Kein Chichi. Nur Düsseldorf.

Alexandra Waierstall im Interview – „Ich arbeite gerne mit Gegensätzen“

Alexandra Waierstall, Foto: Jörg Letz

Wer 2016 die Solo-Ausstellung von Rita McBride in der Düsseldorfer Kunsthalle gesehen hat, erinnert sich mit Sicherheit noch an ihre Arbeit „Arena“, eine monumentale Skulptur aus Sperrholz und Kevlar, die damals das Herz der Schau bildete. Nun zieht McBrides Arbeit erstmals aus dem musealen Kontext in einen Bühnenraum um. Ab Donnerstag ist sie Teil der neuen Choreografie von Alexandra Waierstall. „Bodies and Structure“ heißt das Stück, das an drei Abenden hintereinander im Tanzhaus NRW zu erleben ist. theycallitkleinparis hat während der heißen Probenphase mit Waierstall gesprochen.

 

Für deine neue Choreografie „Bodies and Structure“ hast du gemeinsame Sache mit der Künstlerin und ehemaligen Akademie-Rektorin Rita McBride gemacht. Wie kam es zu der Zusammenarbeit?
2016 hat mich Mischa Kuball eingeladen, im Rahmen der „Time Based Academy“ ein Solo zu zeigen, „Sounding Silence“ hieß das. Damals lief gerade Rita McBrides Solo-Ausstellung in der Kunsthalle, in deren Rahmen auch die „Arena“ zu sehen war. Kuball wollte gerne, dass ich meine Arbeit in der „Arena“ zeige. Die Zuschauer sollten auf der halbrunden Tribüne sitzen und von dort aus auf den Tänzer schauen. Als ich in den Ausstellungsraum kam, sah ich, dass die Arena so groß war, dass im Verhältnis dazu der Körper des Tänzers sehr klein gewirkt hätte. Deswegen habe ich Kuball gefragt, ob wir das Ganze umkehren könnten, ob also der Tänzer auf der „Arena“ sein könnte und die Zuschauer sich selber entscheiden, wo sie sitzen, aus welcher Perspektive sie also die Arbeit betrachten möchten. So haben wir es dann letzten Endes auch gemacht. Die Zuschauer haben sich entschieden, das Ganze auf dem Boden sitzend zu erleben. Am Tag der Aufführung war auch Rita McBride da. Sie war sehr berührt von dem Solo. So entstand der Wunsch, etwas zusammen machen – mit der „Arena“.

Arena © Archive Rita McBride and Pablo Mason, 2014

In „Bodies and Structure“ begegnen die Körper der zehn beteiligten Tänzer einander sowie auch der „Arena“ von McBride. Wie ging die Entwicklung des Stücks vonstatten?
Wir waren mit der „Arena“ im vergangenen Jahr in der Kunsthalle Mannheim, zur Eröffnung des Museumsneubaus. Im Vorfeld der Aufführung hatten wir die Möglichkeit, die „Arena“ im Sommer zwei Monate lang als Labor zu benutzen, sozusagen als unser Studio. In der Zeit sind Teile des Stücks entstanden.

Inwiefern hat Rita McBride auf den Prozess Einfluss genommen? War sie zum Beispiel bei Proben anwesend und hat Feedback gegeben?
Rita war in Mannheim vor Ort, als wir angefangen haben, die Ideen für „Bodies and Structure“ zu entwickeln. Sie war in den vergangenen Wochen auch oft im Tanzhaus und war somit Teil des Entwicklungsprozesses. Gleiches gilt für den Musiker Stavros Gasparatos und für Caty Olive, die das Licht macht. Für „Bodies and Structure“ zieht die „Arena“ erstmals aus einem Museums- in einen Bühnenraum. Rita und ich haben entschieden, dass das Publikum auch in diesem Fall nicht auf der „Arena“ sitzen wird. Wir möchten den Bühnenraum nicht in ein Museum verwandeln. Am liebsten hätten wir gehabt, dass sich das Publikum das Stück von der anderen Seite aus anschaut, also genau gegenüber von dort, wo sie normalerweise sitzen. Deshalb war es unser Wunsch, dass im Saal des Tanzhaus alle Sitze raus genommen werden. Das war aber aus logistischen Gründen nicht möglich.

Du arbeitest ja generell gerne mit Künstlern aus anderen Bereichen zusammen. In der Vergangenheit gab es zum Beispiel gleich drei Kollaborationen mit dem Musiker und Komponisten Hauschka. Außerdem hast du mit der bildenden Künstlerin Marianna Christofides gearbeitet. Jetzt mit Rita McBride. Wonach wählst du die Leute aus?
Die Künstler, die ich auswähle, sind solche, die mich selber inspirieren oder mit denen mich eine thematische Grundlagen und Ideen verbinden. Mit Marianna Christofides verbindet mich eine langjährige Freundschaft, wir kennen uns von Kindheit an. Wir sind beide auf Zypern aufgewachsen. Ihre Mutter ist Deutsche, der Vater war Zypriote, bei mir ist es genau umgekehrt. Unser beider Arbeiten sind sehr inspiriert von der Tatsache, dass wir auf Zypern aufgewachsen sind. Die Insel ist ein sehr spezieller Ort – zum einen wegen der politischen Geschichte, zum anderen wegen der geografischen Lage. Mit Hauschka verbindet mich unser beider Neugier auf verlassene Orte und unsere Beziehung zur Umwelt. Bei Rita war es wie eingangs schon erzählt, die Einladung, die uns zusammengebracht hat. Rita versteht die „Arena“ als Bewegungssprache, als Dialog. Mich selber hat die politische und soziale Auseinandersetzung der „Arena“ sehr inspiriert. Es geht bei derartigen Kollaborationen nicht ausschließlich darum, was ich an dem jeweiligen Künstler schätze, sondern auch darum, was der jeweilige Künstler in meiner Arbeit sieht.

In der Kunsthalle wurden die Besucher ja selber Teil des Kunstwerks. Wird das im Tanzhaus NRW bei eurer Arbeit auch der Fall sein?
Die Besucher sind in dem Sinne Teil des Kunstwerks, dass sie Teil des Raums sind. Das Kunstwerk ist nämlich nicht nur die „Arena“, es sind auch die Körper der Tänzer, es ist das Licht, das eine Erweiterung des Raums schafft, und natürlich auch der Sound. Im Idealfall soll es so sein, dass wir alle den Raum betreten und besetzen. Die Besucher sollen dabei nicht aktiv sein. Wir möchten eher, dass sie dem Raum einen Halt geben, damit er stabil ist. Die Performer sollen mit dem Licht und dem Sound eine abstrakte Zeit im Raum schaffen und somit den Zuschauern ein Gefühl von Sicherheit geben. Die Besucher sollen selber entscheiden können, welche Verbindungen sie eingehen und wie sie die Arbeit betrachten.

„Bodies and Structure“, Foto: Christian Herrmann

Warum hast du für die Arbeit den Titel „Bodies and Structure“, also Körper und Struktur, gewählt?
Ich arbeite gerne mit Gegensätzen, so auch diesmal. Da sind auf der einen Seite die Körper, die Performer, aber auch die Zuschauer. Auf der anderen Seite die „Arena“, die Struktur. Die Tänzer bewegen sich in dem Stück auf horizontalen und vertikalen Ebenen. Sie befinden sich manchmal auf der „Arena“, aber auch unter der „Arena“, daneben, davor und dahinter. Das Ganze ist auch der Versuch, ein Gefühl von einer Reise zu erzeugen. Die Arena ist von Schiffsbauern gefertigt worden. Und für mich ist sie deshalb wie ein Schiff, das uns mit auf eine Reise nimmt. Gleichzeitig ist die „Arena“ das Gerippe, das die Organe wie Herz oder Lunge beschützt. Im übertragenen Sinne sind also die Tänzer beschützt und die Arena gibt ihnen Halt. Und nicht zuletzt ist sie auch eine Gefahr. Die Tänzer müssen sich auf ihre letzten Reserven verlassen und auf die Überlebensmechanismen. Es geht also letzten Endes in „Bodies and Structure“ auch ums Überleben.

9.-11.5., jeweils 20 Uhr, Tanzhaus NRW, Düsseldorf

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