Kein Chichi. Nur Düsseldorf.

Mit wenigen Tönen auskommen. Eine Begegnung mit Gregor Kerkmann (Chogori)

Gregor Kerkmann (links) und Ralf Stritt sind zusammen Chogori. Foto: Dino Franke

Es gehört zum Wesen eines Interviews, das es eine gewisse Warm-up-Phase braucht. Eine leichte Plauderei, ein vorsichtiges Abtasten, ein Bereiten des Weges. Nicht so mit Gregor Kerkmann. Kerkmann ist verbal direkt voll da. In der Homebase seiner Band Chogori, dem ehemaligen Kloster Haus Maria Theresia in Flingern, kredenzt er Wasser und Ingwer-Tee. Allein das Stillsitzen während des Interviews macht dem Musiker sichtlich Probleme. Unruhig rutscht er auf dem Stuhl hin und her, gestikuliert ausladend, streicht seine Haare wieder und wieder in die selbstgewählte Asymmetrie. Und ist dann, angestoßen durch nur eine Frage, auch schon mittendrin in seiner Biografie. Wie viele Jahre die schon währt, möchte er übrigens nicht verraten. Das tue in dem Zusammenhang nichts zur Sache, findet er.

Fangen wir also mit seinen Wurzeln an. Die stecken in der niederrheinischen Erde. Dort wuchs er gemeinsam mit einer Schwester auf. Die Eltern hatten eine Firma für Stahlbau. Stahlbau Kerkmann. Harte Arbeit. Schmutzige Arbeit. Gefährliche Arbeit. In Stahl wollte Gregor folgerichtig nicht machen: „Mein Ding war die Musik, das war ganz früh klar.“ Im zarten Alter von acht Jahren baute er sich seinen ersten Verstärker – aus Lego. Später, mittlerweile auf dem Internat, nahm er Kontrabass-Unterricht. E-Bass brachte er sich parallel selber bei. 15 war er da. Die erste eigene Band hatte er in dem Alter auch schon am Start. Der Sound? Eine Melange aus Wave und Funk, beeinflusst von dem, was er selber gerne hörte: The Cure, Fischer Z, Joy Division. Und natürlich Funk. Darüber hinaus mochte Kerkmann auch die Beatles oder Metal-Bands wie die Suicidal Tendencies. Nach Schule und Zivildienst studierte er Jazzmusik, Kontrabass und E-Bass, an der Hochschule in Arnheim. Es folgten kurze Intermezzi in Köln und Aachen. Seit 1994 lebt Kerkmann nun schon in Düsseldorf. Er war Mitglied zahlreicher Bands und musikalischer Projekte. Zwei Jahre spielte er Kontrabass bei der Kölner Band Erdmöbel. Als Not am Mann war, sprang er bei Volker Bertelmanns God‘s Favorite Dog ein. Zuletzt arbeitete er mit dem Australier Rob Keane aka WATT an zwei Tracks. Genregrenzen ignoriert Kerkmann dabei konsequent. „Ich habe ein sehr breites musikalisches Spektrum“, sagt er in seinem kleinen Studio im ehemaligen Kloster, umgeben von zahlreichen E-Bässen und allerlei Aufnahme-Technik. „Das ist auch der Grund, wieso Chogori so klingen wie sie klingen.“

Chogori, genau. Das Duo, das er 2013 zusammen mit Ralf Stritt gründete, ist das unumstrittene Zentrum von Kerkmanns musikalischem Schaffen. In den vergangenen sechs Jahren sind drei Alben entstanden. Das jüngste davon erschien am 11. Oktober auf dem Düsseldorfer Label Less Records. Es trägt den Titel „Lake“. Jazz, Indie und Electronica, das sind die Bezugspunkte, zwischen denen sich Chogori bewegen. Kerkmann beschreibt den Sound als „analog erzeugte Elektronik“. Ein Feld, das mittlerweile einige beackern. Hauschka zum Beispiel. Oder Brandt Brauer Frick. Kerkmann und Stritt arbeiten mit einem Instrument, das in dem Kontext immer noch überrascht, weil es gemeinhin eher der klassischen Musik zugeordnet wird: dem Kontrabass. Dazu kommen Klavier und analoge Synthesizer. „Synthesizer“, so Kerkmann, „haben uns schon immer interessiert“.

Der Ursprung sämtlicher Stücke auf „Lake“ ist der Chogori-Proberaum im ehemaligen Kloster Haus Maria Theresia in Flingern. „Die Musik würde mir natürlich auch woanders einfallen“, sagt Kerkmann. Aber die Atmosphäre in den denkmalgeschützten Räumlichkeiten aus dem Jahr 1874 begünstige das kreative Tun natürlich durchaus. Die Arbeitsweise von Chogori ist typisch für den Jazz. Improvisatorisch. „Wir jammen und nehmen das auf.“ Aus diesen Skizzen entstehen Stücke. Nach und nach kristallisiert sich ein Arrangement heraus. Um das möglichst gut reproduzieren zu können, werden die Noten niedergeschrieben. Kerkmann greift einen weißen Ordner aus dem Wandregal und schlägt ihn auf. Mit Bleistift sind dort Akkorde und Noten zum Stück „Sinus Flux“ festgehalten. Das Stück passt auf eine halbe DIN-A4-Seite. Damit ist bewiesen, was Kerkmann vorher schon gesagt hatte: „Wir kommen mit wenigen Tönen aus.“

Wie viele Künstler-Kollegen wird auch Gregor Kerkmann regelmäßig von Selbstzweifeln heimgesucht. Im Moment ist er nach eigenen Angaben „fein damit“. Mit dem neuen Chogori-Album jedenfalls ist er sehr zufrieden. Er würde es sogar selber kaufen, sagt er. Als physischer Tonträger ist „Lake“ allerdings nicht zu haben. Kein Vinyl. Keine CD. Download die einzige Option. Und natürlich Streaming-Dienste. Die Gründe für diese Lösung sind finanzielle: „Ich bin eigentlich auch ein Freund von haptischen Sachen“, sagt Kerkmann. „Aber das hätte uns noch mal 1000 Euro mehr gekostet. Und die Kohle hatte ich einfach nicht.“ Kein Bedauern. Ist einfach so.

Ohnehin funktioniert das Konzept von Chogori vermutlich live am besten. Die Konzerte absolvieren sie zu dritt – mit Drummer und Buchautor Martell Beigang, den der eine oder andere von der Krefelder Band M. Walking on the Water kennen dürfte. Wichtig seien ihnen dabei die Orte, an denen sie auftreten. Die müssten besonders sein. Da nun aber besondere Orte nicht ganz einfach zu finden sind, absolvieren Chogori nach der Veröffentlichung von „Lake“ eben keine Tour mit 30 Stationen. Sondern beschränken sich auf Auftrittsorte, die wirklich zu ihnen passen. Ende September traten sie in einer Höhle im Neandertal auf. Die nächsten Konzerte finden im Kaiser-Wilhelm-Museum in Krefeld (7.11.) und in der Düsseldorfer Johanneskirche (17.1.) statt. „Es ist für uns so natürlich aufwändiger“, räumt Kerkmann ein, „aber wir möchten Konzerte geben an Orten, von denen wir glauben, es sei der richtige Rahmen.“ Chogori machen schließlich keinen Pop, sondern Nischenmusik. Im besten Sinne, natürlich.

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