Masochistin Johanna im Interview – „Normaler Sex interessiert mich nicht“

Johanna heißt eigentlich nicht Johanna. Sie hat sich entschieden, offen über ihre sexuellen Vorlieben zu sprechen. Aber sie möchte dabei unerkannt bleiben. Deshalb ist hier nichts über ihr Alter, ihren Wohnort oder ihren Beruf zu lesen. Wohl aber über den Schrank auf ihrem Dachboden. Früher, als Johannas heute erwachsene Kinder noch im Haus waren, bewahrte die Familie dort Gesellschaftsspiele auf. Heute lagern an gleicher Stelle mehrere Dutzend Gerätschaften, die nur einem Zweck dienen: Johanna Schmerz zuzufügen. Ihr gefällt das. Mehr noch, sie braucht es. Johanna ist Masochistin. Der Schmerz bereitet ihr Lust. theycallitkleinparis hatte, was das Thema BDSM anging, nicht mehr als ein paar Klischees im Kopf, war aber neugierig und hat Johanna zu einem abendfüllenden Gespräch getroffen.

Johanna, lass uns mal bei Adam und Eva anfangen. Wofür steht BDSM?
Es steht für die Anfangsbuchstaben der Begriffe Bondage und Disziplin, Dominanz und Submission, Sadismus und Masochismus. Die Buchstaben D und S sind also doppelt belegt. Beim Bondage geht es für viele um ein Fesseln des Körpers zur Fixierung oder Einschränkung der Bewegungsfreiheit. Für andere steht Shibari im Vordergrund, das ist eine aus Japan kommende Fesselkunst, die wunderschön anzuschauen ist. Disziplin beinhaltet viele Regeln und Rituale die einzuhalten sind. Mit Dominanz und Submission wird das Machtgefälle zwischen den Personen ausgedrückt. In der Szene nennen wir die Personen entsprechend Sub und Dom. Dom sind die, die dominieren, im Machtgefälle oben sind. Sub sind die, die sich unterwerfen, die unten sind. Und: Es gibt auch Menschen, die zwischen beiden Rollen hin- und herwechseln. Die nennt man Switcher. Sadisten sind diejenigen die im Einvernehmen Lustschmerz zufügen, Masochisten empfangen den Schmerz, ziehen unmittelbar oder mittelbar Lust daraus.
Alles lässt sich miteinander kombinieren, muss aber nicht. Es gibt Menschen, die mögen ein starkes Machtgefälle, verzichten aber ganz auf das Zufügen von Lustschmerz. In der Fesselszene besteht häufig zwischen den Partner:innen kein Machtgefälle. Nur weil sich jemand als Sub bezeichnet, muss Dom noch lange nicht bedient werden.

Wie ist es um das Geschlechter-Verhältnis in der Szene bestellt? Wie verteilen sich Männer und Frauen auf die unterschiedlichen Rollen?
Männer sind eher dominant. Vermutlich hängt das mit der Rollenverteilung im normalen Leben zusammen. In meiner Generation, ich bin 52, sind ja alle noch so sozialisiert, dass Männer das Geld verdienen und den Ton angeben und Frauen sich unterordnen und Carearbeit leisten. Bei den unter 30-Jährigen scheint sich das etwas aufzulösen.

Wenn ich an BDSM denke, denke ich an Menschen, die Gummibälle im Mund haben, Latex tragen, Masken, auf entsprechenden Partys unterwegs sind. Klischee oder Wirklichkeit?
Das gibt es alles. Es ist Klischee und Wirklichkeit zugleich. Allerdings sind deine genannten Beispiele nur selten zu sehen. Einen Ballknebel über einen längeren Zeitraum auf einer Party zu tragen, hat viele Nachteile. Man kann nicht sprechen, essen oder trinken und es wird sehr, sehr anstrengend für den Kiefer. Masken wie in dem Film „Eyes wide shut“ sieht man fast gar nicht. Wahrscheinlich weil wir innerhalb der Szene das Gefühl haben, sicher zu sein und uns nicht verstecen zu müssen.

Welche sind deine Präferenzen?
Ich bin Masochistin und submissiv. Das bedeutet, dass ich es im Sexuellen mag erniedrigt zu werden und die Kontrolle abzugeben. Ich will, dass man mir weh tut, denn ich wandele Schmerz in Lust um. Für mich ist BDSM aber nicht nur Sexualität, sondern auch ein Teil meiner Identität. In meiner Partnerschaft reicht BDSM weit in den Alltag hinein. Die Innigkeit, das Vertrauen und das Zusammengehörigkeitsgefühl, dass sich über viele gemeinsame Erlebnisse gebildet hat, bedeuten uns sehr viel. Einen großen Teil unserer Freizeit verbringen wir in der Szene, machen viel Aufklärungsarbeit und geben Workshops.

Das heißt du bist Sub. Bedeutet das, dass du alles tun musst, was dein Dom will?
Auf keinen Fall! Bevor eine BDSM-Partnerschaft eingegangen wird, gibt es viel zu besprechen. Ein gemeinsamer Rahmen wird aufgestellt: Was möchten wir, wie weit darf es gehen, was sind die jeweiligen Fantasien, Tabus, Grenzen, Sicherheitsgarantien und vieles mehr. Mein Partner und ich haben vereinbart, dass ich immer Mitspracherecht habe. Ich kann jederzeit sagen, wenn ich etwas nicht möchte und dann hält er sich daran. Bei uns wird auch jede Session, jedes Spiel – wir nennen es „Spielen“ – im Aftercare besprochen. Das ist die Zeit nach dem aktiven Spiel, eine Art Nachsorge, ein emotionales Auffangen. Wir holen uns gegenseitig ins „Normale“ zurück und kuscheln viel. Wir benennen jeweils ein Highlight und ein Lowlight. Das ist uns wichtig. Wir kennen uns dadurch sehr gut.

Gibt es Regeln, die ihr festgelegt habt?
Ja, es gibt einige. Wir spielen aber nicht mit Bestrafung, wenn ich die Regeln verletze. Mein Partner tut mir weh, weil ich das mag – und nicht, weil ich nicht brav war. Bei vielen anderen funktioniert es über Strafen. Wir haben das anfangs auch versucht, weil mein Partner es so kannte. Ich habe eine Kladde gekauft, in der meine Verfehlungen notiert werden sollten. Haben wir aber nicht lange durchgehalten, war einfach nicht mein Ding.

Was könnte denn so eine Verfehlung sein?
Das hängt natürlich von den Regeln ab, die man aufstellt. Eine Regel könnte zum Beispiel lauten: Du darfst keine Unterwäsche tragen. Oder: Du darfst die Beine nicht übereinanderschlagen. Wenn ich das eine oder andere dann doch tue, würde ich bestraft werden.

Okay, bestraft wirst du also nicht. Aber du fragst deinen Dom zum Beispiel, ob du essen darfst.
Das stimmt, ja. Das hat bei uns mit Aufmerksamkeit zu tun, damit, den Fokus aufeinander zu legen. Er verbietet mir auch nie das Essen. Darum geht es nicht. Ich ziehe meinem Partner zum Beispiel die Schuhe an und aus. Er putzt mir abends die Zähne. Ich spüre das Machtgefälle, wenn ich nichts tun kann, als den Mund aufzuhalten und ihn anzuschauen. Gleichzeitig zeigt dieses Ritual, dass unser BDSM sehr viel mit Fürsorge zu tun hat. Die Zähne putzt man ja ansonsten seinem Kind. Es ist einer der Punkte, an dem unser BDSM weit in den Alltag hineinragt. Das ist aber nicht bei allen BDSMer:innen so. Für viele gibt es ausschließlich ein sessiongebundenes BDSM, für andere besteht das Machtgefälle rund um die Uhr. Mein Partner und ich sind im Alltag auf Augenhöhe, aber das Machtgefälle ist quasi jederzeit abrufbar und wir unterstreichen unsere Rollen durch viele kleine Handlungen.

Leidest du, wenn du geschlagen wirst?
Ich will es mal so sagen: Wenn ich mir den Zeh am Tisch stoße, habe ich genauso Schmerzen wie jeder andere Mensch und es bereitet mir natürlich keine Lust. Wenn man mir in einer Session weh tut, ist das aber etwas ganz anderes. Wir schlagen auch nicht einfach drauf los, sondern beginnen langsam, vorsichtig und steigern uns langsam. Mein Körper wird dadurch aufgewärmt und ist nicht mehr so empfindlich. Nach einiger Zeit ­ – viele sagen das passiert nach etwa 20 Minuten – wird ein Hormoncocktail ausgeschüttet. Darin enthalten sind Endorphine, die dämpfen den Schmerz und lösen Euphorie aus, und das Glückshormon Dopamin, das Lust und Belohnungsgefühle vermittelt. Diese chemischen Faktoren werden durch psychologische Faktoren wie Hingabe, Vertrauen, Kontrollabgabe und das Wechselspiel zwischen Härte und sanfter Nähe noch einmal verstärkt.
Deine Frage kann ich also so beantworten: Ich leide zwar, wenn ich im BDSM-Kontext geschlagen werde, aber es gefällt mir. Subs werden gerne mit Marathonläufern verglichen. Die leiden ja auch, finden es aber trotzdem toll und laufen weiter. Sie haben ähnliche Hormonausschüttungen wie wir – und laufen wie in Trance. Wenn einem jemand Schmerz zufügt, kann man auch in eine Art Trance verfallen. In der Szene nennen wir das den Sub Space.

Wann hast du festgestellt, dass du die schon beschriebenen Vorlieben hast?
Das Thema hat mich schon immer beschäftigt, schon in der Kindheit. Wenn wir im Kindergarten Mutter, Vater, Kind gespielt haben, wollte ich immer das Kind sein. Und das Kind sollte verhauen werden. Beim Cowboyspielen fand ich es toll, an den Baum gefesselt zu werden. Besonders gefallen hat es mir, als ich einmal angebunden wurde und plötzlich ein Gewitter losbrach. Die Kinder, mit denen ich gespielt habe, rannten nach Hause und ließen mich an den Baum gefesselt zurück. Das hätte bei manchem bestimmt Panik ausgelöst. Aber ich habe es genossen. Ich war regelrecht sauer, dass eine Mutter ihren Sohn zurückgeschickt hat, um mich loszubinden. Viele Menschen aus der Szene berichten von ähnlichen Kindheitserinnerungen. Andere bemerken ihre Vorlieben erst in der Pubertät, wenn sie anfangen, Sex zu haben. Es gibt Leute, die ihre Sehnsüchte über Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte, unterdrücken und an einem bestimmten Punkt dann beschließen, sie auszuleben. Und andere, die in fortgeschrittenem Alter auf das Thema stoßen – und vorher nie einen Gedanken daran verschwendet haben. Jede Geschichte ist individuell.

Foto: Kinkalitz

Sexuelle Fantasien kennen wohl die meisten Menschen. Sex mit mehreren Partner:innen ist ein Klassiker. Oder gefesselt werden. Ich könnte mir vorstellen, dass es bei vielen aber bei dem Kopfkino bleibt, weil sie sich nicht trauen, das Ganze in die Tat umzusetzen. Wann hast du damit begonnen, deine sexuellen Fantasien auszuleben?
Eigentlich von Anfang an. Mit 16 hatte ich meinen ersten Freund. Der Sex, den wir damals hatten, war aus heutiger Sicht schon BDSM, auch wenn wir noch keinen Namen dafür hatten. Wir haben allerdings zu der Zeit noch keine Schlagwerkzeuge benutzt. Wir haben andere Sachen gemacht. Dabei ging es um Demütigung, ums Fesseln oder auch Orgasmusfolter.

Was ist denn Orgasmusfolter?
Bei der Orgasmusfolter wirst du ans Bett gefesselt oder an einen Tisch und so lange mit Sexspielzeug, meist mit Vibratoren, bearbeitet, bis du von einem Orgasmus in den nächsten fällst.

Trotz des Begriffs „Folter“ hatte der Sex, den du damals hattest, aber noch nichts mit Schmerz zu tun.
Stimmt. Das kam erst ein paar Jahre später. Zu der Zeit lebte ich in einer offenen Beziehung und jemand, den ich parallel gedatet habe, hat etwas mit mir gemacht, was mir sehr wehgetan hat, was ich aber auch unglaublich geil fand. Da war klar, dass es das ist, worauf ich stehe.

Konntest du das sofort annehmen? Also ohne schlechtes Gewissen?
Ja, konnte ich. Ein schlechtes Gewissen hatte ich nie. Anfangs habe ich sogar damit kokettiert und so Sachen von mir gegeben wie „Sex ohne blaue Flecken ist langweilig“. War vermutlich meinem Alter geschuldet. Das würde ich heute nicht mehr so sagen.

Im Vorfeld unseres Gesprächs habe ich mich mit mehreren Leuten aus meinem Umfeld, das ich als einigermaßen offen und aufgeklärt beschreiben würde, über das Thema BDSM unterhalten. Die Reaktionen haben mich überrascht, eine gewisse Ablehnung war da durchaus spürbar. Auch der ein oder andere Witz wurde in dem Zusammenhang gemacht. Wie sind deine Erfahrungen? Wie haben die Leute darauf reagiert, wenn du von deinen Vorlieben berichtet hast?
Ich habe nur einmal eine schlechte Erfahrung gemacht. Das war mit dem Vater meiner Tochter. Der hat, als wir uns trennten, versucht, meine Vorlieben gegen mich zu verwenden, vor einem Familiengericht. Das hat aber damals zum Glück niemanden beeindruckt. Später war ich viele Jahre lang verheiratet. Mein Mann wusste von Anfang an, dass ich auf BDSM stehe, wir haben es aber zunächst nicht praktiziert. Zu der Zeit hatten wir zwei kleine Kinder, um die wir uns kümmern mussten und da lief auch ansonsten nicht viel Sexuelles.

Lass uns noch mal bei den Reaktionen bleiben. Wenn man, wie die Freunde, mit denen ich mich über das Thema ausgetauscht habe, von den Konsequenzen nicht direkt betroffen ist, ist es ja vergleichsweise einfach. Aber wie ist es, wenn dir die eigene Ehefrau eröffnet, dass sie möchte, dass du ihr Schmerz zufügst? Wie war das bei euch?
Nach einer längeren Phase, in der die Kinder im Vordergrund standen, erwachte das sexuelle Interesse wieder. Mein Mann hat dann versucht, meine Wünsche zu erfüllen. Er konnte aber seine Hemmungen nicht überwinden. Da kann ich ihm auch keinen Vorwurf draus machen, er stand einfach nicht drauf. Das Ergebnis war, dass wir viele Jahre gar keinen Sex hatten. In der Zeit bin ich fast verrückt geworden, weil ich diese unerfüllte Sehnsucht in mir hatte. Irgendwann haben wir dann die Beziehung geöffnet. In der Zeit habe ich mich auch in BDSM-Foren angemeldet. Ich habe eine ganze Weile lang erst einmal nur gelesen, mir Wissen angeeignet.

Aber irgendwann bist du ja dann von der Theorie zur Praxis übergegangen?
Ja, ich habe angefangen, Leute zu treffen. Damals waren meine Kinder noch ziemlich klein. Deshalb war ich entsprechend vorsichtig, ich wollte ja nicht ins Gerede kommen. Die Dates, die ich zu der Zeit hatte, fanden in Hotels statt. Meistens haben wir uns erst mal eine Weile geschrieben und uns darüber angenähert, bevor wir uns verabredet haben. Manche sind dann im Hotel allerdings gar nicht aufgetaucht, denen hat das Kopfkino offenbar gereicht.

Und hast du dann ständig wechselnde Partner gehabt?
Es waren welche dabei, die ich nur einmal getroffen habe. Weil wir nicht auf einer Wellenlänge waren. Andere habe ich über einen längeren Zeitraum immer wieder getroffen. Ähnlich wie bei Tinder und Co. Nur dass man seine Vorlieben und seine Grenzen schon klar benennt, bevor man sich trifft. Das ist vielleicht der entscheidende Unterschied.

Lass uns bei dem Punkt mal bleiben. Wenn man derart spezielle Vorlieben hat, macht es ja Sinn, die möglichst früh auf den Tisch zu legen. Wie funktioniert es vor dem Hintergrund mit dem Verlieben?
Wenn mir jemand das, was ich brauche, nicht geben kann, würde ich mich vermutlich gar nicht erst verlieben. Das Kennenlernen ist wie bei allen Leuten. Zwei Menschen finden sich interessant, lernen sich kennen – auf der geistigen und der körperlichen Ebene – und verlieben sich. Oder auch nicht. Bei mir ist halt die körperliche Ebene etwas anders gestrickt. Normaler Sex interessiert mich nicht. Wenn ich mich entscheiden müsste zwischen nie wieder penetriert werden oder nie wieder geschlagen werden, wäre meine Wahl eindeutig: Dann würde ich die Penetration weglassen.

Aktuell bist du ja in einer Beziehung.
Ja, seit 4 Jahren. Meinen Partner habe ich in der Szene kennengelernt. Wir waren zunächst nur befreundet, später haben wir dann miteinander gespielt. Erst danach haben wir uns verliebt. Mein Partner hatte bei Weitem nicht so viel Erfahrung wie ich. Als wir uns kennenlernten, hatte er nur selten Schlagwerkzeuge in der Hand gehabt. Insofern hatte ich schon Bedenken. Wir haben uns langsam herangetastet, ausprobiert und herausgefunden, was uns gefällt. Heute kann ich sagen, dass ich den Hauptgewinn gezogen habe. Was BDSM angeht und auch was Partnerschaft und Liebe betrifft.

Wie schwierig ist es generell, beim BDSM ein Gegenstück zu finden, das sexuell passt?
Das ist durchaus ein Problem, das es in vielen Beziehungen gibt, die ich aus der Szene kenne, also dass es sexuell nicht zu 100 Prozent passt. Manche stecken dann zurück. Oder man sucht sich das, was man sich wünscht, anderswo, öffnet also die Beziehung.

Teil 2 des Interviews erscheint in Kürze.

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