Kein Chichi. Nur Düsseldorf.

Philipp Maiburg im Interview – „Nichts hat mich so an meine Grenzen gebracht wie dieses Festival“

Publikum auf dem „Open Source Festival“, Foto: Sebastian Wolf

Seit vergangenem Freitag ist das Ende beschlossene Sache. Die 14. Ausgabe des „Open Source Festivals“ am 13. Juli wird gleichzeitig auch die letzte sein. theycallitkleinparis hat mit dem künstlerischen Leiter Philipp Maiburg gesprochen.

 

Philipp, lass mich mit einer Frage eröffnen, die ansonsten gerne nach Niederlagen im Fußball gestellt wird: Woran hat‘s gelegen?
Wir haben das Ganze einfach nicht mehr finanziert bekommen. Ein Open-Air-Festival ist nun mal ein teures Unterfangen. Und sehr risikoreich dazu. Unsere Kosten sind zuletzt um jährlich rund sieben Prozent gestiegen. Gleichzeitig waren die Einnahmen in den Bereichen Förderung, Sponsoring und Ticketverkauf rückläufig. Nachdem das ganze Team monatelang Sponsoren-Akquise betrieben hat, haben wir uns vor sechs Wochen zusammengesetzt und uns die Entwicklung genau angeschaut. Da wussten wir schon, dass es schwer wird. Wir haben dann noch mal alles versucht, an allen Rädern gedreht. Aber Ende vergangener Woche war klar: Es reicht nicht.

Es war ja nicht das erste Mal, dass ihr überlegt habt, die Brocken hinzuschmeißen.
Nee. Wir haben schon nach der ersten Ausgabe des Festivals überlegt, ob wir weitermachen. Nach der zweiten auch. Und nach der dritten. Dann ging es eine Zeit lang gut, bis zum Vollchaos-Jahr 2014 inklusive Sturm Ela, als wir nach wochenlangem Regen die Bühne nicht im Boden verankert bekamen und uns so erhebliche Mehr-Kosten entstanden. Es gab zwischendurch aber auch immer wieder Jahre, in denen wir kostendeckend gearbeitet haben. Gewinne durften wir ja eh nie machen. Oder Rücklagen bilden. Sobald wir Geld eingenommen hätten, hätten wir das an die Stadt Düsseldorf im Rahmen der Fehlbedarfsfinanzierung zurückzahlen müssen.

Wie sieht es bei anderen Festivals aus, funktioniert es dort besser?
Die Ticketverkäufe gehen auch bei anderen Festivals zurück, auch bei den ganz großen. Festivals wie „Southside“ oder „Hurricane“ verzeichnen seit 2018 einen Rückgang von etwa 20 Prozent bei den verkauften Tickets. Das liegt meines Erachtens an einem Überangebot in dem Bereich. Aus einem ehemaligen Wachstumsmarkt ist ein Verdrängungsmarkt geworden. Das „Mayfield Derby“ in Mannheim wird 2020 pausieren. Andere Festivals und Konzerte wurden von großen Stadien in kleinere Indoor-Locations verlegt. Ich hatte die Hoffnung, dass das „Open Source“ von dem Trend verschont bleiben würde. Ist aber leider anders gekommen.

Lass uns mal über konkrete Zahlen sprechen. Wie hoch sind die Produktionskosten für das „Open Source“ 2019?
Das muss ich nachschauen. Genau 639.539 Euro. Dazu kommt dann noch der Congress. Für beides zusammen sind wir bei etwa 750.000 Euro.

Wie viel davon machen die Künstlergagen aus?
Die liegen bei circa 110.000 Euro. Das ist übrigens ein Bereich, bei dem wir die Kosten über die Jahre stabil halten konnten, obwohl die Gagen allgemein exorbitant gestiegen sind. Wir haben uns schon seit 2015 nicht mehr auf die Headliner-Schlacht eingelassen, sondern stattdessen immer relativ spitz gebucht.

Was sind abgesehen von den Gagen die wichtigsten Kostenfaktoren, wenn man ein Festival veranstaltet?
Teuer macht das Ganze in unserem Fall in erster Linie die Umnutzung von einer Rennbahn zu einem Festival-Gelände. Dazu kommt die Technik, auf deren Qualität wir viel Wert legen. Seit den Anschlägen auf das Bataclan in Paris und den Berliner Weihnachtsmarkt sind auch die Kosten für Security, Absperrungen und so weiter teurer geworden. Dazu kommt, dass es beim Sponsoring natürlich ethische Limits gibt. Ich kann nicht Kindern bis 12 Jahren freien Eintritt gewähren und dann einen Marlboro-Truck aufbauen.

An den Eintrittspreisen wolltet ihr nicht mehr drehen?
Wir haben in diesem Jahr schon um zwei Euro erhöht. In den Vorjahren konnten wir die Ticketpreise stabil halten. Man zahlt bei uns für das komplette Festival ungefähr das, was die Einzelshow eines Headliners wie Sohn oder Faber kosten würde. Wir möchten durch unsere Ticketpreise nicht abschrecken. Derjenige, der seine Kumpels auf der Young Talent Stage unterstützen möchte, soll sich auch ein Ticket leisten können.

Wie hat euch die Stadt unterstützt?
In diesem Jahr haben wir 103.000 Euro bekommen. Beantragt hatten wir mehr, weil bei uns ja wie schon erwähnt, die Kosten kontinuierlich steigen. Als unserem Antrag nicht in voller Höhe entsprochen wurde, habe ich noch mal mit allen möglichen Leuten von der Stadt gesprochen, um Möglichkeiten auszuloten, wie man uns helfen könnte. Wenn jetzt behauptet wird, wir hätten kein konkretes Hilfsangebot gestellt, stimmt das einfach nicht. Das ist allerdings jetzt auch müßig zu diskutieren. Weil das Sponsoring eben auch nicht funktioniert hat. Da sind uns circa 36.000 Euro weggebrochen, die wir nicht kompensieren konnten. Das ist für mich das Enttäuschendste überhaupt: Dass wir nicht ein paar mehr Düsseldorfer Unternehmen bewegen konnten, sich zu engagieren. Die Unternehmen äußern sich zwar immer gerne laut dazu, was in Düsseldorf alles passieren soll und dass die Stadt attraktiv sein muss. Wenn man dann als Veranstalter bei ihnen nachfragt, hört man aber meist nur die Frage: ‚Was haben wir denn davon?‘. Ich finde generell, dass sich Düsseldorfer Firmen mehr engagieren sollten – egal ob fürs „Open Source“, fürs Museum oder andere kulturelle Konzepte.

Noch mal kurz zur städtischen Förderung: Man hörte ja unter Kulturmachern häufig Kritik daran, dass ihr als jährlich stattfindendes Festival so viel Unterstützung bekommt. Findet ihr die Summe denn eigentlich angemessen?
In meinen Augen produzieren wir nicht nur ein Festival. Wir haben über anderthalb Jahre ein Artist-in-residence-Programm im ehemaligen Kling Klang Studio auf der Mintropstraße gemacht. Hatten 30 Künstlerateliers plus Veranstaltungen in der postPOST. Dazu die OSF+-Serie mit acht Konzerten und Filmscreenings. Wir vermieten 15 Ateliers an der Völklinger Straße zum Selbstkostenpreis von fünf Euro pro Quadratmeter. Unsere Arbeit ist also keinesfalls ein eintägiges Tischfeuerwerk an der Galopprennbahn, sondern viel mehr als das. Ob die Förderung angemessen ist, möchte ich nicht bewerten. Das müssen andere tun. Das Format, das wir anbieten, gerade mit dem Congress, ist zudem viel mehr als nur ein Musikfestival. Da kommt also auch die Frage nach der Trennschärfe ins Spiel: Was ist Kultur? Was ist Wirtschaft? Was ist Stadtmarketing? Es ist uns offensichtlich nicht gelungen, dies an den entscheidenden Stellen zu vermitteln.

Die Düsseldorfer Kulturszene, gerade im Bereich Musik, hat in den vergangenen Jahren viele Abgänge verzeichnen müssen. Das damenundherren. Die Brause. Momentan ist zudem der Salon geschlossen. Die gesamte Clubszene ist schon seit vielen Jahren schwach auf der Brust. Nun verschwindet das Open Source. Wie nimmst du die Entwicklung war?
Als wir 2006 angefangen haben, gab es in der Stadt kein Popkultur-verortetes Festival-Format. Seitdem hat sich durchaus etwas getan. Das „asphalt festival“ zum Beispiel. Die machen am Tag nach dem OSF ein Open-Air-Konzert mit Erobique im Malkasten. Dazu kommt „Parklife“, das „New Fall Festival“, da hat sich also einiges entwickelt. Prinzipiell erst mal gut. Aber das sind natürlich Leuchtturm-Projekte. Was mir hingegen Sorge bereitet, ist der Wegfall von Brause. Oder damenundherren. Diese Orte braucht es, um etwas entstehen zu lassen. Ohne diese Orte machen Leuchttürme auch keinen Sinn.

Ihr habt das „Open Source Festival“ 14 Jahre lang gemacht. Was waren für dich persönlich die unvergesslichen Momente, in positiver wie negativer Hinsicht?
Da gibt es einige. Fest steht: Nichts in meinem Leben hat mich auch nur annähernd so an meine Grenzen gebracht wie dieses Festival. Das ging schon im ersten Jahr los. Als wir nach einem total verregneten Festivaltag und mehreren Nächten ohne Schlaf das Gelände des Strandbad Lörick übergeben wollten und vorher noch jede Zigarettenkippe einzeln aus der durchnässten Wiese zupfen mussten.

Genau so stellt man sich ja das glamouröse Leben eines Festival-Machers vor.
Ja, oder? Ein anderes Mal musste ich mir selber das Gabelstapler-Fahren beibringen, das war auch noch in Lörick. Damals wurden die Dixie-Toiletten abgeholt, die entsprechenden Kollegen waren aber leider ohne Stapler gekommen. Aber es gab natürlich auch wahnsinnig schöne Momente: Die schwedische Band Slagmålsklubben, die damals für die nicht angetretene Uffie an den Start gegangen war, forderte zum Beispiel das Publikum auf, in den See auf dem Gelände in Lörick zu springen. Die DLRG war mit einem kleinen orangen Ruderboot vor Ort und sah plötzlich eine Horde sich ausziehender Kids auf sich zurennen und in den See springen. Obwohl da natürlich Badeverbot herrschte, wegen laichender Fische. Ein anderer starker Moment war das DJ-Set von Jamie XX, ein Künstler, der heute die Hälfte unserer gesamten Gagen für ein Jahr verschlingen würde. Während seines Sets 2011 schauten plötzlich alle in ihre Handys, gleichzeitig setzte leichter Regen ein. Das war der Zeitpunkt, als die Todesnachricht von Amy Winehouse die Runde machte.

In knapp zwei Wochen steht die letzte Festival-Ausgabe an. Vor euch liegt wahnsinnig viel Arbeit. Ist es schwierig, sich da noch mal zu motivieren?
Das gelingt uns als Team eigentlich gerade ziemlich gut. Wir haben den Abschied bewusst vor der Veranstaltung kommuniziert. Damit bei allen Klarheit herrscht und wir erhobenen Hauptes vom Festival-Gelände gehen können. Mir ist sehr daran gelegen, im Positiven mit dem Projekt abschließen. Ich freue mich wirklich auf die letzte Ausgabe, darauf, zu sehen, wie und ob das Line-up funktioniert. Was mich immer besonders am „Open Source“ fasziniert hat, ist die Tatsache, dass jeder Besucher das Festival völlig anders erlebt. Bei einem Clubkonzert gibt es hinterher meist eine relativ einhelligen Eindruck. Bei uns gibt es 7000 unterschiedliche Realitäten. Das finde ich so verrückt, dass man erst im Nachhinein erfährt, was ein bestimmter Künstler gesagt oder gemacht hat, während man selber gerade bei den Open Squares unterwegs war.

Und wenn jetzt Herr Geisel um die Ecke kommen und euch zum Abendessen einladen würde. Und wenn die Stadt und sagen wir mal Henkel euch eine Fördergarantie für die kommenden fünf Jahre anbieten würden. Wärt ihr dann noch umzustimmen?
Wenn man eine solide Grundlage hätte, mit der man planen könnte, will ich nichts ausschließen. Ich glaube aber, wir sind im Moment irre weit davon entfernt. Zu den aktuellen Bedingungen ist das Ende auf jeden Fall definitiv.

13.7., ab 12:30 Uhr, mit Sohn, Faber, Yves of Tumor, Woods of Birnam u. a., Galopprennbahn, Düsseldorf, Tickets gibt es hier.

2 Responses to “Philipp Maiburg im Interview – „Nichts hat mich so an meine Grenzen gebracht wie dieses Festival“”

  1. Der Fred

    Ein wirklich guter Artikel , der erste Artikel der Mal in die Tiefe geht und mir das Gefühl
    gbt hier sind ehrliche und engagierte Menschen am Start ..der Journalist ebenso der Philipp Maiburg .

    Antworten

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