Johanna heißt eigentlich nicht Johanna. Sie hat sich entschieden, offen über ihre sexuellen Vorlieben zu sprechen. Aber sie möchte dabei unerkannt bleiben. Deshalb ist hier nichts über ihr Alter, ihren Wohnort oder ihren Beruf zu lesen. Wohl aber über den Schrank auf ihrem Dachboden. Früher, als Johannas heute erwachsene Kinder noch im Haus waren, bewahrte die Familie dort Gesellschaftsspiele auf. Heute lagern an gleicher Stelle mehrere Dutzend Gerätschaften, die nur einem Zweck dienen: Johanna Schmerz zuzufügen. Ihr gefällt das. Mehr noch, sie braucht es. Johanna ist Masochistin. Der Schmerz bereitet ihr Lust. theycallitkleinparis hatte, was das Thema BDSM anging, nicht mehr als ein paar Klischees im Kopf, war aber neugierig und hat Johanna zu einem abendfüllenden Gespräch getroffen.
Mittlerweile bist du schon viele Jahre in der BDSM-Szene unterwegs. Zusammen mit deinem Partner gibst du Seminare, leitest BDSM-Stammtische, besuchst entsprechende Fachmessen und Clubs. Lass uns mal mit den Clubs anfangen. Wie hast du deinen ersten Besuch dort in Erinnerung?
Eine Woche vorher habe ich gedacht, ich sterbe. Ich war so aufgeregt, dass ich mich auf nichts mehr konzentrieren konnte. Wir sind dann nach Dortmund gefahren, ins „Sadasia“. Das ist ein reiner BDSM-Club. Es gibt auch Läden, die an manchen Tagen als Swingerclubs und an anderen als BDSM-Clubs fungieren. Wir gehen also rein, ich fühle mich in dem Moment noch ziemlich cool. Dann komme ich in die Umkleidekabine – und plötzlich steht meine Nachbarin vor mir.
Wie hast du reagiert?
Ich habe nur „Hallo“ gesagt und zum Glück in dem Moment daran gedacht, sie nicht mit Namen anzusprechen. Keine Ahnung, ob sie in der Szene vielleicht unter einem Pseudonym unterwegs ist. Ihr war das Ganze natürlich mindestens genauso unangenehm wie mir. Ich wäre am liebsten gleich wieder nach Hause gefahren, bin aber doch geblieben und habe dann den kompletten Abend geflissentlich darauf geachtet, ihr aus dem Weg zu gehen.
Und habt ihr danach jemals darüber gesprochen?
Nein, nie. In all den Jahren, die ich mittlerweile in der Szene verkehre, habe ich übrigens nie wieder jemanden, den ich aus dem normalen Leben kannte, auf einer Veranstaltung getroffen.
Gibt es in Düsseldorf auch einen BDSM-Club?
Nein, einen reinen BDSM-Club gibt es hier nicht. Es findet aber einmal im Monat eine Veranstaltung in einem Raum statt, der sonst für andere Zwecke genutzt wird. Da geht man in Abendgarderobe hin. An einem gut besuchten Abend kommen zu der Veranstaltung 120, 130 Gäste. Früher gab es außerdem noch eine Veranstaltungsreihe in der Altstadt. Der Club ist aber mittlerweile geschlossen, deshalb suchen die Organisator:innen gerade neue Räume. Für die Veranstaltungen musst du dich übrigens im Vorfeld anmelden. Das läuft also nur über die Infokanäle der Szene.
Was kostet der Eintritt zu den Veranstaltungen?
Die erwähnte Veranstaltung in Düsseldorf kostet 30 Euro. Andere sind günstiger. Aber nach oben hin gibt es natürlich keine Grenzen. Für eine exklusive Party auf einem Schloss legt man auch schon mal ein paar hundert Euro auf den Tisch.
Und wie oft besuchst du sogenannte Play Partys?
Alle zwei, drei Monate vielleicht.
Welche Art von Kleidung trägt man in dem Rahmen? Latex?
Das kann Latex sein, aber das ist sehr empfindlich. Da muss man beim Spielen schon sehr vorsichtig sein und schnell ausziehen kann man es auch nicht. Latex ist im Prinzip eine eigene Szene, mit eigenen Veranstaltungen. Was die Play Partys angeht, so gibt es meist ein Thema und einen passenden Dresscode. Das kann von schicker Abendgarderobe bis Fetish-Outfit, von Gothic-Stil bis Dessous reichen. Es kann auch bedeuten, dass die, die unten spielen, nackt sein müssen. Bis auf die Schuhe, die behält man immer an. Früher habe ich High Heels getragen. Das kann ich heute nicht mehr, geht zu sehr auf die Knie. Oft trage ich Pumps oder China-Schläppchen aus Samt. Passend zum Dresscode haben die Partys oft auch ein Motto: „Brennen muss Salem“ oder „Die sieben Gebote der Sodomita“. Zu Beginn der Partys werden manchmal Willkommensrituale absolviert: Alle stellen sich im Kreis auf, die Subs bekommen die Augen verbunden. Dann kann man sich verschiedene Bändchen anlegen, je nachdem, wozu man bereit ist. Mitmachen wird gerne gesehen, ist aber keine Pflicht.
Lass uns noch mal kurz bei der Kleidung bleiben. Wie groß ist dein Fundus und wie viel Geld investierst du in diese Art von Garderobe?
Im Fachhandel gehen die Sachen so bei 60 Euro los. Ich habe ziemlich viel Szene-Kleidung im Schrank: Ganzkörper-Anzüge, Röcke, Blusen, viel aus Latex, aber auch aus Samt oder Spitze. Manches sieht ein bisschen nach Gothic-Szene aus. Bei mir hängen jedenfalls hunderte Euros im Schrank. Gerade die Latexsachen sind sehr teuer, weil sie genau nach deinen Körpermaßen geklebt werden. Eigentlich trage ich Latex nicht gerne auf Partys. Das Material ist nicht atmungsaktiv, deshalb schwitzt man darin stark und friert dann sehr schnell.
Und wie reinigt man die Sachen? In die Waschmaschine kann man es ja wohl kaum geben.
Der eine oder andere wäscht es tatsächlich in der Waschmaschine. Ich wasche unsere Latexsachen in der Badewanne mit einem Spezial-Waschmittel. Danach wird es noch einmal mit wenigen Tropfen Silikonöl gespült. Das macht es glänzend und beugt dem Verkleben vor. Apropos glänzend: Auf Latex-Partys gibt es manchmal sogenannte Polierstationen. Man zieht das Latex an und lässt sich mit Tuch und Silikonöl auf Hochglanz polieren. Das ist lustig und fühlt sich toll an.
Du besitzt auch zwei Halsbänder, Geschenke von deinem Partner. Eins davon trägst du Tag und Nacht.
Ja, die beiden Halsbänder sind mir sehr wichtig. Das eine ist aus feinem Leder mit einer sehr schönen Prägung und ich trage es in Sessions. Es ist auffällig, es zu tragen kommt einem Outing gleich. Passend dazu gibt es zwei Armbänder. Eins für mich und eins für meinen Partner. Die tragen wir immer und sie zeigen unsere Zusammengehörigkeit. Das andere Halsband ist eine Kette und wird nur von „Eingeweihten“ als BDSM-Zeichen wahrgenommen.
Mit der Kleidung und den Accessoires ist es nicht getan. Ihr arbeitet ja auch viel mit Schlagwerkzeugen. Was sind das für Werkzeuge und woher bezieht man sie?
Die meisten Anfänger:innen bestellen zunächst bei den gängigen Sexshops im Internet. Die Sachen, die dort angeboten werden, taugen allerdings meiner Erfahrung nach nicht viel und lösen sich oft schnell in ihre Einzelteile auf.
Wenn ein Werkzeug beispielsweise zu schwer ist, wird es für die Person, die es führt, schnell anstrengend. Um so etwas zu vermeiden, würde ich empfehlen, die Werkzeuge auf Fachmessen oder im Fachhandel zu kaufen. Viele Clubs haben auch eigene kleine Shops. Manchmal sieht man auch ein Werkzeug, das einem interessant erscheint, bei anderen Gästen auf einer Play Party und fragt, ob man sich das mal anschauen darf. Natürlich nicht, während sie spielen, sondern erst danach.
In deinem „Werkzeugschrank“, der witzigerweise früher, als deine Kinder noch im Haus waren, euer Spieleschrank war, also für Gesellschaftsspiele, finden sich Dutzende unterschiedlicher Schlagwerkzeuge. Peitschen. Flogger, also Peitschen mit vielen Strings. Ich habe aber auch Dinge erkannt, die ursprünglich eine andere Funktion hatten. Eine Grillbürste aus dem Baumarkt zum Beispiel. Oder einen Pfannenwender aus Holz.
Es ist schon verrückt, wie viele Stücke sich angesammelt haben. Früher dachte ich, eine Hand, ein Frühstücksbrettchen und ein Rohrstock reichen, um mich glücklich zu machen. Mittlerweile habe ich allein zehn verschiedene Flogger aus unterschiedlichen Materialien und in unterschiedlichen Stärken. Jedes Instrument fühlt sich anders an. Paddel machen einen dumpfen Schmerz, Stöcke und Gerten eher einen spitzen. Bei weichen Wildlederfloggern fühle ich mich sanft gestreichelt, bei sehr schweren Floggern kann mir durch den Aufprall auf den Rücken für ein bis zwei Sekunden die Luft wegbleiben. Je nach Schlagtechnik können sich Flogger breit auffächern oder konzentrierter auftreffen. Das Gefühl kann umarmend oder wegstoßend sein.
Viele von unseren Schlaginstrumenten haben von uns Namen bekommen. Wenn wir darüber reden, muss der andere ja verstehen, von welchem Gerät wir sprechen. Es gibt den Teufelsschwanz, den Dänen, den Liebling, den Scheißer, den Korkenzieher. Nessie, eine Seegraspeitsche, wird nass gemacht zu Nassi und so weiter.
Mit der Grillbürste kann man über die Haut kratzen. Die habe ich im Baumarkt gesehen und fand sie einfach sehr hübsch. Im Schrank sind auch noch viele Klammern zu finden, von einfachen Holzwäscheklammern bis hin zu böseren Metallklammern. Wir haben eine Vakuumpumpe mit der ein starker Unterdruck erzeugt werden kann. Das ist wieder eine ganz andere Schmerzart.
Mit Vibratoren und Reizstrom-Geräten haben wir auch einige Elektro-Spielzeuge. Bei Letzterem sind viele Bekannte, die das mal ausprobieren, überrascht, wie angenehm das erzeugte Kribbeln sein kann und das man keineswegs in den Schmerzbereich gehen muss. Bei all diesen Geräten achten wir stets auf Hygiene, daher hast du auch Sagrotan und Tücher in dem Schrank entdeckt.
Zurück zum Club. Im Swingerclub gibt es, so ließ ich mir berichten, ja stets Buffet. Wie ist das im BDSM?
Bei den Partys ist auch immer ein Buffet dabei. Manchmal ist das richtig gut. Manchmal gibt es aber auch nur Chicken Nuggets und Kartoffelsalat. In einem Club wird immer Chili con Carne aufgetischt, was ich ein bisschen unpraktisch finde.
Und dann steht man splitterfasernackt am Buffet und futtert Chicken Nuggets? Diese Vorstellung finde ich total seltsam. Also am Buffet zu stehen, in dem Wissen, warum man eigentlich da ist. Und alle anderen auch. Wie kommt man denn da miteinander ins Gespräch?
Seltsam ist das gar nicht. Auf den Partys haben ja alle die gleiche Neigung und fühlen sich wohl. Das unterscheidet sich gar nicht so sehr von einer normalen Party. Da kommt man ja auch mit Leuten am Buffet ins Gespräch.
Aber da ist es doch total unverfänglich.
Ist es im BDSM-Club auch. Es geht ja nicht um Sex, sondern darum, einen schönen Abend zu haben. Zu dem gehört für uns halt BDSM dazu. Im Gegensatz zum Swingerclub sind die meisten auch nicht auf der Suche nach Leuten, mit denen sie spielen können. Die Spielpartner:innen bringt man in der Regel schon mit. Es kommt meiner Erfahrung nach nur sehr selten vor, dass man vor Ort jemanden kennenlernt und ihn oder sie zum Spielen einlädt. Insofern gehen die Kontakte am Buffet selten über einen kurzen Small Talk hinaus. Die knüpft man vorher, nicht auf den Play Partys. Das ist anders als im Swingerclub. Da kann es dir passieren, dass du die Augen aufmachst und einen Schwanz vor der Nase hängen hast, also einen fremden. In der Swinger-Szene ist es gängig, dass Leute dazukommen oder man die Partner tauscht, das ist bei der Szene ja das Grundprinzip. Im BDSM-Club würde das niemals jemand tun. Die Party-Besucher:innen halten Abstand. Man kann anderen Spielenden natürlich zuschauen. Aber man bleibt auf Distanz. Wenn es die Räumlichkeiten hergeben, ist der Mindestabstand drei Meter.
Das heißt, wenn jemand dazu kommt, dann nur auf ausdrückliche Einladung?
Genau. Dann würde man hingehen und fragen: „Möchtest du mitmachen? Möchtest du auch mal schlagen?“. Das würde mir persönlich so nicht passieren, weil ich nicht mit fremden Leuten spiele. Aber grundsätzlich wäre das vorstellbar. Klassischen Geschlechtsverkehr wirst du im BDSM-Club übrigens nur selten sehen. Das ist eher die Ausnahme.
Bist du denn grundsätzlich Sub, also die, die unten spielt?
In einer Zweier-Konstellation schon. Wenn wir zu dritt oder zu viert spielen, kann es schon mal sein, dass ich als Gehilfin mit einsteige und dann dominiere. Mein Partner ist ursprünglich Switcher. Er hat früher viel unten gespielt. Mittlerweile ist er ausschließlich auf der anderen Seite unterwegs.
Das Klischee besagt, dass Menschen, die im Alltag, zum Beispiel am Arbeitsplatz, viel Verantwortung tragen, beim BDSM gerne die Kontrolle abgeben.
Die gibt es, klar. Es gibt aber meiner Erfahrung nach genauso viele Leute, die im Job viel Verantwortung tragen, und auch im Sexuellen die Rolle nicht wechseln. Ich würde vom Gefühl her sagen, dass das die Mehrheit ist. Aber es ist natürlich ein schönes Klischee, das sich gut verkaufen lässt: Der große starke Mann, der tagsüber 200 Leute unter sich hat, lässt sich abends verhauen. Mein Partner, der im Job viel Verantwortung trägt, hat früher viel unten gespielt. Für ihn war das ein Ausgleich. Er war froh, wenn er sich mal um gar nichts kümmern musste. Grundsätzlich kann man aber vom wirklichen Leben nicht auf die Rolle beim BDSM schließen.

Was macht für dich den Reiz der Clubsituation aus?
Erst mal hat man natürlich Equipment, das man zuhause nicht hat. Außerdem ist die Atmosphäre toll, vor allem die Geräuschkulisse. Du hörst Schlagwerkzeuge, die auf Haut treffen. Menschen, die vor Lustschmerz und Erregung stöhnen. Es ist nicht so dunkel wie im Swingerclub, weil man sehen muss, was man tut. Wir wollen uns ja nicht verletzen. Wir wollen uns was Gutes tun. Anders ist es auf Kinky Tanzpartys. Da gibt es auch Dark Rooms. Aber das ist eine andere Szene. Nicht nur BDSM, sondern Sexpositiv.
Du hast das Equipment im Club gerade schon angesprochen. Wie muss man sich die Räume vorstellen?
Oft findet man einen Käfig, ein Andreaskreuz, das ist ein aufrechtstehendes X, meistens aus Holz, an das Arme und Beine gefesselt werden können und andere Fesselpunkte. Böcke, auf denen du jemanden festschnallen kannst. Das sind so die Standards. Das „Sadasia“ hat insgesamt vier Spielräume, einer davon ist abschließbar. Auch die Klinikräume sind verschließbar. Das sind Räume, die von der Einrichtung Untersuchungsräumen nachempfunden sind. Eingerichtet mit Schreibtisch, Stuhl, Untersuchungsliege oder Gynstuhl, alles sehr steril und hell. Wie in einem Krankenhaus. Man kann Rollenspiele dort machen, vom Arztgespräch bis zur Behandlung. Aber in der Regel ist es eine offene Situation, in der mehrere Leute gleichzeitig spielen.
Das klingt ja alles schon einigermaßen extrem und die Befürchtung, dass sich nicht alle an vereinbarte Regeln und Absprachen halten und es zu einem Missbrauch kommt, liegt nah. Du sagst, dass du selbst keine Gewalterfahrungen gemacht hast in der Szene. Wie sieht das bei deinem Umfeld aus, was hörst du von anderen?
Ich besuche in Düsseldorf regelmäßig einen Stammtisch, der nur für Subs ist. Manche erzählen dort, dass sie negative Erfahrungen gemacht haben. Ein Klassiker ist, dass Doms wollen, dass alles so läuft, wie sie es ansagen, ohne über Konsens und Mitspracherechte zu sprechen. Nach dem Motto „Wenn du das nicht tust, bist du kein:e Sub, dann können wir das sofort beenden.“ Wenn dann Personen schon jahrelang mit unausgelebten Fantasien unterwegs waren, sind sie schnell bereit, sich auf Dinge einzulassen, die nicht gut für sie sind. Ich habe von körperlichen Übergriffigkeiten gehört, also dass Dom sich nicht an den Rahmen hält, der vorher ausgemacht wurde. Aber eher höre ich etwas von psychischer Manipulation die Sub am Ende gar nicht mehr erkennen lassen, was richtig ist und was im Eigeninteresse und Selbstschutz liegt. Aus meiner Sicht ist das jedoch nichts, was in der BDSM Szene häufiger auftritt als sonst auch. Wir haben den Vorteil, dass auf Stammtisch darüber geredet wird.
Männern passiert es häufiger, dass sie im Internet auf Findoms hereinfallen. „Financial Domination“ wird häufig in den Medien so verkauft, als sei es ein Fetisch und Personen würden einen Lustgewinn daraus ziehen, Dom Geld- und andere Geschenke zu machen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass vor der Forderung von Geld lange in den Beziehungsaufbau investiert wird und die Männer glauben, sie haben wirklich jemanden gefunden, der ihre Fantasien versteht und bedient. Wenn dann nach Geld gefragt wird, ist bereits ein starkes Band der Verbundenheit entstanden und Sub kann kaum noch erkennen, dass es dabei um Ausnutzung geht.
Für den Fall, dass es einem der Spielenden zu viel wird, gibt es das sogenannte Safeword.
Genau, das Safeword sollten Partner:innen zu Beginn ihrer Spielbeziehung individuell festlegen. Wird es ausgesprochen, zeigt es an, dass gerade etwas zu heftig ist und sofort beendet werden muss. Es gibt aber auch ein allgemein gültiges. Das lautet „Mayday“. Wird das auf Partys gerufen, wissen alle Anwesenden, dass da Grenzüberschreitungen stattfinden und sie eingreifen dürfen. Gebraucht wird ein Safeword, weil es zum Spiel gehören kann, dass jemand weint, jammert oder „Nein“ ruft. Das Problem mit dem Safeword ist für mich, dass es erst anzeigt, wenn es nicht mehr geht, wir also in einem Bereich sind, der nicht mehr gut tut. Viel besser ist es meiner Meinung nach, wenn wir schon davor anzeigen können, in welchem Bereich wir uns gerade befinden. Daher spiele ich immer mit einer Skala von 1 bis 10. Mein Spielpartner kann nachfragen, wie stark ich den Lustschmerz oder die Erniedrigung gerade empfinde und kann sein Tun viel besser anpassen. Ich kann ihm auch selbst einen Hinweis geben. Wir wollen ja gemeinsam Spaß haben und niemanden überfordern.
Angenommen, ich würde dich am Tag nach einer Session in der Sauna treffen. Könnte ich dann an deinem Körper Spuren sehen?
Eher nicht. Ich bekomme keine blauen Flecken mehr. Früher war das anders, da hatte ich oft blaue Flecken. Aber heute spielen wir auch anders. Mittlerweile sind Flecken oder Striemen am nächsten Tag nicht mehr zu sehen. Haut scheint sich daran zu gewöhnen. Wenn ich doch mal etwas habe, würde ich an den Tagen nicht unbedingt in die Sauna gehen oder mir ein Handtuch umlegen. Ich möchte andere Menschen nicht verstören. Nicht mit etwas konfrontieren, was sie nicht verarbeiten können. Manche BDSMer:innen sehen das auch anders. Die sagen: Warum soll ich das verstecken? Ich mache ja nichts Verbotenes.
Du hast gesagt, ihr spielt heute anders. Inwiefern?
Früher war ich weniger in der Lage, Grenzen aufzuzeigen. Da haben wir die Wohlfühlebene manchmal verlassen. Trotzdem hatte ich nie das Gefühl, dass ich eine Gewalterfahrung gemacht habe. Auf keinen Fall. Gerade beim Spanking, also dem Schlagen mit Werkzeugen oder mit der Hand, schüttest du unglaubliche Hormonmengen aus. Die Folge ist, dass du den Schmerz nicht mehr stark wahrnimmst und mehr und mehr willst. Ich musste lernen, auch im Hormonrausch des Sub Space zu erkennen, dass wir manchmal einen Gang zurückschalten müssen.
Welche Rolle spielt das Verbale?
Es kann seht erregend sein, Befehle zu erhalten oder ins Ohr geflüstert zu bekommen, was Dom gerade sieht oder mit dir vorhat. Auch Beschimpfungen oder verbale Demütigungen, im vorher abgesteckten Rahmen, können ein wichtiger Teil des Spiels sein. Es gibt aber auch Leute, die im Spiel kein Wort miteinander wechseln. Es ist genauso wie beim Stino-Sex, also dem stinknormalen Sex. Die einen reden miteinander und die anderen nicht.
Wie ist es mit BDSM im Alter? Im Gegensatz zum, ich nehme mal deinen Begriff auf, Stino-Sex braucht es ja fürs Spielen nicht zwangsläufig eine Erektion.
Das Tollste am BDSM ist, dass er so vielfältig ist und auch bei körperlichen Einschränkungen und im hohen Alter praktiziert werden kann. Auf einer Party habe ich mal einen Herrn gesehen, der nach meiner Schätzung weit über 80 war. Er war alleine gekommen und hat zunächst nur anderen beim Spielen zugeschaut. Seine Sehnsucht war regelrecht spürbar. Irgendwann hat ihn jemand gefragt, ob er auch mal geschlagen werden wollte. Wollte er. Als es so weit war, hat er über das ganze Gesicht gestrahlt. Das klingt jetzt vielleicht komisch, aber das hat mir die Tränen in die Augen getrieben. Weil er so glücklich war. Wer weiß, wie lange er diese Wünsche schon mit sich rumgeschleppt hatte. Eine andere Seniorin, die in der Szene sehr bekannt ist, ist in einem ähnlichen Alter, wie der gerade erwähnte Herr, und ist schon lange dabei. Sie kann wunderbar erzählen, wie BDSM in den 60er, 70er und 80er Jahren praktiziert wurde. Nachdem sie eine Weile nicht gesehen wurde, taucht sie seit einiger Zeit wieder bei Stammtischen auf. Es reicht ihr offenbar nicht, mit Leuten ihres Alters über die Enkelkinder zu sprechen.
Wie viele Spielpartner:innen hast du im Laufe der Jahre gehabt?
Vielleicht 25 bis 30. Das sind Menschen, die ich ziemlich gut kenne oder kannte. Daraus haben sich viele Freundschaften entwickelt.
Inwiefern greifen die beiden Welten, also die BDSM-Welt und die „normale“ Welt ineinander? Gehst du mit Leuten aus der Szene auch wandern, besuchst Ausstellungen oder backst Kuchen?
Natürlich. Es gibt Freunde aus der Szene, mit denen mein Partner und ich gemeinsam Urlaub gemacht haben. Ein anderes Paar, das wir über BDSM kennengelernt haben, hat vor einiger Zeit ein Kind bekommen. Die sehen wir jetzt häufiger als früher. Dann ist aber Heititei mit dem Baby angesagt und keine Schlagwerkzeuge. Wenn ich zu einem BDSM-Stammtisch gehe, erzähle ich den Leuten auch von meinem Alltag oder meiner Arbeit.

Im Laufe der vielen Jahre, die du mittlerweile in der Szene bist, hast du viel über BDSM gelernt und gibst mittlerweile zusammen mit deinem Partner Seminare, hältst Vorträge und organisierst u. a. einen Stammtisch für Einsteiger:innen. Warum dieses Engagement?
Ich glaube, dass solche Veranstaltungen gerade für Menschen, die neu im BDSM sind, total wichtig sind. Sie können dort alle Fragen stellen, die sie umtreiben. Je nachdem, wie lange einem das Thema schon beschäftigt, bringt das eine große Erleichterung. Bei mir war es jedenfalls so. Ich kannte viele Sachen schon aus der Praxis, aber ich hatte noch keine Worte dafür. Ich wusste nicht, dass Fesseln Bondage ist oder dass Masochist:innen nicht automatisch devot sind. Es gibt ein ziemlich umfangreiches Fachvokabular. Bei unseren Stammtischen für Einsteiger:innen achten wir bewusst darauf, alle Fachwörter zu erklären.
Bei mir selbst brauchte es übrigens auch viel Überwindung zum ersten Mal einen Stammtisch zu besuchen. Zu der Zeit habe ich mir selbst Druck gemacht. Ich wollte meine Neigung endlich richtig ausleben, mit allem, was dazu gehört. Aber die Vorstellung, mit anderen Menschen, die das schon leben, über meine Sehnsüchte zu sprechen, war für mich einschüchternd und überfordernd. Zu allem Überfluss fand der Stammtisch auch noch in einer Kneipe in meiner direkten Nachbarschaft statt. Letztendlich habe ich mich erst beim vierten Versuch überwunden reinzugehen.
Unser Einsteiger:innen-Stammtisch findet in einem geschützten Rahmen statt. Wir sind in keiner Kneipe mit anderen Gästen am Nebentisch, sondern haben die Räumlichkeit ganz für uns. Niemand muss sich blöd oder unwissend fühlen. Und es gibt keine doofen Fragen. Wir haben immer ein Thema, das wir vorbereiten und sprechen dann gemeinsam darüber. Wer nichts sagen möchte, sagt nichts.
Mit welchen Fantasien kommen die Leute?
In der BDSM-Szene haben alle Fantasien im Kopf. Anfangs sind sie allerdings meist schwammig und unkonkret, die wenigsten haben Worte dafür. Erst wenn die Worte dafür gefunden sind, können die Fantasien sich weiterentwickeln und sicher umgesetzt werden. Manchmal lösen sie sich auch auf, wenn sie konkreter werden. Eine sehr klassische Fantasie ist zum Beispiel die Vergewaltigungsfantasie. Die ist allerdings in der Umsetzung schwierig, denn niemand möchte ja wirklich vergewaltigt werden. Deshalb ist es gut über einen derartigen Wunsch mit anderen Leuten aus der Szene zu sprechen, zum Beispiel bei einem Stammtisch. Hinter einer Vergewaltigungsfantasie kann sich viel verbergen. Der Wunsch nach Unterwerfung oder Kontrollverlust, nach einer härteren Gangart als man es bisher erlebt hat oder der Wunsch gedemütigt zu werden. Das muss man erst mal herausfiltern.
Ich würde gerne auf einen anderen Punkt kommen. Die Tabuisierung. BDSM ist ja nichts, womit man hausieren geht. Ich für mein Teil kenne außer dir keine Menschen, die sich offen dazu bekennen. Aber auch du gibst dieses Interview unter einem geänderten Namen.
Das ist ein Punkt, der mich sehr beschäftigt. Viele haben bei BDSM ja direkt das RTL2-Klischee vor Augen: in schwarzes Leder gekleidete Menschen dreschen grimmig aufeinander ein. Das ist aber in der Realität absolut nicht so. Meine Erfahrung ist, dass wir in der Szene sehr höflich, fröhlich und das Gegenüber akzeptierend sind. Ich finde es schade, dass BDSM so tabuisiert wird. Wenn ich beispielsweise gefragt werde, wie mein Wochenende war, lautet meine Standard-Antwort: „Ich habe mich mit Freunden getroffen.“ BDSM ist ein großer und wichtiger Teil meines Lebens, der mich erfüllt. Oft geht es dabei nicht um Sexualität. Ich lerne in der Szene tolle Menschen kennen. Trotzdem kann ich den Leuten aus meinem „normalen“ Leben nichts davon erzählen. Oder nur ganz wenigen.
Ich habe auch länger darüber nachgedacht, ob ich hier meinen Namen nennen mag oder mich auf einem Foto zu erkennen gebe, habe mich aber dagegen entschieden. Ich befürchte, dass es unter Menschen, die BDSM nicht verstehen und mit Gewalt verwechseln, Personen gibt, die die Tatsache, dass ich Sub bin, damit verwechseln, dass ich Freiwild bin.
Du hast deine Kinder schon erwähnt. Sie sind mittlerweile erwachsen und aus dem Haus. Wissen sie von deiner Neigung?
Ja, sie sind informiert, aber sie fragen nicht nach mehr.
Und deine Eltern. Hast du die eingeweiht?
Um Gottes Willen, nein. Die würden das nicht verstehen. Die Mutter meines Partners ist da etwas lockerer. Einmal fragte sie nach, warum wir nach Hamburg fahren und wir erzählten ihr, dass wir dort einen Fessel-Workshop besuchen würden. Einen Tag später rief sie an und erklärte uns, dass mit dem Fesseln sei gut und schön, aber dass wir dabei nicht knebeln sollten. Das wäre nämlich sehr gefährlich. Wir versprachen ihr, das nicht zu kombinieren.
Von deiner Familie jetzt mal abgesehen: Könntest du dir vorstellen, mit dem Thema BDSM irgendwann offener umzugehen?
Vielleicht. Vor fünf Jahren hätte ich mir auch nicht vorstellen können, dass ich dir ein Interview gebe und Vorträge halte. Aber solange BDSM für die Leute so stark mit Vorurteilen behaftet ist, wohl eher nicht.
1 Kommentar
KommentierenDanke Dir, Johanna für Deine achtsame Offenheit!
Und Euch fürs veröffentlichen und interessieren!
Denn nur so werden wir die Vorurteile allmählich abbauen können…
Auch mir/uns halfen Johanna und ihr Partner und weitere offene BDSM-ler sowie Stammtisch-Besuche und Workshops anfangs in die Terminologie und die Szene hineinzukommen, Worte und unseren Weg zu finden für etwas, was in mir ist seit ich mich erinnern kann.
Nun haben wir Worte und Offenheit und ein neuer Lebensabschnitt begann damit… der unglaubliche schön und erfüllend ist.