Auf die Frage, wann es losging mit der Krankheit, muss Akio Taoka nicht lange überlegen. Sie war immer schon da, schon in seiner Kindergarten-Zeit: „Wenn ich heute zurückschaue, hätte man mich damals wahrscheinlich schon therapieren müssen.“ Damals, das waren die frühen 1970er Jahre. Akio war gerade mit seinen Eltern von Tokio nach Deutschland gezogen. Neue Umgebung. Neue Menschen. Neue Sprache. Das kann einen Dreijährigen leicht überfordern. Er reagierte auf seine Art: Akio wollte kein Deutsch lernen, sprach von sich selbst in der dritten Person. „Ich wollte nicht sein.“ Letzteres gilt bis heute. Akio will nicht sein. Seit Jahrzehnten leidet er unter Depressionen. Seitdem begleiten ihn auch die Ruhegedanken. Das müsse man sich vorstellen wie eine starke Todessehnsucht, die immer da ist. Wie eine Art Grundrauschen.
„Es sind nur Gedanken“
Akio und ich sind befreundet. Wir sind zusammen zur Schule gegangen, kennen uns seit der fünften Klasse. Über seine Erkrankung sprechen wir offen. Manchmal machen wir sogar Witze über die Depression. Das tue ihm gut, sagt Akio. Vor einigen Monaten unternahmen wir gemeinsam mit einer Gruppe eine Fahrradtour durch Duisburg. Akio erschien in letzter Minute am Treffpunkt – aber er kam. Wir radelten am linken Duisburger Rheinufer entlang, irgendwann mussten wir den Fluss überqueren. Die neue Autobahnbrücke. Akio fuhr zu dem Zeitpunkt neben mir. Er wirkte heiter, beinahe unbeschwert. Die Zwangsgedanken ergriffen ihn dennoch, trotz des vermeintlich schönen Moments. „Während wir über die Brücke fuhren, habe ich unten nach Stellen Ausschau gehalten, an denen der Untergrund besonders hart ist.“ Kein Gras. Kein Gebüsch. Schon gar kein Wasser. Die Fläche mit den großen Steinen wäre hingegen perfekt. Wenn man da aufschlage, habe man keine Chance zu überleben. Wenn die Zwangsgedanken von ihm Besitz ergreifen, redet sich Akio selbst gut zu. Er zwingt sich, möglichst weit vom Brückengeländer entfernt zu fahren. Abgestiegen oder gar über das Geländer geklettert ist er noch nie. „Es sind halt nur Gedanken.“ Mal sind sie stärker, mal schwächer. Aber an bestimmten Orten sind sie immer da. In der 13. Etage seines Wohnhauses in Mörsenbroich. Auf der Autobahnbrücke in Hassels. In der Nähe seines Esstischs, auf dem das Yanagiba-Messer liegt.
„Depressive sind extrem gute Schauspieler“
Die 1980er Jahre am Rande von Düsseldorf. In der Umgebung, in der wir aufwuchsen, war ein japanischer Schüler damals noch ein Exot. Akio, so jedenfalls meine Erinnerung, schien sich in der Rolle des Paradiesvogels zu gefallen. Er war uns Mitschüler:innen technisch immer zwei Schritte voraus. Der neueste Walkman. Die neueste Kamera. Die neueste Spiele-Konsole. Später trug er gerne teure Anzüge, feierte exzessiv, warf das Geld mit vollen Händen zum Fenster raus. „Depressive sind extrem gute Schauspieler. Sie bauen eine Fassade auf, die mit ihrem Innenleben rein gar nichts zu tun hat.“ Bei ihm sei das auch lange so gewesen. Aber die Fassade aufrechtzuerhalten sei extrem anstrengend. Heute ist es ihm ein Anliegen, mit seiner Erkrankung offen umzugehen, ihrer Tabuisierung entgegenzuwirken. Insofern war es für ihn von Anfang an klar, dass in diesem Beitrag sein voller Name genannt wird und auf dem Foto sein Gesicht zu sehen ist.
„In dem Raum sieht es aus wie in meinem Kopf“
Unser Interview beginnt bei Akio zuhause. Er öffnet die Tür in einem knallbunten, kindlich anmutenden Fahrrad-Trikot. Auf grünem Untergrund tanzende Herzen, dazu ein weißes Häschen auf einem Fahrrad und der Satz „One World One Dream“. Das Textil spiegelt sein Innenleben: „Heute geht es mir ganz gut.“ So ehrlich könne er die Frage „Wie geht’s?“ nicht immer beantworten, fügt er gleich hinzu. „Sonst wäre ich ununterbrochen auf der Geschlossenen.“ Mit „der Geschlossenen“ meint er die geschlossene Station, in der Patient:innen, die akut suizidgefährdet sind, untergebracht werden. Akio lacht. Über sich. Über die Krankheit. Vielleicht ist das die beste Art, der grenzenlosen Traurigkeit zu begegnen. Lachend. „Setz’ dich“, sagt er und räumt einen Sessel frei, der mitten im Raum steht. Er selbst bleibt zunächst stehen. Seit vielen Jahren lebt er am Rande des Aaper Walds, in einer Eigentumswohnung, die er von seinen Eltern geerbt hat. Die Wohnung ist alles, was ihm geblieben ist. Die restliche Erbschaft ist einige Jahre nach dem Tod der Eltern aufgebraucht, weitere Rücklagen gibt es nicht. Seine beiden Schwestern drängen schon seit einiger Zeit darauf, dass er die Immobilie verkauft, um sie auszuzahlen. Geschafft hat Akio das bisher nicht. An vielen Tagen schafft er es nur mit Mühe, aufzustehen. Wie soll er da einen Wohnungsverkauf abwickeln?
Die Wohnung in Mörsenbroich bietet für eine Person viel Platz. 125 Quadratmeter. Das riesige Wohnzimmer wirkt loftartig oder besser: könnte loftartig wirken, wäre es nicht bis auf den letzten Quadratzentimeter voll gestellt: zahlreiche Fahrräder, Werkzeug, Kamera-Stative, farbenfrohe Hawaiihemden auf dem Boden, vor dem großen Fenster, das den Blick nach draußen freigibt, stehen mehrere Teleskope. Ein heilloses Durcheinander. „In dem Raum sieht es aus wie in meinem Kopf“, erklärt er. Auf dem großen Bildschirm hinter ihm trällert eine junge Japanerin im Schulmädchenlook belanglose Popmusik. Wenn Akio nicht gerade schläft, läuft der Fernseher beinahe ständig. Auf der Toilette fehlt der Deckel des Spülkastens. Seit ich mich erinnern kann, ist das so. Was für gesunde Menschen eine Kleinigkeit ist – einen Spülkastendeckel zu ersetzen – kostet Akio viel Kraft. Kraft, die er nicht hat. Um die Spülung zu betätigen, muss man also einen kleinen Hebel nach oben ziehen. „Du musst an dem Hebel ziehen“, sagt Akio immer, bevor ich seine Toilette benutze. „Weiß ich doch“, entgegne ich.
Auf dem Esstisch gegenüber der winzigen Küche stapeln sich Briefe, geöffnete und ungeöffnete. Absender: Jobcenter, Rentenanstalt, Bürgerbüro, aber auch Diakonie, LVR-Klinik, Psychiater. Einmal wöchentlich kommt für zwei Stunden ein BeWo-Berater, ein Betreutes-Wohnen-Berater, zu Akio nach Hause. Der Betreuer begleite ihn zu Ärzten oder zu Behörden, „aber vor allem hilft er mir mit dem Papierkram“. Der „Papierkram“ bereitet Akio die größten Probleme, vor Formularen verspürt er regelrechte Panik. Aus dem Poststapel auf seinem Esstisch ragt die circa 30 Zentimeter lange Klinge des Yanagiba-Messers hervor. Das Messer hat Akio vor vielen Jahren aus Japan mitgebracht, dort wird es benutzt, um rohen Fisch für Sushi und Sashimi zu schneiden. Seitdem sorgt er dafür, dass die Klinge stets so scharf wie möglich ist. Er hält ein DIN-A4-Blatt hoch, um es zu demonstrieren. Das Messer gleitet hindurch wie durch raumtemperierte Butter.
„Immer nur Strafe, Strafe, Strafe. Und Druck“
Nach dem Abitur, das er „mit minimalem Aufwand“ irgendwie geschafft hatte, Notendurchschnitt 3,3, begann Akio ein VWL-Studium in Köln. Nicht sein Wunsch, sondern der seiner Eltern: „Ich wollte nichts machen.“ Aber nichts machen war keine Option. Die Mitglieder der japanischen Community definieren sich stark über Leistung und Erfolg. Auch in seinem Elternhaus waren diese Themen schon früh ständig präsent. Wenn er schlechte Noten mit nach Hause brachte – und er brachte häufig schlechte Noten mit – zogen seine Eltern zum Vergleich die Kinder ihrer japanischen Bekannten heran: Die waren mindestens Klassen-, wenn nicht sogar Stufenbeste. Daran solle er sich mal ein Beispiel nehmen. Ihm habe der ständige Druck nicht gut getan, genauso wenig wie seiner jüngeren Schwester. Sie sei die Erste gewesen, die „das Weltbild der Eltern ins Wanken brachte“, indem sie vom Gymnasium auf die Realschule wechselte. Ähnlich enttäuscht waren die Eltern später, als der einzige Sohn nach fünf Semestern das Studium abbrach. Wenn es nach ihnen gegangen wäre, hätte er mit dem erfolgreich abgeschlossenen Studium in der Tasche Karriere in einem Großunternehmen gemacht und wäre somit in die Fußstapfen seines Vaters getreten: „Mein Vater war nie da, der war ständig auf Geschäftsreise. Jetset-mäßig, nur im Flieger.“ Auf den Flughäfen der Welt habe er sich ausgekannt, sonst nirgends. Das, was sie als Kinder gebraucht hätten – Wärme, Verständnis, Empathie – habe weder Vater noch Mutter geben können. Stattdessen gab es „immer nur Strafe, Strafe, Strafe. Und Druck“.
„Psychisch krank zu sein, bedeutete für mich balla balla zu sein“
Die erste depressive Episode, so mutmaßt Akio heute, habe er während seiner Studienzeit in Köln gehabt. Damals zog er sich – eine klassische Verhaltensweise bei der Erkrankung – komplett zurück. Was genau er in der Phase gemacht hat, wie seine Tage aussahen? Er kann sich nicht erinnern: „Ich habe viel verdrängt.“ Als die dunkle Zeit begann, habe er selbst nicht realisiert, was mit ihm los war. Seine damalige Freundin hatte ihm diesbezüglich etwas voraus, auch weil sie das Krankheitsbild Depression aus der eigenen Familie kannte. Sie riet ihm, sich Hilfe zu suchen, aber er lehnte entrüstet ab: „Psychisch krank zu sein, bedeutete für mich zu der Zeit noch balla balla zu sein.“ So blieb die Depression vorerst unbehandelt. Akio nahm keine Medikamente, absolvierte keine Therapie. Aber irgendwie schaffte er es dennoch, aus dem Tal herauszukommen. Er begann eine Ausbildung zum Fotograf und stürzte sich in die Arbeit.
„Keine halben Sachen“
Es gibt Menschen, die erleben einmal im Leben eine depressive Episode. Das sind die Glückspilze unter den Depressiven. Wen eine zweite Episode erwischt, der kann ziemlich sicher sein, dass es nicht die letzte bleiben wird. Akio gehörte nicht zu den Glückspilzen. Als die zweite Episode kam, war er Ende 20. Das Nicht-Sein-Wollen war jetzt ausgeprägter als zuvor, die Suizidgedanken wurden konkreter. Als seine Freundin im Urlaub war, nahmen seine Pläne Gestalt an. Das Werkzeug seiner Wahl: ein Messer. „Kehle durchschneiden von links nach rechts“, sagt er und lacht, als er mein mutmaßlich entsetztes Gesicht sieht. Warum gerade diese Methode? „Weil sie sehr sicher ist. Selbst wenn dich jemand findet, kann man dir im Zweifelsfall nicht mehr helfen.“ Er sei schließlich Perfektionist. Erneutes Lachen. „Keine halben Sachen.“ In dem Moment, da er den Satz ausspricht, muss er an einen Bekannten denken, den er während eines Klinikaufenthalts kennengelernt hat. Bei dem habe es nicht geklappt. Aus der vierten Etage sei er gesprungen und habe schwer verletzt überlebt: „Der ist heute nicht tot, sondern querschnittsgelähmt.“
Messer also. Akio reist im Kopf 25 Jahre zurück in seine damalige Wohnung. Die Messer lagen aufgereiht vor ihm auf dem Tisch. Alles war bereitet. Er musste nur noch zur Tat schreiten. Wie lange er an dem Tisch saß und auf die Messer starrte, kann er heute nicht mehr sagen. Mehrere Stunden? Einen Tag? Eine Selbsttötung passiert selten im Affekt. Sie wird in der Regel minutiös geplant. Und sie kostet selbst dann Überwindung, wenn der Leidensdruck so hoch ist wie im Fall von Akio. Bevor er sich überwinden konnte, handelten seine Freunde. Nachdem sie ihn tagelang nicht erreichen konnten und er auch auf anhaltendes Klingeln an der Haustür nicht reagierte, verständigten sie die Polizei. Die Beamten brachten Akio zunächst in die Notaufnahme eines Krankenhauses, später kam er dann in die Psychiatrie. Geschlossene Station, sagte man damals. Heute spricht man von der geschützten Station. „Ich war einfach nur fertig“, erinnert sich Akio. In der Klinik verabreichte man ihm Tavor, ein starkes Beruhigungsmittel, das es dem Gehirn ermöglicht, „Urlaub zu machen“, so beschreibt er es. „Man denkt einfach nicht mehr – und alles ist gut. Man fühlt sich wie in Watte gepackt.“ Das therapeutische Angebot in der Klinik sei zu dem Zeitpunkt noch relativ überschaubar gewesen. Die Patient:innen blieben häufig sich selbst überlassen. Die meisten von ihnen waren Depressive. Dennoch hatte Akio nicht das Gefühl, auf Gleichgesinnte zu treffen: „Die Symptome sind ja bei jeder Depression anders.“ Dank der Psychopharmaka, die er nun erstmals nahm, fühlte er sich bald besser. Nach sechs Wochen wurde er entlassen. Die Einzel-Therapie, zu der ihm geraten wurde, lehnte er ab. Und er sah auch keine Veranlassung, an seinem Leben etwas zu ändern: „Ich habe einfach wieder angefangen zu arbeiten und ansonsten weitergemacht wie vorher.“
„Nach dem Tod kann es nur besser werden“
Wir haben Akios Wohnung mittlerweile verlassen und sind mit den Fahrrädern von Mörsenbroich nach Hassels gefahren. Ich hatte Akio gebeten, mir ein paar jener Orte, an denen ihn die Zwangsgedanken überkommen, zu zeigen. Die Autobahnbrücke „Am Schönenkamp“ in Hassels ist so ein Ort. Es ist mittlerweile früher Abend, beste Feierabendverkehrszeit. Dementsprechend viel los ist sowohl auf der vierspurigen Straße oben als auch auf der darunter liegenden A46. Der Verkehrslärm ist so laut, dass wir uns nur schreiend unterhalten können, Abgasgeruch liegt in der Luft. Sind die Gedanken da, will ich wissen. Akio nickt. Später am Abend wird er mir erzählen, dass er, wenn er ernst machen würde, die rechte Fahr-Spur nehmen würde. „Die, auf der die fetten Lkw fahren.“ Wenn er die auf sich zurasen sehe, sei der Wunsch, seinem Leben ein Ende zu machen, besonders ausgeprägt. „Die meisten Leute wollen ja nicht sterben.“ Bei ihm sei das anders. „Wenn ich im Flugzeug sitze und der Flieger abstürzt, dann ist es halt so.“ Glaubt er denn, dass etwas kommt nach dem Tod? „Ist mir total egal. Es kann ja nur besser werden.“ Wir steigen auf die Räder und fahren zurück in die Innenstadt. Richtung Oberbilk. Später werde ich Akio fragen, wann er das letzte Mal einen guten Moment gehabt hat. „Als wir mit den Rädern unterwegs waren“ wird er sagen. Und „als ich mir für die Fotos das Yanagiba-Messer an die Kehle gehalten habe“.
Kurz darauf sitzen wir im „Schnitzelhaus“ am Oberbilker Markt. Jeder von uns hat einen großen Teller Pommes vor sich, mit Mayo und Ketchup. Um uns herum herrscht ein Kommen und Gehen. Verschleierte Frauen. Teenager in Flipflops. Junge Männer in Jogginghosen mit einem Feierabend-Bier in der Hand. Es wird das erste Mal sein, seit ich Akio kenne, dass mein Teller vor seinem leer ist. Weil er so detailliert von der Depression erzählt. Davon, wie die Krankheit sein Leben geprägt hat und weiterhin prägt. Ich kenne eine Reihe von Menschen, die unter Depressionen leiden. Manchmal habe ich den Eindruck, ich sei geradezu umzingelt von ihnen. Aber nur wenige sprechen so offen darüber wie Akio. Das handhabt er schon seit seinem ersten Klinikaufenthalt so. „Damals war das Thema ja noch ziemlich tabuisiert. Man erinnere sich nur an Hannelore Kohl, von der behauptet wurde, sie habe Sonnenallergie.“ Heute sei man da natürlich weiter. Es gebe zum Glück mehr Menschen, die sich offen zu der Erkrankung bekennen.
Akios jüngste Episode ist seit 2019 aktenkundig, begann aber nach seiner eigenen Einschätzung bereits 2015. Damals verlor er seinen Job in einem Foto-Studio. Der Auslöser für die Episode, glaubt er. Anfangs war er noch bemüht, eine Tagesstruktur aufrechtzuerhalten. Morgens aufstehen. Einkaufen. Post öffnen. Wohnung in Ordnung halten. Aber je dunkler es in ihm wurde, desto weniger gelang ihm das. Irgendwann ging nichts mehr. Der nächste Psychiatrie-Aufenthalt. Und mit ihm endlich die Krankheitseinsicht, Grundvoraussetzung dafür, sich in Therapiegesprächen öffnen zu können. „Meine Eltern haben in meiner Therapie eine zentrale Rolle gespielt“, sagt Akio heute. Aber auch die Art und Weise, wie die japanische Gesellschaft funktioniere, da ist er sich sicher, habe seine Erkrankung begünstigt – und tue das auch bei anderen.
„Irgendwie komme ich damit zurecht“
Im Schnitt hält eine depressive Episode zwischen sechs und acht Monaten an, manchmal auch bis zu einem Jahr. Bei Akio sind es mittlerweile sieben Jahre. Sieben Jahre, in denen er ununterbrochen Antidepressiva nimmt. Drei verschiedene Präparate am Tag. Morgens und abends. Die Dosierung ist so hoch, dass sie sogar die behandelnden Ärzte erschreckt. Wenn die Dosis reduziert werde, merke er das sofort. Bei ihm muss eine solche Reduzierung oder gar ein Medikamentenwechsel stationär erfolgen. „Solange ich die Medikamente nehme und solange sie wirken, kann ich relativ gut mit der Krankheit leben. Ich bin nicht euphorisch. Ich bin nicht glücklich. Leider nicht. Aber irgendwie komme ich damit zurecht.“ Akios Ärzte gehen davon aus, dass die Krankheit bei ihm mittlerweile chronisch ist. Dass er jemals wieder einer normalen Arbeit nachgehen kann, scheint eher unwahrscheinlich. Derzeit absolviert er eine Arbeitstherapie. Jeden Vormittag soll er auf dem Gelände der LVR-Klinik erscheinen, wo er – gemeinsam mit anderen Patient:innen – ein paar Stunden am Tag einfache Tätigkeiten verrichtet. Infomappen für Unternehmen zusammenstellen. Eisenwaren für Baumärkte verpacken. In der Theorie muss er jeden Morgen um 8 Uhr antreten. Wenn er 9:30 Uhr schafft und an vier von fünf Tagen zum Dienst erscheint, ist seine Verfassung ziemlich gut. Manchmal taucht er aber auch acht Wochen gar nicht auf.
Anfang September ist Akio 56 Jahre alt geworden. Auf Bürgergeld hat er derzeit keinen Anspruch. Um das beziehen zu können, müsste seine Eigentumswohnung fünf Quadratmeter kleiner sein. „Fünf Quadratmeter!“ Er stöhnt. Erwerbsminderungsrente hat er schon mehrfach beantragt – immer ohne Erfolg. Sogar die Kosten für seinen BeWo-Betreuer muss er derzeit selber zahlen. Am Verkauf der Eigentumswohnung führt, das ist ihm klar, kein Weg vorbei. Aber was kommt danach? Ein Freund hat ihm angeboten, dass er bei ihm einziehen könnte, in ein Reihenhaus am Niederrhein. Glücklich werden wird Akio dort nicht, genauso wenig wie anderswo. Bestenfalls wird er zurechtkommen. Zurechtkommen ist für ihn schon ziemlich viel.