Kein Chichi. Nur Düsseldorf.

Kurt Dahlke im Interview – „Ich mag besinnliche Musik“

Kurt Dahlke, Foto: Landeshauptstadt Düsseldorf/Melanie Zanin

Kurt Dahlke darf man getrost als musikalisch vielseitig bezeichnen. Der Betreiber des Labels Ata Tak ist unter anderem Mitglied der Fehlfarben, war aber zuletzt auch mit seiner Band Der Plan in Düsseldorf live zu erleben. Nun hat er – und das überrascht dann doch – Weihnachtsmusik komponiert. Weder für den Club allerdings noch für den Weihnachtsmarkt, sondern für eine Düsseldorfer U-Bahn-Station. Das passt dann wieder. theycallitkleinparis hat mit Kurt Dahlke gesprochen.

 

Bevor wir auf deine Arbeit „The Endless Christmas Carol“ kommen, würde ich gerne erst mal mit dir über Der Plan reden. Ihr seid ja Ende Oktober im Rahmen des „New Fall Festivals“ im Weltkunstzimmer aufgetreten. Wie war’s?
Wir waren wirklich sehr sehr aufgeregt, ob denn auch alles klappt, was wir uns überlegt hatten. Ich persönlich fand das Publikum sehr freundlich und positiv, sodass uns schon nach kurzer Zeit die Angst genommen war.

Ihr hattet vorher live eine lange Pause eingelegt. Abgesehen von zwei kurzen Gigs anlässlich des 50. Geburtstags von Andreas Dorau 2014 habt ihr als Der Plan 26 Jahre kein Konzert gespielt. Warum eigentlich nicht?
Es war nicht ganz leicht aufgrund der räumlichen Trennung, wir lebten ja in verschiedenen Städten, weiter Musik zu machen. Moritz hatte zudem keine Lust mehr auf das Label und auch die Verkaufszahlen der letzten Platte dümpelten so vor sich hin, sodass wir erst einmal eine Pause machen wollten. Das es so lange dauern würde, konnten wir damals allerdings nicht ahnen.

Und seid ihr im Weltkunstzimmer wieder auf den Geschmack gekommen, will sagen, könntet ihr euch vorstellen, in der Formation wieder häufiger live zu spielen?
Ja, tatsächlich haben wir für das Jahr 2019 ein paar konkrete Anfragen, und da wir jetzt diese ganze Vorbereitung hinter uns haben, wäre es schade, das nicht weiter aufzuführen.

Gegründet wurde Der Plan 1979, damals noch unter dem Namen Weltaufstandsplan. Wogegen wolltet ihr denn den Aufstand proben?
Wir sehen uns damals wie heute als kapitalismuskritische Gruppe. Der Plan ist eine Band, die zwischen Nonsens und klaren Botschaften pendelt.

In einem Song eures aktuellen Albums heißt es „Jeder Mensch braucht ein Dach, jedes Dach braucht ein Haus, jedes Haus braucht ein Land und jedes Land braucht ein Recht“.
Das Lied heißt „Grundrecht“ und fordert ein im Grundgesetz verankertes Recht auf Wohnraum. Unsere Gesellschaft ist so reich und es gibt trotzdem Obdachlosigkeit – letztlich aufgrund der Gier einiger weniger.

Der Song stammt von eurem Comeback-Album „Unkapitulierbar“, das ihr 2017 innerhalb von drei Wochen im Ata Tak Studio in Berlin aufgenommen habt. Inwiefern hat sich euer Sound im Laufe der Jahre verändert?
Als wir anfingen, haben wir uns dessen bedient, was wir hatten. Das war ein monotoner Synthesizer, eine Drum-Box und rudimentäres Aufnahmeequipment. Heute nehmen wir das, was wir jetzt haben: einen Computer. Da sind die Möglichkeiten natürlich viel größer. Aber wir haben uns bemüht, uns nicht zu verzetteln, sondern immer mit den gleichen Synthesizern gearbeitet, um den Sound nicht zu unterschiedlich zu gestalten.

Die Band hat viele Anhänger, nicht nur in Deutschland, sondern auch in England, Japan oder den USA.
Tatsächlich treffe ich immer wieder Leute, die sich als Fan von Der Plan outen. Kurz vor seinem Tod haben wir zum Beispiel Mark E. Smith von The Fall noch eine LP signiert – er hatte ein Bild von Der Plan in seinem Wohnzimmer hängen. Letztes Jahr war ich bei einem Kunstsammler in Wien eingeladen, der alle Produktionen von Der Plan in dreifacher Ausführung in seinem Schrank hatte. Er ist sogar extra aus Wien zum Konzert nach Düsseldorf angereist.

Der Plan galt als Wegbereiter der Neuen Deutschen Welle. Später kam dann sehr viel Fragwürdiges nach. Frl. Menke, Ixi und Konsorten. Welche NDW-Künstler fandest oder findest du noch richtig gut?
Holger Hiller und seine Band Palais Schaumburg. Aber auch Musik, die man heute eher nicht mehr in dem Zusammenhang sieht, wie Christo Haas.

Du lebst ja seit einigen Jahren nicht mehr in Düsseldorf, sondern in Berlin. Anfang Dezember warst du allerdings einmal mehr hier, um deine Weihnachtsmusik „The Endless Christmas Carol“ in der U-Bahn-Station Heinrich-Heine-Allee in Betrieb zu nehmen. Wie klingt es, wenn Kurt Dahlke Weihnachtsmusik komponiert?
Wenn ich mich hier outen darf: Ich mag besinnliche Musik. Bei Weihnachtsliedern bin ich jetzt nicht der Fan von „Am Himmel hoch“ oder ähnlichen Hymnen, aber Musik, die mich innehalten lässt, schätze ich sehr. Ich habe mich deshalb auch einer alten Kompositionstechnik, der des Madrigals, bedient, die für alle verständlich und zugänglich ist. Bei „The Endless Christmas Carol“ ging es mir nicht darum, ein möglichst außergewöhnliches Werk zu schaffen, sondern die Menschen auf dem Weg zwischen der Außenwelt und der U-Bahn-Station bis an die Gleise so zu begleiten, dass sie runter kommen und sich wohl fühlen. Es ist ein vierstimmiger Satz, gespielt von einem schön klingenden analogen Synthesizer, der mal flächig, mal in Arpeggios ruhig dahingleitet. An manchen Stellen habe ich sogar ein paar Glocken von einem Weihnachtsschlitten eingebaut. Das Stück dauert etwa 17 Minuten. Es laufen aber immer wieder andere Variationen davon, damit die Menschen, die täglich zur selben Zeit die U-Bahn benutzen, nicht immer dasselbe hören.

Gibt es schon erste Reaktionen von U-Bahn-Fahrgästen?
Ja, bei der Installation, als ich einige Zeit dort zugebracht habe, um die einzelnen Klänge nachzuregeln, konnte ich einige Reaktionen einfangen. Ich bin sehr zufrieden, es kommt gut an.

Die U-Bahn-Station Heinrich-Heine-Allee ist umzingelt von Weihnachtsmärkten. Trifft man dich auch schon mal an der Glühweinpyramide?
Glühwein weniger, aber in Berlin gehe ich zum Beispiel gerne auf den Weihnachtsmarkt in Alt-Rixdorf/Neukölln, der von den dortigen Initiativen gestaltet wird. Da kochen die koreanischen Frauen Kimchi-Pfannkuchen, die Freimaurer schenken Glühwein aus und im böhmischen Zelt gibt es Wurst. Das ist sehr familiär und schön. Leider hat sich das in den vergangenen Jahren rumgesprochen und da der Markt nur an einem Wochenende stattfindet, ist er mittlerweile sehr voll.

Und wie feierst du Weihnachten?
Ganz klassisch, mit der Familie unterm Weihnachtsbaum. Ich genieße es, einfach mal abzuschalten.

„The Endless Christmas Carol“ ist bis Weihnachten im U-Bahnhof Heinrich-Heine-Allee, Ausgang Königsallee/Corneliusplatz, zu hören.

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