Kein Chichi. Nur Düsseldorf.

Die dunklen Stunden. Über die Künstlerin Susanne Hertsch

Susanne Hertsch, Foto: Anna Kaduk

Künstler schaffen ihre Kunst zunächst mal für sich selbst. Sagen sie jedenfalls. Aber natürlich brauchen die allermeisten auch das Publikum. Im Auge, Ohr und nicht zuletzt im Hirn des Betrachters entwickelt sich das Werk schließlich autonom weiter. Und natürlich spielt auch der Applaus, der bestenfalls gespendet wird, eine nicht ganz unwesentliche Rolle. Für die meisten jedenfalls. Susanne Hertsch bildet, was das und vieles andere angeht, die Ausnahme von der Regel. Hertsch hat immer kreativ gearbeitet. So lange sie denken kann. Seit vielen Jahren entwirft die Düsseldorferin, die auf der Kiefernstraße wohnt, die Bühnengarderobe für Die Toten Hosen. Auch im Bereich Filmausstattung war sie tätig. Und dann gibt es da noch den anderen, bisher nicht öffentlichen Teil ihres Werks. Zeichnungen, Fotos, Collagen und Objekte, die sie niemandem gezeigt hat. Die sie für sich haben wollte, bis sie irgendwann in Kisten verschwanden. Die Kisten kamen in den Keller. Oder auf den Speicher. Angerührt hat sie sie nicht mehr. Auch weil vieles davon in den eher dunklen Stunden ihres Lebens entstanden war. Mit Schmerz zu tun hatte. Mit Angst. Oder mit Einsamkeit. „Die dunkle Seite der Menschen interessiert mich sehr“, sagt Hertsch, „auch weil sie so häufig versteckt wird“. Anfang des Jahres beschloss die 55-Jährige, die Kisten, von denen sie selber nicht mehr so recht wusste, was drin war, zu öffnen. Sie ging die alten Arbeiten Stück für Stück durch. Mit manchem, was sie vor langer Zeit geschaffen hatte, konnte sie nichts mehr anfangen. Anderes berührte sie, beschwor Situationen und Gefühle herauf, die sie fast vergessen hatte. So begann die Arbeit an ihrer Ausstellung „Rococo intim“, der ersten überhaupt in ihrem ganzen Leben.

Verschiedenste Materialien, Foto: Peter Podkowik

Beim Atelierbesuch sechs Wochen vor dem Start der Schau wirkt Hertsch dann auch scheu wie ein Tier, das viele Jahre im Wald verbrachte. Vor dem Fenster mischt sich das Geräusch des Winds in den Büschen mit dem Schul-Gong, der die Pause einläutet. Hertsch bietet einen verstaubten Stuhl als Sitzgelegenheit an, platziert sich selber auf einer Klappleiter. Wasser gibt es in Pappbechern, die von der Bäckerei im Supermarkt gegenüber stammen. Im Vorfeld ihrer Ausstellung macht die Künstlerin eine völlig neue Erfahrung. Sie trifft auf Menschen, die auf ihre Arbeiten reagieren. Ein wenig verunsichert sie das noch. „Ich bin ein Okapi“, so beschreibt sie sich selber. „Eine Waldgiraffe.“ Als solche weiß sie noch nicht so genau, was sie vom Betrachter halten soll. Ist er begeistert, irritiert oder gar überfordert?

Blätter und Schafswolle: Objekt von Susanne Hertsch, Foto: Peter Podkowik

Die Materialien, die Susy Hertsch zu Kunst verarbeitet, sind nicht selten Fundstücke. Äste, Schuhe ohne Gegenstück, ein verschnörkelter Bilderrahmen, Lederbänder, Schafswolle. Und dann sind da noch die großen Blätter, die sie bei Spaziergängen im Volksgarten an der Uferböschung der Düssel abgeschnitten hat. Deren Stängel sie mit Zahnstochern durchbohrt hat. Mit Lederbändern umwickelt. Wie einen Mantel um Pampelmusenschalen gelegt. Oder um Schafswolle, die an jenen Stellen des Blatts, die sich die Schnecken einverleibt hatten, herauslugt. „Die Blätter wurden zu meiner Haut“, sagt Hertsch. Entsprechend vorsichtig ertastet man als Betrachter die fragilen Objekte – ein Drang, dem man einfach nachgeben muss. Eine Form, die dabei immer wieder auftaucht, ist die der Vagina. Hertsch weißt explizit darauf hin. „Meine Arbeiten haben viel mit Sex zu tun“, sagt sie. „Das ist ja das, was alle Menschen berührt.“ Kurze Pause. „Oder?“

Das Werk von Susy Hertsch ist äußerst vielseitig. In ihrem Atelier im Hinterhof an der Ackerstraße, in dem die kleine Pause gerade vorbeigegangen ist, treffen Scherenschnitte auf Keramikarbeiten, winzige, feine Zeichnungen auf Collagen oder Fotos. Für ihre Einladungskarte hat sie ein Foto ausgewählt, das sie aus dem Flugzeug gemacht hat. Über Nepal. Ob der Berg, den sie abgelichtet hat, der Mount Everest ist? Sie weiß es nicht. Und sie hat nicht versucht, es herauszufinden. „Ich habe immer sehr unbewusst gearbeitet, verspielt.“ Der intellektuelle Überbau, den zu konstruieren man lernt, wenn man eine Kunsthochschule besucht, ist Hertsch fremd. Ihre Arbeiten sind ihr Leben. Eine professionelle Distanz dazu gibt es nicht. Sie weiß das. Und deshalb ist sie so vorsichtig.

Was das alles mit Rococo zu tun hat, fragt man zum Abschluss. Nun ja, sie liebe Rüschen, sagt Susanne Hertsch. Als erkläre das alles. An ihrer eigenen Garderobe ist die Vorliebe jedenfalls nicht auszumachen. Sie trägt eine hellbraune Strickjacke, darunter ein blaues Top. An den Füßen bequeme Plastikclogs. Letztere sind offenbar ihre Arbeitsschuhe. Auf ihnen prangen zahlreiche weiße Farbspritzer.

27.10.-16.12. Susanne Hertsch: „Rococo intim“, Heaven7, Grafenberger Allee 145, Düsseldorf, Di + Mi, 10-19, Do + Fr, 10-20, Sa 10-15 Uhr

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