Boris Bartels im Interview – „Seele und Leichtigkeit sind verlorengegangen“

Boris Bartels ist Fußballfan durch und durch. In der Vergangenheit hat er bei Europa- oder Weltmeisterschaften kein einziges Spiel verpasst, ist häufig mit Freunden ins Ausrichterland gereist, um Begegnungen im Stadion zu erleben. Bei der EURO2020 ist alles anders. Da kann es passieren, dass Bartels während eines Deutschland-Spiels durch die menschenleeren Düsseldorfer Straßen spaziert und das Ergebnis lediglich anhand der Geräuschkulisse erahnen kann. theycallitkleinparis hat mit Bartels gesprochen.

Boris, seit wann interessierst du dich für Fußball?
Seit meine Eltern 1970 bei Freunden irgendwo auf einer Lichtung neben einem kleinen Wochenendhaus in der Lüneburger Heide einen tragbaren Schwarz-Weiß-Fernseher im Freien an die Autobatterie eines VW angeschlossen haben. Es lief das Jahrhundertspiel in Mexiko, wie ich später erfuhr. Ich war sechs und wurde von der Begeisterung mitgerissen, auch wenn man kaum was sehen konnte.

Du bist in der Vergangenheit in erster Linie als Fan von Fortuna Düsseldorf aufgefallen. Wie intensiv hast du Europa- und Weltmeisterschaften bisher verfolgt?
Ich habe jedes Spiel gesehen und dazu mit vielen Mitstreitern die ultimative Tipprunde mit bis zu 300 Teilnehmern aus allen Kontinenten veranstaltet. Jedes Spiel bekam einen eigenen Spielbericht, in dem es um alles Mögliche ging, nur nicht die 1:0-Berichterstattung. Da wir teilweise mit einigen Freunden im Ausrichterland waren, haben wir manche Szenen am nächsten Tag mit bescheidenen Mitteln für die Berichte nachgestellt. Da musste schon mal ein Poolkäscher den Ball halten und der zum Kopfball anfliegende Schwede lag auf einer Bank, die auf Bierkästen stand. War immer ein Riesenspaß.

Wo hast du die Spiele geschaut – eher konzentriert alleine, im Kreise von Freunden oder bei Public Viewing-Veranstaltungen?
Wenn wir vor Ort waren, im Stadion, oder wenn es keine Karte gab, in den umliegenden Bars. Gewohnt haben wir immer so zentral außerhalb großer Städte, dass die Anreise zu den Stadien optimal war. Wir nannten es „Die-Spinne-im-Netz-Taktik“. Portugal 2004 war diesbezüglich das schönste, was wir je erlebt haben. Die Stimmung, die Leute, die Spiele, die Städte. Fantastisch. Das Irrste war, dass wir ein altes Gehöft neben dem Goldmuseum mit den ältesten Funden der iberischen Halbinsel gemietet hatten. Die Betreiber des Museums zeigten uns stolz in einer Privatführung die Sammlung und dabei auch eine Vitrine mit ganz vielen Herzen, dem Zeichen der Region Minho. Sie fragten, ob wir es schon mal gesehen hatten… Einer von uns holte eine Eintrittskarte raus, auf der exakt dieses Herz als Zeichen der EM war. Die Betreiber platzen vor Glück: Die UEFA hatte sich hier die Vorlage dazu geholt…

Die aktuell laufende EURO 2020 muss nun ohne dich als Zuschauer stattfinden. Für eine solche Entscheidung gibt es ja unzählige plausible Gründe. Welche sind für dich persönlich in erster Linie ausschlaggebend gewesen?
Mit der nur noch im Vordergrund stehenden Profitorientierung ging schon seit Langem die Seele und damit die Leichtigkeit des Ganzen verloren. Natürlich ging es auch früher ums Geld, aber heute trieft dieser Gedanke aus allen Löchern. Da ist nicht mehr viel Platz für anderes. Und dafür wird alles über den Haufen geworfen, was man angeblich als Verband UEFA, bei der FIFA ist es ähnlich, unterstützt: #equalgeme, Menschenrechte und so weiter. Wenn Bilbao und Dublin völlig vernünftig keine Zuschauer garantieren können, geht es eben nach Budapest oder in die europäische Hauptstadt Baku, wo den jeweils Herrschenden alles egal ist, Hauptsache, sie können sich im Licht des Fußballs sonnen und die UEFA freut sich über noch mehr Taler in der Kasse. Wie pervers das alles ist, zeigt jetzt auch, dass England vor dem Diktat der UEFA eingeknickt ist und bei steigenden Inzidenzen für das Halbfinale und das Finale noch mehr Zuschauer zulässt. Andernfalls wäre wieder der neue Liebling der UEFA, Budapest, zum Zuge gekommen.

Vergangene Woche hat Deutschland mit einem 2:2 gegen Ungarn mit Mühe und Not die K.O.-Runde erreicht. Wie hast du den Abend verbracht?
Äußerst entspannt mit der besten Frau der Welt und ihrem kleinen Hund bei einem sehr einsamen Spaziergang durch die Straßen. Es war ganz lustig, zwischenzeitlich Menschen hinter Fenstern aufschreien zu hören. Das 2:2 haben wir allerdings erlebt: Wir liefen gerade unter der Kniebrücke durch, als uns aus den Kasematten die Jubelschreie über den Rhein um die Ohren flogen. Wir sind dann in aller Ruhe nach Abpfiff in unserer Lieblingskneipe angekommen.

Gibt es noch andere Menschen aus deinem Umfeld, die das Turnier ignorieren?
In meinem Umfeld gibt es einige, denen der ganze Zirkus mittlerweile egal ist. Auch die lassen dieses Turnier links liegen. Alles Leute, mit denen ich früher jedes Spiel gesehen oder besucht habe.

Wie erlebst du die Stimmung während der EURO 2020 generell in Düsseldorf, auch verglichen mit früheren Europa- und Weltmeisterschaften?
Da ich nicht unterwegs bin, kann ich es schwer beurteilen. Wirte erzählen mir aber, dass es kein Vergleich ist. Und bis heute habe ich erst zwei Außenspiegel in Deutschlandfarben und ein paar von diesen Fensterfähnchen gesehen. Kein Vergleich zu früher. Tut dem Stadtbild aber ganz gut.

Gab es während des bisherigen Turnierverlaufs Momente, in denen du den Finger schon auf der Fernbedienung hattest, also kurz davor warst, rückfällig zu werden?
Null Komma Null. Und das sei hier schon mal gesagt: Für die FIFA-Kirmesveranstaltung in diesem menschenverachtenden Wüstenstaat gilt: Minus 100 Komma Minus 100!

An der Anfield Road, kurz vor dem Champions League-Halbfinale Liverpool – Barcelona, Foto: Brigitta Prinz

Es läuft ja nicht nur bei der UEFA und der FIFA viel schief, sondern auch beim DFB. Wie geht es mit dir und Fortuna weiter?
Gute Frage. Zunächst: Die Fortuna ist ja nun Gott sei Dank nicht der DFB. Mein Herz schlägt weiterhin rot-weiß und ich hoffe, dass meine generelle Entfernung vom Fußball nicht auch noch da durchschlägt. Fortuna hat natürlich pandemiebedingt wie viele andere Vereine das Riesenproblem, dass Nähe abhandengekommen ist, die wieder geschaffen werden muss. Gilt für mich genauso. Ich bin aber überzeugt, das wird schon wieder. Nebenbei: Fortuna ist mittlerweile seit Jahren vorbildlich im sozialen Sektor unterwegs und nimmt ihre Verantwortung als Teil der Stadtgesellschaft sehr ernst. Man möge sich mal die CSR-Berichte durchlesen. Das freut mich sehr und bindet. Zum DFB: Dieser Verband hat verdammt viele bekannte Probleme, deren Aufzählung hier den Rahmen sprengen würde, die aber gelöst werden müssen. Es wäre fantastisch, wenn die TuSA-06-Vorsitzende Ute Groth, die sich als DFB-Präsidentin mit großer Unterstützung der Amateurvereine beworben hat, durchkommen und diesen Klüngelverein von Grund auf reformieren würde. Leider werden es die vorhandenen Männer-Seilschaften schon zu verhindern wissen. Und wir müssen dort wie bei der UEFA und der FIFA noch lange warten, bis sich endlich mal was tut.

Schreibe einen Kommentar

*