Sibylle Czichon im Interview – „Ich möchte den Prozess von Malerei erlebbar machen“

Normalerweise entsteht Malerei in einem geschützten Raum. Von Porträtisten in den Fußgängerzonen dieser Welt einmal abgesehen. Für ihr aktuelles Projekt „Schichtenwechsel“ verlegt die Düsseldorfer Künstlerin Sibylle Czichon ihr Atelier nun in das Parkhaus unter der Kunsthalle. Dort entsteht seit Anfang Mai in mehreren Vor-Ort-Terminen, bei denen sie sich von Besucher:innen beobachten lässt, ein neues Werk. Was macht der Ortswechsel mit ihr? Und wie beeinflusst es den Prozess des Malens, wenn man dabei nicht allein ist? theycallitkleinparis hat mit Czichon gesprochen.

Sibylle, wie muss man sich die Situation in deinem Atelier vorstellen?
Momentan teile ich mir ein Atelier mit einer befreundeten Künstlerin in Düsseldorf. Der Raum ist etwa 40 Quadratmeter groß und schön hell. Das tolle an unserer Ateliergemeinschaft ist, dass wir beide flexibel mit dem Raum umgehen und nur das Notwendigste dort haben. Jeder einen Hocker und die jeweiligen Arbeiten, mit denen wir uns beschäftigen. Oft wechseln wir unsere Arbeitsplätze, um einen frischen Blick zu behalten. Es ist also kein Ort zum Abhängen, aber perfekt, um Störendes hinter sich zu lassen und abzutauchen.

Wie häufig bist du in der Vergangenheit mit dem Atelier umgezogen?
Seit meinem Studienabschluss im Februar 2019 bin ich insgesamt vier Mal innerhalb von Düsseldorf mit meinem Atelier umgezogen.

Copyright: Kunsthalle Düsseldorf, Foto: Katja Illner

Welche Auswirkungen hatten diese Ortswechsel auf deine künstlerische Arbeit?
Es gab gute und schlechte Auswirkungen. Die Bilder sind zum Teil kleiner geworden. In den Ateliers der Kunstakademie waren die Decken bis zu zehn Meter hoch. Aktuell sind es circa 3,40 Meter. Ich habe beobachten können, wie sich meine Arbeit, auch in Abhängigkeit von meinem Umfeld, verändert und entwickelt hat – sei es durch andere Arbeiten, die in einen Dialog mit meinen Bildern getreten sind. Oder durch Gespräche mit Atelierkollegen. Es hat mich einerseits frustriert, die Kontrolle über die Bilder zu verlieren, andererseits denke ich, dass in der Wandlungsfähigkeit von Bildern auch Potenzial steckt.

Für die 19. Folge der Reihe „MUR BRUT“ verlegst du dein Atelier in den öffentlichen Raum, genauer gesagt in das Parkhaus unter der Kunsthalle. Wie entstand die Idee?
Meine erste Vorstellung davon, im Parkhaus eine malerische Arbeit zu zeigen, war das Erlebnis, dort zu malen. Von da aus dachte ich, dass ich anstelle eines abgeschlossenen Wandbildes lieber den Prozess von Malerei erlebbar machen möchte. Ich glaube, Malerei ist lebendig und wandlungsfähig und finde es daher sinnvoll, an mehreren Terminen zum Bild zurückzukehren, um es neu zu verhandeln. Das Konzept von „Schichtenwechsel“ ist während meiner Zusammenarbeit mit der Kuratorin Katharina Bruns entstanden. Sie fragte mich in unserem ersten Impulsgespräch geradeheraus, ob ich mir vorstellen könnte, beim Malen gesehen zu werden. Rezipient:innen von Kunst denken bei abstrakter Malerei oft an Abbildungen von Jackson Pollock mit seinen drip paintings. Es ist immer noch so, dass Künstler in unseren Köpfen präsenter sind als Künstlerinnen. Als abstrakte Malerin möchte ich dazu beitragen, dass weibliche Künstlerinnen den Mut haben, sich mit ihrer Arbeit selbstbewusst zu zeigen. Für mich ist dieses Gesehenwerden ein Ausdruck von künstlerischem Selbstbewusstsein.

Am 7. Mai hast du die erste Schicht der abstrakten Wandmalerei „Schichtenwechsel“ aufgebracht. Wie lange warst du an dem Tag vor Ort, um zu malen?
Ich war insgesamt etwa vier Stunden vor Ort, von denen ich etwa 2 Stunden gemalt habe.

Wie genau planst du das, was du tust, im Vorhinein?
Ich entwickle meine Bilder im Alltag in meiner Vorstellung. Wenn ich sie umsetze, geschehen sie dann aber immer anders. Es ist also ein Spiel aus Konzept und Improvisation, das sich zu einem großen Teil außerhalb des Ateliers abspielt. Selbstverständlich habe ich eine Vorstellung von dem Bild, das ich malen möchte, und ich werde mir zu jedem Termin ein „Skript“ überlegen. Malen ist für mich wie eine Choreographie aus unterschiedlichen malerischen Handlungen, die gemeinsam im Bild sichtbar werden.

Copyright: Kunsthalle Düsseldorf, Foto: Katja Illner

Inwiefern fühlte sich das Arbeiten im Parkhaus für dich anders an als im Atelier?
Es war für mich das erste Mal, dass ich im öffentlichen Raum gemalt habe. Im Unterschied zu meinem Atelier bin ich im Parkhaus nicht so geschützt. Ich kann nicht bestimmen, ob es still ist oder Musik aus vorbeifahrenden Autos schallt. Es ist dunkler als in meinem Atelier und natürlich gibt es Zuschauer:innen. Außerdem wurde ich beim Malen gefilmt und fotografiert. Das ist für mich eine Ausnahmesituation, die ich spannend finde, weil sie so absurd ist.

Wie reagierten die Menschen vor Ort, insbesondere jene, die zufällig vorbeikamen, auf dich?
Es waren bei dem ersten Maltermin, auch wegen Corona, nicht viele Menschen vor Ort, doch die, die da waren, schienen neugierig zu sein.

Wie schwierig ist es für dich, die Arbeit in einem Zwischenstadium bereits den Blicken der Betrachter:innen preiszugeben?
Das finde ich bisher in Ordnung. Ich freue mich sogar, dass das Zwischenstadium sichtbar wird, denn dann verschiebt sich der Fokus vom fertigen Ergebnis auf das Machen und die Entwicklung des Bildes. Ich war seit dem 7. Mai etwa drei Mal vor Ort, um mir die Arbeit anzusehen und zu überlegen, wie ich weitermachen möchte.

Am 28.5. wirst du ins Parkhaus zurückkehren und deine Arbeit an dem Bild fortsetzen. Von wann bis wann wirst du an dem Tag dort sein?
Offiziell beginne ich um 17 Uhr, doch ich werde wahrscheinlich eine Stunde früher vor Ort sein, um mich vorzubereiten. Vermutlich werde ich wieder ein bis zwei Stunden malen.

Dein letzter Vor-Ort-Termin im Parkhaus ist für den 2. Juli geplant. Wie sicher bist du dir, dass das Bild an dem Tag fertig wird?
Dass das Bild fertig wird, erwarte ich nicht. Ich bin neugierig darauf, wie es sich entwickeln wird und welche neuen Ideen daraus entstehen werden.

Sibylle Czichon: Schichtenwechsel, Parkhaus Kunsthalle Düsseldorf, Grabbeplatz 4, geöffnet täglich, 6-22 Uhr

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