Sven-André Dreyer im Interview – „Weniger wissen, mehr fühlen“

Seit deiner letzten literarischen Einzelveröffentlichung, „Kleiner Vogel Tod“ im Jahr 2015 ist viel Zeit vergangen, in der du unter anderem das Fachbuch „Keine Atempause“ geschrieben, Lesebühnen kuratiert und moderiert hast, und unter der Überschrift „The Sound of Düsseldorf“ auch regelmäßig Musikinteressierte durch die Stadt führst, um nur ein paar deiner Aktivitäten zu nennen. Dazu hast du noch einen Job, zwei Kinder, sammelst Einkaufszettel, schreibst regelmäßig für die RP und fährst gerne und viel Fahrrad. Wie viel Zeit bleibt dir im Alltag überhaupt für das literarische Schreiben? Und: Gibt es auch Phasen, in denen gar keine literarischen Texte entstehen?
Die Zeit ist knapp. Ich habe wirklich viel zu tun, und manchmal frage ich mich, wie ich das alles schaffen soll. Und schaue ich zurück, dann bin ich erstaunt, wie ich das in der Vergangenheit alles erledigt habe. Das Seltsame ist, dass das Meiste nicht zu finanziellen Erlösen führt. Wirtschaftlich ist das, was ich da treibe, überhaupt nicht darstellbar, aus betriebswirtschaftlicher Perspektive desaströs. Entsprechend schwierig wird damit auch die Rechtfertigung, warum ich für all das so viel Zeit aufwende. Aber: Wenn ich das alles nicht machen würde, würde mir etwas fehlen. Und das literarische Schreiben war immer mein Begleiter, irgendwie immer da. Es gibt Phasen, in denen ich weniger schreibe. Aber gar nicht? Gab es noch nie.

Wie entsteht ein Text bei dir? Wo findest du Inspiration?
Das Schreiben ist bei mir keine isolierte Tätigkeit, es gibt immer ein Davor. Ich setze mich also nicht an den Schreibtisch und beginne damit, einen Text aufzuschreiben; das ist erst der letzte Schritt eines langen, nicht schriftlichen, sondern vorerst rein gedanklichen Prozesses. Zunächst gibt es bei mir eine Beobachtung, irgendetwas, das mir im Alltag auffällt. Neulich sah ich auf einem Friedhof zum Beispiel einen alten Mann, der sich um ein Grab kümmerte, es pflegte, so gut er eben konnte. Der Mann konnte nicht mehr auf die Knie gehen, sich kaum noch bücken, aber tat, was ihm möglich ist; er zupfte, harkte. Das hat mich bewegt, das hat mich gerührt. Und das ist es, was ich benötige, um daraus etwas zu machen: Ich will berührt werden. Ich merke mir eine solche Beobachtung, vor allem aber merke ich mir meine eigene Gefühlsregung nach einer solchen Beobachtung. Aus der entsteht dann vielleicht etwas.

Triffst du bewusst die Entscheidung, ob ein Text ein Gedicht wird oder Prosa? Oder entwickelt sich das eher im Laufe des Schreibprozesses?
Wenn es eine freie literarische Arbeit ist, entscheidet sich erst im Schreibprozess, was es wird. Ich probiere aus und verwerfe. Die literarische Form ergibt sich erst aus den Worten, die ich finde. Manche eignen sich für Prosa, manche eher für Lyrik. Auch hier ist es ausschließlich ein Fühlen, kein Wissen. Und das Finalisieren eines Textes dauert bei mir mit den Jahren immer länger. Gut, wenn ich einen Abgabetermin habe, sonst komme ich nur schwer zu einem Ende.

Nach elf Jahren ohne literarische Einzelveröffentlichung erscheint nun der Band „Der Einsamkeitsforscher“. Den Titel finde ich übrigens ausgesprochen schön. Um welche Themen kreisen die Texte, also neben der Einsamkeit?
Die darin versammelten Texte handeln neben zunehmender Einsamkeit von Verletzlichkeit und der daraus resultierenden Traurigkeit. Alle darin auftauchenden Protagonistinnen und Protagonisten sind auf ihre Art enttäuscht und gekränkt. Das Leben behandelt sie nicht gut. Das schildern sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten; manchmal vollkommen naiv und ohne Lösungsansätze, perspektivlos. Sie erzählen von ihrer Traurigkeit.

Im Begleitschreiben zum Buch heißt es in den elf Jahren seit dem letzten Buch sei bei dir sowohl privat als auch beruflich viel passiert. Und auch wenn man über den persönlichen Tellerrand schaut, ist die Welt nicht mehr die, die sie 2015 war. Die Pandemie. Zwei Amtszeiten von Donald Trump. Die Kriege in der Ukraine und im Gaza-Streifen. Das Erstarken der Rechten in vielen Ländern. Inwiefern beeinflussen diese Krisen und Entwicklungen dich als Schreibenden?
Ich bin sehr verängstigt und besorgt. Überdies beobachte ich, was die Krisen aus und mit uns machen. Mir fällt auf, dass sich unser Miteinander in den vergangenen Jahren stark verändert hat. Die Einen ziehen sich zurück, die Anderen leben hedonistisch, und ich habe das Gefühl, dass wir nicht mehr aufrichtig und konstruktiv miteinander kommunizieren. Es fällt mir so schwer wie noch nie, positiv in die Zukunft zu blicken. Das verändert mich und färbt mein Schreiben – durch Ängstlichkeit und Pessimismus.

Der Band enthält sowohl Lyrik als auch Kurzprosa. Das hat mich überrascht, ich hatte mit einem reinen Lyrikband gerechnet. Kannst du erklären, warum ihr euch für die Melange unterschiedlicher Textgattungen entschieden habt?
Auch wenn mir Lyrik Freude bereitet – ich bin kein reiner Lyriker. Und ich möchte mich auch nicht festlegen müssen. Vielleicht habe ich Angst, auf eine Textgattung reduziert zu werden. Die Entscheidung, mehrere Literaturgattungen – Short Stories, Erzählungen, Lyrik und auch poetische Miniaturen – in einem Band abzubilden, ist sehr untypisch, meiner Art zu schreiben dennoch sehr entgegenkommend. Der Band bildet ab, was mir möglich ist. Und schafft so – auch für Lesende – eine größtmögliche Abwechslung.

Das Vorwort hat dein Autorenfreund Klaus Märkert verfasst, der dich auch ermutigt hat, den Band „Der Einsamkeitsforscher“ zu veröffentlichen. Märkert stellt in seinem Vorwort jedem deiner Texte ein Musikstück zur Seite, wie eine Art Soundtrack zum Buch. Du selbst bist ja auch ein großer Musikfreund. Inwiefern gibt es da eine Wechselwirkung zwischen Musik und dem, was du literarisch schaffst?
Ich erlebe seit meiner Kindheit eine Gefühlsregung, die sich Frisson nennt. Ein Schauer, immense Gänsehaut, Heulerei, wenn ich bewegende Musik höre, Texte lese oder Kunst sehe. Musik bewegt mich am meisten. Und das wird, je älter ich werde, immer schlimmer. Klaus hat mit seinem Vorwort eine Verbindung hergestellt zwischen Literatur und Musik, die mir ganz wichtig ist. Musik ist meine Realitätsflucht, die Möglichkeit, mich zu entziehen. Musik eröffnet mir Gedankenräume und erzeugt eine unmittelbare Gefühlsregung. Natürlich könnte man musiktheoretisch erklären, wie das gemacht wird. Aber das interessiert mich gar nicht. Auch hier gilt: weniger wissen, mehr fühlen.

Im Anschluss an die Texte finden die Lesenden eine Art Making of zu jedem einzelnen der insgesamt 24 Texte, in dem du erklärst, wie und in welchem Rahmen das Werk entstanden ist. Warum war dir das wichtig?
Ich mag die Idee der Nachvollziehbarkeit. Gerade in der Literatur. Oft wird ja orakelt, und dann sitze ich in meiner Erinnerung wieder schweißgebadet in einer Deutschklausur und stelle mir Fragen. Dabei geht es mir gar nicht darum zu erklären, ob ein Text autobiografische Bezüge oder Referenzen aufweist, sondern vielmehr um eine Erläuterung des Kontextes, in dem ein Text entstanden ist. Was war das für ein Anlass? In welcher Zeit ist der Text entstanden? Unabhängig von der Wirkung eines solchen Textes interessierte mich das als Leser anderer Texte auch immer. Gleichzeitig gibt das „Making of“ einen, wie ich finde, ganz guten Überblick über das, was in den vergangenen Jahren in Düsseldorf literarisch – wenigstens bei mir – so los war.

Erschienen ist „Der Einsamkeitsforscher“ in Verlag Edition Outbird mit Sitz in Gera. Wie habt ihr zusammengefunden, der Verlag und du? Und: Wie schwierig ist es dieser Tage, überhaupt einen Verlag zu finden für die Art von Literatur, die du verfasst?
Die Verbindung zur Edition Outbird in Gera wirkt auf den ersten Blick total ungewöhnlich, stimmt. Ich kenne Tristan Rosenkranz, den Verlagsgründer und Verleger, seit unserer gemeinsamen Zeit im Leipziger Verlag Edition Paper One. Das war ein 2006 gegründeter Independent-Verlag, der aus und in und für die schwarze Szene Leipzigs entstanden ist und von dem aus Monheim (am Rhein) stammenden Oliver Baglieri gegründet worden war. Ein Sammelbecken für zahlreiche Autorinnen und Autoren aus der Subkultur: Volly Tanner etwa, Anja Kümmel, Klaus Märkert und neben vielen weiteren eben auch Tristan und mich. Ziel des Verlags war, jungen und unbekannten Schreibenden eine Stimme zu geben. Und obwohl der Verlag nur bis 2012, also nur sechs Jahre, existierte: Da war mächtig was los. Dass Tristan mit Edition Outbird vor zehn Jahren seinen eigenen Verlag gegründet hat, fand ich beeindruckend und mutig und irgendwie auch konsequent. Dass ich ihm irgendwann meine Texte anbieten würde und er auch noch zusagt, hätte ich trotzdem nicht zu hoffen gewagt. Es ist unglaublich schwierig, einen Verlag zu finden. Und noch schwieriger, einen für Texte dieser Art. Umso schöner, dass wir uns so erneut begegnet sind.

Am 1. Oktober präsentierst du das Buch in der BiBaBuZe. An dem Ort, an dem auch deine langjährige Lesebühne stattgefunden hat, dürften viele Wegbegleiter:innen auftauchen, viele Menschen, die dein Schaffen schon lange verfolgen. Verspürst du nach all den Jahren, die du schon das tust, was du tust, noch Aufregung vor einem solchen Abend, gerade wenn dein eigenes Werk im Mittelpunkt steht?
Ich bin sehr aufgeregt, ganz schlimm. Ganz schlimm! Je älter ich werde, desto größer wird mein Lampenfieber. Trotzdem freue ich mich auf den Abend und bin gespannt, wie die neuen Texte ankommen werden.

Präsentation „Der Einsamkeitsforscher“:
1.10., 19:30 Uhr, BiBaBuZe, Düsseldorf
10.12., 18 Uhr, Stadtfenster, Zentralbibliothek im KAP1, Düsseldorf

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