Abdo Ahmed. Born to be Friseur

An einem kühlen regnerischen Samstagnachmittag gegen 15 Uhr endet für Abdulrahman Ahmed genannt Abdo der Dienst am Haupthaar. Hinter ihm liegen 35 Wochenstunden, in denen er Haare gewaschen, Haare gekämmt, Haare gefärbt und Haare geschnitten hat. Lediglich das Föhnen mögen er und seine Kolleg:innen nicht. „Deshalb müssen die Kunden das bei uns selbst machen“, sagt Erika Ruhl, Betreiberin des Friseursalons „Heaven 7“. Seit 40 Jahren ist die Frau mit dem langen rotblonden Haar schon in der Branche, seit 2000 betreibt sie den kleinen rebellischen Salon an der Grafenberger Allee, in dem regelmäßig Ausstellungen stattfinden, aber auch Konzerte, Lesungen oder Theaterabende. Das „Heaven 7“ durchweht ein Geist der Freiheit. Die vier Menschen, die hier miteinander arbeiten, sind sehr unterschiedlich – und harmonieren doch als Team perfekt. Sie habe keine Angestellten, sagt Erika, „ich habe Mitarbeiter“. Ein großer Unterschied

Erschwerte Bedingungen
Kurz nach Drei. Abdo verabschiedet seine letzte Kundin, fegt noch ein paar Haarbüschel zusammen. Dann kann er endlich bei sich selbst Hand anlegen. Er zückt einen Rasierer und macht sich an seinem Bart zu schaffen. Ein Haar ist aus der Reihe getanzt und muss gestutzt werden. Dann ist er fertig. „Ist es okay, wenn ich mir noch kurz ein Brötchen hole?“, fragt der 31-Jährige und hat die Jacke schon übergezogen. Wenig später kommt er ohne Backware zurück. Die Bäckerei schräg gegenüber schließt zur gleichen Zeit wie der Friseursalon. Notgedrungen nimmt er also hungrig auf dem Ledersofa gegenüber der Eingangstür Platz. Erika setzt sich zu uns und erinnert sich an ihr Kennenlernen: „Als Abdo vorbeikam, um sich vorzustellen, war er gerade erst zweieinhalb Jahre im Land und sprach kaum Deutsch.“ Den entscheidenden Satz konnte der junge Syrer aber in der ihm damals noch fremden Sprache formulieren: „Ich möchte eine Ausbildung machen.“ Damals saßen Erika und er genau an der gleichen Stelle, an der wir jetzt das Gespräch führen – auf dem Ledersofa gegenüber der Eingangstür. Kurz nach dem Vorstellungsgespräch unter erschwerten sprachlichen Bedingungen unterschrieb Abdo einen Ausbildungsvertrag. Das erste Lehrjahr hat er als nicht leicht in Erinnerung. Er verstand die Kunden oft nicht. Und seine Kolleg:innen auch nicht. Um sich verständigen zu können, mussten sie Übersetzungsapps zur Hilfe nehmen. Während die Sprache ein Problem darstellte, hatte der junge Mann aus Syrien das Handwerk im Blut. Als sie zum ersten Mal sah, wie Abdo einem Freund die Haare schnitt, sei ihr die Kinnlade runter gefallen, erinnert sich Erika: „Das hat man ganz selten, dass ein Mensch einfach Friseur ist, vielleicht sogar als solcher geboren wurde. Bei Abdo war das so.“

Ruhiges Meer
Im Laufe der Zeit lernte Abdo besser Deutsch und konnte dem Team seine Geschichte erzählen. Von seinem Heimatort Jindires, der nahe der kurdisch geprägten Stadt Afrin liegt. Von seinen Eltern, die Oliven anbauten. Von seinem Bruder und seinen drei Schwestern. Und natürlich auch davon, wie der Krieg, der 2010 begann, ihr Leben komplett auf den Kopf stellte. Plötzlich konnte der damals 15-Jährige nur noch phasenweise zur Schule gehen. Mal ein paar Monate, dann wieder nicht. 2013 beschloss die Familie, ihr Land zu verlassen und in die Türkei zu gehen, in die Nähe von Izmir. „Wir dachten, wir bleiben vielleicht ein Jahr dort, bis sich die Lage in Syrien wieder beruhigt hat“, erzählt Abdo. Aber die Lage in Syrien beruhigte sich nicht. Im Gegenteil. In der Türkei nahm Abdo, damals gerade 18 Jahre alt, jeden Job an, den er bekommen konnte. Er schuftete in der Fabrik, verdingte sich als Anstreicher auf dem Bau. Bei der Arbeit lernte er andere junge Männer aus Syrien kennen. Viele von ihnen wollten nach Europa. Nach Holland. Dänemark. Oder Österreich. Als zwei Freunde von ihm den Entschluss fassten, nach Deutschland zu flüchten, schloss sich Abdo ihnen kurzerhand an. Bevor er die Türkei verließ, fuhr er aber noch eine Woche nach Istanbul, die Stadt wollte er sich unbedingt anschauen. Dann brachen die drei jungen Männer auf nach Izmir. In dem türkischen Küstenort bieten zahlreiche Schleuser ihre Dienste an, von dort aus starten die Boote gen Griechenland. Hatte er Angst? „Nein, eigentlich nicht. Damals war ich jung, ich habe nicht viel nachgedacht.“ Die Überfahrt nach Griechenland begann in den frühen Morgenstunden, im Schutz der Dunkelheit. Zum Glück war das Meer sehr ruhig. Das kleine Boot war so überladen, wie man es oft in den Nachrichten hört. 40 Personen, aber eigentlich nur 20 Plätze. Auch Kinder waren an Bord. Rund 4.000 Dollar zahlte Abdo an die Schleuserbande, das Geld hatte er während seiner Zeit in der Türkei verdient. „2015 war es noch viel einfacher, nach Europa zu kommen. Von Griechenland bis nach Deutschland waren die Grenzen überall offen“, erinnert er sich. „Ganz anders als heute.“ Zwei Wochen dauerte seine Flucht. Dann war er endlich dort, wo er hinwollte: in Deutschland. Über Bremen und Bielefeld kam er nach Düsseldorf.

Heaven 7, Foto: Alexandra Wehrmann

Neues Leben
Über Deutschland habe er damals beinahe nichts gewusst, gibt er zu. Nur so viel: Arbeit sollte es in dem Land geben. „Wir dachten, wenn wir hier ankommen, können wir sofort anfangen zu arbeiten. Das stimmte natürlich so nicht. Wir mussten ja erst mal die Sprache lernen. Und eine Ausbildung machen.“ Er selbst konnte damals weder Englisch noch Deutsch. Nur Kurdisch, seine Muttersprache. Die erste Zeit verbrachte Abdo zusammen mit einigen anderen hundert Geflüchteten in einer Sporthalle auf dem Gelände der Universität. Seine Aufenthaltsgenehmigung galt zunächst für drei Jahre. Auch das hat sich mittlerweile verändert, erklärt er: „Heute bekommt man sie nur noch für ein Jahr.“ Nach drei Monaten in der Sporthalle zog er in eine damals gerade neu entstandene Geflüchteten-Unterkunft in Benrath. In dem Zwei-Bett-Zimmer im Container blieb er fast fünf Jahre. Während dieser Zeit absolvierte er einen Sprachkurs, ein Bewerbungstraining. Und er fand seine Berufung: In der Unterkunft begann er, den anderen Bewohner:innen die Haare zu schneiden. Frauen. Männern. Kindern. „Fast jeden Tag habe ich Haare geschnitten.“ Irgendwann war ihm klar, dass er eine Ausbildung zum Friseur machen wollte. Eine seiner Bewerbungen landete im „Heaven 7“, bei Erika Ruhl. „Für mich war das ein Auftrag“, sagt die heute. „Als er zum Vorstellungsgespräch hier war, war mir sofort klar, dass ich ihn nehmen würde.“ Ihr Herz habe gespürt: das passt. Und sie hat Recht behalten. Mittlerweile währt die Geschichte von Abdo Ahmed und Erika Ruhl neun Jahre. „Erika ist für mich viel mehr als eine Chefin“, sagt der Mann aus Syrien. „Ich habe sehr viel von ihr gelernt.“ Umgekehrt sei das nicht anders, beteuert Erika und wendet sich direkt an ihren Mitarbeiter: „Du hast uns ja auch eingeladen, dein Land kennenzulernen. Du hast Fisch für uns zubereitet, bist extra nach Wuppertal gefahren, weil es dort das beste Baklava gibt, und hast Gurkensamen aus Syrien mitgebracht.“ Die syrischen Gurken wachsen nun im Hof hinter dem Friseursalon. Und Abdo hat sein Herz für deutschen Kartoffelsalat entdeckt. „In Syrien isst man ja auch Kartoffeln.“

Alleine essen
Während seiner Anfangszeit in Deutschland fiel es Abdo schwer, alleine zu essen. Essen war etwas, was er nur in Gemeinschaft kannte. Zusammen mit seinen Eltern und seinen Geschwistern. Damals stellte er oft sein Handy auf, um während des Essens via Facetime mit seiner Mutter zu sprechen. Ein Stück Normalität, Geborgenheit in der Fremde. Bei einem dieser Telefonate trat Erika dazu und versprach der Mutter, dass sie auf ihren Sohn achtgeben werde. Abdo übersetzte. „Ich fühle mich verantwortlich für einen Menschen, der seine Heimat verlassen, der übers Meer fliehen musste, in ein fremdes Land“, so Erika.
Während zwei von Abdos Geschwistern ihm mittlerweile nach Deutschland gefolgt sind, leben seine Eltern nach wie vor in der Türkei. Dort arbeiten sie als Erntehelfer in den Gewächshäusern. Wenn der Sohn in seiner neuen Heimat in den Supermarkt geht, ist als Herkunftsort des Gemüses, das dort angeboten wird, oft jener Ort nahe Izmir vermerkt, in dem seine Eltern leben. Im vergangenen Herbst hat Abdo sie in der Türkei besucht. Die Einreise sei problemlos verlaufen, erzählt er, weil er mittlerweile einen deutschen Pass habe. Zwei Fehler seien ihm beim Einbürgerungstest unterlaufen. Beide betrafen die Namen von deutschen Parteien. Er lacht.

Offene Arme
Schlechte Erfahrungen hat Abdo in Deutschland nicht gemacht, sagt er, und muss das doch im nächsten Satz leicht einschränken. In Halle an der Saale, wo er mal einen Freund besuchte, sei das Klima schon anders gewesen als in Düsseldorf. Dort würde er nicht leben wollen. In der Landeshauptstadt fühlt er sich hingegen sehr wohl. Seit einigen Jahren wohnt er in einer kleinen Wohnung unweit seines Arbeitsplatzes in Flingern. Die Menschen, die den Salon besuchen, schätzen ihn: „Unsere Kunden haben Abdo von Anfang an genauso geliebt wir wir, die wir mit ihm arbeiten“, erzählt Erika. „Die haben ihn mit offenen Armen empfangen.“ Kein Wunder, der schlanke Mann mit dem schwarzem lockigen Haar und dem gepflegten Vollbart kann auffällig gut mit Menschen umgehen. Sehr vorsichtig macht er das. Höflich. Einfühlsam und geduldig. Gerade die Geduld sei eine gute Voraussetzung für den Job, meint er selbst, vor allem dann, wenn er Kindern die Haare schneide. Bei den Kleinen ist er noch vorsichtiger als sonst und benutzt auch einen anderen Kamm: „Sie sollen ja keine Angst haben.“

Einfach weitermachen
Abdulrahman Ahmed ist seinen Weg, der kein leichter war, gegangen. Seit 2015 haben sich die Dinge für ihn kontinuierlich verbessert. Vermisst er Syrien? Er differenziert. Das Land, in dem er groß geworden ist, vermisse er natürlich, ja. Das Syrien von heute hingegen nicht. Die Lage dort, da ist er sich sicher, werde sich auch in naher Zukunft nicht verbessern: „Nach Syrien zurückzukehren ist für mich keine Option.“ Zumal er dort wieder bei Null anfangen müsste. Das Haus, in dem er einst mit seiner Familie lebte, wurde längst vom IS in Beschlag genommen. Seine frühere Schule, 2018 ausgebombt, liegt in Schutt und Asche. In Düsseldorf, im „Heaven 7“ hat Ahmed hingegen eine klare Perspektive. Erika Ruhl möchte sich in den kommenden Jahren mehr und mehr aus dem Geschäft zurückziehen – und ihm den Salon übergeben. Abdo gefällt die Idee. Er möchte „einfach weitermachen“. Sein nächstes Ziel ist die Meisterprüfung. Hat er zwischendurch eigentlich mal gedacht, dass er es nicht schaffen würde? Er schüttelt entschieden den Kopf. „Nein, nie.“

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