Seit Anfang März wohnt die Düsseldorfer Theaterregisseurin Marlin de Haan in einem Hochhaus in Mülheim an der Ruhr. Dort sammelt sie Material für ihre jüngste Produktion. „Ensemble“ feiert am 8. Mai im Ringlokschuppen Ruhr Premiere.
Pfütze im Aufzug
Wenn man mit dem Zug in den Mülheimer Hauptbahnhof einfährt, kann man de Haans Interimsheimat schon sehen. Gleich vier weiße Hochhäuser ragen in den strahlend blauen Mülheimer Himmel. Vorbei am McDonalds neben den Abgängen zur U-Bahn und der Merkur Spielothek geht es zum Hans-Böckler-Platz Nummer 7. Die alte Dame in der hellblauen Daunenjacke vor dem Hauseingang wundert sich wahrscheinlich über die Besucherin, die die Klingelschilder zählt, wünscht aber freundlich einen guten Abend. 124 Klingeln. 124 Namen. 124 Wohnungen. 20 Stockwerke. In der obersten Etage gibt es ein kleines Schwimmbad, eine Pfütze im Aufzug zeugt von einer Nutzung. Die junge Frau, die im Aufzug mit nach oben fährt, trägt rosa Kunststoff-Clogs mit Herzen und Hello Kitty-Motiv. Auf die Schuhe werde sie häufig angesprochen, sagt sie. Und lacht. Dann hält der Aufzug auf Etage 8. 16 Meter über Normal Null, so ist es auf der Plexiglastafel neben den Aufzügen vermerkt.
Alles ist Material
Die 20 Etagen in dem Hochhaus sind nach europäischen Hauptstädten benannt. Marlin de Haan bewohnt auf der Etage Lissabon eine Zwei-Zimmer-Wohnung. 58 Quadratmeter. Die 633 Euro Warmmiete zahlt der Ringlokschuppen Ruhr. In der Diele lehnen handgemalte Pappschilder mit Slogans wie „Nur mit dir“ oder „Gemeinsam gegen das anonyme Miteinander“. Hinter der Tür ist die faltbare Matratze verstaut, auf der de Haan übernachtet. Der Klapptisch mit ihrem Laptop steht direkt vor der großen Fensterfront, die einen beeindruckenden Blick über das abendliche Ruhrgebiet gewährt. Eine Taube balanciert auf dem Balkongeländer in das Panorama. Auch sie könnte Teil von de Haans Theaterabend werden, der während ihres zweimonatigen Gastspiels in der Ruhrgebietsstadt entsteht. „Ich habe angefangen, Tauben-Videos zu drehen“, erzählt die Düsseldorferin. Alles ist Material. Alles, was sie hier erlebt, jeder, den sie hier kennenlernt, könnte Teil von „Ensemble“ werden. Für ihre jüngste Bühnenarbeit geht Marlin de Haan der Frage nach, welche Möglichkeiten für neue Allianzen und Bündnisse sich in der Nachbarschaft und der Gastfreundschaft finden lassen. Wie erlebt sie das Miteinander in dem Hochhaus am Hans-Böckler-Platz? Die Regisseurin überlegt kurz. „Was ich hier im Haus besonders finde, ist, dass es einen gut etablierten Ort für Kommunikation gibt. Das ist der Aufzug.“ Im Aufzug treffen die Menschen aufeinander: offen, gesprächsbereit, mit Lust auf Austausch, so hat sie es erlebt. Die Frau mit den Hello Kitty-Clogs passt da gut ins Bild.

Offener Prozess
Um mit den Menschen in Mülheim in Kontakt zu kommen, hat Marlin de Haan in den vergangenen Wochen einen Jugendtreff besucht, Stadtteilgruppen, sie hat Flyer im Hochhaus verteilt und war in einem Katzenkostüm in der Mülheimer Fußgängerzone unterwegs. Gerade kommt sie von einem dreieinhalbstündigen Walk mit einer Spaziergruppe. An der Schleuseninsel seien sie gewesen, den letzten Parkplatz mit Parkwächter in Mülheim hat sie gezeigt bekommen, zwischendurch gab es ein Spaghetti-Eis im Eiscafé an der Ruhr. Ob jemand von den Spaziergängern an ihrem Projekt mitwirken wird? Unklar, wie so vieles. Die Arbeit an „Ensemble“ ist ein offener Prozess. Knapp drei Wochen vor der Premiere steht ein grobes Gerüst für den Theaterabend im Ringlokschuppen Ruhr. „Es wird eine Band geben. Und eine Bar. Es werden Videos gezeigt, die während meiner Zeit in Mülheim entstanden sind. Und ein Performer wird durch den Abend führen“, erklärt de Haan. Die Bühne beschreibt die Regisseurin als „eine Art Landschaft“, in der sich Publikum und Darsteller mischen, in Kontakt treten, ähnlich wie bei einer Party. Alle sind Teil des Spiels. Alle können sich einbringen. Oder auch nicht. Ein solches Konzept zu vermitteln, gerade Menschen, die einen eher klassischen Theaterbegriff haben oder gar keinen, sei durchaus herausfordernd. „Beziehungsarbeit“ nennt es de Haan. Das brauche Zeit.
Das Beste draus machen
Ob die Zeit reicht und die Beziehungsarbeit letztendlich Früchte tragen wird, weiß Marlin de Haan zum Zeitpunkt unseres Gesprächs im Hochhaus am Hans-Böckler-Platz Nummer 7 noch nicht. Und möglicherweise wird es am Abend vor der Premiere kaum anders aussehen. Ihr bereitet das keine schlaflosen Nächte auf der Klappmatratze. „Es kann sein, dass niemand kommt. Auch die nicht, die versprochen haben, mitzuwirken“, erklärt die Regisseurin ungerührt. Das sei wie bei einer Party. Als Gastgeber könne man den Rahmen schaffen. Getränke besorgen. Musik vorbereiten. Aber die Party mit Leben füllen müssen eben letztendlich alle zusammen. Bei „Ensemble“ ist das ganz ähnlich. „So oder so werden wir das Beste draus machen“, ist de Haan überzeugt. Und wenn das Ganze scheitert – auch nicht schlimm. „Den Moment des Scheiterns kann man schließlich auch teilen.“
8. und 9.5., 20 Uhr, Ringlokschuppen Ruhr, Mülheim, Tickets unter www.ringlokschuppen.ruhr