Kein Chichi. Nur Düsseldorf.

Der Stoffeler Kamm – Gastbeitrag von Sebastian Brück

Der Stoffeler Kamm, Foto: Markus Luigs

Unsere erste Begegnung dürfte 1980 gewesen sein.
Ein heißer Sommertag in Düsseldorf-Bilk.
Ich: auf dem Nachhauseweg von der Grundschule – die Moorenstraße dort überquerend, wo die Autos aus der Witzelstraße Richtung Uni-Kliniken abfließen.
Du: vor dem Taxistand auf dem Boden liegend, eingebacken in den bei Straßenarbeiten erneuerten, noch dampfenden Asphalt.
Ich: ein schüchterner Neunjähriger.
Du: ein verloren gegangener Haarkamm.
Nach kurzem Zögern traue ich mich, dir einen Tritt zu verpassen: Du sollst noch tiefer im frisch gemachten Bett der Straße versinken. So, dass du bleiben musst und ich Tag für Tag kontrollieren kann, ob du noch da bist. Du hast keine Wahl: Der Tritt macht dich zu „meinem“ Kamm.

Ein Jahr später ist die Grundschulzeit vorbei. Mit meinen Eltern wohne ich weiterhin auf der Schloßmannstraße, um die Ecke vom Moorenplatz, nur 250 Meter von Dir und den Uni-Kliniken entfernt. Alltagsbegleitsound: Die Sirenen der Krankenwagen. Mein neuer Schulweg führt zum Volksgarten – nicht mehr an dir vorbei. Trotzdem bleibst du in meinen Radius. Etwa, wenn ich zur WM 82 am Büdchen auf der Moorenstraße Panini-Fußballbilder kaufe. Oder ein paar Jahre später John Sinclair- und Perry Rhodan-Hefte.
Nach dem Abitur vergesse ich dich – für mehr als 20 Jahre: Meine Eltern ziehen an den Stadtrand, ich studiere und arbeite in anderen Städten. Mitte der Nuller Jahre komme ich zurück, wohne zunächst in Friedrichstadt, dann in Unterbilk. Auf der „Durchreise“ passiere ich die Moorenstraße Dutzende Male mit dem Auto – ohne mich an dich zu erinnern.
Als Fußgänger verschlägt es mich erst wieder in mein altes Viertel, als ich Vater werde: Im Winter 2010 kommt in der Uni-Kinderklinik, nur ein paar Steinwürfe von der Moorenstraße entfernt, meine Tochter zur Welt. In den Tagen davor und danach flaniere ich auf Kindheitspfaden – und kann es gar nicht glauben: Du, „mein“ Kamm, schimmerst durch den Dezemberschnee. Prädikat: Überlebenskünstler!

Professorenviertel – so bezeichnen Makler inzwischen die nach (meist Düsseldorfer) Ärzten wie Rainer Solenander, Joseph Naegele oder Friedrich Oskar Witzel benannten Straßenzüge am Rande der Uni-Kliniken. Als Kind habe ich diesen Begriff nie gehört. Dafür nannten ältere Menschen die Gegend manchmal „Stoffeln“, in Anlehnung an ein (nicht mehr existentes) Dorf am rechten Ufer des Brückerbachs und die dazugehörige Gemarkung, die schon damals längst in den Stadtteilen Bilk, Oberbilk und Wersten aufgegangen war. Wer mehr über Düsseldorf-Stoffeln – den Stadtteil, den es offiziell nicht gibt – erfahren möchte, sollte mal bei Wikipedia vorbeischauen. Die Allwissende erzählt unter anderem vom Stoffeler Kappelchen, vom Stoffeler Friedhof und vom Stoffeler Damm. Nur eine Stoffeln-Geschichte kennt Wikipedia nicht: deine!

Worauf ich hinauswill: Beim Schreiben dieser Zeilen ist mir ein – irgendwie „logischer“ – Name für dich in den Sinn gekommen: „Stoffeler Kamm“. Hiermit seist du „getauft“ – und „geoutet“: Denn während du „Bekanntschaft“ mit unzähligen Autoreifen und Schuhsohlen machtest, nahm von deiner „Untergrund“-Existenz kaum einer Notiz. In deiner Umgebung hat sich derweil vieles verändert. Das alte Moorenstraßen-Büdchen gibt es schon lange nicht mehr: Momentan wird an gleicher Stelle Döner verkauft. Rechts daneben, wo einige Jahre lang ein Lotto- und Schreibwarengeschäft residierte, hat sich ein Sushi-Imbiss angesiedelt. Selbst der „Platzhirsch“ – das familienbetriebene Café Jonen, das so wirkte, als sei Ende der 70er die Zeit stehen geblieben – ist Ende 2016 durch die Filiale einer Bäckerei-Kette ersetzt worden. Alles neu? Nein. Ein paar Häuser weiter halten die Apotheke und der Blumenladen die Stellung. Und auch der Pizza-Pavillon neben dem Albert-Mooren-Brunnen ist mittlerweile eine Institution.

Ich könnte noch viel mehr erzählen: Immer, wenn ich dich sehe, sprudeln die Erinnerungen. Für mich bist du das, was bei anderen ein Apfelbaum, ein Bolzplatz oder eine Backsteinmauer ist: „Speichermedium“ einer Kindheit. Mit diesem Text wechselt der „Status“ deiner Geschichte von „privat“ zu „öffentlich. Klar, du hast es verdient auch mal im Mittelpunkt zu stehen. Allerdings mache ich mir ein bisschen Sorgen um dich, denn irgendwann wird das nächste Asphalt-Lifting kommen. Was passiert dann mit dir? Am liebsten wäre mir, die Verantwortlichen würden dich vorher aus der Moorenstraße herausschneiden – und mir übergeben. Ich würde sogar dafür bezahlen …

Der Text von Sebastian Brück wurde bereits in der „Rheinischen Post“ veröffentlicht und ist ursprünglich in Markus Luigs‘ Bildband „Düsseldorfer Perlen“ erschienen. Das Buch kostet 29,90 Euro und kann hier bestellt werden.

2 Responses to “Der Stoffeler Kamm – Gastbeitrag von Sebastian Brück”

  1. Ex-Düsselorferin

    Freue mich gerade sehr! Ich bin heute zum ersten Mal auf diesem schönen Blog und welchen Blogeintrag finde ich ganz weit oben – den vom Stoffeler Kamm, der so dicht neben meiner und des Autors alter Heimat, der Schloßmannstraße, wohnt. Und da heute wohl der Martinszug durch das Gelände der Uniklinik zieht, an dem wir immer mit unseren Kindern teilgenommen haben, bin ich ein bißchen wehmütig.

    Danke für das Hervorrufen schöner Erinnerungen!

    Antworten
    • Sebastian

      Danke für den netten Kommentar, der wiederum bei mir schöne Erinnerungen an den Martinszug durch das Uni-Klinik-Gelände herevorgerufen hat. Ich habe allerdings selbst als Kind teilgenommen 🙂 Insofern haben wir die schöne Schloßmannstraße vermutlich zu unterschiedlichen Zeiten bewohnt …
      Viele Grüße vom Autor des „Stoffeler Kamm“-Textes,
      Sebastian Brück

      Antworten

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