Im Dazwischen. Vom Ankommen

Die Schokolade, ja, die Schokolade hat das Ganze ein wenig leichter gemacht. Sie war in der Schweiz hergestellt und lag – zusammen mit Handwaschpaste und einer Wurzelbürste – vor meiner Tür, als ich gerade die Schlüssel für meine neue Wohnung bekommen hatte. „Herzlich Willkommen in der 24“ hatte K darauf geschrieben. K wohnt in Hausnummer 24 über mir. Im Gegensatz zu ihrem Gatten O ist sie eine eher leise Person. Beide, K und O, sind das, was man gute Menschen nennt. In den ersten Tagen, als ich die neue Wohnung anstrich, stellten sie mir häufiger Essen vor die Tür. Nudeln mit Linsen. Oder Graupeneintopf. Später, als ich die beiden im Treppenhaus traf, erzählten sie, dass sie zum Holocaust-Gedenktag weiße Tulpen an der Synagoge niedergelegt hatten. In einer Zeit, in der viele Menschen zu Arschlöchern mutieren (oder immer schon welche waren), ist es sehr beruhigend, zu wissen, dass es Menschen wie K und O gibt.

Foto: Alexandra Wehrmann

Nachdem ich eine Woche mit dem Anstrich der neuen Wohnung verbracht hatte – die Schlafzimmerwände waren hellgrau, eine Wand im Wohnzimmer blau -, beschloss ich, das erste Mal in Hausnummer 24 zu übernachten. Das erste Mal in einer neuen Wohnung zu schlafen, fühlt sich an wie ein Hotelbesuch. Keine Vier-Sterne-Unterkunft. Eher eins der Kategorie „Motel One“, wo zum Frühstück in Plastik eingeschweißtes Brot serviert wird und man die Zimmernachbarn beim Geschlechtsverkehr hören kann. Alles ist fremd. Das Licht. Die Geräuschkulisse. Die Menschen, die einen umgeben. Und natürlich die Räume selbst. Als ich das erste Mal in Hausnummer 24 nächtigte, stand dort nur ein einziges Möbelstück, das mir gehörte: mein Bett. Alles andere, was schon da war – die Einbauküche, das Schränkchen im Badezimmer, die Lampe im Flur – hatte ich von meiner Vormieterin übernommen. Die Sachen waren durchaus stilvoll, aber es waren eben nicht meine. Ich fühlte mich wie eine Besucherin, die die Wohnung einer entfernten Bekannten hütet. Am nächsten Tag würde ich meine Sachen zusammenpacken und zurückkehren in die 32. In die mir vertraute Umgebung. In der das Licht so warm war, die Geräusche bekannt. Ich würde nebenan bei I klingeln und ihr von meiner Nacht in einer fremden Wohnung erzählen.

Natürlich konnte ich nicht zurück am nächsten Morgen, als mich die Müllwerker gegen 6 Uhr unsanft weckten. Die Schlüssel für Hausnummer 32 hatte ich bereits meinem ehemaligen Vermieter zurückgegeben. Ich hatte kaum geschlafen. Weil ich die Züge, die ich früher nur von Ferne gehört hatte, nun deutlicher vernahm. Weil die neuen Vorhänge – auch von meiner Vormieterin – für meinen Geschmack zu wenig Licht durchließen. Und weil mir viele Dinge durch den Kopf gingen, die es noch zu erledigen galt. Wenn man umzieht, ist ja immer viel zu erledigen. Stromzähler ablesen, Sperrmüll rausstellen, alte Möbel verkaufen, Umzugskartons in den Keller bringen, Wohnsitz ummelden. So Kram. An dem ersten Morgen in Hausnummer 24 wollte ich mir erst mal einen Kaffee machen, das immerhin war schon möglich. Ich trat also in die Küche, deren Fenster den Blick zum gleichen Innenhof freigibt, in den ich auch aus meiner alten Küche schaute. Die neue Wohnung liegt direkt um die Ecke von der alten. Ich kenne den Kiez. Ich kenne die Leute hier, die Büdchen, Restaurants, Supermärkte, Plätze. Ich kenne quasi jeden Baum mit Namen. Mein Fahrrad parke ich nach wie vor an dem Platz mit dem kleinen Bäcker, dem Kinderspielplatz und den vielen Bäumen.

Foto: Alexandra Wehrmann

Auf der Straße, auf der ich jetzt lebe, gibt es auch Bäume. Aber sie tragen momentan kein Laub, weshalb mir die Menschen, die im gegenüberliegenden Seniorenpark (ja, so heißt er wirklich!) ihren Lebensabend verbringen, beim Arbeiten, beim Fernsehen oder beim Staubsaugen zuschauen können. Ich werde umgekehrt, wie neulich eine gute Freundin voraussagte, auf ständig wechselnde Senioren schauen. Vor einigen Tagen wurde bereits das erste Zimmer leergeräumt. Seltsames Gefühl. Und dann ist da noch dieser unbekannte Mann, mit dem ich jetzt jeden Morgen ein Blind Date habe. Wenn ich gegen halb sieben in meine Küche trete, steht der unbekannte Mann schon auf seinem Balkon und raucht. Er tut so, als würde er mich nicht bemerken, in meiner noch dunklen Küche, was mir sehr recht ist, weil ich gerade aus dem Bett komme. Weil mein Haar wirr ist, meine Augenfalten tief und ich Kleidung trage, in der ich nicht von Fremden gesehen werden möchte, sondern nur von Menschen, die mir sehr nah sind. Der Mann auf dem Balkon ist mir nur räumlich nah. Während ich da so stehe, noch schlaftrunken, in meiner dunklen Küche, sind wir keine zehn Meter voneinander entfernt. Hinter ihm an der Wand lehnt ein Wäscheständer mit bunten Klammern, schräg darüber hängt ein Vogelhäuschen. Das ist alles, was ich über ihn weiß. Dass er Raucher ist, ziemlich starker Raucher sogar, denn ich sehe ihn den Tag über häufig rauchend auf dem Balkon. Dass er seine Wäsche draußen trocknet. Und dass er offenbar Vogelfreund ist.

Vielleicht fangen wir irgendwann an, uns zu grüßen. Wenn es wärmer wird und das ewige Grau verschwunden ist. Wenn die Bäume vor Hausnummer 24 grünes Laub tragen und mir die Menschen von gegenüber nicht mehr beim Staubsaugen, beim Essen und beim Arbeiten zuschauen können. Selten habe ich mich so nach dem Frühling gesehnt wie in diesen ersten Tagen in Hausnummer 24. Erste leise Anzeichen habe ich dieser Tage bereits vernommen. Morgens, wenn das Licht den Tag langsam flutet, öffne ich das Badezimmerfenster und höre die Vögel zwitschern. Es sind dieselben Vögel. Es ist derselbe Innenhof. Und doch ist es ein anderes Leben.

1 Kommentar

Kommentieren

Es wird.
Aber es kann dauern
Und gute Nachbarn haben Dich auch schon gefunden.

PS: in unserer Wohnung sind wir quasi erst 3 Monate später wirklich eingezogen. Den Sommer haben wir komplett im Garten verbracht und sind dann erst im Herbst „richtig“ eingezogen.

Schreibe einen Kommentar

*