Schere schneidet Papier. Letzter Gruß an Pamela Granderath

Hinweis: Dieses Porträt stammt aus dem Jahr 1999 und erschien erstmals im Stadtmagazin „coolibri“. Pamela Granderath ist vor einigen Tagen nach kurzer schwerer Krankheit verstorben.

Hinter dem Schaufenster von Holli 199 beginnt das Paralleluniversum. Draußen fällt spätherbstlicher Nieselregen, auf dem Gehweg liegt Hundekot. Drinnen ist es überwiegend orange. Jede Menge Klumperquatsch lange vergangener Jahrzehnte füllt den Raum. Aus den Boxen kommen unaufdringliche elektronische Klänge. Es ist kurz nach 20 Uhr. Einige Menschen hocken auf Sitzmöbeln und pflegen Konversation. Eine Frau hat noch zu tun. Mit Schere und Kamm bearbeitet Pamela Granderath einen Kundenkopf. Die Schere klappert leise, es wird wenig gesprochen. Vielleicht entstehen im Kopf der Friseurin gerade neue Texte. Kurze Geschichten. Oder Lyrik. Denn Pamela Granderath ist eine Schreibende. Als solche erhielt sie Anfang Dezember den Förderpreis der Stadt Düsseldorf in der Sparte Literatur.

Haare lassen
Irgendwann läßt die Frau mit der Rasierpinsel-Frisur die Schere sinken. „Tust du mir noch’n bißchen Schmiere rein”, bittet der Kunde. Macht sie. Nimmt ihm den Umhang ab, wäscht sich die Hände und fegt das gelassene Haar zusammen. “Einen Azubi habe ich leider nicht”, seufzt Pamela. Sie spricht mit warmer Stimme, lispelt ein bißchen. Es ist fast halb neun, als ihr Arbeitstag endlich beendet ist. “Seit ich hier arbeite, hat das Schreiben schon gelitten”, bedauert sie, im letzten Jahr habe sie überwiegend Texte für Slams geschrieben. Auch da war sie recht erfolgreich. Mit dem Düsseldorfer Team belegte sie bei den deutschen Slam Meisterschaften in Weimar den zweiten Platz. Die Texte für das Slam-Publikum gestalte sie bewußt anders: “Ich versuche, die Leute zum Lachen zu bringen.“ Zu Auftritten bei großen Slams gehört natürlich auch ein spezielles Bühnenoutfit. “Da sehe ich schon anders aus als jetzt”. Jetzt trägt sie Jeans und Turnschuhe zum blauen Kapuzenpulli. In Weimar steckte sie in einem braunen Boss-Anzug aus den siebziger Jahren und einem gelben T-Shirt mit japanischen Motiven. Das Publikum dankt es ihr. Meistens jedenfalls. “Die Geschichten fand ich gut, aber die Betroffenheitslyrik kannst du in der Schublade lassen” hat mal jemand nach einem Slam bemerkt. Sie zuckt die Schultern – ihr doch egal.

Haar Haar
Bei einem Glas Orangensaft, das wunderbar mit der überwiegend orangen Umgebung korrespondiert, erinnert sich die 32-Jährige an ihr Frühwerk. Textliches zu Themen wie “Jungs sind doof” oder “Saurer Regen” brachte sie damals zu Papier. Ein “richtiger Öko” sei sie gewesen, bekennt die Literatin, inklusive Wollsocken, Tee und Umweltpapier. Später verfaßte Granderath dann Kurzgeschichten für ihre jüngere Schwester, den Kreis der Familie hat ihr Selbstgeschriebenes dennoch lange Zeit nicht verlassen.
Granderath kommt aus einer großen Familie, hat insgesamt drei Geschwister. Die Eltern zeigten den Kindern schon früh andere Welten, packten ihre Schützlinge in den familieneigenen VW-Bus und reisten mit ihnen quer durch Europa. “Einmal sind wir sogar bis nach Saudi Arabien gefahren”, erzählt Pamela und gibt bis heute der Sehnsucht nach der Ferne immer wieder nach. In regelmäßigen Abständen verläßt sie Düsseldorf mit geschultertem Rucksack, bevorzugt gen Mittelamerika. Guatemala mag sie, Mexiko und Belize.

Schnittmenge
Trotzdem ist Granderath immer wieder zum Friseurhandwerk zurückgekehrt. Und auch dem Texten ist sie über die Jahre treu geblieben, vorerst jedoch im stillen Kämmerlein. Bis sie Mitte der neunziger Jahre den Düsseldorfer Autor und Kunststudenten André Ronca kennenlernte, der einen Verein zur Förderung von Kunst und Literatur ins Leben gerufen hatte: Art Connection. Verbindungen zwischen unterschiedlichen kulturellen Sparten wollte Art Connection schaffen, Lesungen organisieren in Kombination mit Ausstellungen, Performances und Musikalischem. Außerdem hatte Ronca die Reihe Pit Stop Publications gestartet, in der im Jahre 1995 unter dem Titel “gib mir Ruhe” die erste Veröffentlichung von Pamela Granderath erschien. Kurz darauf absolvierte sie ihr Lesungsdebut gemeinsam mit Ronca und Thomas Hoeps. In der „Rheinischen Post“ gab es damals einen von Gerda Kaltwasser verfaßten Artikel zu dem Leseabend, in der die männlichen Kollegen, beide damals bereits Förderpreisträger, in vielen Zeilen gewürdigt wurde. “Über mich stand da ein Satz”, erinnert sich Pamela. “Mach dir nichts draus, irgendwann gewinnst du den Förderpreis, dann schreibt Gerda Kaltwasser auch über dich”, tröstete seinerzeit Kollege Ronca. Als hätte er was geahnt. Bei der Verleihung der Förderpreise Anfang Dezember hält eben jene Gerda Kaltwasser auf eigenen Wunsch die Laudatio für Pamela Granderath.

Radikalschnitt
Im Februar 97 stirbt André Ronca. “Ich habe noch nie einen Menschen verloren, der mir so nahe stand”, sagt Granderath. Nach dem Tod des geschätzten Kollegen kann sie eine ganze Zeit lang nicht schreiben. Dennoch entschließt sie sich, das, was Ronca mit Art Connection begonnen hat, fortzuführen und übernimmt die Geschäftsführung des Vereins. Noch im Herbst desselben Jahres initiiert sie eine Lesungsreihe im WP 8, die bis heute Bestand hat und Autoren wie Ralf Blaha, Philipp Schiemann, Uta Jung oder Stan La Fleur ein Forum geboten hat. Granderath beantragt Fördergelder, verschickt Pressemitteilungen und legt ein Autoren-Archiv an. Als sie von den Erfolgen einzelner Kollegen erzählt, leuchten ihre Augen. Dennoch will sie in Zukunft wieder mehr an ihrem Fortkommen arbeiten. Mit den 6000 Mark Preisgeld möchte sie eine Auszeit finanzieren, in der sie sich wieder mehr dem Schreiben widmen kann. Zumindest nachts. Denn tagsüber habe sie nicht die nötige Ruhe, erklärt Granderath, “nur nachts kann ich nichts verpassen”.

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