Kein Chichi. Nur Düsseldorf.

Ben J. Riepe im Interview – „Mich interessiert der Input von jedem Einzelnen“

Szene aus Ben J. Riepes „Environment“, Foto: Andreas Endermann

Ben J. Riepe ist seit vielen Jahren fester Bestandteil der Düsseldorfer Kulturszene. Riepe hat Tanz und Choreografie an der Folkwang Hochschule Essen studiert, war Tänzer bei Pina Bausch und Mitglied von VA Wölfls Neuer Tanz. 2004 hat er ein eigenes Ensemble gegründet: die Ben J. Riepe Kompanie, mit der er zuletzt die Produktion „Carne Vale!“ vorlegte. Nun hat der Choreograf erstmals ein eigenes Stück für das Ballett am Rhein kreiert. „Environment“ heißt es und erlebt am 27. April seine Uraufführung im Rahmen von b.35 im Opernhaus. Kurz vor dem großen Moment hat theycallitkleinparis mit Ben J. Riepe gesprochen.

 

Wie kam es zu der Zusammenarbeit zwischen dir und dem Ballett am Rhein?
Martin Schläpfer und ich sind schon länger im Gespräch. Das war aber erst mal auf sehr inhaltlicher Ebene – also von Künstler zu Künstler. Wir haben uns aber auch viel über Strukturen und Arbeitsbedingungen unterhalten und überlegt, wie man sich gegenseitig unterstützen kann. Irgendwann hat er vorgeschlagen, ob ich nicht mal ein Stück fürs Ballett am Rhein machen möchte. Ich war natürlich sofort begeistert – meine Ideen sind geradezu gesprudelt. Es ist ja eine wahnsinnig tolle Chance, seine Arbeit mal so groß ziehen zu dürfen. Natürlich auch eine Herausforderung, mit so einem großen und ganz anderem Apparat zu agieren. Ein Abenteuer, für das ich einfach nur dankbar bin.

Wie gut kennst du die Arbeit von Martin Schläpfer?
Hmmmm, schwer zu sagen. Ich habe schon einige Arbeiten gesehen, aber kann man denn das Werk eines Künstlers richtig gut kennen? Ich arbeite mich da immer mehr rein. Jetzt auch noch mal ganz anders, weil ich ja viel mehr sozusagen von innen verstehe. Ich bin jetzt nebenan und kann schon ein bisschen mitbekommen, wie Martin probt, wie parallel „Schwanensee“ entsteht. Da ist eine ungeheure Kraft involviert. Das ist schon toll, das mal aus direkter Nähe mitzubekommen.

Und hatte Schläpfer im Gegenzug jemals eine Bühnenarbeit von dir gesehen? Dein Ensemble, die Ben J. Riepe Kompanie gibt es ja schon seit 2004.
Ja, ich arbeite schon ziemlich lange in der freien Szene. Sowohl in Düsseldorf in Kooperation mit sehr unterschiedlichen Partnern – also vom Tanzhaus NRW bis zum Schauspielhaus, vom Kunstraum bis zur Kunsthalle – als auch international in der ganzen Welt. Ich glaube, dass wir uns schon lange aus der Distanz verfolgen. Ein gegenseitiges Interesse ist da. Jetzt, in dieser Zusammenarbeit, haben wir die Gelegenheit, uns nochmal ganz anders und wirklich aus der Nähe kennenzulernen.

Worum geht es inhaltlich in „Environment“?
„Environment“ bedeutet ja so viel wie Umfeld, Umgebung oder Umwelt. Für mich ist das im Kleinen erst mal tatsächlich das, was den Tänzer auf der Bühne umgibt. Also Licht, Raum, Klang, Inhalt, Kontext, Ästhetik, Atmosphäre. All diese Medien oder Mittel möchte ich in ein schwebendes Verhältnis bringen – sie also alle choreografieren. Im Zentrum der Mensch, als agierendes Subjekt, aber auch als Körper, als Skulptur, als Objekt. Jedes dieser Mittel wirkt sehr unterschiedlich, denn manche sind verbal, manche nonverbal, manche erschließen sich also sofort, andere wirken ganz unbewusst. So kreiere ich viele Ebenen, die sich wie Layer übereinander schichten. Die Tänzer verschwinden oft in dieser Welt, werden eins mit ihr oder treten aus ihr heraus. Es geht mir also immer um das Zusammenspiel aus Umwelt und Mensch sowie das fremd- oder heimisch Sein. Ich arbeite auf vielen Ebenen, also von sinnlich bis kognitiv. Dabei suche ich nach Wegen, hier eine Balance zu schaffen, in der weder das Verstehen wollen noch das reine Erleben überwiegt.

In dem Stück stehen insgesamt 16 Tänzer des Balletts am Rhein auf der Bühne. Wonach hast du sie ausgesucht?
Zunächst habe ich mir einige Proben angesehen und mich mit den Tänzern unterhalten. Ich habe versucht herauszufinden, welche Tänzer des Ensembles besonders gut zu mir und meiner Arbeitsweise passen. Das war gar nicht so einfach, aber wir sind ein tolles Team geworden.

Verglichen mit anderen Choreografen, die die einzelnen Bewegungen sehr präzise vorgeben, hast du einen völlig anderen Arbeitsansatz, bindest die Tänzer in den Entstehungsprozess mit ein. Warum ist dir das so wichtig?
Mich interessieren einfach die Menschen. Mich interessiert der Input von jedem Einzelnen, die Inspiration und die Fragen, die jeder mitbringt. Mich interessieren tatsächlich eher Zustände als Schrittfolgen. Ich choreografiere schon alles sehr genau, aber für mich gehört eben nicht nur das dazu, was die Tänzer machen, sondern eigentlich alles, was hier passiert. Vom Raum bis zu den Gedanken, vom ästhetischen Erleben bis zu den Emotionen.

Zusätzlich zum täglichen Tanz-Training arbeitet auch eine Opernsängerin mit den Tänzern. Konntet ihr dabei neue Gesangstalente entdecken?
Romana Noack gibt den Tänzern Stimmtraining. Allerdings geht es in „Environment“ nicht um klassischen Gesang. Es ist vielmehr die Atmung, die bei Tänzern grundsätzlich anders ausgebildet ist als bei Sängern. Die Tänzer sind es nicht gewöhnt, ihre Stimme beim Tanzen zu verwenden. Deswegen bekommen sie Unterstützung, um nicht so schnell in Atemnot zu geraten, wenn sie ihre Stimme als Instrument nutzen.

Wie unterscheiden sich die Arbeitsbedingungen an der Oper am Rhein von den Orten, an denen du sonst arbeitest? Konkret gefragt: Hast du als Choreograf mehr Zeit, eine Arbeit zu entwickeln? Steht wesentlich mehr Geld für eine Produktion zur Verfügung als du das aus der freien Szene gewohnt bist?
Das kann man nicht so einfach sagen, da ich ja immer in sehr unterschiedlichen Kontexten arbeite. Hier bei der Oper am Rhein stehen mir natürlich schon ganz andere Mittel und Möglichkeiten zur Verfügung. Es gibt unfassbar tolle Werkstätten, die hinter den Kulissen wahnsinnig gute Arbeit leisten. Ich habe mich deshalb bewusst entschieden, Kostüme und Bühne gemeinsam mit meiner Mitarbeiterin Gwen Wieczorek selber zu entwerfen, weil ich hier Dinge realisieren kann, an denen ich schon sehr lange arbeite, die ich in diesem Maße und mit diesem fachlichem Können aber sonst nie umsetzen kann. Gleichzeitig bedeutet dies aber auch einen viel längeren Vorlauf. Ich musste alle Bühnen- und Kostümentwürfe schon ein halbes Jahr vor der Premiere komplett fertig abliefern, bevor ich überhaupt das erste Mal mit den Tänzern probieren konnte. Die Zeitökonomie ist also eine völlig andere. Daran musste ich mich erst mal gewöhnen.

27.4., 19:30 Uhr, Opernhaus, Düsseldorf

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