Kein Chichi. Nur Düsseldorf.

Kleines Glück. Die zauberhafte Produktion „Kiss & Cry“ beim düsseldorf festival

„Kiss & Cry“, Foto: Maarten Van den Abeele

Die Modelleisenbahn ist ein Spielzeug, das gemeinhin der Spezies „Nicht mehr ganz junger Mann“ vorbehalten ist. In seinem Hobbykeller widmet eben jener (der nicht mehr ganz junge Mann also) eben jenem (dem Hobby) einen Großteil seiner freien Zeit. Auf einer mit Kunstrasen bezogenen Spanplatte lässt er Abbilder der Wirklichkeit entstehen. Bahnhöfe, geschotterte Gleisbetten, Brücken, Berge, Bäume und vieles mehr arrangiert er zu einer klitzekleinen Welt. Diese klitzekleine Welt ist sozusagen der Ausgangspunkt von „Kiss & Cry“, jenem bezaubernden Bilderreigen, der zwischen dem 12. und 14. September das diesjährige düsseldorf festival! eröffnen wird. Die beiden Künstler, die für „Kiss & Cry“ verantwortlich zeichnen, sind mitnichten Modelleisenbahn-Geeks. Sondern eine Tänzerin und ein Filmemacher, namentlich Michèle Anne De Mey und Jaco Van Dormael. Die Geschichte der Produktion begann dann auch, so will es die Legende, bei dem belgischen Künstlerpaar zuhause. Sie holten Spielzeuge aus den Zimmern ihrer Kinder und probierten am Küchentisch. Dabei stellten sie schnell fest, wie sinnlich die nackten Hände waren. Eine Männerhand. Und eine Frauenhand. Der perfekte Ausgangspunkt für Liebesgeschichten.

„Für mich bestand die Herausforderung darin, einen Spielfilm auf dem Küchentisch zu produzieren. Und für meine Frau darin, nur mit Händen zu tanzen“, erzählt Van Dormael. Genau das ist es, was man einem potenziellen Publikum so schwer vermitteln kann: Dass Hände die Protagonisten der Geschichte sind. Eine Hand bleibt ja normalerweise eine Hand. Nicht so in „Kiss & Cry“. Da verwandeln sich die Hände kurzerhand in Figuren, in Charaktere, in Menschen. Menschen, die sich einander zaghaft nähern. Menschen, die sich innig umarmen. Menschen, die über Strickleitern auf Podeste klettern. Oder eine Treppe hinunter tänzeln. Geschickt kombiniert das neunköpfige Team diese Bilder mit denen der Miniatur-Kulisse, clever setzen sie Licht und Musik ein. Und machen so vergessen, dass „Kiss & Cry“ in kein vorgeformtes Raster passt. Weil es kein Tanz ist. Und kein Text. Keine Musik. Und kein Film. Sondern alles zusammen. Ein poetischer Bilderreigen, der live vor den Augen der Zuschauer entsteht und im gleichen Moment gefilmt und auf Leinwand geworfen wird. Seit der Premiere im Jahr 2011 haben Zuschauer in aller Welt in über 250 ausverkauften Vorstellungen die Produktion erlebt und es gab wohl kaum jemanden, der sich ihrem sehr speziellen Charme entziehen konnte.

„Gisela mochte die Welt nicht. Und sie wusste, dass die Welt sie nicht mochte.“ Mit diesen Worten beginnt die „Kiss & Cry“. Auf der Leinwand erscheint die Modelleisenbahn-Kulisse eines Bahnhofs im Nirgendwo. Schneebedeckt das Dach, auf der Bank am Bahnsteig eine einsame Wartende: Gisela. Sie sitzt dort und denkt nach. Über das Leben. Über die Liebe. Über das Kommen und Gehen. Wohin sind jene Menschen gegangen, die aus ihrem Leben verschwunden sind, aus ihrer Erinnerung? Jene, die sie ein einziges Mal getroffen hat und dann nie wieder. Die, die ausgelöscht wurden, aus ihrem Leben gerissen. Es ist, als zöge Gisela eine Schublade voller Erinnerungen auf. Dabei stellt sie fest, dass ihr viele Gesichter entfallen sind. Besser als die Gesichter erinnert sie hingegen die Hände ihrer Geliebten. Das Korn ihrer Haut. Ihre Weichheit. Ihre Wärme.

Fünf Geschichten von der Liebe erzählt „Kiss & Cry“. Und damit ein ganzes Leben. Angefangen bei der ersten, überwältigenden Begegnung mit dem ganz, ganz großen Gefühl. Gisela ist 12, mehr Mädchen noch als Frau, als der Zug plötzlich bremsen muss. Ihre Hände berühren die eines unbekannten Jungen. Ein paar Sekunden. Mehr nicht. Aber wer sich an jene Lebensphase erinnern kann, weiß, dass eine so flüchtige, zarte Berührung das ganze Leben ändern konnte, womöglich immer noch kann. Auch für Gisela ist es ein unvergesslicher Moment. Einer, der eine übergroße Sehnsucht auslöst, die gleichzeitig mit der Ahnung verbunden ist, dass das, was da kommen mag, fragil ist, flüchtig und wie das Leben selbst nicht für die Ewigkeit gemacht. Genau davon erzählt „Kiss & Cry“.

theycallitkleinparis präsentiert: Kiss & Cry, 12.-14.9., jeweils 20 Uhr, Festival-Zelt auf dem Burgplatz, Düsseldorf, Karten gibt es hier.

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