Nina Berding im Interview – „Es ist ein Teil städtischen Lebens, dass sich Menschen fremd sind“

Mit Düsseldorf ist Nina Berding nie so richtig warm geworden. Jedenfalls nicht, als sie noch in der Stadt wohnte. Mittlerweile lebt sie in Köln, kommt aber regelmäßig zwecks Forschung nach Düsseldorf. Im Rahmen ihrer Doktorarbeit untersucht Berding das Zusammenleben der Menschen im Stadtteil Oberbilk. Dabei ist der Lessingplatz im Laufe der Zeit zu ihrem zentraler Forschungsort geworden. An dem kleinen Tisch zwischen Bolzplatz und Kirche sitzt die 30-Jährige, so es denn die Außentemperaturen erlauben, und beobachtet die, die auf dem Platz Bierchen trinken, Sport treiben oder ihre Hunde ausführen.

Von wann bis wann hast du in Düsseldorf gelebt?
Von 2013 bis 2014, ziemlich genau ein Jahr.

Warum hast du dich hier nicht richtig wohlgefühlt?
Ich habe Düsseldorf als unpersönlichen, nicht sehr offenen Ort wahrgenommen, an dem es für mich extrem schwierig war, ein Gefühl von Zugehörigkeit und Wärme zu entwickeln. Möglicherweise war ich zu dem Zeitpunkt aber auch nicht offen dafür, die Stadt wirklich kennenzulernen. Seit meiner Forschung erlebe ich viele Orte in Düsseldorf ganz anders und würde es jetzt nicht mehr ausschließen, dass ich hier irgendwann mal leben und mich wohlfühlen könnte.

Mittlerweile bist du wieder regelmäßig in Düsseldorf-Oberbilk, um zu forschen. Wie genau lautet der Titel deiner Doktorarbeit?
Der Titel meiner Arbeit wird sich, wenn es zur Veröffentlichung kommt, noch ändern. Aktuell habe ich einen vorläufigen Arbeitstitel. Der lautet „Inclusive City – Zusammenleben in der modernen Stadtgesellschaft“.

Was hat dich am Stadtteil Oberbilk allgemein und am Lessingplatz speziell als Wissenschaftlerin gereizt? Du hättest ja auch den Oberbilker Markt untersuchen können. Oder den Gangelplatz.
Der Stadtteil Oberbilk hat mich aufgrund seiner Geschichte und der Zusammensetzung der Bewohnerschaft gereizt. In dem Stadtteil wohnen Alteingesessene, Zugezogene, Arbeitslose, Arme, Studenten, also Menschen mit den unterschiedlichen Lebensstilen und aus den unterschiedlichsten Milieus. Oberbilk ist auf allen Ebenen ein Ort der Diversität und das in einer Stadt, die oftmals ein sehr homogenes Bild vorzugeben versucht. Dass der Lessingplatz schließlich zu einem zentralen Forschungsort avancierte, hat sich erst innerhalb des Forschungsprozesses ergeben, weil der Platz im Zuge meiner Beobachtungen immer interessanter wurde. Er ist spannend, weil er so extrem polarisiert. Für die einen ist es ein grüner Ort mit Spiel- und Bolzplatz, Bänken zum Verweilen, Tischtennisplatten, einem Kirch- und Marktplatz, auf dem jeden Donnerstag ein kleiner Markt stattfindet; ein Ort der Begegnung, zum Abhängen sowie ein Ankerpunkt und Bindeglied für viele, die in Oberbilk leben. Für die anderen ein Platz der Bedrohung, der mangelnden Sicherheit, der Armut, okkupiert von Trinkern, Dealern, gewaltbereiten Jugendlichen und sonstigen unerwünschten Öffentlichkeiten. Für eine Forschungsarbeit, in der das Zusammenleben und die Bedeutung von Mischung für das Zusammenleben untersucht wird, also ein idealer Ort.

Wie erlebst du den Platz?
Bei regelmäßiger Beobachtung habe ich festgestellt, dass es überwiegend die gleichen Leute sind, die den Platz tagtäglich nutzen und die ihm auch eine gewisse Aufenthaltsqualität zuschreiben. Außerdem funktioniert das Miteinander auf dem Platz sehr gut. Viele der Nutzer haben ihren festen Raum auf dem Platz, den sie routiniert nutzen und der ihnen nicht streitig gemacht wird. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir, dass mich Jugendliche auf dem Platz als eine Art Kontrollinstanz wahrgenommen haben, die sich in erster Linie dort aufhält, um zu überprüfen, dass sie sich vernünftig verhalten. Das hat mich überrascht, da das zeigte, dass die Wahrnehmung, die viele Anwohner von den Jugendlichen haben, schon in deren Selbstwahrnehmung übergegangen ist. Dass sich jemand am Platz aufhält und sie anspricht oder sich für sie interessiert, ohne dabei gewisse dominierende Konnotationen und Diskurse auf sie zu übertragen, kommt ihnen gar nicht mehr in den Sinn. Insgesamt wurde ich aber nach meiner Empfindung nur marginal wahrgenommen, da es für die Nutzer des Platzes nichts Außergewöhnliches ist, wenn man sich den Tag über dort aufhält.

Zusätzlich zu den sogenannten „Teilnehmenden Beobachtungen“ interviewst du auch Menschen aus dem Stadtteil. Wonach wählst du sie aus?
Ich versuche, sowohl alteingesessene als auch zugezogene Anwohner aus allen Altersklassen und sozialen Schichten zu gewinnen, um mit meinen Interviews letztlich auch einen Querschnitt der Bevölkerung in Oberbilk repräsentieren zu können.

Mit wie vielen hast du mittlerweile gesprochen?
Mittlerweile habe ich ca. 20 Interviews mit Anwohnern geführt, dazu kommen noch einzelne Interviews mit Experten im Stadtteil.

Welche Tendenzen zeichnen sich dabei meinungsmäßig ab?
Eine Gemeinsamkeit vieler Interviewpartner ist, dass sie den Stadtteil unter anderem aufgrund der Mischung bewusst ausgewählt haben. Durch Mischung und Heterogenität geprägte Räume fordern den Einzelnen heraus und tragen dazu bei, dass der Alltag als spannend und abwechslungsreich wahrgenommen wird, was für viele Interviewpartner Lebensqualität bedeutet und ausmacht. Auch die Polarität, die ich zu Beginn in Bezug auf den Stadtteil und auf den Lessingplatz erwähnt habe, spiegelt sich in den Interviews wider. Die einen betrachten das Zusammenkommen unterschiedlicher Interessen und Bedürfnisse im urbanen Raum als Bestandteil gesellschaftlicher Realität und stellen Konflikte und Problemlagen nicht so in den Vordergrund wie wiederum andere, die zunehmend Schwierigkeiten mit den unterschiedlichen Interessen und Bedürfnissen haben, die im öffentlichen Raum aufeinanderprallen. Mischung im Quartier bedeutet also noch lange nicht, dass die Menschen diese Mischung auch zusammen leben.

Im bahnhofsnahen Teil von Oberbilk leben zahlreiche Marokkaner, die den Stadtteil durch ihre Geschäfte und Restaurants extrem prägen. Konntest du zu denen auch Kontakt aufnehmen?
Nein, nicht direkt. Aber es war auch nicht meine Absicht, gezielt Kontakt zu Marokkanern aufzunehmen. Ethnografische Forschung bedeutet ja auch, dass man sich zunächst offen in das Feld begibt und schaut, was sich einem durch Teilnehmende Beobachtungen und informelle Gespräche, egal mit wem, erschließt. Dabei haben sich während meiner Beobachtungen auf dem Platz natürlich auch Gespräche mit marokkanischen Jugendlichen ergeben. Mir ist es aber wichtig, meinen Blick nicht auf eine spezifische, kulturelle Gruppe zu lenken.

Nach den Vorkommnissen in der Silvesternacht in Köln ist Oberbilk derzeit medial stark im Fokus. Es wird als Parallelgesellschaft beschrieben, als No-Go-Area, in der Diebstahl, Drogenhandel und Gewalt an der Tagesordnung ist. Deckt sich das mit deinem Bild?
Natürlich gibt es im Stadtteil Probleme, die nun durch die Ereignisse in Köln medial noch stärker in den Vordergrund getreten sind. Ich denke jedoch, dass der Begriff der Parallelgesellschaft nicht dafür geeignet ist, die Situation in den Städten und speziell in Oberbilk widerzugeben. Aufgrund globaler Veränderungen zieht es immer mehr Menschen in Städte. Multilokale Lebensstile sind schon lange Teil gesellschaftlicher Realität, nur der Umgang damit ist noch antiquiert. Einwanderer werden nicht als bestimmende Konstituente von Stadtgesellschaft, sondern als ein Gegenpol zu den Alteingesessenen betrachtet. Solange diese Differenzlogik fortbesteht, kann die Vielfalt einer heterogenen Bevölkerung gar nicht richtig genutzt werden. Es ist ein Teil städtischen Lebens, dass sich Menschen auch fremd sind. Diese Anonymität und Distanz ist notwendig, um unterschiedliche Lebensstile, Interessen und Bedürfnisse im Alltag tolerieren zu können. Das heißt natürlich nicht, dass ich Straftaten bagatellisieren möchte. Ich möchte damit nur sagen, dass die Übergriffe kein spezifisches Problem einer Gruppe und schon gar nicht eines Stadtteils sind. Insofern denke ich, dass die Stadtteilproblematik und die mediale Verarbeitung der Thematik immer aktuell sein wird, egal ob in Düsseldorf oder Gießen.

Du hast Oberbilk im Rahmen deiner Recherchen ziemlich intensiv erkundet. Welche sind deine drei Lieblingsplätze im Viertel?
Auf dem Lessingplatz fühle ich mich sehr wohl und insbesondere durch meine Beobachtungen habe ich mittlerweile einen ganz anderen Bezug zu dem Platz als beispielsweise zu der Zeit, als ich noch in Düsseldorf gewohnt habe. Mein Lieblingsplatz ist dort der Tisch mit den vier Hockern direkt am Bolzplatz. Von dort aus habe ich alles im Blick, was auf dem Platz geschieht. Ein weiterer Lieblingsplatz ist ein ganzer Straßenzug, und zwar der Weg von der Ellerstraße über die Lessingstraße hin zum Lessingplatz. Jedes Mal, wenn ich diese Straße entlang gehe, nehme ich lauter Gegensätze wahr. Einerseits ist es dreckig und laut, Männer ziehen Kisten mit Lebensmitteln aus den Transportern und Autofahrer verengen die Straße, indem sie einfach vor dem Supermarkt stehenbleiben, sich aus dem Fenster heraus unterhalten oder parken. Ich gehe vorbei an alteingesessenen Betrieben, Cafés, dem Seniorenheim, Shishabars und sehe Sexshop-Werbetafeln, wenn ich einen Blick in die Seitenstraßen werfe. Andererseits ist es durch das viele Grün, die hohen Bäume, die Vielfalt der Menschen, die einem auf dem Weg begegnen, und die schöne Bausubstanz idyllisch, friedlich und still zugleich. Ich fühle mich dann zwischen diesen Gegensätzen irgendwie heimisch und fremd und das gefällt mir. Außerdem sitze ich noch sehr gerne im Dreiraum mit dem Blick auf die große Straße und die Fußgängerampel.

Gibt es zum Thema Oberbilk eigentlich schon viele wissenschaftliche Veröffentlichungen?
Tatsächlich gibt es kaum wissenschaftliche Veröffentlichungen zum Stadtteil Oberbilk. Es gibt wenige Aufsätze zur Geschichte des Stadtteils – eingebettet in die Geschichte der Stadt Düsseldorf.

Was schätzt du, wann wird die Doktorarbeit fertig sein?
Mein Ziel ist es, die Arbeit im Frühjahr 2017 einzureichen.

Und wo kann man sie dann einsehen?
Nach einer erfolgreichen Verteidigung der Arbeit ist sie in den Universitätsbibliotheken und online über den Verlag zu erwerben.

1 Kommentar

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Auf diese Weise habe ich meine Heimatstadt Düsseldorf aus anderer Perspektive erlebt.Übrigens gab es gestern im 3. Programm eine Fernsehdoku über den Stadtteil Oberbilk

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