Kein Chichi. Nur Düsseldorf.

Sechs Portionen Python. Eine Erinnerung an das Restaurant Spoerri (1/2)

Carlo und Doris Schröter, Foto: Carlo und Doris Schröter

Das Restaurant Spoerri ist ein legendärer Ort. Einer, der das Adjektiv legendär wirklich verdient. Dass das Restaurant am Düsseldorfer Burgplatz bis heute unvergessen blieb, ist zum einen natürlich dem Namensgeber zu verdanken. Daniel Spoerri, Künstler und Erfinder der Eat Art. Betrieben hat er das „Spoerri“ gemeinsam mit Carlo Schröter. Während Daniel Spoerri längst über alle Berge ist, lebt Schröter nach wie vor in Düsseldorf. Er ist mittlerweile 84 Jahre alt.

 

Ein wuchtiger Backsteinbau im Stadtteil Grafenberg. „Vierte Etage“ sagt Schröters Frau durch die Sprechanlage. Oben grüßt ihr Gatte im eidottergelben Pulli und mit verschmitztem Lachen. Der 84-Jährige hat einen guten Tag erwischt. Ein Warm-up gibt es nicht. Schröter ist in Erzähl-Laune, sein Mitteilungsdrang kennt weder Punkt noch Komma. Über den Sternen-Teppich („Der war im Angebot“) geht es zur Sitzecke ins Wohnzimmer. Gattin Doris bringt Kaffee und Wasser und setzt sich dazu. An den Wohnzimmer-Wänden wird die Zeit des Restaurant Spoerri in Fotos, Kunstwerken und Erinnerungsstücken lebendig. Die Grafenberger Wohnung des Ehepaars, das sich beim Ballonfahren kennengelernt hat, wirkt fast wie ein Museum.

Césars Daumen aus Bonbonmasse, Foto: Alexandra Wehrmann

Gegenüber der Sitzecke, und damit an dankbarster Stelle: die Arbeit „Pinselstrich“ des US-amerikanischen Pop Art-Künstlers Roy Lichtenstein. „Aus Lebkuchen“, bemerkt Schröter. Tatsächlich sind viele der Kunstwerke im Raum aus Lebensmitteln gemacht. In einer gläsernen Vitrine steht ein etwa kniehoher Daumen aus gehärteter Bonbonmasse von dem französischen Künstler César. An der Wand prangen kunterbunt eingefärbte Baguette-Scheiben von Antoni und Dorothée Selz-Miralda. Und in einem hölzernen Kasten gleich neben dem Türrahmen entdeckt man eine Damen-Sandalette, aus der Daniel Spoerri Brotteig quellen ließ. Man bedauert umgehend, dass man damals, Ende der 1960er, aus Mangel an Jahren nicht dabei sein konnte. Das „Spoerri“ muss ein herrlich verrückter, ziemlich wilder und ganz sicher inspirierender Ort gewesen sein.

Auch für Schröter waren die 13 Jahre, die das Restaurant existierte, die beste Zeit seines Lebens. „Da ist einfach am meisten passiert“, sagt er, bevor wir unseren Rundgang durch die private Ausstellung in der Küche fortsetzen. Auch dort jede Menge Erinnerungsstücke: Die Tischplatten, auf denen die Schröters bis heute ihre Mahlzeiten einnehmen, sind Originale aus dem „Spoerri“. Darüber an der Wand: Eine Collage von Francois Morellet: Kaugummi-Streifen auf schwarzer Leinwand. Um das Werk, das vor fast 50 Jahren entstand, entbrannte im Jahr 2010 ein aufsehenerregender Rechtsstreit: Eine ehemalige Kunst-Studentin, die seinerzeit im Auftrag von Morellet die Arbeiten angefertigt hatte, klagte auf Urheberschaft mehrerer Werke. Die Klägerin argumentierte, sie habe die Kaugummis nicht wie von Morellet vorgegeben zerkaut, sondern nur angebissen. Das Gericht wies ihre Klage ab.

Huhn aus der Dose, Foto: Alexandra Wehrmann

Der Hausherr hat derweil schon die nächste Anekdote im Visier: Zielstrebig steuert Schröter auf eine Vitrine in einer Küchenecke zu. Er schiebt die Tür auf und nimmt eine kleine Konserve heraus. „Geröstete Hühnchen“ steht darauf und „Für Kenner“. Man glaubt im ersten Moment an einen Witz. Schröter lacht und schüttelt den Kopf. In der Dose seien tatsächlich zehn Küken. Die Konserve stamme aus Japan und sei vor Jahrzehnten für den deutschen Markt produziert worden. Hat er die Küken probiert? Natürlich, so der Tierfreund. Das gelte auch für die gerösteten Grashüpfer, die sich in der benachbarten Dose befinden.

Vielleicht wurde die Grundlage für all das, was später im Restaurant Spoerri passierte, in Südfrankreich gelegt. Dort verbrachte der Schweizer Schröter als Jugendlicher in den 1950er-Jahren einen Auslandsaufenthalt. Er sollte Französisch lernen, so der Wunsch seiner Eltern. In der Gegend, in der seine Gastfamilie lebte, gab es zahlreiche Katzen. Die landeten bei den Franzosen ab und zu in Topf oder Pfanne. Seltsam oder gar eklig fand Schröter das nicht. „Man frisst, was auf den Tisch kommt, das kannte ich von zuhause“, sagt er. Zuhause war wie gesagt die Schweiz. Geboren in Luzern, wuchs Schröter in Bern auf. Sein Vater war Friseur, fertigte Perücken fürs Theater. Der Sohn absolvierte nach der Schule eine kaufmännische Ausbildung. Lust, im Büro zu versauern, verspürte Schröter aber offenbar nicht. Stattdessen verdiente er sein Geld unter anderem als Buttertester für die Schweizer Käseunion.

Nach Düsseldorf kam er im Jahr 1963, um für die Glasmalerei Derix, die bis heute im Stadtteil Kaiserswerth ihren Sitz hat, zu arbeiten. Sein Schweizer Landsmann André Thomkins vermittelte wenig später den Kontakt zu Daniel Spoerri. Spoerri hatte in Paris klassischen Tanz und Pantomime studiert. Mittlerweile galt sein Hauptaugenmerk allerdings der Objektkunst. In Paris hatte er Künstler wie Jean Tinguely oder Yves Klein kennengelernt. Und auch in Düsseldorf war Spoerri bestens vernetzt. Als Gabriele Henkel im Landhaus der Familie in Ratingen-Hösel ein großes Bankett plante, überzeugte Spoerri sie, das dazugehörige Essen von Künstlern gestalten zu lassen. Das könnte der Beginn der Eat Art gewesen sein. Für das Bankett bemalte Roy Lichtenstein Pfefferkuchen mit Lebensmittelfarbe. Dieter Roth fertigte einen Kopf aus Schokolade. Selbst die Vögel gingen nicht leer aus. Für sie wurde eine Büste aus Vogelfutter geformt. Schröter war bei all dem, wie er selber sagt, „ausführende Behörde“. Und Henkel hat ihn nachhaltig beeindruckt: „Sie war die tollste Frau, die ich je kennengelernt habe.“ Gattin Doris nimmt den Superlativ gelassen und schenkt noch mal Kaffee nach.

Als das Henkel-Bankett vorbei war, hatten Spoerri und Schröter noch jede Menge Schabernack im Kopf. 1968 eröffneten sie am Burgplatz 19 einen Ort, an dem sie in den folgenden 13 Jahren jede Verrücktheit ausleben sollten: das Restaurant Spoerri. Das „Spoerri“ wurde neben dem „Creamcheese“ innerhalb von kürzester Zeit zur der Anlaufstelle für die Düsseldorfer Kunstszene. Joseph Beuys ging hier ebenso ein und aus wie die Mitglieder der Zero-Gruppe, Uli Wickert schaute vorbei und Alfred Schmela. „Schmela war ein seltsamer Galerist“, erinnert sich Schröter. „Er kam ja aus dem Handwerk, war gelernter Maurer.“ Einmal habe er sich schrecklich über die Bierpreise aufgeregt. Ein Bier kostete damals 80 Pfennig. Ein anderes Mal hatte Schröter Konrad Henkel zu Gast. Irgendwann verschwand der Industrielle auf der Damentoilette und kam eine ganze Weile nicht zurück. Der Grund war keinesfalls an anrüchiger: In der Damentoilette stand nämlich jener Schrank, in dem die Reinigungsmittel aufbewahrt wurden. Die hatte Henkel offenbar einer eingehenden Prüfung unterzogen und dabei auch drei Produkte von Mitbewerbern ausgemacht. „Wenn du das nicht änderst, komme ich nie wieder“, soll er zu Schröter gesagt haben. Insgesamt sei alles sehr skurril gewesen im „Spoerri“, befindet Schröter heute rückblickend: „Das musste ich als schwerfälliger Schweizer erst mal einsortieren.“ Ein Schock sei das anfangs für ihn gewesen, allerdings im positiven Sinne. Er wusste nun, was möglich war. Alles.

Teil 2 des Beitrags gibt es hier.

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