Michael Harbaum arbeitet seit 23 Jahren für die Drogenhilfe Düsseldorf, derzeit als geschäftsführender Vorstand. Im Interview mit theycallitkleinparis berichtet er über die Düsseldorfer Drogenszene, den „Aufstieg“ von Crack, über das Zürcher Modell und erklärt, warum die Landeshauptstadt eine zweiten Drogenkonsumraum braucht.
Michael, wie erinnerst du deine ersten Begegnungen mit Schwestabhängigen?
Als ich zum ersten Mal in den Räumen der Drogenhilfe war, habe ich gedacht: Wo bist du denn hier gelandet? Ich habe das gar nicht verstanden. Ich hatte zwar meine Diplomarbeit über Suchthilfe geschrieben, war aber mit Schwerstabhängigen bis dahin nie in Berührung gekommen. Das, worüber ich geschrieben hatte, und das, was ich gesehen habe, waren zwei völlig verschiedene Dinge. Das Café mit Leuten, die sich Spritzen abholen, die total fertig waren. Ich fand das, auf die Gefahr hin, dass das merkwürdig klingt, irgendwie besonders. Im Laufe der folgenden Jahre habe ich mich dann mehr und mehr in die Thematik eingearbeitet und sehr viel gelernt. Dafür bin ich dem Laden unheimlich dankbar. Hier wird ja viel mit Supervision gearbeitet, du bekommst viel Rückmeldung zu deinem Tun und entwickelst dich auf die Art ständig weiter. Manches, was ich im Elternhaus nicht gelernt hatte, konnte ich hier nachlernen, Streiten zum Beispiel. Das konnte ich früher gar nicht. Kann ich mittlerweile besser.
Wie lange hat es gedauert, bis du das, was sich hier abspielt, als einigermaßen normal erachtet hast?
Das ging über Tätigkeiten, die eine gewissen Routine reinbringen, relativ schnell. Am Anfang war ich zum Beispiel viel im Café und habe da auch die Tagesstatistik geführt. Wie viele Spritzen werden ausgegeben? Wie viele Leute kommen ins Café? Ich kam mit den Besucher:innen ins Gespräch und merkte so, dass sich hinter den Schwerstkranken Menschen verbergen. Je länger man mit ihnen arbeitet, desto besser lernt man sie kennen – und kann ihnen dann auch besser helfen. Das hat viel mit Beziehungsarbeit zu tun.
In welchen Bereichen hast du im Laufe der Jahre bei der Drogenhilfe gearbeitet?
Ich kam als Praktikant, kurz nach meinem Studium der Sozialpädagogik. Dann war ich in der Beratungsstelle, in der Überlebenshilfe, im betreuten Wohnen, seit September 2016 bin ich geschäftsführender Vorstand. Mit den Nutzer:innen habe ich in dieser Funktion natürlich nicht mehr zu tun. Viele, die ich kannte, sind auch mittlerweile verstorben.
Seit wann gibt es die Drogenhilfe in Düsseldorf?
Seit 1971. Seit 1997 hat sie ihren Sitz auf der Erkrather Straße, unweit des Worringer Platzes. Bis 2004 waren wir eine städtische Einrichtung, seitdem sind wir eigenständig. Den Konsumraum betreiben wir seit 2006. Es ist derzeit noch der einzige in Düsseldorf. In der Einrichtung an der Eisenstraße, die im Laufe des Jahres eröffnen soll, ist aber ein zweiter geplant.
Wie groß ist das Team der Drogenhilfe?
Wir sind ungefähr 90 Leute. Die sind aber nicht alle hier an der Erkrather Straße. Wir haben noch einen zweiten Standort in Bilk. Da geht es um Suchtprävention und Suchtfragen. Wenn du zum Beispiel mit dem Gedanken spielen würdest, eine bestimmte Substanz zu konsumieren, könntest du dich mit den Kolleg:innen vor Ort darüber austauschen, warum du diesen Wunsch hast und eventuell auch darüber, wie du die Substanz konsumieren könntest, ohne dass ein Schaden entsteht, weder dir noch der Gesellschaft. Sollte dein Konsum dann irgendwann doch problematisch werden, sind wir zumindest schon mit dir in Kontakt. Der meiste Drogenkonsum findet ja nicht in der sogenannten Drogenszene statt, sondern in deinem und meinem Freundeskreis, also im privaten Rahmen. Dieser Freizeitkonsum ist, sofern er dein Leben nicht komplett beeinträchtigt, erst mal nicht problematisch. Im Idealfall sollte man übrigens bis zum Alter von 25 Jahren gar keine Drogen konsumieren, auch keinen Alkohol. Weil erst dann das Gehirn fertig ausgebildet ist. Passt natürlich nicht zur Adoleszenz und zum jugendlichen Verhalten.
Lass uns mal auf die Schwerstabhängigen zurückkommen, die ja eure Klientel an der Erkrather Straße sind. Euer Konsumraum hat 19 Plätze. Er hat an normalen Werktagen 12 Stunden geöffnet, an Feiertagen fünf. Wie viele Konsumvorgänge finden hier pro Tag statt?
Im vergangenen Jahr hatten wir über 100.000 Konsumvorgänge. Wenn du das auf den Tag runter rechnest, entspricht das im Schnitt 274 Vorgängen am Tag. Die meisten davon finden übrigens Ende des Monats statt, wenn die Sozialleistungen überwiesen werden. In diesen Phasen haben wir schon mal 400 Konsumvorgänge am Tag. Seit Einrichtung des Drogenkonsumraums ist hier noch nie jemand gestorben. Und natürlich fängt auch niemand an, Drogen zu konsumieren, nur weil es einen Drogenkonsumraum gibt. Das Konzept hat sich also bewährt.
Welche Drogen werden bei euch am häufigsten konsumiert?
Kokain hat Heroin im vergangenen Jahr als meistkonsumierte Droge abgelöst, wenn man inhalativen und intravenösen Konsum zusammen rechnet. Wobei Kokain inhalativ dann immer Crack bedeutet. Im Drogenkonsumraum hatten wir 2016 zum ersten mal mit Crack zu tun. Der Konsum stieg dann exponentiell an, das hatten wir so nicht erwartet. Insgesamt machen Kokain und Heroin 98 Prozent der Drogen aus, die hier konsumiert werden.
Ist die Entwicklung bezüglich Crack in anderen deutschen, in anderen europäischen Städten ähnlich?
Westeuropa hat damit auf jeden Fall viel zu tun. Es gibt aber selbst innerhalb von Deutschland regionale Unterschiede, auch Unterschiede von Stadt zu Stadt. In Ostdeutschland gibt es zum Beispiel mehr Probleme mit Crystal Meth. Crack ist da nicht so verbreitet.
Was sind die Gründe für den „Aufstieg“ von Crack?
Seit einigen Jahren ist viel hochwertiges Kokain verfügbar. Das hat zur Folge, dass der Preis sinkt, der Stoff ist günstig zu haben. Indem man Kokain mit Natron aufkocht, entstehen die sogenannten Steine, also Crack. Die Zunahme des Crack-Konsums hat aber meines Erachtens auch viel damit zu tun, dass Schwerstabhängige gesellschaftlich total isoliert sind, komplett perspektivlos und immer weiter aus der Gesellschaft heraus gedrängt werden. Dazu kommen die zahlreichen Krisen, mit denen wir derzeit weltweit zu tun haben. In dieser herausfordernden Situation gibt Crack den Menschen ein paar Minuten Ruhe. Die, die heute Crack konsumieren, sind übrigens fast alle langjährige Opioid-Abhängige. Das heißt, sie haben vorher Heroin konsumiert. Viele bekommen heute Polamidon oder Methadon zur Substitution. Durch die Einnahme dieser Stoffe können sie ein relativ normales Leben führen, sie haben keine Entzugserscheinungen, müssen kein Geld für Stoff besorgen. Die Substitute erzeugen im Gegensatz zu den Drogen allerdings auch keinen Rausch. Deshalb kommt es bei substituierten Abhängigen oft zu einer Suchtverlagerung. Insgesamt gibt es in der Szene wenig Menschen, die nur eine Substanz konsumieren. Bei den meisten sind es mehrere.
Wie wirkt Crack?
Crack hat den großen Nachteil, dass es extrem schnell wirkt und extrem stark. Die Wirkung tritt direkt im Moment des Einatmens ein. Man wird kurz einmal in den Himmel geschossen, ist aber nach zehn bis 20 Minuten schon wieder unten. Wieder unten zu sein, wäre für Menschen wie uns beide schon schwierig und ist für Schwerstabhängige natürlich noch viel schwieriger. Der Wunsch, sich direkt wieder in den Himmel zu schießen, ist dementsprechend ausgeprägt. Das ist das Tückische an Crack.
Über den Stoff wird ja kolportiert, er mache die Konsument:innen aggressiv. Ist dem so?
Generell gesprochen gibt es keine Substanz, die bei unterschiedlichen Menschen genau gleich wirkt. Wenn du eine Droge konsumieren würdest, würde sie anders wirken, als wenn ich sie konsumiere. Es gibt demzufolge auch keine Substanz, über die man pauschal sagen kann, dass sie aggressiv macht. Beim Alkohol wird ja gerne behauptet, Schnaps mache aggressiver als Bier. Das habe ich so auch noch nicht feststellen können. Wenn du Crack rauchst, wirst du erst mal lebendig, du gehst stärker nach außen. Wenn du aber drei Tage am Stück Crack rauchst, wirst du total auffällig. Was dich aggressiv machen kann, ist der Druck, der mit dem Konsum einhergeht. Du musst Geld beschaffen. Drogen beschaffen. Und einen Platz finden, an dem du sie konsumieren kannst. Das alles kann Stress bereiten.
Was kostet eine Pfeife?
Fünf bis acht Euro.
Und wie oft konsumieren die Menschen dann pro Tag?
Das kann man so pauschal auch nicht sagen. Es gibt Menschen, die mehrmals am Tag in den Konsumraum kommen. Andere nur einmal im Monat. Es gibt allerdings auch Abhängige, die so viel wie möglich konsumieren, sobald Geld da ist. Die zwei, drei Tage am Stück wach bleiben und dann irgendwann umfallen und 15 Stunden schlafen. In diesen Fällen sprechen wir von Binge-Konsum. Das ist aber nicht die Regel. Es ist auch erwiesen, dass alle Menschen, die Crack konsumieren, versuchen, das zu stoppen. Wir reden nicht über wilde Tiere, die nur dem Crack hinterher jagen. Die Zuschreibungen, die über Crack-Abhängige kursieren, sind teilweise entmenschlichend. Das gefällt mir nicht. Und es entspricht auch nicht den Tatsachen.
Über wie viele Schwerstabhängige reden wir in Düsseldorf?
Wir schätzen, dass es in Düsseldorf zwischen Dreieinhalb- und Viereinhalbtausend Schwerstabhängige gibt. Aber das sagt natürlich gar nichts über den Freizeitkonsum aus, auch nicht über den problematischen Freizeitkonsum. Es gibt viel versteckte Sucht, auch unter Menschen in Vorstandsetagen. Wir reden nicht darüber, weil Drogenkonsum in unserer Gesellschaft als Schwäche angesehen wird.
Wo halten sich die Abhängigen in Düsseldorf auf?
Da gibt es nicht den einen Platz, zumal sie ja auch immer wieder vertrieben werden. Die Szene hält sich rund um den Hauptbahnhof auf. Wenn du von der Drogenhilfe zum Bahnhof gehst, siehst du überall Menschen mit Crackpfeifen. Auch hinter dem Bahnhof, am Bertha-von-Suttner-Platz.
Wie hat sich der Drogenkonsum generell in den vergangenen Jahren entwickelt?
Schwer zu sagen, das ist ja nicht meldepflichtig. Angesichts der zahlreichen Krisen in der Welt kann ich mir gut vorstellen, dass es für Menschen attraktiver wird, nicht nüchtern zu sein. Damit meine ich aber weniger die Schwerstabhängigen und mehr den Freizeitkonsum. Bei dem könnte ich mir durchaus vorstellen, dass die Zahlen steigen. Bei uns im Drogenkonsumraum steigt die Zahl der Konsumvorgänge leicht an, die der Konsument:innen aber nicht. Die Drogentoten werden allerdings mehr. Das hat aber mit den elenden Verhältnissen zu tun, in denen der Konsum oft vonstatten geht.
Welche Angebote macht das Drogenhilfezentrum den Abhängigen?
Über den Drogenkonsumraum haben wir ja schon gesprochen. Dort können die Menschen illegalisierte Substanzen konsumieren. Darüber hinaus bieten wir Basisversorgung im Rahmen des Café Kola. Da gibt es die Utensilien, die die Abhängigen für den Konsum brauchen: Spritzen, Pfännchen, Gummis zum Stauen der Venen. Unsere Besucher:innen können dort aber auch etwas essen oder trinken. Außerdem haben wir im Haus eine Schlafstelle für Süchtige, die keine eigene Wohnung haben, das sind in Düsseldorf leider sehr viele. Wir haben zehn Zwei-Bett-Zimmer. Es gibt ein Angebot für betreutes Wohnen. Eins für Tagesstruktur, wo wir beispielsweise Instrumente zur Verfügung stellen, die die Süchtigen nutzen können. Dann haben wir die medizinische Abteilung mit einem Krankenpfleger. Und unser Projekt „Die Wegräumenden“, das sind Abhängige, die rund um den Bahnhof Müll aufsammeln. Streetwork ist natürlich auch Bestandteil unseres Angebots. Außerdem arbeiten bei uns im Haus eine Reihe von Sozialarbeiter:innen, die die Suchtkranken zu Ämtern und Behörden begleiten. Neben der Erkrather Straße gibt es noch zwei weitere Standorte: das Hilfezentrum Flurstraße, betrieben durch den SKFM und das Café Mobilé von flingern mobil. Dazu kommen das NUB auf der Markenstraße, dort sind 40 crackabhängige Menschen untergebracht, und unser Standort in Bilk, über den sprachen wir ja schon. Wenn Menschen aus der Sucht aussteigen wollen, sollten sie dorthin kommen.
An der Eisenstraße in Oberbilk soll im Laufe des Jahres eine weitere Anlaufstelle für Schwerstabhängige entstehen. Warum braucht es in der Stadt eine zusätzliche Einrichtung dieser Art?
Um den Abhängigen, die sich im Umfeld des Hauptbahnhofs aufhalten, neben dem Drogenhilfezentrum Erkrather Straße eine weitere Anlaufstelle zu bieten, die möglichst viele Hilfsangebote unter einem Dach vereint. An der Erkrather Straße sind wir ausgelastet, wir haben wenige Möglichkeiten, uns räumlich zu vergrößern. Bei der Zahl von Schwerstabhängigen, die wir in der Stadt geschätzt haben, brauchte es einfach einen zweiten Konsumraum. Wenn es gelingt, die Möglichkeit des Mikrohandels, also des Handels mit geringen Dosen, in der Einrichtung an der Eisenstraße möglich zu machen, würde zudem ein Teil des Handels aus dem öffentlichen Raum verschwinden. Das würde auch eine Entlastung für die Nachbarschaft in Oberbilk bedeuten.
Wenn man die Süchtigen aus dem öffentlichen Raum heraus plant, wird das Problem allerdings auch unsichtbar.
Das stimmt, das sehe ich auch durchaus kritisch. Suchtkranke gehören in den öffentlichen Raum, wie alle anderen Menschen auch. Die Gesellschaft muss mit ihnen umgehen. Sucht ist keine individuelle Schwäche. Suchtkranke sind vielmehr ein Produkt unserer Gesellschaft.
Die Einrichtung an der Eisenstraße soll nach dem Vorbild des sogenannten Zürcher Modells entstehen. Wie genau funktioniert das?
Das Modell gibt es bereits seit Ende der Neunziger Jahre. Zürich hatte damals eine riesige Drogenszene. Man hat dort vergleichsweise früh erkannt, dass man mit Repression nichts ausrichten kann – und andere Ansätze entwickelt. Wie in Deutschland gibt es neben der Repression noch die Säulen Prävention, Therapie und Schadensminderung, das sind die niedrigschwelligen Hilfen. Zürich legt diese besonders pragmatisch aus. Hierdurch wird zum Beispiel der Kleinsthandel in den Einrichtungen toleriert, das funktioniert, obwohl die Gesetzeslage in der Schweiz sehr ähnlich ist wie bei uns in Deutschland. Der öffentliche Raum ist dadurch in Zürich sehr entlastet worden. Das Modell hat sich alles in allem total bewährt. Dennoch gibt es auch in Zürich, sobald eine neue Einrichtung eröffnet wird, immer zahllose Beschwerden. Wenn man dann ein halbes Jahr nach der Eröffnung mit den gleichen Leuten wieder spricht, sind die Ängste meist verschwunden. Weil sie eine Verbesserung bemerken. Das ist genau das, was ich erwarte, wenn wir das Konzept auf der Eisenstraße gut umsetzen.
Ist das Modell jenseits von Zürich schon kopiert worden?
Nein. Man kann natürlich mit Zürcher Modell auch schlechte Kopien eines eigentlich guten Konzepts überschreiben. Die AfD hat zum Beispiel ihr Konzept für eine Einrichtung im Reisholzer Hafen auch mit dem Schlagwort Zürcher Modell überschrieben. Da fiel auch der Begriff Willkommenskultur, der eigentlich aus der Geflüchteten-Hilfe stammt. Zynischer geht es ja nicht. Man sollte sehr genau aufpassen, was wo wie verkauft wird. In Deutschland wurde das Zürcher Modell jedenfalls noch nicht umgesetzt, auch weil die konsumnahen Delikte wie der Handel mit Drogen hier strafbar sind – und die Polizei sie auch verfolgen muss. Bei uns im Drogenhilfezentrum gibt es deshalb einen klaren Regelkatalog. Wer gegen die Regeln verstößt, wird sanktioniert. Wenn ich A mache, weiß ich, dass B folgt. Das bringt Klarheit.
Du warst an der Entwicklung des Konzepts für die Eisenstraße beteiligt. Seit wann arbeitet ihr daran?
Die Idee gibt es schon viele Jahre. Wir hatten aber lange keinen Standort. Der ist jetzt mit der städtischen Immobilie auf der Eisenstraße gefunden. Der genaue Eröffnungstermin steht allerdings noch nicht fest, genauso wenig wie der Träger. Das könnten wir als Drogenhilfe sein, müssen wir aber nicht zwangsläufig. Fakt ist: Einen Drogenkonsumraum machst du nicht von heute auf morgen auf. Als wir 2006 an der Erkrather Straße angefangen haben, waren alle nervös. Wir als Drogenhilfe. Die Polizei. Die Politik. Und die Nutzer:innen auch. Wir waren vor und auch nach der Eröffnung regelmäßig im Austausch mit Polizei, Staatsanwaltschaft, Ordnungsamt, Gesundheitsamt und dem Kriminalpräventiven Rat, im Rahmen des sogenannten Treffens der Ordnungspartnerschaft. Diese Treffen finden zwei Mal im Jahr statt. Dazwischen gibt es natürlich bei Bedarf jederzeit Austausch. Der Betrieb hat sich eingespielt, es läuft alles gut, weil wir uns gegenseitig akzeptieren und wissen, wer welche Rolle innehat. Natürlich heißt das nicht, dass ich komplett unkritisch auf Polizei oder Ordnungsamt schaue. Und die umgekehrt auch nicht auf uns als Drogenhilfe. Aber das kann man ja miteinander besprechen.
Lass uns noch mal auf den Mikrohandel kommen. Wie könnte man den ermöglichen?
Ich bin zum Glück kein Jurist. Ich mache es mir mal leicht. Wenn wir davon ausgehen, dass die Mitarbeitenden der Einrichtung kein Problem mit der Justiz bekämen, wenn sie darüber hinweg sähen, wäre das Thema auch jetzt schon von unserer Schweigepflicht gedeckt. Wenn wir es so handhaben würden, müssten die Kolleg:innen allerdings ständig über etwas hinwegsehen, was eigentlich verboten ist. Das ist ihnen langfristig nicht zuzumuten. Wenn man es allerdings nicht so praktiziert, bleibt das Problem des unkontrollierbaren Handels im öffentlichen Raum, wie wir ihn auch rund um die Drogenhilfe auf der Erkrather Straße haben. Verbote haben da nichts gebracht. Der Handel findet weiterhin statt. Auch deshalb denke ich, man sollte in diesem Punkt eine pragmatische Lösung finden.
Im Stadtteil Oberbilk, wo die neue Einrichtung entstehen wird, gibt es, gerade unter Eltern, viele Ängste. Die neue Einrichtung liegt direkt auf der Rückseite des Lessing-Gymnasiums. In Unmittelbarer Nähe ist eine Grundschule, aber auch mehrere Kitas. Inwiefern kannst du die Ängste der Eltern und anderen Anwohner:innen nachvollziehen?
Die kann ich komplett nachvollziehen. Aber Sorgen sind ja nicht rational. Wenn ich mir wegen etwas Sorgen mache, hält das oft einer Überprüfung nicht Stand. Beispiel: Auf dem Spielplatz wird gedealt. Wenn wir also den Verkauf kleiner Mengen in der Einrichtung erlauben und gleichzeitig den Handel draußen verfolgen, wird er sich verlagern – und eben nicht mehr auf dem Spielplatz stattfinden. Auch rund um die Erkrather Straße gibt es wie schon erzählt viele Beschwerden, die in erster Linie den offenen Handel vor dem Haus betreffen. Dass die Abhängigen im Drogenhilfezentrum unter sauberen Bedingungen konsumieren können, sich nicht mit Hepatitis anstecken oder mit HIV, dass sie eine warme Mahlzeit bekommen und deshalb nicht klauen gehen müssen, das sieht erst mal niemand, wenn vor dem Haus 30 Leute stehen, die Drogen verkaufen. Aber das, was sich draußen abspielt, haben wir als Drogenhilfe nicht zu verantworten. Wir haben in Deutschland über Jahre eine Entwicklung verschlafen. Jetzt müssen wir nachliefern.
Was wünschst du dir von Anwohner:innen in Oberbilk?
Grundsätzlich erwarte ich auch von Menschen, die Vorbehalte haben, dass sie sich mit dem Konzept der Einrichtung auseinandersetzen – und das möglichst bevor sie sich eine Meinung bilden. Dieser Fall hat aber gezeigt, dass es einige Leute gibt, die sich gar nicht auseinander setzen wollen, die nur ihre eigene Position, ihre Interessen vertreten und ihrer Empörung auf Social Media freien Lauf lassen. Es ist übrigens wissenschaftlich erwiesen, dass Einrichtungen wie die auf der Eisenstraße geplante keine Sogwirkung haben. Es kommen keine zusätzlichen Abhängigen, meinetwegen aus anderen Städten, nach Oberbilk, nur weil dort eine solche Einrichtung existiert. Wegen eines Drogenkonsumraums fährt kein Mensch von Mönchengladbach nach Düsseldorf.
Michael Harbaum ist 51 Jahre alt. Er hat Sozialpädagogik studiert. Nach seinem Studium hat er ein Praktikum bei der Drogenhilfe in Düsseldorf absolviert. Heute ist er geschäftsführender Vorstand. Harbaum lebt mit seiner Partnerin und deren Sohn in Düsseldorf-Oberbilk.