Kein Chichi. Nur Düsseldorf.

Silberhochzeit. 25 Jahre Kreidler. Ein Gespräch mit Thomas Klein

Kreidler, Foto: Chrisa Ralli & Melina Pafundi

Es begann im Zentrum des altstädtischen Wahnsinns. Irgendwo zwischen Holzwurm und Oberbayern. In der Melody Bar. Dort spielte die Band Kreidler am 29. März 1994 ihr allererstes Konzert. Im März 2019 begeht die Band demzufolge ihr 25-jähriges Bestehen. Ein Viertel Jahrhundert. theycallitkleinparis fühlt sich ganz alt, hat aber trotzdem ein paar Fragen an Thomas Kreidler rausgehauen, den Drummer der Band.

 

Kreidler haben gerade 25-jähriges Bandjubiläum gehabt, sozusagen eure Silberhochzeit. Wenn man so lange zusammen ist, kennt man sich vermutlich in- und auswendig. Könnt ihr euch gegenseitig noch überraschen?
Beim Soundcheck vielleicht nicht, aber auf der Bühne schon. Das ist ja auch eher das, was zählt.

Ihr habt am vergangenen Freitag mit einem Konzert in der Filmwerkstatt gefeiert. War das für euch als Band ein besonderer Abend?
Ich denke schon. Leider war er ein bisschen wortkarg, weil wir vergessen hatten Mikros für eine Ansage bereitzustellen. Obwohl das Konzert super kurzfristig angekündigt wurde, war es total voll – da fühlt man sich natürlich schon geehrt. Und nach 25 Jahren anhaltendem Interesse an der musikalischen Arbeit erst recht. Es war auf jeden Fall ein Abend mit Intensität, auch wenn es für uns alle nicht ganz einfach war unter den technischen Voraussetzungen. Aber man lernt ja auch damit umzugehen in den 25 Jahren. Ich fand es jedenfalls gelungen, auch wenn wir keine Band sind, die sich am Ende des Abends Arm in Arm die alten Geschichten erzählt.

Euren allerersten Live-Auftritt hattet ihr, damals noch als Trio, am 29. März 1994 in der Melody Bar, zusammen mit dem Autor Stan Lafleur und DJ Sport aka Detlef Weinrich. Wie hast du eure Anfänge und speziell den ersten Auftritt in Erinnerung?
Als sehr stimmig. Wir haben alle sehr entspannt genau das gemacht, was wir uns vorstellten und was zu der Spoken Word Poetry von Stan Lafleur passen könnte. Das fühlte sich schon sehr richtig an. Es gab da auch die Möglichkeit sich neu zu erfinden. Wir haben ja vorher schon länger zusammen Musik gemacht (als Deux Baleines Blanches, Anm. d. Red.). Das war irgendwie viel angestrengter als das, was dann unter dem neuen Namen Kreidler plötzlich möglich war. Das Konzert in der Melody Bar war jedenfalls berauschend. Der Laden war ja schon mit 25 Leuten brechend voll. Aber es gab auf einmal eine neue, andere Art von Aufmerksamkeit und Interesse an unserer Musik und neue Kontexte. Das war sehr erfrischend und hat zudem auch noch so gut funktioniert. Auf einmal wurden wir ständig gebucht.

So ein Jubiläum ist ja auch immer ein Anlass zurückzuschauen. Welche sind deine persönlichen Highlights aus 25 Jahren Kreidler?
New York, MOMA (im Rahmen einer Ausstellungseröffnung von Andreas Gursky, Anm. d. Red.) gehört sicher dazu. Unsere Süd-Ost-Asien Tour, Mexiko, Tiflis, im Van Dyck Museum aus Versicherungsgründen lautlos vor einem Publikum mit Kopfhörern zu spielen – wobei das Schlagzeug natürlich trotzdem schepperte. Aber auch viele absurde Auftritte, wie zum Beispiel bei klirrender Kälte in Berlin im Milchhof oder auch schon mal in Mülheim vor sieben Zuschauern – was richtig gut war. Die Palette von bis macht das Besondere aus.

Heute leben zwei von vier Bandmitgliedern in Berlin. Detlef ist zudem als DJ viel unterwegs. Wie siehst du die Zukunft von Kreidler?
Wir versuchen die Dinge am Laufen zu halten, indem wir, wenn wir uns sehen, an neuen Stücken arbeiten. Wir waren ja noch nie eine Band, die monatelange Studiozeit beansprucht. Würden wir wahrscheinlich auch nicht aushalten. Es stand auch schon mal der Wunsch nach einer Pause im Raum. Aber Aufhören macht erst dann Sinn, wenn es künstlerisch keine Perspektive mehr gibt oder wenn wir es miteinander nicht mehr aushalten. Beides ist noch nicht eingetreten.

Du hast in deinem Leben nur eine einzige Stunde Schlagzeugunterricht gehabt. Wenn du heute noch mal ein Instrument lernen könntest, welches wäre das?
Vermutlich Piano. Dann könnte ich mir im Winter mit Bach die Schwermut vom Hals halten… Oder eben Schlagzeug.

Gibt es eine Platte, die dir viel bedeutet, für die du dich aber ein bisschen schämst?
Sicher mehr als eine. „Heaven and Hell“ von Vangelis zum Beispiel. Da hätte ich zumindest bis vor ein paar Jahren nicht mit geprahlt. Irgendwann tauchte er dann mit seinen frühen Platten bei einigen DJs auf der Playlist auf. Die späten Soundtracks sind aber wirklich die Hölle, glaube ich.

Sølyst, Foto: Anika Potzler

Neben Kreidler verfolgst du ja seit einigen Jahren noch dein Soloprojekt Sølyst. Am 6. April trittst du damit im Rahmen der „Nacht der Museen“ im NRW-Forum auf. Mit dabei ist dann erstmals Shadi al Housh. Inwiefern wird sich der gewohnte Sound durch ihn verändern? Was erwartet das Publikum?
Shadi al Housh wird orientalische Finger-Percussion-Instrumente spielen und ist darin ein Meister. Er hat in Damaskus an der Oper gearbeitet. Ich werde mich mit dem Rhythmus etwas zurückhalten und mich mehr auf Elektronik konzentrieren. Ich freue mich auf die Kooperation.

Neben der Band und deinem Soloprojekt engagierst du dich seit fast zehn Jahren für Kabawil, einen Düsseldorfer Verein, der vorwiegend Projekte mit Jugendlichen mit unterschiedlichstem ethnischen und sozialen Background macht. Warum hast du dich gerade für das Projekt entschieden?
Die ersten Jahre habe ich nur die Musik für die Projekte mit den Jugendlichen gemacht, die sogenannten Jahresproduktionen. Erst nach und nach kamen weitere Projekte dazu. Es war immer spannend, dort meine Vorstellungen von passender Musik umzusetzen und auch selbst Musik dafür zu produzieren. Vor drei Jahren fing dann die Arbeit an, die in der Family Band mündete. Mit denen arbeite ich bis heute.

Die Kabawil Family Band besteht aus Menschen, die nach Deutschland geflüchtet sind. Was gibt dir die Arbeit mit ihnen?
Die Freiheit, musikalische Arbeit auch ganz anders anzugehen. Ohne den sehr gefassten künstlerischen Anspruch, der sonst wirksam ist. Und ohne Angst vor Klischees. Es macht einfach Spaß, wenn alle gut zusammenspielen. Musik ist ja manchmal auch in dieser Einfachheit magisch.

Derzeit ist die Kabawil Family Band auf der Suche nach einer neuen Sängerin. Was sollte sie mitbringen?
Vor allem Spaß am Gesang und Lust, sich reinzuhängen und sich einen ordentlichen Teil unseres Repertoires anzueignen. Das ist mittlerweile ganz schön umfangreich geworden. Ich glaube, dass sich vor allem die Band freuen würde, endlich wieder eine geschulte und weibliche Stimme dabei zu haben, denn im Augenblick muss immer ich als Sänger einspringen.

6.4., 21 Uhr, Sølyst feat. Shadi al Housh, NRW-Forum, Düsseldorf

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