Kein Chichi. Nur Düsseldorf.

Neon Golden. Über den Herbst

Foto: Alexandra Wehrmann

„Es ist eigentlich seltsam, dass der Herbst so schön aussieht“, sagte der Begleiter zu mir. Wir fuhren mit dem Zug durch den Wald. Der Wald im Sommer sieht ja schon wunderschön aus. Der Wald im Herbst verschlägt einem die Sprache. Manche Bäume tragen tiefrote Blätter. Andere orange. Wieder andere grellgelbe. Bei jedem Windstoß fliegen die roten, gelben und orangen Blätter auf und mischen sich in der Luft zu einem wilden, wirren Tanz. „Warum seltsam“, fragte ich etwas zeitverzögert. Ich war mit den optischen Eindrücken vollauf beschäftigt. „Weil er ja mit Vergänglichkeit zu tun hat, wenn du so willst mit Sterben“, erklärte der Begleiter. Ich nickte, es sei halt ein letztes Aufbäumen. Das, so schien es, übertrug sich auch auf die Menschen. Jeder, aber auch wirklich jeder war auf den Beinen. Ein letztes Mal mit dem Rennrad fahren. Ein letztes Mal auf dem See segeln. Ein letztes Mal auf der Terrasse am Fluss sitzen und ein Hefeweizen trinken. Oder einen Kaffee. Wenn die Herbststürme erst ernst machen, ist erst mal Schluss mit all dem. Die Kohlmeisen, die heute noch auf unseren Tisch hüpften und uns die Pommes klauten, lassen sich dann selten blicken. Nur die Krähen sind allgegenwärtig. Sie sitzen auf kahlen Äckern. Auf Stromleitungen. Sie flattern vor einem ewig grauen Himmel. Aber daran möchte man jetzt noch gar nicht denken. Noch ist die Welt farbig. Und um das Bild zu konservieren, habe ich in meinem Viertel Blätter gesammelt. Früh morgens, als die meisten noch im Bett lagen, habe ich in den Rinnsteinen Blätterberge mit den Händen zusammengeklaubt und in einer Tasche heim gebracht. Später haben wir sie wie Konfetti in die Luft geworfen und uns über die Köpfe rieseln lassen. Auch bei uns: ein letztes Aufbäumen. Bevor es endgültig kalt wird.

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