Ilsabe und Gerolf Schülke im Interview – „Nicht der Förderverein eines privaten Investors“

Der Kulturbahnhof Eller ist ein Kleinod, wie es sie in Düsseldorf nur selten gibt. Der alte Wartesaal mit seinen meterhohen Decken, dem offenen Gebälk und dem Dielenfußboden wird mittlerweile seit fast vier Jahrzehnten für Ausstellungen und Veranstaltungen genutzt. Aufgebaut haben das Projekt zwei Kunsterzieher, die mittlerweile im Ruhestand sind: Gerolf und Ilsabe Schülke. Ihr untrügliches Gespür für interessante Themen und vielversprechende Künstler haben die beiden in den vier Dekaden immer wieder unter Beweis gestellt. Derzeit fürchten sie allerdings um ihr Lebenswerk. Die Stadt spielt mit dem Gedanken, den sanierungsbedürftigen Bau an einen Investor zu verkaufen. Nach der Brause könnte also schon bald der nächste mit viel Liebe und Eigeninitiative etablierte Kulturort verschwinden. theycallitkleinparis hat mit Ilsabe und Gerolf Schülke gesprochen.

Aus welchem Jahr stammt das Bahnhofsgebäude in Eller?
Ilsabe Schülke: Aus dem Jahr 1872.

Bis wann fungierte es als Bahnhof?
Ilsabe Schülke: Ungefähr 100 Jahre lang. Nach dem Ausbau der S-Bahn-Strecke gab die Bahn das Gebäude auf.

Heute beherbergt der Bau den Kulturbahnhof Eller. Wie werden die Räume genau genutzt?
Gerolf Schülke: Zum einen ist der ehemalige Wartesaal mit Nebenraum eine rund 140 Quadratmeter große Ausstellungs- und Veranstaltungsfläche, nebenan gibt es ein behelfsmäßiges Büro in einer ehemaligen Toilette. Zum anderen befinden sich im roten Kerngebäude vier Künstler-Ateliers, unter anderem auch die von meiner Frau und mir.

Seit wann haben Sie beide Ihre Ateliers hier?
Ilsabe Schülke: Seit Mitte der 1970er Jahre. Damals waren wir auf das Gebäude, das zu der Zeit noch der Bahn gehörte, aufmerksam geworden. Wir haben dann die obere Etage gemietet, um darin als Künstler zu arbeiten. Zu der Zeit hieß es noch, das Gebäude solle abgerissen werden. Hier nebenan existierte ja ein großer Güterbahnhof. Dessen Gelände erstreckte sich vom Bahnhofsgebäude aus bis zur Autobahn.

Wie haben Sie den Abriss des Bahnhofsgebäudes verhindert?
Ilsabe Schülke: Wir wandten uns an den Landkonservator Rheinland in Bonn und baten ihn, zu prüfen, ob das Gebäude unter Denkmalschutz gestellt werden könnte. Tatsächlich wurde es das dann auch.

Wann kaufte die Stadt das Gebäude von der Bahn?
Gerolf Schülke: Das war 1984. Wir hatten zum damaligen Zeitpunkt bereits mehrere gut besuchte Ausstellungen in unseren Ateliers realisiert, um die Eignung des Gebäudes als Kulturinstitution und den Bedarf zu belegen. Anfangs haben wir zusätzlich zu unserer Arbeitskraft auch viel eigenes Geld in den Kulturbahnhof gesteckt. Wir wurden ja nicht von Anfang an gefördert oder wenn, dann höchstens projektbezogen. Ein Jahr nach dem Ankauf durch die Stadt wurde unser Förderverein gegründet, der seit 2002 auch Betreiber des Kulturbahnhofs ist.

Mittlerweile wird der Kulturbahnhof Eller schon lange vom Kulturamt gefördert. Wie viele Ausstellungen finden pro Jahr bei Ihnen statt?
Ilsabe Schülke: 2019 waren es insgesamt sechs Ausstellungen, die wir realisiert haben. Dazu kommt das Sommeratelier, das es mittlerweile auch schon seit 25 Jahren gibt. Dafür kann man sich allerdings nicht bewerben. Sondern wir laden gezielt Künstler ein.

Wie würden Sie das Ausstellungsprogramm beschreiben?
Gerolf Schülke: Wir machen bewusst ein sehr abwechslungsreiches Programm, das den gesamten Bereich der Bildenden Künste umfasst, von Fotografie über Zeichnung, Malerei, Grafik bis zur Architektur. Daneben gibt es von Zeit zu Zeit historische Themen, beispielsweise über historische Fotografie, und solche mit sozialem Schwerpunkt, wie etwa eine Ausstellung über Düsseldorfer Siedlungen und Wohnbauten der 1920er Jahre. Die Themen wechseln deutlich von einer Ausstellung zur folgenden, aber die Themenstränge tauchen in gewissem Abstand wieder mit neuem Inhalt auf. Es ergibt sich so ein inhaltliches Geflecht und eine spürbare ästhetische Kontinuität des Programms. Ein Jahresprogramm muss als Ganzes genau so sorgfältig komponiert werden wie eine einzelne Ausstellung darin.

Sie haben schon früh Studenten von Kunsthochschulen die Möglichkeit gegeben, ihre Arbeiten zu zeigen. Mittlerweile haben einige der Künstler, die sie jung ausgestellt haben, selber Professuren an Kunsthochschulen. Können Sie da mal ein paar Beispiele nennen?
Gerolf Schülke: Seit 1982 haben wir Arbeiten von etwa 800 Künstlerinnen und Künstlern gezeigt, darunter hatten manche schon eine Professur, als sie bei uns ausstellten, wie Heerich, Becher, Schwegler, viele andere bekamen sie später. Nur als Beispiel: Von den eingeladenen Künstlern aus fünf der ersten sechs Sommerateliers in den 1990er Jahren wurde mindestens jeweils einer später Professor, die beiden allerersten leiten seit langem die Kunstakademie Münster. Wir möchten hier keine einzelnen Namen nennen, wir haben es auch nicht nachgezählt. Es ist ja nicht unser Verdienst, dass diese Künstlerinnen und Künstler Erfolg hatten oder haben. Bei jungen Leuten sieht man oft früh, wie gut sie werden können. Gerade für sie sind deshalb Ausstellungsmöglichkeiten ohne kommerzielle Nebengedanken so wichtig.

Wer kuratiert die Ausstellungen im Kulturbahnhof?
Ilsabe Schülke: Das machen großenteils wir beide oder Mitglieder aus dem Vorstand. Manchmal können wir auch Gastkuratoren bezahlen und gelegentlich haben wir Ausstellungsübernahmen von anderen Kulturinstituten. Wir haben aber auch schon eigene Ausstellungen an andere Institute weitergegeben, zweimal wurden sogar schon komplette Ausstellungen von Museen angekauft.

Mit welcher Summe unterstützt die Stadt das Projekt pro Jahr?
Gerolf Schülke: Seit der Übergabe des Betriebs an unseren Verein hat die Stadt ihren Zuschuss in mehreren Stufen etwas erhöht, durchschnittlich um 500 Euro jährlich, sodass wir für 2019 insgesamt 51.000 Euro vom Kulturamt bekommen haben. Das ist etwa die Hälfte dessen, was ein komplett zu bezahlender Betrieb kosten würde. Die andere Hälfte trägt unser Verein durch seine ehrenamtliche Arbeit. Für das Jahr 2020 haben wir aber etwas mehr beantragt – und auch bekommen.

Im Vergleich zu großen Museen ist das natürlich trotzdem eine überschaubare Summe. Was planen Sie an Programm für dieses Jahr?
Ilsabe Schülke: Derzeit läuft eine Ausstellung des russischen Fotografen Danila Tkachenko. Seine Arbeiten werden bis zum 23. Februar zu sehen sein.

Das Gebäude ist mittlerweile fast 150 Jahre alt und entsprechend sanierungsbedürftig. Sowohl im Sanitärtrakt auf der rechten Seite als auch im linken Anbau sind bereits Stützpfeiler angebracht. Die Stadt hat ein Gutachten in Auftrag gegeben, das die Kosten für die Sanierung auf 2,1 Millionen schätzt. Was genau muss denn gemacht werden, wurde das offengelegt?
Ilsabe Schülke: Von den angeblichen Gutachten der Stadt ist noch nie etwas an die Öffentlichkeit gelangt. Allerdings wurde die Summe von 2 Millionen plus schon mindestens zwei Jahre vor Beginn der Schadensaufnahmen genannt. Die Leiterin des Kulturamtes hat die Zahl auch selbst ein „Totschlagargument“ genannt. Da scheint was dran zu sein.

Halten Sie die Summe für realistisch?
Gerolf Schülke: Auf keinen Fall. Immerhin ist der rote Kernbau, also der ursprüngliche Bahnhof ohne die späteren Anbauten, im Laufe der drei Jahrzehnte nach und nach saniert worden. Ebenso der alte Wartesaal, also der jetzige Veranstaltungsraum. Dafür hat die Stadt nach unserer Schätzung ungefähr so viel ausgegeben, wie die Künstler bisher an Ateliermiete an sie gezahlt haben. Diese Arbeiten sind nicht in allen Teilen zu Ende geführt worden, aber es verbleiben eben nur noch Teilschäden zu beseitigen. Vollständig sanierungsbedürftig sind allerdings die seitlichen Anbauten, der Sanitärtrakt muss sogar abgerissen und durch einen Neubau ersetzt werden. Eine Planung dafür gibt es aber noch nicht.

Der Förderverein des Kulturbahnhofs hat ebenfalls ein Gutachten erstellen lassen. Was hat das ergeben?
Gerolf Schülke: Für die restliche Sanierung des Hauptgebäudes und die Gesamtsanierung des linken Anbaus kalkuliert unser Gutachter rund 320.000 Euro. Die Kosten für den Sanitärtrakt wurden nicht berechnet, weil es dafür noch keine Planungsvorgaben gibt. Das Gutachten ist vom Frühjahr 2017.

Bereits seit Jahren haben Sie die Befürchtung, dass die Stadt, um die Sanierungskosten nicht selber tragen zu müssen, das Gebäude veräußern könnte. Vor drei Jahren gab es einen Kauf-Interessenten, das hat die Stadt auf Ihre Anfrage hin auch bestätigt. Bis heute ist das Gebäude aber in städtischem Besitz. Gibt es derzeit Interessenten?
Ilsabe Schülke: Die Kulturverwaltung sagt nein. Das ist aber unwahrscheinlich, weil es für ein so schönes historisches Gebäude immer Interessenten gibt. Sobald ein Verkaufsbeschluss für das Gebäude vorliegt, wird auch ein Investor auf der Matte stehen.

Und wie wollen die die Räume nutzen, wissen Sie das?
Gerolf Schülke: Kulturpolitik und Verwaltung sprechen nicht offen darüber. Der erste Interessent hatte offenbar das Konzept, den roten Kernbau in Büros für Startup-Firmen umzuwandeln. So stand es zumindest in der Zeitung. Das Etikett Kulturbahnhof soll aber wohl bleiben, um das Image der Immobilie zu erhalten. Falls ein Investor als Käufer oder Pächter die Nutzung an einen anderen Mieter überträgt, hat die Stadt unseres Erachtens ohnehin kaum noch Mitspracherecht hinsichtlich der Nutzung.

Ist es denkbar, dass auch unter einem neuen Besitzer die Ausstellungsräume mit dem jetzigen Konzept fortbestehen?
Gerolf Schülke: Der Kulturbahnhof Eller wurde als kulturpolitisches Modellprojekt geplant und gegründet und er wird von uns auch so betrieben. Ein fundamentaler Bestandteil des Konzeptes ist die Einheit von Kunst-Produktion in den Ateliers und Kunst-Vermittlung im öffentlichen Teil. Jede Umwandlung der Ateliers in kommerzielle Büros zerschlägt das Modell Kulturbahnhof. Er würde zu einem Showroom in einem Bürohaus reduziert. Jeder Investor ist vor allem an Rendite interessiert, nicht an einem kulturellen Modell. Die Stadt will uns einreden, sie würde den Kulturbahnhof auch unter einem Investor erhalten und weiterhin fördern. Das ist bloße Rhetorik. Wir machen da auf keinen Fall mit, wir sind nicht der Förderverein eines privaten Investors.

Wie sähe in Ihren Augen die ideale Zukunft des Kulturbahnhofs aus?
Gerolf Schülke: Die Argumentationsfigur des alternativlosen Investors ist absolut unglaubwürdig. Sie ist eher die Folge administrativer Einfallslosigkeit oder politischer Gleichgültigkeit. Die meisten Entscheidungsträger über die Zukunft des Kulturbahnhofs Eller haben ihn noch nicht einmal gesehen. Wir würden uns natürlich wünschen, dass das Gebäude in städtischem Besitz bleibt, dass die notwendigen Sanierungsarbeiten durchgeführt und wir in Zukunft vielleicht mit einer angemesseneren Summe gefördert werden. Wir würden uns wünschen, dass man das jahrzehntelange Engagement unseres Vereins anerkennt und würdigt.
Ilsabe Schülke: Bereits im Jahr 2011 haben wir ein Konzept für eine Druckwerkstatt erarbeitet, die wir uns für den linken Anbau des Gebäudes wünschen würden. Viele andere Städte verfügen über ein solches Angebot, Düsseldorf leider nicht. Meinem Mann und mir gehören acht Druckerpressen, darunter mehrere historische aus dem 19. Jahrhundert, die wir Düsseldorfer Künstlern gerne für ihre Arbeit zur Verfügung stellen würden. Eine entsprechende Nachfrage, das haben wir bereits überprüft, wäre durchaus da. Derzeit sieht es aber eher danach aus, dass die Stadt diesen Teil des Gebäudes einfach verrotten lässt, bis irgendwann der Denkmalschutz nicht mehr greift und ein Investor abreißen und neu bauen kann.

Sie haben im Dezember Post von Kulturdezernent Hans-Georg Lohe bekommen. Was hat Herr Lohe Ihnen mitgeteilt?
Gerolf Schülke: Er gehe davon aus, dass Anfang 2020 eine politische Entscheidung über die Zukunft des Kulturbahnhofes getroffen wird.

Wie sehen Sie der Entscheidung entgegen?
Gerolf Schülke: Sehr pessimistisch.

Danila Tkachenko: Fotografische Projekte, bis 23.2., Kultur Bahnhof Eller, Vennhauser Allee 89, Düsseldorf, Di-So, 15-19 Uhr

Das sagt die Kulturverwaltung zum Thema.

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