Kein Chichi. Nur Düsseldorf.

Kai Blankenberg im Interview – „Ich würze die Suppe“

Kai Blankenberg, Foto: Stefan Grütter

Wenn jeder Song eingespielt und fertig gemischt ist, wenn also alle anderen Feierabend haben, beginnt der Job von Kai Blankenberg. Der Düsseldorfer ist Mastering Engineer – und zwar ein sehr gefragter. In seinem Studio, der Skyline Tonfabrik in Flingern, hat er schon Werken von Udo Lindenberg, Apparat oder Lady Gaga den letzten Schliff gegeben. Am 30. Juni zeigt Blankenberg Interessierten seinen Arbeitsplatz – beim Tag der offenen Tür. theycallitkleinparis hat mit dem ehemaligen Tea Boy gesprochen.

 

Du weißt ja, Journalisten sind immer heiß auf Prominenz. Deshalb muss ich dich zuallererst natürlich auf Tokio Hotel ansprechen. Die hatten sich ja vor einigen Wochen in euer Studio eingemietet. Wie kam es dazu?
Die Geschichte ist relativ unspektakulär: Das Management hat eine Mail geschickt, ob Tom bei uns für eine Woche ins Studio kann. Daraufhin wurde nur geklärt, was alles benötigt wird und wie
die finanziellen Konditionen sind. Also ganz normal, wie man das so macht.

Jetzt sag schon: Wie waren Bill und Tom Kaulitz denn?
Sehr freundlich, aber auch zurückhaltend. Ich glaube, sie waren ganz froh, einfach in Ruhe gelassen zu werden.

Du bist selber auch Musiker, man kennt dich und deinen Bruder Tom seit vielen Jahren als Mitglieder der Band Subterfuge. Würdest du gerne mit Tokio Hotel tauschen? Anders gefragt: Wärst du gerne Popstar geworden?
Ja und nein. Popstar wäre ich durchaus gerne geworden, aber mit Tokio Hotel möchte ich nicht tauschen. Ich fänd‘ es natürlich super, wenn jeder meine Lieder kennen und mitsingen würde. Oder wenn meine Musik einen Film untermalen würde. Und mal erkannt zu werden, wäre ja auch ganz schön. Aber so gar keine Privatsphäre mehr zu haben, das wäre nichts für mich.

Heute bist du Mastering Engineer. Wie war der Weg dorthin?
Erst hab ich Musik gemacht, dann in einem Studio als Praktikant, Tea Boy, angefangen und mich langsam hochgearbeitet. Letztendlich habe ich mich aufs Mastering spezialisiert.

Worin besteht deine Aufgabe genau?
Ich mache den Puderzucker drauf oder ich würze die Suppe. Wenn eine Platte fertig aufgenommen und gemischt ist, höre ich als letzter noch mal drüber und drehe an den Frequenzen und an der Lautstärke, sodass der Song überall – sei es im Club oder über Kopfhörer – gut klingt. Zudem sorge ich dafür, dass auf einem Album alle Songs zusammenpassen, was den Klang angeht.

Für wen hast du im Laufe der Jahre schon gearbeitet?
Ganz viele deutsche Musiker: Lindenberg, Die Toten Hosen, Juli, Silbermond, Andreas Bourani,
Beatsteaks, Sportfreunde, Revolverheld oder Apparat. Und einige aus dem Rest der Welt: Kim Wilde, The Alarm, Lady Gaga und Justin Bieber. Außerdem natürlich viele unbekanntere Sachen – aus der Region und aus aller Welt.

Woran arbeitest du im Moment?
Gerade mache ich ein Album von Josin – das kann ich wirklich jedem empfehlen. Außerdem, man glaubt es kaum, noch die letzten WM-Song-Nachzügler.

Dein Bruder Tom hat sein Studio direkt neben deinem, hat sich aber auf einen anderen Bereich spezialisiert. Was ist sein Schwerpunkt?
Er macht Ton und Sounddesign für Dokus, Filme oder Spots. Und auch die Musik dazu.
Also ähnliches Feld, aber andere Spezialisierung.

Am 30. Juni ist bei euch in der Skyline Tonfabrik Tag der offenen Tür. Was erwartet die Gäste?
Wir zeigen die Studios mit sämtlichen Geräten und Instrumenten und sind für alle Fragen und
Gespräche offen. Wer möchte, kann ein paar Mixe von sich mitbringen und wir hören da mal rein.
Dazu Kaffee und Kuchen und später dann Wurst und Bier.

Viele Tätigkeiten, die heute noch von Menschen gemacht werden, werden in Zukunft Maschinen erledigen. Busfahren zum Beispiel. Aber auch Anwälte und Ärzte drohen überflüssig zu werden. Wie sieht das in deinem Bereich aus?
Da kann und wird sicherlich auch einiges von der KI übernommen werden. Könnten auch mittelgute Ergebnisse bei rauskommen. Aber bis der Rechner Musik so hört und versteht wie der Mensch und einen Song oder Album als Ganzes sieht und richtig anpackt, vergehen hoffentlich noch einige Jahre.

Hört man Musik eigentlich anders, wenn man deinen Job macht? Achtet man auf andere Dinge?
Um ehrlich zu sein, habe ich jahrelang behauptet – und das auch so gefühlt – dass ich zuhause hauptsächlich auf die Musik achten würde und mir der Klang nicht so wichtig sei. Aber letztens habe ich mir ein Album gekauft, das ich auch gut finden wollte. Ich habe es aufgelegt – und nach der ersten Snare fand ich es doof. Weil ich aus der Aufnahme eine gewisse Lustlosigkeit rausgehört habe. Die hatten sich keine Mühe gegeben.

Ich beobachte bei vielen Menschen in meinem Umfeld, dass mit zunehmendem Alter Musik immer unwichtiger wird. Dass sie keine Platten mehr kaufen. Sich nicht mehr über Neuerscheinungen informieren. Nicht mehr auf Konzerte gehen. Wie ist das bei dir?
Ich suche immer noch nach Sachen, die mich noch berühren. Ich höre jeden
Tag so viel Musik – auch nicht immer nur gute… Ich möchte mich immer wieder in Alben oder Künstler verlieben.

Dein Gehör ist ja für deine Arbeit sehr wichtig. Wie schützt du es beispielsweise bei Konzerten?
Wenn’s geht, immer mit Ohrstöpseln, aber die Konzert sind ja insgesamt leiser geworden.

Abschlussfrage: Gibt es Subterfuge eigentlich noch?
Ja, uns gibt es noch oder wieder. Und wir sind sowohl an neuen Subterfuge-Songs dran,
als auch an Solosachen.

30.6., ab 12 Uhr, Tag der offenen Tür, Skyline Tonfabrik, Behrenstr. 62 (Hinterhof), Düsseldorf

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