseits der Grenze

Der Comiczeichner Tobi Dahmen ist vor zwölf Jahren von Düsseldorf ins niederländische Utrecht gezogen. Dort lebt er heute mit Frau und Tochter. Gemeinsam hat die Familie vor einem halben Jahr den ersten Corona-Lockdown erlebt. Mitte Oktober wurde das Land nun erneut runtergefahren. Seitdem sind Kneipen und Restaurants dicht. Alkoholverkauf ist ab 20 Uhr verboten. Dazu die dringende Empfehlung, öffentlichen Nahverkehr nur im Notfall zu nutzen. theycallitkleinparis hat mit Dahmen über die Situation in den Niederlanden gesprochen.

Tobi, seit dem 15. Oktober greifen bei euch in den Niederlanden drastische Einschränkungen. Wie hast du die Wochen davor erlebt?
Es ist ja wieder ein sogenannter Teil-Lockdown, das heißt Home Office, Kneipen und Restaurants dicht, und die Kontakte sollen möglichst eingeschränkt werden. Die Schulen sind aber nach wie vor offen. Dies sind nicht die ersten Maßnahmen. Zwei Wochen vorher sollten die Kneipen früher schließen, nachts durfte kein Alkohol verkauft werden. Das hat allerdings alles nichts gebracht. Eigentlich sieht man schon seit den Sommerferien die Zahlen steigen. Anfangs hat man sich keine Sorgen gemacht, weil sich vor allem junge Leute infizierten, und die Krankenhäuser zunächst noch leer blieben. Nach der ersten Welle wurde ein Dashboard eingerichtet, das sehr übersichtlich die Situation wiedergegeben hat und in dem auch Schwellenwerte angegeben wurden. Als diese überschritten wurden, hat man allerdings leider zu spät und nicht rigoros genug reagiert. Gleichzeitig hatte man die Testsituation nicht unter Kontrolle. Es dauerte mehrere Tage, bis man einen Termin bekam, und dann nochmal mehrere bis zum Testergebnis. Das hat viele Leute davon abgehalten, sich testen zu lassen. Offenbar sind sie aber auch nicht zuhause geblieben. Gleichzeitig hat man die Kontaktverfolgung beinahe aufgegeben. Man muss bei positivem Test oft selbst seine Kontakte und die Örtlichkeiten, an den man sich aufgehalten hat, informieren.

Wie ist die Situation aktuell? Wie schnell steigen die Zahlen der Infizierten? Wie hoch ist der Inzidenz-Werk? Wie voll sind die Krankenhäuser? In den Niederlanden stehen für insgesamt 17 Millionen Menschen ja nur 1.100 Intensivbetten zur Verfügung.
Seit wir den Teil-Lockdown haben, steigen die Zahlen immer noch, aber nicht mehr ganz so schnell. Mit den Inzidenzen wie in Deutschland rechnet man hier nicht, schade eigentlich, wenn man einen ähnlichen Wert eingestellt hätte, hätte man vielleicht früher reagiert. Die Werte von heute (23.10.2020, Die Red.) sind wie folgt: 9.996 Neuinfektionen, 112 Krankenhauseinweisungen, 45 Tote. Das ist schon ziemlich viel, wenn man bedenkt, dass Deutschland fünf Mal so viele Einwohner hat wie die Niederlande. Natürlich ist das nur grob zu vergleichen, weil wir hier eine viel höhere Bevölkerungsdichte haben. Trotzdem zeigt es, dass Deutschland schneller reagiert. Ich schaue immer neidisch rüber, auch wenn bei euch die Zahlen langsam ebenfalls ein bedrohliches Ausmaß annehmen.
Das große Problem in den Niederlanden ist die Krankenhausversorgung. Es stimmt, wir haben nur 1.100 Intensivbetten. Im Frühjahr haben wir hier noch gerade so die Kurve gekriegt. Weil es zu wenig Testmöglichkeiten gab, waren das beinahe zwei Monate Blindflug. Das Infektionsgeschehen wurde nur anhand der Krankenhauszahlen beurteilt. Damals sind wir knapp daran vorbeigekommen, dass am Krankenbett nicht entschieden werden musste, wer behandelt wird und wer nicht mehr. Ich hoffe, dass es wieder gut gehen wird, aber ich mache mir Sorgen. Viele Pflegekräfte sind noch erschöpft von der ersten Welle, manche arbeitsunfähig. Man kann natürlich Beatmungsmaschinen einkaufen und Nothospitäler aufbauen, aber dann fehlen immer noch die Pflegekräfte. Momentan liegen 1.493 Menschen mit Covid 19 im Krankenhaus. Insgesamt gibt es knapp 40.000 Betten. Klingt erst mal nicht so wild, aber schon jetzt werden 20 Prozent der regulären Behandlungen ausgesetzt. Das können nach düsteren Berechnungen auch noch 75 Prozent Ende November werden, wenn die Infektionszahlen weiter steigen. Dann müssten auch dringende Eingriffe verschoben werden, weil es einfach keine Betten gibt. Auf den Intensivstationen liegen jetzt schon 472 Corona-Patienten.

Seit Mittwoch vergangener Woche ist das Land im „Teil-Lockdown“ (Ministerpräsident Mark Rutte). Kneipen, Cafés und Restaurants bleiben für einen Monat geschlossen. Der Verkauf von Alkohol ist ab 20 Uhr verboten. Die Niederländer sind aufgerufen, Busse und Bahnen nur in dringenden Fällen zu benutzen. Eine breite Maskenpflicht wie in vielen anderen Ländern gibt es aber immer noch nicht.
Die Maskenpflicht ist echt ein Ding hier. Ewig hat sich die Regierung damit zurückgehalten und der Vorsitzende unseres Robert-Koch-Instituts, des RIVM, Jaap van Dissel blieb und bleibt standhaft bei seiner Meinung, dass Masken nur eine Scheinsicherheit bieten würden. Dabei hat sogar der amerikanische Wissenschaftler Fauci in einem hiesigen Nachrichtenprogramm van Dissel darauf hingewiesen, er solle sich doch mal die internationalen Studien anschauen. Mittlerweile gibt es die „dringend advies“, also den dringenden Rat, in allen öffentlich zugänglichen Gebäuden eine Maske zu tragen. Eine echte Maskenpflicht gibt es bisher lediglich im öffentlichen Nahverkehr. Ladenpersonal darf aber beispielsweise jemanden den Zutritt verweigern, wenn er/sie die Maske nicht trägt, das fällt dann aber unter das Hausrecht. Für die breite Maskenpflicht muss das Gesetz geändert werden. Das wird aber sicher noch ein Weilchen dauern.
Fakt ist: Das ganze Hin und Her war der Sache natürlich nicht zuträglich. Holland und besonders die Regierung ist halt sehr stolz auf ihre Liberalität und hat sehr lange auf die Eigenverantwortung der Bürger gesetzt. Und ist damit krachend gescheitert. Die Holländer wollen sich nicht gerne sagen lassen, was sie tun sollen, handeln aber auch erst, wenn ihnen gesagt wird, was zu tun ist. Das klingt schlimm, aber so ist es hier leider gelaufen.

Am Mittwochabend vergangener Woche hatten die Niederländer also zum vorerst letzten Mal Gelegenheit auszugehen. Wurde davon Gebrauch gemacht?
Ja, leider. Auch wieder recht kurzsichtig. Da wird gesagt, Leute, wir müssen die Kneipen dichtmachen, weil die Infektionszahlen zu hoch sind, ihr solltet vorläufig nicht mehr so viel ausgehen. Was passiert: Okay, dann lassen wir heute nochmal die Sau raus! Die Bilder von dem Partyzelt in Den Haag, in dem es kurz vor Schluss hoch her ging, haben ja auch international die Runde gemacht. Wobei ich sagen muss, dass ich sehr mit den Wirten mitfühle. Für die ist das einfach eine ganz beschissene Situation. Ich kenne auch viele, bei denen alles prima eingerichtet war, die sehr darauf geachtet haben, dass alle an ihrem Platz bleiben und die jetzt trotzdem schließen müssen. Die tragen die Folgen von illegalen Partys und jenen Wirten, die nach zwölf die Rolladen runter gelassen haben und schön weiter Umsatz gemacht haben.

Und du selbst, wie hältst du es derzeit mit dem Ausgehen?
Die Partys und Nighter, die ich so liebe, finden ja seit März schon nicht mehr statt. Ich war bei einzelnen Open-Air-Veranstaltungen, und wir haben eine Tour durch unseren Tivoli-Konzertkomplex gemacht, wo verschiedene Künstler jeweils eine Viertelstunde aufgetreten sind, danach ging es in einer kleinen Gruppe in den nächsten Saal. Schön, supersafe, aber auch ein bisschen traurig. Generell fehlen mir die Events, auf denen ich mich meist bewege, Mod- und Soulnighter und Comicfestivals, sehr. Dazu kommt, dass ich, obwohl ich über zehn Jahre hier lebe, nur sehr wenige Freunde in den Niederlanden habe. Dafür muss ich meist noch nach Deutschland. Im Frühjahr ging das nicht, wegen der Quarantäne-Regelung. Auch meine Mutter habe ich mehrere Monate nicht gesehen. Und jetzt gilt das wieder, das wird eine lange Durststrecke.

Wie sind die Reaktionen auf die nun greifenden strikten Regeln? Was erlebst du da in deinem Freundes- und Bekanntenkreis?
Im Allgemeinen sehen die Leute hier das ähnlich wie ich, glaube ich. Auch die wundern sich, dass die Niederlande so wenig aus dem Frühjahr gelernt haben. Und hätten wahrscheinlich auch lieber früher härtere Maßnahmen gesehen. Aber die Holländer sind natürlich auch nüchterner als die Deutschen, entsprechend haben sie die Sache am Anfang noch auf die leichte Schulter genommen. Im Sommer waren dann vielleicht viele zu nachlässig. Kann man ja verstehen, nach dem ganzen Mist im Frühjahr hat man ja ein wenig Entspannung wirklich nötig gehabt.

Man liest immer wieder über den ausgeprägten Freiheitsdrang der Niederländer. Inwiefern spielt der in dieser Situation eine Rolle?
Das ist ein Thema für sich. Ich versuch’s mal in Kürze. Die Niederländer sind koppig, also dickköpfig. Sie lassen sich nicht gerne sagen, was sie tun oder lassen sollen. Im Frühjahr war der Zusammenhalt noch groß, die Situation ernst, jeden Abend gab es Vlogs von Pflegekräften im Fernsehen, die die Situation beschrieben, alle haben zusammengehalten. Im Sommer ist dieses Gefühl verloren gegangen, man hat sich zu viele Freiheiten herausgenommen, Reisen sollte wieder möglich sein, die Wirtschaft musste wieder laufen. Unser Ministerpräsident hat an die Eigenverantwortung der Bürger appelliert und gesagt, dass er nicht den Boss spielen will. Erschwerend hinzu kam, dass bei der Hochzeit unseres Innenministers die Regeln nicht befolgt wurden, von der Feier Fotos auftauchten. Seitdem gilt: Was die da oben dürfen, dürfen wir auch. Man hat es mit den Regeln nicht mehr so genau genommen. Rutte ist ja Liberaler durch und durch, seine VVD ist vergleichbar mit der deutschen FDP. Da sagt man den Leuten nicht, was man zu tun und zu lassen hat. Rutte hat aber kürzlich zugegeben, dass er härter auf die steigenden Zahlen hätte reagieren müssen, den Ernst der Lage auch in seinen Worten ausdrücken müssen und weniger auf Eigenverantwortung hätte setzen dürfen.

Wie siehst du persönlich den kommenden Wochen und Monaten entgegen?
Wie schon gesagt, wird mir der Kontakt mit meinen Freunden fehlen. Aber ich bin mir auch darüber bewusst, dass ich privilegiert bin. Wir haben eine schöne Wohnung, einen Park in der Nähe, einen Supermarkt auch, und ich bin hier mit den allerbesten Menschen „eingeschlossen“. Während des ersten Lockdowns im Frühjahr habe ich im Auftrag des Comicsalons Erlangen einen Comic dazu gezeichnet. Beschäftigen kann ich mich immer. Ich hab das ganze Jahr durchgearbeitet, habe also nichts dagegen, wenn es jetzt ein wenig ruhiger wird. Dann habe ich auch mehr Zeit für mein aktuelles Comicprojekt Columbusstraße. Das wird eine Familiengeschichte, die vor und während des zweiten Weltkriegs zu einem Großteil in meiner alten Heimat spielt. So bin ich wenigstens auf dem Papier ab und zu in Düsseldorf.
Aber ich mache mir Sorgen, wie lange die Schulen noch auf haben, und was für Folgen das alles für unsere Kinder hat. Wenn ich daran denke, wie abenteuerlich und frei mein Leben mit 19 beziehungsweise 21 war, dann tun sie mir wirklich sehr leid. Und dann kommen ja auch die Spätfolgen: Wie viel bleibt vom Nachtleben übrig, von der Kulturszene, wie sehen die beruflichen Perspektiven aus? Ich hoffe vor allem für die jungen Menschen, dass wir das alles möglichst bald hinter uns lassen können.
Vielleicht helfen die neuen Schnellteststraßen, die hier dieser Tage eröffnet werden. Vielleicht bekommt man dadurch eine bessere Sicht auf das Infektionsgeschehen. Und wenn diese dann noch breiter verfügbar sind, kann man vielleicht auch wieder mehr Bereiche öffnen.

Gibt es in den Niederlanden eigentlich auch eine Coronaleugner-Szene ähnlich der hier in Deutschland?
Ja, leider. Manchmal macht mir das mehr Sorgen als das Virus selbst. Die Leute, die sich in diesen Zeiten in Komplott-Theorien verlieren, und auf Quacksalber hören. Ich glaube, sie sind nicht so militant wie Hildmann und Konsorten, aber auch hier gibt es eine große Aggressivität der Szene. Gallionsfigur ist Willem Engel, ein ehemaliger Tanzlehrer aus Rotterdam, der sich gerne als Hippie gibt. Er sieht auch eine große Verschwörung hinter den Corona-Maßnahmen. Erst hieß seine Bewegung „Virus Waanzin“, inzwischen „Virus Waarheid“. Ihm geht es um „Liebe und Wahrheit“, wie er sagt, er will darum alle Corona-Maßnahmen abschaffen. Als vor einer Weile ein Altenheim schließen musste, weil es dort zu viele Infektionen gab, rief Engel zum Protest auf, es sei uns ja versprochen worden, dass so etwas nie wieder passieren würde. Weshalb er seine Jünger dazu aufrief, das Altenheim rund um die Uhr anzurufen und sich zu beschweren. Seine Leute postieren sich auch schon mal bei Teststraßen und fotografieren die Leute, die sich einen Test abholen.
Daneben gibt es aber auch leider Parteien, die sich den Unfrieden zunutze machen, Baudet vom Forum voor Demokratie, der das Virus verharmlost und versucht die Coronagegner abzufischen, und Wilders natürlich, der die Situation nutzt, um seine rassistische Agenda unters Volk zu bringen. Deren Hetze zeigt leider Wirkung. Generell herrscht hier eine größere Aggressionsbereitschaft in der Gesellschaft, ein Bild von Holland, das man von außen oft nicht so mitbekommt. Hier gibt es viel mehr Beleidigungs- und Gewaltdelikte gegen Angestellte im öffentlichen Dienst als anderswo. Corona hat das noch verstärkt. Busfahrer, die angegriffen werden, wenn sie auf eine fehlende Maske hinweisen, Pflegepersonal, das beschimpft wird, wenn man mal länger warten muss. Das sorgt natürlich für noch härtere Fronten und die Leute, die gerne Zwietracht säen, reiben sich die Hände. Laut einer großen Umfrage haben 15 Prozent der Holländer angegeben, dass sie sich nicht an die Vorgaben halten werden. Ein Großteil dieser Leute sind Wähler von Baudet und Wilders. Dass im allgemeinen die „lontjes“ immer „korter“ werden, die Zündschnur der Leute immer kürzer, sie schneller explodieren, macht mir ebenfalls Sorgen. Man kann die Sinnhaftigkeit der Maßnahmen ja durchaus diskutieren und muss, wo es geht, auch nachbessern. Aber nach all diesen Zahlen, nach den Berichten aus den Krankenhäusern muss doch eigentlich wirklich jedem klar sein, was auf dem Spiel steht. Was wir im Moment wirklich brauchen ist Respekt, Einträchtigkeit im Zeichen der Krise und Solidarität. Das gilt für die Niederlande, für Deutschland und für alle anderen Länder.

In dieser Reihe bereits erschienen:

Die Corona-Tagebücher #1: Solidarische Nachbarschaft Düsseldorf

Die Corona-Tagebücher #2: It’s oh so quiet

Die Corona-Tagebücher #3: Falsche Verknüpfungen

Die Corona-Tagebücher #4: Vom Geben und Nehmen

Die Corona-Tagebücher #5: Der Radius wird kleiner

Die Corona-Tagebücher #6: Kunst & Quarantäne

Die Corona-Tagebücher #7: Hausmusik

Die Corona-Tagebücher #8: In die Leere

Die Corona-Tagebücher #9: Virologen-Merchandise

Die Corona-Tagebücher #10: Was heißt hier sofort?

Die Corona-Tagebücher #11: Unfrisur

Die Corona-Tagebücher #12: Was heißt hier sofort? (2)

Die Corona-Tagebücher #13: Fußmatten-Genießertresen

Die Corona-Tagebücher #14: Unter erschwerten Bedingungen

Die Corona-Tagebücher #15: Hilft Humor?

Die Corona-Tagebücher #16: Yoga der Ungelenken

Die Corona-Tagebücher #17: Persönliche Einblicke

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