Kein Chichi. Nur Düsseldorf.

Marlin de Haan im Interview – „panorama radio ist keine Stadtrundfahrt“

Ayşe Draz (links) und Marlin de Haan, Foto: Frau Babic

Ayşe Draz (links) und Marlin de Haan, Foto: Frau Babic

Die Düsseldorfer Regisseurin und Künstlerin Marlin de Haan war vor drei Jahren im Rahmen eines Stipendiums sechs Monate lang in Istanbul. Dort hat sie ihre Kollegin Ayşe Draz kennengelernt. Mittlerweile haben die beiden Damen mit dem kulturell so unterschiedlichen Background bereits zwei Projekte zusammen realisiert. Das neuere trägt den Titel „panorama radio“, nennt sich theatrale Situation und erlebt am 2. Oktober seine Deutschland-Premiere. Nicht im Theater allerdings, sondern im Auto. Welche Idee steckt dahinter? Wer darf mitfahren? Und wie lässt sich das Projekt mit dem Gedanken der Verkehrswende vereinen? Hat theycallitkleinparis Marlin de Haan natürlich gefragt.

Marlin, der Aufenthalt in Istanbul war dein erster längerer Auslandsaufenthalt als Künstlerin. Was hast du mitgenommen?
Ach, da habe ich so viel mitgenommen: Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Das Fremdsein zum Beispiel. Das habe ich dort sehr gespürt und das war neu für mich. Ich hatte immer das Gefühl, mit einem Pfeil auf dem Kopf durch die Stadt zu laufen, der auf mich zeigt. Zu der Zeit, nach dem Putsch, blieben die Touristen aus und ich sehe nun mal eindeutig nicht sehr türkisch aus. Allein mein Kleidungsstil hat mich schon verraten. Eine zeitlang habe ich dann nur Schwarz getragen, um unauffälliger zu sein. Dazu kommt, dass ich als Frau und alleine unterwegs und in meinem Alter dort eine mir neue „Rolle“ eingenommen habe. Männer und Frauen – das läuft da nochmal anders. Ich habe mir angewöhnt, niemandem im Vorbeigehen auf der Straße direkt ins Gesicht oder in die Augen zu schauen. Und: Zu der Zeit gingen ständig irgendwo in der Stadt Bomben hoch, wobei Menschen starben. Den Schmerz und die Trauer konnte man in Istanbul fühlen. Diese und auch andere Momente waren für mich eine völlig neue Erfahrung in Bezug auf eine gesellschaftlich miteinander geteilte Emotion.
Die Stadt Istanbul ist groß, laut und chaotisch und die türkische Kultur ist mir sehr fremd. Es hätte mich an keinen besseren Ort verschlagen können. So lernt man sich und seine Verhaltensmuster ganz neu kennen.

Wie hast du Ayşe Draz kennengelernt?
Wir wurden von einem deutsch-türkischen Kollegen miteinander bekannt gemacht. Ich hatte ihm erzählt, dass ich das türkische Theater furchtbar altbacken finde und er hat zu mir gesagt: Frag mal Ayşe. Die kann dir sicherlich noch andere Sachen zeigen. Das habe ich dann gemacht und das war auch tatsächlich so.

Wie ist eure gemeinsame Arbeit „panorama radio“ entstanden?
Wir haben bereits vergangenes Jahr zusammen das Projekt „Once I set foot outside“ in Istanbul und Düsseldorf realisiert. „panorama radio“ baut darauf auf. Ein zweiter Teil, bei dem es um die andere Perspektive auf dasselbe Thema geht. Vergangenes Jahr haben wir den Kunstraum beziehungsweise die Black Box für Dinge genutzt, die im öffentlichen Raum nicht mehr stattfinden können. Dieses Jahr nutzen wir den Privatraum für Anliegen an die Öffentlichkeit beziehungsweise öffentliche Anliegen. Uns interessiert der öffentliche Raum im Verhältnis zu seinen Bewohnern und in Interaktion mit Theater.

Bezeichnet ihr das Ganze als Theaterstück?
Wir nennen „panorama radio“ eine theatrale Situation.

Wann waren die Aufführungen in Istanbul?
„panorama radio“ wurde Ende Juni in Istanbul aufgeführt. Allerdings nur an einem Wochenende. Wir hatten zwei Wochenenden geplant, aber dann wurde die Bürgermeisterwahl in Istanbul annulliert und Ende Juni wiederholt. Da haben wir es für besser gehalten, weitere Fahrten auf Oktober zu verschieben. Mit den Erfahrungen aus Düsseldorf arbeiten wir dann nochmal weiter an der türkischen Fassung. Das finde ich spannend, wenn ein Projekt sich stets weiter entwickelt. Und bei „panorama radio“ geht es ja auch darum, Aktuelles aufzugreifen. Das ist in der Türkei was anderes als in Deutschland und bis Oktober sind vielleicht schon wieder Dinge passiert, mit denen man im Juni gar nicht rechnen konnte.

Wie waren die Reaktionen der Mitfahrer in Istanbul?
Die waren vorab alle sehr gespannt und aufgeregt und vielleicht auch unsicher und das war dann ganz interessant, wie das gemeinsame Nicht-Wissen zur Gruppenbildung führte. Im Nachhinein wollten sie meistens mehr: Nochmal fahren, noch mehr Interaktion im Auto. Die Auswahl der Route, das gemeinsame Unterwegs-Sein der Blick von innen nach außen, das ist eine besondere Konstellation. Und das hat sich auch übertragen.

Nun zeigt ihr die Arbeit in Düsseldorf. Habt ihr „panorama radio“ dafür in irgendeiner Weise modifiziert?
In Istanbul lief das Stück auf Türkisch. Für Düsseldorf haben wir eine deutsch-türkische Fassung erarbeitet. Das heißt, unsere eigene deutsch-türkische Konstellation, die von Ayşe und mir, und die derjenigen, die uns für „panorama radio“ Fragebögen beantwortet haben, und die Auseinandersetzung damit, ist ein grundsätzliches Thema dieser Arbeit. Und: Wir haben jetzt hier zum Beispiel ganz andere Möglichkeiten, Dinge zu benennen. In der Fassung, die in Istanbul gespielt wird, geht das nur mit metaphorischen Umschreibungen. Außerdem sind unsere Erfahrungen mit dem Publikum in Istanbul in die Textfassung auf Deutsch mit eingeflossen. Vieles haben wir aber auch bewusst übernommen: Objekte, Requisiten und die Musikauswahl. Die Objekte hat übrigens Charlotte Pistorius aus Berlin und den Sound Oguz Öner aus Istanbul erarbeitet.
Dann musste eine Route gefunden werden, die zu den verschiedensten Tageszeiten funktioniert. Funktioniert heißt: Möglichst wenig Stau, möglichst wenig Stop-and-Go und mit verschiedenen Qualitäten. „panorama radio“ ist keine Stadtrundfahrt, aber das Innen und Außen interagiert miteinander. Im Idealfall. Das Timing ist nämlich natürlich nie exakt dasselbe. Zeit beziehungsweise das Timing, Auto und Zuschauer-Konstellation variieren und haben eine eigene Dynamik. Wir arbeiten ausschließlich mit Tageslicht und auch das verändert sich während der Fahrten.

Wie viele Leute dürfen pro Tour mitfahren?
Maximal drei und mindestens zwei Leute auf der Rückbank. Dann gibt es den Gastgeber, der den Wagen fährt, und jeweils Ayşe oder mich auf dem Beifahrersitz.

Wieso habt ihr euch für das Auto als Raum der Performance entschieden?
Ein Auto ist für uns ein privater Raum im öffentlichen Raum beziehungsweise der sich durch diesen bewegt und dort Platz einnimmt. Entwickelt hat sich das Ganze so: Zunächst haben wir überlegt, welchen privaten Raum wir interessant finden. Wir wollten etwas charakterlich Neutrales. Eine private Wohnung zum Beispiel bringt ja immer etwas Eigenes mit rein. Das wollten wir möglichst wenig. Dazu kam, dass wir selbst während Auto- oder auch Taxifahren bereits sehr unerwartete und interessante Gespräche geführt hatten. Da sitzt man eben so zusammen, weiß, das dauert jetzt noch was, bis wir ankommen, und quatscht ein bisschen drauf los, guckt dabei raus oder schweigt und hört zu. Und: Wir wollten etwas, was in Istanbul und Düsseldorf funktioniert. Das zufällige Zusammenkommen, sich fremd Sein und doch eng beieinander zu sitzen, eine temporäre Gruppe zu sein, von drinnen nach draußen gucken, gemeinsam unterwegs sein, das alles fanden wir spannend und passend für das, was wir versuchen wollten.

Auf der Website des FFT findet man nur sehr rudimentäre Infos zu „panorama radio“. Mich persönlich schreckt so was immer ab – wenn ich so gar nicht weiß, was mich erwartet. Ist es schwierig, für so ein Format ein Publikum zu finden?
Es ist nicht so einfach, etwas zu kommunizieren, über was man nicht zu viel verraten möchte. Wie gesagt – das Nicht-Wissen ermöglicht hierbei vieles. Es ist aber natürlich wichtig, die Leute vorab irgendwo abzuholen. Wäre schade, wenn uns das nicht gelingt. Dass sich so viele Komponenten bei dem Projekt bedingen, das ist das eigentlich Schwierige. Ohne Fahrer mit eigenem Auto, keine Performance. Und natürlich auch ohne Zuschauer, keine Performance.

Für die Produktion habt ihr im Vorfeld Fragebögen verschickt. An wen? Und worum ging es?
An unsrer Umfeld, Ayşes und meines, und das unseres Teams, mit der Bitte um Weiterleitung. So haben wir auch bei unserem letzten Projekt gearbeitet. Wir haben Leute gefragt, wie sie sich Öffentlichkeit vorstellen, wie eine solche funktionieren sollte und welchen Beitrag sie selbst dazu leisten möchten. Außerdem haben wir sie nach Persönlichkeiten gefragt, deren Stimme, Meinung und Präsenz sie derzeit vermissen. Wir haben circa 28 Antworten bekommen und die sind in unsere Textfassung mit eingeflossen. Wir haben Perspektiven und Bilder, Meinungen und O-Töne mit einbezogen. Die Arbeit ist also halb-dokumentarisch.

Wie bekommt ihr die Mitfahrer ans Reden? Ihr selber sagt ja nichts.
Über das Miteinander Reden. Das heißt aber nicht, dass jeder was sagen muss. Das passiert vielleicht auch nur im Kopf. Das ist zumindest die Idee. Wir selbst reden nicht, aber unsere Performer in Abwesenheit, die reden. Ayşe und ich geben Dinge/Objekte nach hinten auf die Rückbank, mit denen man was machen kann. Langeweile sollte also nicht aufkommen. Wir setzen uns, wie bereits in vorangegangenen Projekten, auch in diesem mit dem Medium Theater auseinander. Unsere Mittel sind theatrale. Deswegen ja auch die Bezeichnung „theatrale Situation“.

Wie offen sind die Gespräche thematisch?
Das Projekt heißt „panorama radio“, weil es zwei Sinne anspricht. Das Sehen/Rausgucken und das Hören. Dazu kommt, dass man beieinander sitzt. Wir haben versucht, uns bekannte Situationen dieser Art aufzugreifen. Mit all den uns zur Verfügung stehenden Mitteln. Man sitzt mit Leuten zusammen und schweigt und dann wirft jemand ein Thema rein, was ihn beschäftigt oder worüber er was gelesen hat, man tauscht sich darüber aus und weiter geht’s. Wir hören zusammen Musik und spielen Spiele. Man kann aktiv mitreden oder auch schweigen und zuhören. Alles zusammen ergibt Ausblicke und Einblicke und ein temporäres Miteinander.

Das Thema Verkehrswende ist ja derzeit in aller Munde. Man will eigentlich weg vom Auto. Wie passt eure Arbeit dazu?
Natürlich haben wir sehr lange überlegt, wie wir das verantworten können, im Rahmen des Projektes so viel Auto zu fahren. Wir arbeiten mit privaten Autos, weil die ja zunächst einmal schon da sind. Die nehmen bereits Platz ein. Fahrend oder parkend. Diesen Platz wollen wir gemeinsam nutzen. Dazu kommt, dass viele Fragebogenantworten sich auf das Thema Verkehr bezogen – es sollte weniger Autos geben beziehungsweise mehr Fahrgemeinschaften. Aber auch, dass man manchmal froh ist, wenn jemand mit Auto einen mal kurz wohin fährt oder etwas transportiert und auch, dass man bestimmte Orte ohne Auto einfach nicht erreicht. Das Thema Auto wird also im Rahmen von „panorama radio“ diskutiert.

2.-6.10., jeweils 14, 15:15, 17 + 18:15 Uhr, Treffpunkt: FFT Kammerspiele, Jahnstr. 3, wer sich und seinen Wagen zur Verfügung stellen möchte, meldet sich hier.

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