Helge Pfingst im Interview – „Auf den zweiten Blick eine sehr schöne Stadt“

Die Stadt Hagen hat im vergangenen Jahr viele negative Schlagzeilen produziert. Ein Spiegel-Beitrag über das selbsternannte Tor zum Sauerland war beispielsweise mit „Hagen im Ruhrgebiet – wo gar nichts in Ordnung ist“ überschrieben. Es ging um Armutsmigration aus Rumänien und Bulgarien, Schrottimmobilien, Sozialleistungsmissbrauch und den bei der Kommunalwahl 2025 überdurchschnittlich hohen Zuspruch für die AfD. Wie lebt es sich in einer solchen Stadt? Und: Wie lebt es sich mit einem solchen öffentlichen Bild? theycallitkleinparis hat mit dem Hagener Helge Pfingst gesprochen.

Helge, seit wann wohnst du in Hagen?
Seit dem Frühling 2015. Anfangs war es aber eher ein Übernachten auf einer Matratze in einer relativ großen Wohnung, die noch fast leer war. Ich war damals im Stadtteil Altenhagen in einem schönen Stadthaus im Jugendstil gelandet. Das Viertel war allerdings nicht das Beste von Hagen – wie ich später erst erfuhr. Nachdem Ratten unseren Kinderwagen angefressen hatten, sind wir in einen gepflegteren Stadtteil gezogen.

Und wo kommst du ursprünglich her?
Aus Gernsbach, einer Kleinstadt, 40 Kilometer südlich von Karlsruhe. Ich bin also gebürtiger Badener – meine Eltern waren allerdings nur Zugezogene.

Helge Pfingst, Foto: Verbraucherzentrale NRW

Von der Band Extrabreit gibt es die schöne Zeile „Komm nach Hagen, werde Popstar“. Ich vermute mal, das war nicht dein Plan, als du in die Stadt kamst. Warum bist du nach Hagen gezogen?
Als ich mich entschieden hatte, in Lüdenscheid eine neue Energieberatungsstelle für die Verbraucherzentrale NRW aufzubauen, war mein damaliger Wohnort in der Eifel zu weit weg. Es musste also ein neuer Wohnort her. Diesmal wollte ich etwas zentraler wohnen, da ich erfahren hatte, wie schnell sich ein Dienstort ändern kann. Im Grunde standen drei Orte zur Auswahl: Dortmund, Hamm und Hagen. Meine Frau wollte möglichst weit in den Süden und Dortmund war nicht so ihr Ding. Deshalb fiel die Wahl auf Hagen – eine verkehrstechnisch super gelegene kleine Großstadt.

Wie heißt der Stadtteil, in dem ihr mittlerweile wohnt?
Eilpe ist mit rund zwölftausend Einwohnern ein mittelgroßer Stadtteil in Hagen. Man könnte sagen, dass wir in einem „Arbeiterviertel“ wohnen. Wenn man unser Haus anschaut, war das aber vermutlich nicht immer so. Drei Meter hohe Räume – selbst im Kellergeschoss – und ein ansehnlich gestalteter Eingangsgiebel lassen darauf schließen, dass vor 125 Jahren der Bauherr eher wohlhabend war. Der Stadtteil grenzt auf der einen Seite an die Stadtmitte und auf der anderen Seite direkt an den Wald.

Köln hat den Dom, Düsseldorf den Schlossturm, Dortmund die Unionsbrauerei. Was ist das Wahrzeichen von Hagen?
In der Fußgängerzone ist es der Rathausturm, der das Stadtbild prägt. Wenn man von einem Hügel herab schaut, ist es eher der Büroturm vom ehemaligen Arbeitsamt, der das Stadtbild prägt – er steht inzwischen auch unter Denkmalschutz. Überregional ist Hagen bekannt als Sitz der Fernhochschule.

Wenn mich auf Reisen jemand, der Düsseldorf nicht kennt, nach meiner Heimatstadt fragt, beschreibe ich Düsseldorf als mittelgroße, relativ reiche Stadt in der Nähe von Köln. Köln kennen ja die meisten. Welches Bild würdest du gegenüber einem Franzosen, Engländer oder einer Italienerin von Hagen zeichnen?
Hagen ist die kleine, von Wald umgebene Großstadt neben Dortmund.

Ich hatte Extrabreit schon erwähnt. Aber auch Nena kommt ja aus Hagen. Außerdem die Band Grobschnitt. Zuletzt hat Hagen allerdings eher negative Schlagzeilen produziert. Ein Spiegel-Beitrag über die Stadt war mit „Hagen im Ruhrgebiet – wo gar nichts in Ordnung ist“ überschrieben. Es ging um Armutsmigration aus Rumänien und Bulgarien, Schrottimmobilien, Sozialleistungsmissbrauch und den bei der Kommunalwahl überdurchschnittlich hohen Zuspruch für die AfD. Wie schaust du als jemand, der in Hagen lebt, auf die beschriebene Situation? Aber auch auf die Berichterstattung?
Früher hat Hagen durchaus positive Schlagzeilen gemacht. Damals wurde die Stadt von den Medien mal als „Das Liverpool Deutschlands“ oder „Die Geburtsstätte der Neuen Deutschen Welle“ betitelt. In den 70ern war Hagen in Deutschland das Mekka der Popmusik. Es war insbesondere der Stadtteil Wehringhausen, der für seine vielen kleinen Geburtsstätten der Musik bekannt war. Ein Teil dieses Stadtteils ist jetzt bekannt für seine Drogenszene und auch Schrottimmobilien, die von Schleuser:innen mit Menschen ohne Aufenthaltserlaubnis „befüllt“ werden. Einige Immobilien hat die Stadt schon aufgekauft und abgerissen oder aufwendig saniert. Wie für jeden zentrumsnahen Stadtteil in Hagen gilt aber auch hier: Nach oben hin wird das Niveau besser. Es gibt in Wehringhausen ein tolles Quartiersmanagement und nach wie vor eine liebenswerte alternative Szene inklusive Bioladen, Repair-Café, Erzähl-Café und Umsonstladen. Die erste Fahrradstraße Hagens sowie das alternative Kulturzentrum Pelmke sind ebenfalls in Wehringhausen. Und einmal im Jahr findet in dem Stadtteil der Parking-Day mit der Nacht der langen Tische statt. Bei letzterem wird die Lange Straße von Autos befreit und den Fußgänger:innen und Aussteller:innen zur Verfügung gestellt. Es stimmt aber auch, dass das Gleichgewicht zwischen relativ neu aus dem südosteuropäischen Ausland zugezogenen und alteingesessenen Menschen in Hagen in mehreren Stadtteilen stark in Schieflage geraten ist. In der Grundschule meiner Kinder sind mehr als die Hälfte der Eltern zum Beispiel nicht in der Lage, einen vollständigen Satz in deutscher Sprache zu formulieren.

Hagen ist mit fast einer Milliarde Euro verschuldet. Wo spürst du das als jemand, der dort lebt?
Bei hohen Kitabeiträgen, Grundschulen in schlechtem Zustand, bei schlechten Straßen, einem überforderten Ordnungsamt und einem zu langsamen Ausbau der Fahrradinfrastruktur, um nur ein paar Beispiele zu nennen.

In Kommunen, die derartigen Sparzwängen ausgesetzt sind, springen nicht selten die Bürger:innen in die Bresche. Sie gründen Vereine und betreiben ehemals städtische Schwimmbäder, schaffen kulturelle oder soziale Angebote – und das alles ehrenamtlich. Gibt es in Hagen dafür auch Beispiele?
Ja, besonders in dem besagten Stadtteil Wehringhausen. Einiges habe ich oben schon aufgezählt. Außerdem gibt es bei uns noch die Tafel, die Bedürftige mit einer warmen Mahlzeit und Lebensmitteln unterstützt und das Allerwelthaus mit Weltladen. Nicht vergessen sollte man den Unverpacktladen, der im Nebenerwerb betrieben wird. Es gibt aber auch ehrenamtlich organisierte Veranstaltungen wie die Musikreihe „Muschelsalat“, bei der regional bekannte Musiker:innen an wechselnden Orten in der Stadt auftreten oder „Hatopia“ – eine Plattform für Lebensqualität und Nachhaltigkeit.

Was gefällt dir persönlich an Hagen und der Umgebung? Die Stadt gilt ja nicht zuletzt auch als „Tor zum Sauerland“.
Hagen hat sehr viel Potenzial und ist sicherlich auf den zweiten Blick eine sehr schöne Stadt, in der viele liebenswerte Menschen wohnen. Ich selbst durfte durch die Critical Mass, die ich stark unterstütze, aber auch durch die Bürgerenergiegenossenschaft viele ökologisch orientierte Menschen kennen lernen. Mit Sicherheit ist es aber auch das kulturelle Angebot in Hagen, das so umfangreich ist, dass ich bisher nur die Spitze des Eisbergs ergründen konnte. Hier gibt es mehrere Theater, das überregional bekannte Osthausmuseum, zahlreiche Street-Art-Kunstwerke, ein Atelierhaus in dem Künstler:innen arbeiten, aber auch ausstellen können und vieles mehr. Begeistert war ich auch von einem Tag der offenen Hinterhöfe, bei dem über die Stadt verteilt, zahlreiche Häuser ihre schön gestalteten, begrünten Hinterhöfe für die Öffentlichkeit geöffnet haben. Last but not least ist unser schönes Freilichtmuseum zu nennen.

Angenommen, du bekommst Besuch und möchtest ihnen gerne deine Stadt zeigen. Wie würde diese Tour aussehen?
Morgens würde ich mit dem Freilichtmuseum beginnen. Dort kann man nicht nur alte, gut erhaltene Gebäude bewundern, sondern auch Handwerker:innen wie Schmied:innen oder Seiler:innen bei der Ausübung ihrer Handwerkskunst zuschauen und das Ganze mitten in der Natur. Mittags würden wir in einem der zahlreichen Restaurants in Hagen essen gehen. Auf dem Weg dorthin und bei einem anschließenden Verdauungsspaziergang gibt es diverse haushohe Bilder an Hauswänden von talentierten Street-Art-Künstlern zu sehen. Wenn der Besuch dann noch aufnahmebereit ist, schauen wir uns eine Ausstellung im berühmten Osthausmuseum an. Für den Abend hätte mein Besuch die Wahl zwischen einem Theaterbesuch, Programmkino in der Pelmke oder im Sommer vielleicht auch ein Open-Air-Konzert der Veranstaltungsreihe „Muschelsalat“ im Volkspark.

Hagen hatte bis in die 1970er Jahre viel Stahl- und Metallindustrie. Was glaubst du, in welche Richtung könnte sich die Stadt entwickeln? Was könnte die Pointe für Hagen sein?
Wie Hagen sich industriell entwickeln wird, da habe ich keine Fantasie für. Ich sehe nur, dass stark an Hagen gearbeitet wird, damit die Stadt noch lebenswerter wird. Dabei werden Kunst, Sport, Bildung und auch Nachhaltigkeit in Zukunft bestimmt eine große Rolle spielen.

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1 Kommentar

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Ein sehr interessantes Interview und ich war gespannt, was Helge als Zugezogener zu Hagen sagt. Und ja, die Lage ist wirklich sehr gut, durch die Autobahn aber auch durch den öffentlichen Nahverkehr. Man ist ruckzuck in Dortmund, aber auch Düsseldorf und Köln.
Aber Hagen ist in guter Gesellschaft, wenn man an Witten, Wetter, Ennepetal, Gevelsberg , Lüdenscheid oder auch Dortmund denkt.
Alles Industrie Orte die nie den Anspruch hatten, schön sein zu müssen.

Und auch er hat das Freilichtmuseum entdeckt und es ist ein wunderbarer Ort für jedes Alter. Und von Elipe quasi direkt um die Ecke. ( Und auch der Käseladen )
Aber drumherum gibt es so viel zu entdecken, wie Wetter, Witten, Herdecke, Volmarstein, Breckerfeld ( auch zum wandern ) .
Und ja, ich werde mir Hagen noch einmal genauer ansehen, mit dem RE auch von Düsseldorf aus, nicht weit weg.

Tolles Interview

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