Karl Heinz Rummeny im Interview – „Ein bisschen Wehmut ist dabei“

Das Parkhaus im Malkastenpark war der älteste Offraum in Düsseldorf. 24 Jahre lang organisierte Karl Heinz Rummeny – anfangs noch gemeinsam mit Jost Wischnewski und Gregor Russ – dort Ausstellungen. Rund 300 Künstler:innen hat der 65-Jährige im Laufe der Jahre in dem einstigen Abstellraum präsentiert, darunter große Namen wie Gilbert & George, Imi Knoebel, Christian Marclay oder zuletzt Katharina Sieverding. Nun ist das Kapitel Parkhaus beendet. In wenigen Wochen sollen die sogenannten Annexbauten abgerissen werden. Dabei wird ein echter Diamant im Bauschutt untergehen. theycallitkleinparis hat mit Rummeny gesprochen.

Karl Heinz, Anfang Mai ist die letzte Ausstellung im Parkhaus zu Ende gegangen. Wie würdest du deine derzeitige Gefühlslage beschreiben?
Ein bisschen Wehmut ist dabei. Eine lange Ausstellungsgeschichte mit viel persönlichem Einsatz von mir und vor allem auch von den vielen Künstler:innen wird nun beendet. Aber wie mir meine Schwester schon vor zwei Jahren sagte: „Sei nicht traurig. Wenn eine Tür sich schließt, öffnet sich eine andere.“ Und das stimmt.

Wann wird das Parkhaus abgerissen?
Ich denke, in einigen Wochen, vielleicht auch erst in zwei Monaten. Jedenfalls werde ich den Schlüssel bald abgeben. Dann werden weitere Vorbereitungen für den Abriss der gesamten Annexbauten im Malkastenpark getroffen.

Foto: Robert Pufleb

Wie lange weißt du das bereits?
Von den Abriss- und Neubauplänen wurde schon seit circa drei Jahren gesprochen. Die Annexbauten, wohl erbaut in der Nachkriegszeit, sind von der Gebäudesubstanz absolut renovierungsbedürftig. Zunächst wurde auch von einer Renovierung gesprochen. Dann hat sich allerdings der Künstlerverein für einen Ausstellungsneubau entschieden, in dem die Vereinsmitglieder selbst ausstellen oder Ausstellungen organisieren. Mir wurde auch angeboten, dort hin und wieder Ausstellungen zu machen, aber die Kontinuität und die Freiheit des Parkhauses wären dort natürlich nicht möglich gewesen.

Kastanie im Malkstenpark, Foto: Robert Pufleb

Der Raum wurde früher als Kegelbahn genutzt. Er verfügt über keine Heizung, war etwas feucht. Was machte seinen Charme aus?
Die einfache Architektur, die Schönheit der räumlichen Proportionen, die Fensteröffnung zum Garten und damit einhergehend das natürliche Licht im Raum, die Öffnung zum wunderschönen Malkastenpark. Die große Kastanie hat mich immer beschützt. Und es kamen auch tierische Gäste: Gänse, Vögel, ein Fuchs, Eichhörnchen. Bei der Palermo-Ausstellung kam wirklich ein Schmetterling, der sich auf meine Schulter setzte. Und bei der Beuys-Ausstellung landete ein Adler in der Kastanie. Das habe ich nicht geträumt, es ist wirklich so passiert. Aber das Wichtigste war die Freiheit, die der Raum den Künstler:innen bot – egal ob mit Heizung oder ohne. Und das haben selbst die großen, berühmten Künstler verstanden: Christian Marclay, Gilbert & George, Katharina Fritsch, Imi Knoebel oder jetzt eben Katharina Sieverding. Ich möchte behaupten, dass die Ausstellungen im und mit dem Parkhaus immer auf einer freundschaftlichen Ebene verliefen. Kommerzialität war kein Thema.

Lass uns über dich sprechen. Du bist der Sohn eines Metzgers. Wie bist du zur Kunst gekommen?
Ich habe schon als Kind gern gemalt. Als Schüler habe ich begonnen, mich für Kunst zu interessieren. Zur Kommunion bekam ich von meiner Tante ein dickes Buch über Picasso. Mit 14 oder 15 Jahren sah ich Joseph Beuys im Fernsehen und dachte bei mir: „Der ist ja viel besser als Picasso.“ Seine Materialsprache habe ich sofort verstanden, die war mir überhaupt nicht fremd. Ich fand seine Arbeiten schön, ich sah und empfand die Wärme und auch die Intelligenz, die sie innehatten. Ich besuchte ihn dann 1972 auf der Documenta 5 in seinem „Büro für direkte Demokratie“ und stellte ihm auch kritische Fragen. Beuys war eine echte Erweiterung meines Horizonts. Er stellte nicht nur die wichtigen Probleme unserer Zeit heraus, sondern arbeitete mit Menschen gemeinsam an Lösungsvorschlägen, übrigens völlig undogmatisch. Kommentar meines Vaters damals: „Einen Eimer Fett kann ich dir auch geben.“

Du hast an den Kunstakademien in Münster und Düsseldorf bei Timm Ulrichs und Gerhard Hoehme studiert, hast aber nach dem ersten Staatsexamen aufgegeben.
Ich habe mal in einem Interview gesagt: „Ich bin aus der Kunst ausgetreten.“ Da habe ich Beuys zitiert, mit einem Lachen. Meine frühen Arbeiten, die ich vor einem halben Jahr noch im Parkhaus gezeigt habe, genügten mir damals noch nicht. Da waren meine Vorbilder noch klar zu erkennen und ich konnte mir auch nicht vorstellen, mit der Kunst Geld zu verdienen. Das sehe ich heute anders. Der Kunsthistoriker und Kurator Thomas Hirsch hat das mal gut beschrieben: Ich habe meine eigene Kunstproduktion runtergefahren, aber nicht damit aufgehört. Mir bereitet aber auch das Vermitteln von Kunst Freude, die Zusammenarbeit mit anderen Künstlern. Meine im Untergrund entstandenen Fotos und Filme werde ich bestimmt irgendwann noch zeigen.

Wie ist das Parkhaus entstanden?
1997 entdeckte Jost Wischnewski den Abstellraum im Malkastenpark und fragte mich, ob ich Lust hätte, mit ihm dort Ausstellungen zu organisieren. Klaus Rinke, damals 1. Vorsitzender des Künstlervereins, hätte grünes Licht gegeben. Auf einer Geburtstagsparty von Stefan Demary lernte ich Gregor Russ kennen und sagte zu Jost, „wenn der Gregor mitmacht, bin ich auch dabei“. Und Gregor sagte spontan zu. Das Parkhaus war geboren. Im Sommer 1997 ging es los.

Welche war die erste Ausstellung, die ihr organisiert habt?
Serenella Lupparelli und Luca Costantini. Beide kamen aus Perugia. Jost hatte sie eingeladen, da er vielfältige Kontakte nach Italien hatte. Serenella zeigte eine Wortskulptur aus Zement an den Außenwänden des Raumes und Luca hat den Innenraum total verdunkelt und nannte seine Arbeit „190 m3 Dunkelheit“. Es gab kein Licht und er hatte Fenster und Eingangsöffnung mit schweren schwarzen Tüchern verhangen, sodass man als Besucher den Raum nur ertasten konnte. Totale Finsternis! Orientierung boten nur die eigenen Schallwellen und die Wände. Selbst den Ausgang musste man ertasten. Eine gelungene Erstausstellung, fand auch Rinke. Es war wirklich fast wie ein Geburtsvorgang. Und die Auswahl der Künstler zeigte auch sofort: Wir wollen nicht nur die heimische Kunstszene vorstellen, sondern auch junge und interessante Positionen aus dem Ausland zeigen.

Ausstellung Katharina Sieverding, Foto: Karl Heinz Rummeny

Seit 2008 machst du das Parkhaus allein. Was hat sich mit dem Abgang deiner Mitstreiter verändert?
Gregor Russ machte bis zum Jahr 2000 mit, Jost bis 2008. 2003 habe ich eine große Ausstellung zum 60. Geburtstag von Blinky Palermo organisiert. Das nahm alles in allem bestimmt sechs Monate Vorbereitungszeit in Anspruch. Zum 84. Geburtstag von Joseph Beuys kuratierte ich eine Schau mit Filmen und Diskussionen im Park. Die besuchte Katharina Sieverding, die sich zuvor auch bereits die Ausstellung von Blinky angeschaut hatte. Sie fragte mich „Stellen Sie eigentlich nur Tote aus?“ Da musste ich sehr lachen – und habe ihr dann das Gegenteil bewiesen. Sieverdings Ausstellung war die letzte im Parkhaus, sie war bis Anfang Mai zu sehen.

Wie viele Ausstellungen gab es insgesamt im Laufe der Jahre?
Ungefähr 180. Es können aber auch 179 oder 185 sein. Das wird sich jetzt bald herausstellen, wenn ich meine Unterlagen ordne, um ein zweites Buch über das Parkhaus herauszugeben.

Mit Gilbert & George, 2002 in London, Foto: privat

An welche Ausstellungen, Veranstaltungen oder Begegnungen mit Künstlern denkst du besonders gern zurück?
Ich glaube es ist besser, diese Frage zu überspringen. Das würde sonst vermutlich den Rahmen sprengen. Aktuell hat mit die Zusammenarbeit mit Katharina Sieverding sehr, sehr gefallen. Ich liebe ihre Arbeiten immer mehr. Die Begegnungen mit Gilbert & George waren natürlich klasse. Wir haben viel zusammen gelacht. Sie fragten mich ernsthaft, ob ich nicht nach London ziehen möchte, Düsseldorf wäre doch langweilig. Christian Marclay war anfänglich ein schwieriger Kandidat, wollte technische Perfektion, einen teuren Beamer und Teppichfußboden. Als er das Parkhaus in natura sah, fiel ihm zunächst die Kinnlade runter. Nach drei Tagen war aber auch er überzeugt von dem Raum und bedankte sich herzlich. Imi Knoebel schuf eine herausragende 6-teilige Arbeit. Die Zusammenarbeit mit Ali Altin hat mich wohl die meisten Nerven gekostet, das Ergebnis war allerdings herausragend. Stefan Demary schuf eine intensive Installation. Beide, Stefan und Ali, leben nicht mehr, aber ich denke häufig an sie. Es gibt übrigens ein Buch über das Parkhaus, das die ersten 100 Ausstellungen dokumentiert, aus den Jahren 1997 bis 2011. Ein zweite Buch für die Jahre 2011 bis 2021 wird, ich erwähnte es ja schon, auch irgendwann erscheinen.

Eine der Ausstellungen wurde dir selbst gewidmet. Wann war das und was wurde gezeigt?
Die Ausstellung „KARL“ fand im Parkhaus zu meinem 60. Geburtstag statt. Einige meiner engsten Künstlerfreunde hatten sie für mich organisiert. Beteiligt waren Ralf Berger, Esther Kläs, Seb Koberstädt, Achim Kukulies, Rosilene Luduvico, Takeshi Makishima, Wilhelm Mundt, Michael Sailstorfer und Hiroshi Sugito. Nach der Ausstellungseröffnung gab es eine Riesenparty im Keller des Künstlervereins. Für Musik sorgte die Band Fragile, die überwiegend aus Studenten der Klasse von Peter Doig bestand. Mein Bruder und meine Schwester sorgten für das Buffet. Ein toller Abend, an den ich gern zurückdenke. Übrigens bestand der Beitrag von Michael Sailstorfer zur Ausstellung darin, einen echten Diamanten in einer der Wand- oder Deckenritzen des Ausstellungsraums zu verstecken. Diese „unsichtbare Plastik“ schenkte er mir. In gewisser Weise wurde damit das Parkhaus, also der Raum selbst, zum Kunstwerk erklärt. Vor dem Abriss überlegte Michael, den Diamanten wieder aus dem Raum herauszunehmen. Letztendlich fanden wir es aber stimmiger, dass er im Bauschutt untergeht.

Ausstellung Sun Mu, Foto: Karl Heinz Rummeny

Das Parkhaus ist ja ein sogenannter Offraum, einer der ältesten und renommiertesten in Düsseldorf. Wie darf man sich die finanzielle Situation eines solchen Raumes vorstellen? Wie viel Geld stand pro Jahr zur Verfügung? Und wie viele Ausstellungen wurden davon realisiert?
Am Anfang hatten wir nur den Raum, der uns vom Künstlerverein Malkasten zur Verfügung gestellt wurde. Dafür möchte ich mich beim Verein noch mal ausdrücklich bedanken. Das Kulturamt der Stadt Düsseldorf hat uns unterstützt, zunächst mit circa 2.000 DM jährlich, zum Schluss bekamen wir 14.000 Euro für 7 oder 8 Ausstellungen im Jahr. So konnten wir auch hin und wieder teurere Ausstellungen realisieren, etwa einen Künstler wie Ari Bayuaji aus Bali mit Wohnsitz in Montreal/Kanada einladen – und Flug, Hotel und Arbeitsmaterialien bezahlen. Auch die Ausstellung von Sun Mu, einem nordkoreanischen Künstler, der heute in Südkorea lebt, konnten wir dadurch stemmen. Die Ausstellungen von Imi Knoebel oder Katharina Sieverding kosteten auch etwas mehr als die üblichen rund 2.000 Euro pro Ausstellung. Gilbert & George, Palermo, Beuys, Christian Marclay waren die teuersten Ausstellungen. Aber wir haben es immer irgendwie bewältigen können.

Kannst du dir vorstellen, auch in Zukunft weiter Ausstellungen zu organisieren?
Ja klar, das mache ich ja bereits. Ich bin von einem Mitarbeiter des Goethe-Instituts in Belgrad gefragt worden, ob ich dort eine Beuys-Ausstellung für September diesen Jahres organisieren möchte. Mittlerweile ist klar, dass die Ausstellung auch in zwei weitere Museen wandern wird, nach Sarajevo und Zagreb. Da freue ich mich schon sehr drauf.

Was müsste der Raum haben, den du gerne bespielen würdest?
Bespielen ist auch so ein Modewort. Sagen wir mal so: Ich müsste mich darin wohlfühlen und die Kunst sollte optimal zu Geltung kommen. Und eine Öffnung nach außen sollte es auch geben, in jeder Hinsicht. Aber ich bin skeptisch. Das Parkhaus war einfach optimal. So was wird es wohl so schnell nicht wieder geben.

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