Finaler K.o. – Der Boxpapst ist tot

Die wichtigen Nachrichten erfährt man in Oberbilk am Büdchen. „Wilfried ist tot“, teilte mir vor einigen Tagen die stets bestens informierte Büdchenfrau mit, während sie mir das Wechselgeld in die Hand drückte. Wilfried Weiser war in Oberbilk und weit darüber hinaus besser bekannt als „Der Boxpapst“. Mit ihm verabschiedet sich die vielleicht letzte Milieugestalt des Viertels hinter dem Bahnhof. Passé die Tage, als in Oberbilk die Unterwelt Probleme ohne die Polizei löste. Vorbei die Zeiten, als in Wilfrieds Spelunke „Beim Box-Papst“ regelmäßig der Luden-Stammtisch tagte. Der weiße Riese liegt ja schon länger unter der Erde.

Und auch Weisers Zeit ist jetzt gekommen. Seine Kneipe, die vor ihm bereits sein Vater betrieben hatte, musste er 2017 aufgeben. Damals war er dem Tod noch mal von der Schippe gesprungen. Aber die Tage, in denen er als der starke Mann von Oberbilk galt, vor dem alle zitterten, waren von da an endgültig gezählt. Nach einem Schlaganfall war Weiser auf einen Rollstuhl angewiesen, mit dem er nunmehr durchs Viertel rauschte. Gerne erzählte er von früher. Von Graciano Rocchigiani. Von Henry Maske, Daisy Lang und seinen Reisen nach Las Vegas. Ob jedes Detail sich wirklich so zugetragen hatte wie er sagte, spielte dabei keine wesentliche Rolle. Weiser war jedenfalls ein begnadeter Geschichtenerzähler. Und als solcher fand er immer sein Publikum.

Mittlerweile ist seine letzte Bleibe auf der Vulkanstraße, ehemals Bandelstraße, auf der er sein ganzes Leben verbracht hat, bereits ausgeräumt, so erzählt es seine Ex-Frau. Die Habseligkeiten verschenkt. Die alten Fotos aus der Kneipe, die Wilfried mit den Größen aus Boxsport und Unterhaltungsbranche zeigen, gehen an seinen Kinderfreund Freddi. Über letzteren spricht Wilfried in einem kurzen Film von Lars Schütt aus dem Jahr 2017 ausgesprochen liebevoll.

Die letzten Wochen seines Lebens verbrachte Weiser nicht in Oberbilk, sondern im Krankenhaus. In sieben Wochen wurde er fünfmal operiert. Zunächst Gallensteine. Dann gab es Komplikationen. „Irgendwann wollte er dann auch nicht mehr“, sagt seine Ex-Frau. Den 77. Geburtstag beging er am 21. November mit einer Handvoll Gästen in der Klinik. Statt Schampus oder Schnaps gab es Cola aus dem Pappbecher. Mehr ging nicht mehr. Zwei Tage nach seinem Geburtstag ist Weiser im evangelischen Krankenhaus an der Kirchfeldstraße verstorben. Beigesetzt wird er auf dem Stoffeler Friedhof. Ganz in der Nähe seiner alten Heimat, der Vulkanstraße.

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