Nadelstiche. Über die Stickerin Kerstin Fröse

Wenn Kerstin Fröse auf einer Party gefragt wird, was sie beruflich macht, hat sie zwei Möglichkeiten: Sie antwortet „Ich arbeite in der Altenpflege.“ Die Geschichte ist ziemlich schnell erzählt. Oder sie nennt den Beruf, in dem sie vor rund 25 Jahren ausgebildet wurde. Die Geschichte ist erklärungsbedürftiger. Fröse ist gelernte Stickerin.

Als Kind hatte sie natürlich andere Pläne: „Ich wollte Archäologin werden“, erzählt die 47-Jährige. Fröse sitzt in der gemütlichen Oberbilker Dachgeschosswohnung direkt um die Ecke vom „Bahndamm“-Bordell, in der sie seit rund zehn Jahren mit ihrem Mann lebt. Dunkle Holzbalken, zahlreiche Pflanzen auf den Fensterbänken. Eine gut sortierte Hausbar. Und eine wahnsinnig umfangreiche Plattensammlung. Fröse hat auf dem Sofa Platz genommen – und macht einen auffällig geraden Rücken. Um die schmalen Schultern hat sie eine Häkelstola geschlungen. Stammt noch von ihrer Mutter, aus den Siebzigern. Die Tochter hatte es zunächst gar nicht so mit Handarbeiten, obwohl sie zu der Generation gehört, die das in der Grundschule noch beigebracht bekam. Sie habe damals allerdings mehr gemalt und gezeichnet, „und Broschen aus Fimo habe ich gemacht“. Der Berufswunsch der Archäologin scheiterte letztendlich am Latinum. Eine Alternative musste also her. Kreativ sollte der Job in jedem Fall sein. Fröse absolvierte ein Praktikum in einer Konditorei, spielte eine Zeit lang mit dem Gedanken, Ergotherapeutin zu werden.

Foto: Johanna Reinhart

In dieser Phase des Suchens und Orientierens stieß sie auf eine Anzeige, in der ein Ausbildungsplatz in einer Paramentenstickerei angeboten wurde. „Da konnte ich mir erst mal nichts drunter vorstellen.“ Sie ließ sich dennoch darauf ein – und nach einer Woche Praktikum stand fest: Genau das wollte sie machen. Der Kaiserswerther Betrieb, in dem sie ihre dreijährige Ausbildung zur Stickerin absolvierte, war zu der Zeit noch Teil des Diakoniewerks. Seit 1928 entstanden in der Werkstatt in erster Linie bestickte Textilien für die Innenräume evangelischer Kirchen. Sogenannte Paramente. Solche, die auf dem Altar liegen, die Kanzel schmücken oder das Redepult. „Früher wurden solche Stickarbeiten von Diakonissen erledigt“, weiß Fröse. Überhaupt sei der Beruf eine absolute Frauendomäne. „In unserer Werkstatt gab es einmal einen männlichen Praktikanten. Das war ein junger Mönch.“ Er blieb aber über all die Jahre die absolute Ausnahme. Ähnlich wie der Mönch war auch Fröse für das Umfeld eine eher ungewöhnliche Erscheinung. Optisch orientierte sie sich, man schrieb die Neunziger Jahre, zunächst am Grunge, später dann mehr und mehr am Punk. „Ich trug ausschließlich Army-Klamotten, dazu martialischen Schmuck und Nietenarmbänder. Meine Haare waren nur ein paar Millimeter lang“, erinnert sie sich. Am Wochenende war sie viel auf Demos unterwegs. Und auf Konzerten. „Montags sah ich dann oft nicht gerade taufrisch aus, sehr zum Leidwesen meiner Chefin.“ Später ging Fröse auf Teilzeit. Der Montag wurde ihr freier Tag, so konnte sie sich von den kraftraubenden Wochenend-Aktivitäten regenerieren. Auch wenn ihr der Betrieb, in dem man sich mit Veränderungen schwer tat, manchmal etwas gegen den Strich ging, hatte sie, was die eigentliche Arbeit anging, längst Blut geleckt.

Wandschmuck in Fröses Wohnung, Foto: Markus Luigs

In den zweieinhalb Jahrzehnten, die Fröse mittlerweile stickt, hat sie gelernt, dass die Stickerei ein weites Feld ist. „Das Erste, was du lernst, ist natürlich der Kreuzstich. Den kennt ja so ziemlich jeder.“ Allein 40 Techniken musste Fröse innerhalb ihrer Ausbildung erlernen. Ihr Gesellenstück, das heute noch im Arbeitszimmer ihrer Oberbilker Dachgeschoss-Wohnung hängt, zeigt 20 verschiedene Stiche, darunter Nadelspitze, Nadelmalerei, Trapunto-, Perlen-, Gold- oder Bullionknoten-Stickerei. Die verwendeten Materialien variieren dabei je nach Stichart. Gobelin-Stickerei, wie man sie von entsprechenden Wandbildern oder auch Kissenbezügen kennt, wird zum Beispiel mit Wolle ausgeführt. In Kaiserswerth werden die Stickereien hingegen in erster Linie auf Leinen, das eigens für die Werkstatt gewebt wird, aufgebracht. Garne werden ebenfalls aus Leinen gesponnen. Während man früher mit wenigen Materialien ausgekommen sei, habe mittlerweile – auch auf Fröses Betreiben hin – zusätzliche Werkstoffe Einzug gehalten. „Wir verwenden auch Filz, handgefärbte Seide, Perlen, Steine, Holz, Metall oder Glas.“ Auch was das angeht, habe man sich von alten Konventionen befreit. „Die Arbeiten sind künstlerischer geworden.“

An einem hat sich in zweieinhalb Jahrzehnten, die Fröse in dem Bereich arbeitet, nichts geändert: Bis heute sind die Auftraggeber der Kaiserswerther Paramentenwerkstatt fast ausschließlich Kirchengemeinden, überwiegend aus NRW. Wenn eine Gemeinde einen neuen Textilschmuck für Kirche, Gemeindesaal, Krankenhaus- oder Gefängniskapelle wünscht, kommen zunächst mal mehrere Gemeindevertreter im Atelier vorbei, bei schwierigen Räumen werden auch Vor-Ort-Termine absolviert. Ideen und Wünsche werden zusammengetragen. Entwurfsskizzen, Stoff- und Garnproben gezeigt. Die anschließende Abstimmung innerhalb der Gemeinde nehme viel Zeit in Anspruch, erzählt Fröse: „Die Prozesse dauern oft sehr lange, manchmal Jahre.“ Ihr macht das nichts aus. Das Sticken hat sie Geduld gelehrt. Wenn sie „rappelig“ ist, setzt sie sich einfach eine Stunde an den Stickrahmen – und kommt dann umgehend runter: „Das ist auch wichtig für die Arbeit. Dass man nicht ständig schaut, was bei Facebook los ist. Oder dauernd das Mobiltelefon klingelt.“ Praktikanten haben in der Kaiserswerther Werkstatt grundsätzlich Handyverbot. Allein das Radio untermalt die Arbeit der Stickenden. Alles andere ist Schweigen und Konzentration.

Da die Auftraggeber der Werkstatt in erster Linie aus dem kirchlichen Bereich kommen, ist Hintergrundwissen zum Christentum eine der Grundvoraussetzungen für Kerstin Fröses Beruf. Die Farbgebung der Paramente orientiert sich am Farbkreislauf des Kirchenjahrs: Schwarz für Karfreitag, Weiß für Oster- und Weihnachtsfest, Violett für Advent und Passionszeit, Rot für Pfingsten, Erntedank und Reformationstag und Grün für die festlose Zeit nach Pfingsten, die sogenannte Trinitatiszeit. Was die Motive angeht, spiele die Zahlensymbolik eine wichtige Rolle: immer wiederkehrende Zahlen seien die 3 wegen der Dreifaltigkeit, die 7 oder die 12. Früher, als sie in den Beruf einstieg, habe man sich noch überwiegend aus einem Katalog bewährter Motive bedient, erzählt Fröse. Dazu zählten Traube, Lamm, Flammen, Ähren oder Regenbogen. „Mittlerweile arbeiten wir abstrakter. Wir versuchen, die tradierten Bilder durch eine modernere Bildsprache abzulösen.“

Die Auftragslage in der Kaiserswerther Werkstatt ist generell gut. „Zu tun ist eigentlich immer etwas.“ Mit Ausnahme der Corona-Zeit vielleicht. „Das hat man natürlich auch bei uns gespürt. Da fanden ja lange keine Gottesdienste statt, die Gemeinden hatten andere Sorgen.“ Dass die Auftragsbücher normalerweise gut gefüllt sind, liegt natürlich auch daran, dass es in Deutschland nicht mehr viele Werkstätten gibt, die derartige Arbeiten von Hand ausführen können, längst haben vielerorts Stickmaschinen Einzug gehalten. Seit die Werkstatt 2009 von der Diakonie aufgegeben wurde, führen Kerstin Fröse und eine langjährige Kollegin sie in eigener Verantwortung weiter. Gemeinsam arbeiten sie auf 22 Quadratmetern, mit 6 Quadratmetern Lagerraum. 20 Stunden in der Woche pflegt Kerstin Fröse mittlerweile alte Menschen. Rund 15 verbringt sie am Stickrahmen. In letzter Zeit überlegt sie häufiger, wie ihr Leben verlaufen wäre, wenn sie das Latinum geschafft hätte und Archäologin geworden wäre. Trotzdem mag sie den Beruf, für den sie sich vor einem Vierteljahrhundert entschieden hat, immer noch. „Mir gefällt, dass man das Ergebnis der eigenen Arbeit minütlich wachsen sieht.“ Je nach Garn und Untergrund schafft sie schon mal zehn Quadratzentimeter in der Stunde. Für sie ist das viel. Sie ist ja geduldig.

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