Kein Chichi. Nur Düsseldorf.

Jasmin Schemann-Gerull im Interview – „Himmel mit Flauschwölkchen“

„Das Meer wartet immer auf mich“: Jasmin Schemann-Gerull auf Juist, Foto: Jasmin Schemann-Gerull

Bei vielen Menschen ist das Reisen längst zu einer Art Wettbewerb geworden. Frei nach der Maxime: je exotischer und weiter entfernt, desto besser. Das liebste Reiseziel von Jasmin Schemann-Gerull liegt hingegen nur rund fünfeinhalb Stunden von Düsseldorf entfernt. Die Insel Juist ist der Sehnsuchtsort der 42-Jährigen. Und die Sehnsucht reißt nicht ab, obwohl sie schon ziemlich oft auf dem Nordsee-Eiland war. theycallitkleinparis hat mit Jasmin Schemann-Gerull gesprochen.

 

Jasmin, du bist vor einigen Tagen von Düsseldorf nach Juist gereist. Wie ist deine Gefühlslage?
Glücklich, dass es nur so knallt. Bis in die letzten Synapsen. Die Endorphine tanzen Polka.

Zum wievielten Mal in deinem Leben bist du auf der Insel?
Wenn es möglich ist, fahre ich fünfmal im Jahr nach Juist. Okay, ein rechnerischer Versuch: Ich bin jetzt 42 Jahre jung und bereits im Bauch meiner Mutter hingereist: 42 mal 2 – zwei ist geschätzter Mittelwert, da ich im Studium mal ein paar Jahre nicht da war – ergibt 84. Verdammt, das ist wenig!

Das Reiseziel hat bei euch in der Familie Tradition.
Stimmt. Meine Urgroßeltern haben den Grundstein der großen Familienliebe gelegt. Mein Opa war jahrzehntelang Chefkellner im „Friesenhof“, einem größeren Hotel auf der Insel. Das hatte zur Folge, dass die Familie, also meine Oma, ihre vier Kinder und wir Enkelkinder, immer im Sommer nach Juist gefahren ist, mal abwechselnd, mal gemeinsam. Die Liebe zu Juist ist so immer an die nächste Generation weitergegeben worden; mal mehr, mal weniger, bei mir mehr. Meine Cousine Anna wohnt nun bereits seit mehreren Jahren auf Juist und arbeitet dort am Flugplatz. Ihre Mutter, meine Tante, und ich treffen uns so oft wie möglich dort und führen dann eine Mädels-WG am Meer.

Einen Ort zum ersten Mal zu besuchen, kann im besten Falle etwas Magisches haben. Wenn man zum wiederholten Mal kommt, so empfinden es viele, sind die Eindrücke oft nicht mehr so intensiv. Wie ist das bei dir und Juist?
Komplett konträr, die Sehnsucht wird eher immer größer, je älter ich werde. Vielleicht ist das auch der wachsende Wunsch nach Behaglichkeit und Ruhe abseits einer Großstadt. Ich bin unendlich glücklich, wenn ich nach Juist fahre, und kann auf der circa 17 Kilometer langen und circa 500 Meter breiten autofreien Insel jedes Mal etwas Neues entdecken. Die Juist-Magie wirkt bei mir, sobald ich aus dem Zug steige, und endet im glückseligen Juist-Gesicht, wenn ich auf die „Frisia“ gehe, das Schiff, das von Norddeich Mole nach Juist fährt.

Du beschreibst die Insel als Herzensort. Was genau macht ihn für dich aus?
Wenn ich auf das Meer schaue, vergesse ich alles. Immer tost es, im Sturm der Gezeiten und mit der Kraft des Mondes. Juist ist ja tide-abhängig, was den besonderen Zauber ausmacht. Mich beruhigt und entschleunigt das total. Ich kann mir stundenlang fasziniert Muscheln am Strand anschauen und bringe zur großen Nicht-Freude meiner Familie jedes Mal Tonnen davon mit. Eine schöner als die andere. Ich bin auf Juist zu Hause. Die Insel ist mein Herzensort und Refugio.

Hat die Wahl des Urlaubsortes eventuell auch damit zu tun, dass du die Umwelt nicht unnötig belasten möchtest?
Früher bin ich gerne mit dem Auto zur Mole gefahren, mittlerweile nehme ich den Zug. In der Tat schwingt da nun auch der Umwelt-Gedanke mit, der Wunsch, meinen ökologischen Fußabdruck zu verkleinern. Ich fürchte aber, die Fähre macht meine Bilanz dann wieder platt. Und fairerweise muss man sagen, dass die Liebe zur Insel vor den Gedanken zur Umwelt war. Nun reicht sich das die Hand.

Bitte beschreibe das Gefühl, wenn du auf der Fähre bist!
Unendliches Glück, mit der Nase im Wind und in den Ohren das Meeresrauschen. Ich stehe die ganze Zeit oben auf der Fähre, auch bei Regen und Sturm. Ich habe da im Winter frühmorgens auch schon mal mit Wärmflasche und in Skisocken gesessen.

Was ist das erste, was du auf der Insel tust, gibt es da ein Ritual?
Tief durchatmen und dann mit dem Koffer zu meiner Cousine rollen. Danach gehe ich als erstes zum Strand und schaue, noch bevor ich auspacke, auf das Meer und begrüße es. Es wartet immer auf mich.

Juist gilt schon seit einigen Jahren als das neue Sylt und die Preise haben dementsprechend angezogen. Wo wohnst du auf der Insel?
Meine Cousine Anna hat ein kleines, wunderschönes Gästezimmer. Purer Luxus auf der Insel, da Wohnraum für Insulaner sehr knapp ist. Alles, was ein Fenster hat, wird teuer an Gäste vermietet. Das ist ein großes Problem. Wer das erste Mal Juist besuchen möchte, kann mich hier gerne nach Tipps fragen. Meiner Meinung nach gibt es auf der Insel nur noch drei günstige Ferienwohnungseinheiten. Mit jedem Generationswechsel werden die Wohnungen teurer.

Welche fünf Orte auf Juist würdest du jemandem empfehlen, der zum ersten Mal auf der Insel ist?
Im Osten den Flugplatz, mit Pause am Flugplatzrestaurant. Hier gibt es sehr leckeres selbstgemachtes Eis und hervorragende Pizza. Bitte grüßt Anna und ihren Kollegen Ralf von mir! Dann einen Spaziergang um die Ostspitze, den Kalfarmer. Das wäre der erste Punkt. Leiht euch ein Rad, vom Ort aus sind es vier Kilometer. Kein E-Rad. Bewegt euch! Im Westen per Rad zur Domäne Bill, dem Restaurant am Ende der Insel. Der Rosinenstuten ist hier legendär. Ich persönlich stehe auch sehr auf die vegane Möhren-Ingwer-Suppe. Dann zu Fuß um die Westspitze rum, zum Billriff. Meiner Meinung nach wurden hier Teile von „Fluch der Karibik“ gedreht“. Es ist das Ende der Welt, Watt und Meer treffen sich hier auf einer faszinierenden Linie, durchbrochen von feinem Sandstrand. Wenn das Nichts ein Aussehen hat, dann ist es dieses. Drittens sollte man sich unbedingt das Zauberwäldchen und den Hammersee anschauen beziehungsweise umrunden, beides Richtung Bill. Der Hammersee ist der größte Süßwassersee auf einer Nordseeinsel und resultiert aus einer Inselteilung im 17. Jahrhundert beziehungsweise ist Folge einer Sturmflut von 1932, das überflutete Gelände floss nicht mehr ab. Das Lüttje Teehuus im Januspark ist enorm urig, hier gibt es die besten Waffeln mit Kirschen. Ein Ort mit Gebälk, knarzend wie aus einer anderen Zeit. Auch das Inselkino sollte auf jeden Fall besucht werden. In kuscheliger Atmosphäre werden neue, aber auch ältere Filme gezeigt. Alle Plätze haben kleine Tischlampen und wenn diese ausgeschaltet werden, kommt jemand und fragt nach deinen Wünschen. Kurplatz, das alte Kurhaus, Schiffchenteich für die Jüngeren und lange Spaziergänge am Strand dürfen aber auf keinen Fall fehlen. Abends lecker essen gehen, und das nicht teuer, kann man immer noch am besten im „Friesenhof“. Das war mehr als fünf, ich weiß, aber in Mathe war ich nie gut. Und eigentlich gibt es noch so viel mehr.

Wann bist du Juist zuletzt „fremdgegangen“?
Das war auf Poel, im Mai 2017, und zuletzt für einen Kurzurlaub im Juni 2019. Vorher und nachher war ich aber wieder auf Juist. Mein innerer Gleichgewichtssinn hängt sonst schief.

Und wie hat sich Poel angefühlt?
Poel hat sich überraschend gut angefühlt, das hätte ich vorher nicht gedacht, dass ich mich an einem anderen Ort auch so wohlfühlen kann. Poel ist eine recht kleine Halbinsel an der Ostsee, nördlich von Wismar. Vielleicht sind das die Bausteine, die ich brauche: Klein, beschaulich, Meer und Strand. Blau und Gelb. Und Himmel mit Flauschwölkchen drüber.

Reisen ist ja immer ein großes Thema. Oft geht es in dem Zusammenhang darum, möglichst exotische und weit entfernte Reiseziele anzusteuern. Möchtest du dich diesem Wettbewerb bewusst entziehen?
Mich reizt dieser Wettbewerb nicht, da es mir an diesen Orten meist zu voll, zu laut, gegebenenfalls auch zu hip ist. Ich mag die Ruhe und Beschaulichkeit, die finde ich da nicht. Kann man das „bewusst entziehen“ nennen? Mir gefällt es da einfach nicht, das stresst mich.

Gibt es ein Reiseziel, das in deinen Augen auch nur im entferntesten mit Juist mithalten kann?
Definitiv Poel. Dorthin reiste ich in diesem Jahr insgesamt bereits zum vierten Mal. Gollwitz ist ein magisches kleines verschlafenes Örtchen im Nordosten mit etwa 50 Einwohnern und mehr Fröschen im Dorfteich als Gästen. Ein unfassbar schönes Gequake! Die Ostsee ist anders als die Nordsee, aber eben anders schön. Und ich mag das Zusammenspiel mit den Wäldern vor dem Meer als Naturkulisse. Blau und Gelb ergibt ja auch Grün.

Wohin möchtest du in Zukunft, abgesehen von Juist, unbedingt noch mal reisen?
Da gibt es eigentlich keinen anderen Ort, wo ich unbedingt mal hinmüsste. Mein Reisewunsch ist da sehr leidenschaftlich und ausschließlich lokalisiert. Ich fahre dieses Jahr fünfmal nach Juist und war einmal auf Poel. Mehr Glück geht nicht.

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