Kein Chichi. Nur Düsseldorf.

Marika Rockstroh im Interview – „Die Fluchtthematik aus einer anderen Perspektive beleuchten“

Szene aus „Das Double“, Foto: René Buttermann

Sie haben viel Kraft, Zeit und Schweiß investiert: Seit rund anderthalb Jahren arbeitet eine Gruppe um die Düsseldorfer Regisseurin Marika Rockstroh an einer Theaterproduktion, die am 4. Oktober in der Werft 77 in Holthausen ihre Premiere erleben wird. „Das Double“ heißt das Stück des Autors Ernst-Jürgen Dreyer. Erzählt wird die Geschichte einer Flucht aus der DDR. theycallitkleinparis hat kurz vor der Premiere mit Marika Rockstroh gesprochen.

Marika, Anfang Oktober zeigt ihr in Holthausen das Drama „Das Double“ von Ernst-Jürgen Dreyer. Welche Geschichte erzählt das Stück?
Das Stück handelt von einem Mann, der in den 1960er-Jahren aus dem Osten rübermacht und dabei seine Frau zurücklässt, weil sie zu große Angst hat, auf der Flucht erschossen zu werden. Im Westen angekommen, arbeitet er unermüdlich daran, seine Frau nachzuholen, aber nichts klappt. Erst als er die junge Anne trifft, die seiner Frau zum Verwechseln ähnlich sieht, beschließt er, sie in den Osten zu bringen und seine Frau im Gegenzug mit in den Westen zu nehmen. Im Laufe des Stücks verschwimmen allerdings seine Intentionen und es ist nicht mehr klar, welchem Leben und welcher Frau er eigentlich treu ist.

Das Stück ist an eine reale Begebenheit angelehnt, den Fall des DDR-Bürgers Peter Selle.
Genau. Im historischen Fall hat Peter Selle, seines Zeichens Bauingenieur, den Tausch durchgezogen. Er ist mit Dorothea, die er im Westen kennengelernt hatte, in die DDR gereist und hat sie dort sitzengelassen, sodass seine Frau Barbara mit dem Pass der ahnungslosen Dorothea in den Westen ausreisen konnte. Das Ende vom Lied: Dorothea saß 45 Tage in Stasi-Untersuchungshaft. Und Peter Selle wurde von einem westdeutschen Gericht wegen Verschleppung und Freiheitsberaubung zu einem Jahr Haft verurteilt.

Der Autor Ernst-Jürgen Dreyer ist selber aus der DDR nach Frankfurt am Main geflohen. Auch in anderen Texten, beispielsweise dem Roman „Die Spaltung“, setzt er sich mit der deutschen Teilung auseinander. Wann ist „Das Double“ entstanden?
Dreyer schrieb den Text Mitte der 1980er-Jahre. Uraufgeführt wurde er 1988 von Matthias Fontheim, Amelie Niermeyer, die später Intendantin des Düsseldorfer Schauspielhauses war, inszenierte ihn 1989 im damaligen Krolltheater.

Was hat euch an dem Stoff interessiert?
30 Jahre nach dem Mauerfall zeigen wir das Stück, weil wir die aktuelle Fluchtthematik mal aus einer anderen Perspektive beleuchten wollten. Heutzutage fällt es vielen Menschen leicht, die Welt in ein „die da draußen“ und „wir hier drinnen“ zu unterteilen. Dabei wird schnell vergessen, dass Deutschland selbst noch gar nicht lange wiedervereinigt ist. Und dass es ein wahnsinniger Luxus ist, in dem freiheitlich-demokratischen Staat zu leben, der wir heute zum Glück sind und den es zu erhalten gilt. Dass auch andere Menschen in Frieden und Sicherheit leben wollen, ist eine Konstante, die über die Jahrzehnte bestehen bleibt und Menschen immer wieder dazu treibt, ungeheure Opfer zu bringen und einzufordern. Wir wollen exemplarisch zeigen, wie weit unser Protagonist zu gehen bereit ist, um die, die er liebt, in Sicherheit zu bringen.

Seit wann arbeitet ihr an dem Stück? Und wer ist beteiligt?
Wir, also DOBSTROH, arbeiten seit ungefähr anderthalb Jahren an dem Stoff und haben im Laufe der Zeit ein tolles, diverses Team an Komplizen und Komplizinnen gewinnen können. Im Einzelnen sind das Majid Bakhtiari und Zoë Dobrileit (Schauspiel), Younju Seo fürs Bühnenbild, Stefanie Klein für die Kostüme, Fabian Schulz für Sound und Musik, und Marion Avgeris als Assistenz. Dabei hat jedes Teammitglied über seine eigentliche Funktion hinaus unfassbar viel Kraft, Zeit und Schweiß investiert.

Zuletzt habt ihr ja eine Crowdfunding-Kampagne gestartet, um euer Vorhaben tatsächlich realisieren zu können. Wie erfolgreich war die?
Unsere Crowdfunding-Aktion konnte das erste Fundingziel erreichen und war somit erfolgreich. Wir können durch die großzügige Hilfe der Unterstützenden Kosten für Raummiete, Technik, Kostüm und Bühnenbild decken.

Ihr zeigt das Stück in der Werft 77, einer Halle auf dem Gelände des Reisholzer Hafens in Holthausen, einer eher roughen Szenerie. Inwiefern war euch das wichtig, habt ihr gezielt nach einer solchen Location gesucht?
Günter Krajewski, Mitglied des Vorstands des Kunst im Hafen e.V., haben wir Ende 2018 bei einer unserer Aufführungen kennengelernt. Er erzählte uns von der Werft 77 und lud uns ein, die Halle zu besichtigen. Seitdem ist in unseren Köpfen die Idee gereift, diesen Ort, direkt am Rhein, als Raum für „Das Double“ zu nutzen. Das Element Wasser greifen wir in der Inszenierung immer wieder auf, da der Protagonist bei seiner Flucht durch die Elbe geschwommen ist. Der Ort ist tatsächlich roh, nackt, eher unbequem. Kein typischer Theaterort. Entsprechend reagiert auch unsere Bühnenbildnerin Younju Seo – in Kooperation mit dem Videokünstler René Buttermann – auf diesen Raum: Sie versuchen ihn nicht zu verstecken oder zu verschönern, sondern setzen das eigentlich als Kammerspiel geschriebene Werk von Dreyer in Dialog mit der rauen Umgebung.

Zu den Vorstellungen wird die Düsseldorfer Künstlerin Anne Eleftheria Rigopoulos Werke aus ihrer Serie „Zwischenräume“ ausstellen. Wie darf man sich die Arbeiten vorstellen. Inwiefern stehen die Kunstwerke in Verbindung zum Inhalt des Stücks?
Anne Eleftheria Rigopoulos‘ Kunstwerke stellen für uns die Lebendigkeit und die Vergänglichkeit dar. Themen wie Beziehungen, Netzwerke, Verbindungen sind definitiv auch mit der Inszenierung verbunden. Für uns stand allerdings eher im Vordergrund, eine weitere Künstlerin aus Düsseldorf zu unterstützen. Kooperationen sind und waren uns immer wichtig und wir fungieren gerne als Plattform, wenn wir wie in diesem Fall buchstäblich den Raum und die passende Künstlerin haben.

4.-6.10. und 10.-12.10., jeweils 19:30 Uhr, Werft 77, Reisholzer Werftstr. 77, Düsseldorf

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