Kein Chichi. Nur Düsseldorf.

Julia von Lindern im Interview – „Hüfttief im Schlamm“

Erste Reihe Wacken, Foto: Festival GmbH

Julia von Lindern kennt man in Düsseldorf in erster Linie von fiftyfifty. Seit 2009 arbeitet die 33-Jährige als Streetworkerin. Jedes Jahr im Sommer nimmt sie Urlaub, um einem sehr speziellen Nebenjob nachzugehen. Auf dem weltweit größten Metal-Festival in Wacken. Was macht sie dort? Und wie ist es, wenn 75.000 Metal-Fans aus aller Welt in der schleswig-holsteinischen Provinz einfallen? theycallitkleinparis hat mit Julia von Lindern gesprochen.

 

Julia, wie viele Tage Urlaub hast du im Jahr bei fiftyfifty?
30.

Und wie viele davon gehen jedes Jahr fürs „Wacken“ drauf?
Fünf. Insgesamt bin ich aber sieben Tage vor Ort. In diesem Jahr bin ich am Sonntag vor Festivalstart gekommen. Seit Montag ist die Anreise für Besucher möglich, mittwochs startet das Festival und geht bis Samstagnacht. Sonntags fahre ich dann wieder zurück nach Düsseldorf.

Das heißt, es gibt Leute, die schon zwei Tage vor dem Festivalstart ihre Zelte aufbauen?
Die gibt es, ja. Die haben ein Faible dafür auf dem Acker Bier zu trinken.

Werk der „Feuer-Jungs“, Foto: Festival GmbH

Wohnst du auch im Zelt?
Ja. Wir haben Mitarbeiter-Flächen, die von den Gäste-Camp-Flächen getrennt sind. Da treffe ich mich mit meiner alten Crew, mit denen ich schon seit vielen, vielen Jahren auf dem Festival arbeite. Wir sehen uns immer nur einmal im Jahr in Wacken. Wir wohnen übrigens in unmittelbarer Nähe der Feuer-Jungs, die für die Pyrotechnik an der Wasteland-Stage verantwortlich sind. Und der Schwertjungs, die mittelalterliche Schaukämpfe auf dem Festival-Gelände veranstalten. Das ist unsere feste Truppe.

Das Festival-Gelände in Wacken ist 300 Hektar groß. Da können die Wege ja durchaus schon mal ziemlich lang werden. Wie weit ist es von eurem Zelt zu deinem Arbeitsplatz?
Mein Fußweg zur Arbeit ist erfreulich kurz, ungefähr 200 Meter, würde ich schätzen.

Gibt es denn auch die Möglichkeit, bei Leuten aus dem Dorf unterzukommen?
Ja klar, die sind alle involviert. Auch die in den Nachbardörfern. Da müssen eh alle durchfahren auf dem Weg nach Wacken. Viele bieten Gästezimmer an. Mittlerweile ist, so weit ich informiert bin, im Radius von 70 Kilometern alles ausgebucht, wenn das Festival stattfindet. Es gibt also offenbar auch Leute, die nicht so gerne zelten.

Bei der Arbeit: Julia von Lindern an der Info in Wacken, Foto: Thorsten Greiner

Was genau sind deine Aufgaben auf dem „Wacken Open Air“?
Ich arbeite an der Info, das ist direkt neben der Bandausgabe, wo alle Festival-Besucher ihre Bändchen bekommen. Wir kümmern uns um alle kleinen und großen Probleme, die die Gäste so haben. Wir geben Lagepläne aus, damit sich die Gäste auf dem Festivalgelände orientieren können, beantworten Fragen dazu, wann, wo, wie welche Band spielt, welche Autogrammstunden anstehen oder wo der Geldautomat ist. Wir helfen aber auch Leuten, die aus Mexiko oder Neuseeland angereist sind und ihre Eintrittskarten vergessen haben. Außerdem gehört zur Info das „Lost & Found“. Verlorene Gegenstände können bei uns abgegeben respektive abgeholt werden.

Was wird denn so verloren und gefunden?
Alles. Portemonnaies, Handys, Sonnenbrillen, normale Brillen, Kameras, Schlüssel. Gerade bei Autoschlüsseln ist die Freude immer besonders groß, wenn der Besitzer sie zurückbekommt. Wir sortieren die Gegenstände in Kartons. Es gibt einen Karton mit Handys. Einen mit Portemonnaies. Einen mit Brillen. Insgesamt werden während der drei Festivaltage ungefähr 400 Fundstücke abgegeben.

75.000 Gäste aus aller Welt: Wacken Open Air, Foto: Festival GmbH

Und wie groß muss man sich euer Team vorstellen?
Infostand und Bändchenausgabe haben rund um die Uhr geöffnet und arbeiten im Schichtsystem. Allein an der Info sind wir neun Leute, pro Schicht arbeiten immer drei. In der Bandausgabe sind es knapp 100 Leute. Aber zum „Wacken“ kommen ja auch 75.000 Gäste. In den Stoßzeiten am Dienstag und Mittwoch, wenn alle ihre Bändchen abholen wollen, kann es also durchaus schon mal stressig werden.

Wie kamst du zu deinem Job auf dem „Wacken“?
Ich bin drei Dörfer weiter aufgewachsen. In einem Dorf namens St. Michaelisdonn, das hat ungefähr 3.500 Einwohner. „Wacken“ war schon in meiner Kindheit immer ein Thema, das gehört bei uns in der Region einfach dazu. Meine Chefin aus der Bandausgabe, die auch die Info mit organisiert, ist die Schwester einer alten Schulfreundin. Die hat uns damals gefragt, ob wir nicht mitarbeiten wollen. Zuerst haben wir noch die Bänder getackert. Irgendwann bin ich dann an die Info gewechselt.

Bist du denn Fan von Hardrock und Heavy Metal?
Ja, grundsätzlich mag ich Metal und Hardrock schon sehr. Wobei sich das Line-up beim „Wacken“ über die Jahrzehnte schon verändert hat.

Inwiefern?
Ozzy Osbourne hat Wacken mal ein „Metal-Disneyland“ genannt und ich weiß genau, was er meint. Es gibt mittlerweile sehr viel drumherum. Mittelalter-Markt, Mittelalter-Bühnen, auf denen irgendwelche Dudelsackbands auftreten, also Sachen, die eher Mainstream und nicht Metal sind. Die beiden Veranstalter, Thomas und Holger, sind, was das angeht, unterschiedlicher Meinung. Holger möchte das Programm gerne in die Breite ziehen, Thomas möchte sich eher auf Metal konzentrieren. Was ich immer noch nett finde, ist die Wacken Foundation und der Metal Battle. In dessen Rahmen finden das ganze Jahr über weltweit Wettbewerbe statt, von kleinen, unbekannten Metal-Bands, die dann als Hauptgewinn einen Slot auf der Hauptbühne gewinnen können. Man ist also sehr bemüht um den Nachwuchs.

Was sind deine „Wacken“-Highlights aus 16 Jahren?
Ich habe mich sehr über Sepultura gefreut im vergangenen Jahr. Sehr spannend, völlig extrovertiert war außerdem eine Band namens Panzerballett. Eine Mischung aus Metal und Jazz. Die fand ich großartig! Iron Maiden habe ich zwei Mal auf dem „Wacken“ gesehen. Das war der absolute Wahnsinn! Und Soulfly, die Band des ehemaligen Sepultura-Sängers Max Cavalera, war auch toll. Nicht so meins waren Otto Waalkes und Heino mit Rammstein. Und ich bin natürlich kein Fan dieser Grauzonen-Bands wie Freiwild.

Du arbeitest das 16. Mal auf dem Festival. Dieses „Wacken“ soll nun gleichzeitig dein letztes sein. Warum?
„Wacken“ feiert in diesem Jahr 30. Geburtstag. Gleichzeitig ist es mein 16. Mal auf dem Festival. Wenn die 2019er-Ausgabe vorbei ist, gab es also einmal mehr „Wacken“ mit mir als ohne mich. Man soll ja gehen, wenn‘s am schönsten ist. Und vielleicht werde ich dann auch endlich erwachsen. Natürlich ist „Wacken“ keine Woche Urlaub. Und das Wetter tat in den vergangenen Jahren oft seinen Teil dazu, dass es sehr anstrengend war. Häufig stand ich hüfttief im Schlamm. Es gab Fahrverbote, die Gäste konnten nicht abreisen, weil die Autos komplett im Acker versunken sind. Einmal ist sogar das komplette Catering zusammen gebrochen, weil niemand mehr fahren durfte.

Das sind natürlich Herausforderungen, mit denen man in den wenigsten Jobs konfrontiert ist. Ist es das, was das Ganze für dich ausmacht?
Könnte man so sagen. Für mich ist das, obwohl es Arbeit ist, die totale geistige Entspannung. Wir sind ein sehr, sehr nettes Team. Viele von den Leuten, mit denen ich da arbeite, kenne ich von Beginn an. Wir sehen uns mittlerweile aber immer nur einmal im Jahr, weil die Leute in alle Himmelsrichtungen verstreut sind.

Machst du denn auch noch „richtigen“ Urlaub?
Ich hatte vor dem „Wacken“ eine Woche frei. Das lag allerdings an den Kita-Schließzeiten. Im September fahren wir dann zweieinhalb Wochen nach Südfrankreich. Da wird nichts außer Urlaub gemacht. Definitiv.

 

Größtes Metal-Festival der Welt: Wacken Open Air, Foto: Festival GmbH

Wacken in Zahlen
* 300 Hektar Festival-Gelände
* 43.000 Quadratmeter Festival-Infield
* 75.000 Besucher
* Über 190 Bands (ca. 1.300 Personen) auf 9 Bühnen
* 48 Kilometer beplanter und gestellter Bauzaun
* 850 Mobiltoiletten (plus 200 Metal-Mobile-WCs)
* 600 Duscheinheiten
* 40 Trinkwasserstationen
* geschätzte 590 Tonnen Müll
* Stromleistung: 12 Megawatt (entspricht dem Bedarf einer Kreisstadt mit ca. 70.000 Einwohnern)
* 150 Food- und 120 Gastronomiestände
* 300 Non-Food-Stände
* Bierumsatz: VIEL
* 1.000 LKW mit Material
* 75 Sattelzüge Bühnenmaterial (entspricht 1.000 Tonnen)
* 10 Sattelzüge Tontechnik
* 20 Sattelzüge Lichttechnik
* 7 Tage Bühnenaufbau
* 5 Tage Bühnenabbau
* 5.000 Mitarbeiter

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