Kein Chichi. Nur Düsseldorf.

Catrin Boss im Interview – „Ich habe den Alltag schätzen gelernt“

Catrin Boss hat sich im vergangenen Jahr einen lang gehegten Traum erfüllt. Einen Ausstieg aus dem Alltag. Sieben Monate währte das Sabbatical der Referentin im Kulturministerium. Über ihre Erfahrungen während der Zeit hat die 40-Jährige mit theycallitkleinparis gesprochen.

 

Warum war dir die Pause ein Bedürfnis?
Die Idee hat sich langsam entwickelt, nachdem ich innerhalb kurzer Zeit verschiedene Leute getroffen habe, die entweder gerade ein Sabbatical hinter oder vor sich hatten. Jedes Mal habe war ich ganz neidisch und habe gemerkt, dass ich das auch gerne machen würden. Einfach mal aussteigen, komplett selbstbestimmte Zeit haben, wie ein weißes Blatt Papier, das beschrieben werden will. Ich hatte Lust, Zeit im Ausland zu verbringen, dort Land und Leute kennenzulernen, Fremdsprachen aufzufrischen, zu entschleunigen und gleichzeitig ganz viel Neues zu erleben. Konkrete Vorstellungen hatte ich aber nicht.

Wie lange hast du das Ganze vorab geplant?
Die ersten Gespräche mit meinen Vorgesetzten habe ich im Sommer 2015 geführt, im November 2015 dann den offiziellen Antrag gestellt. Nach dem Sabbatical-Modell, wie man es auch bei Lehrern kennt, bin ich ab Februar 2016 auf eine „Teilzeitbeschäftigung im Blockmodell“ gegangen. Das heißt man arbeitet einen bestimmten Zeitraum in Vollzeit für weniger Geld, bei mir war das ein Jahr, und spart so Zeit an für die Freistellung. Zwischen der Idee und der tatsächlichen Auszeit lagen bei mir somit rund anderthalb Jahre. Richtig intensiv habe ich mit den Überlegungen, was genau ich eigentlich machen will, etwa ein Jahr vorher angefangen. Die Planung war gar nicht so einfach, weil irgendwie vieles möglich war, sich aber zum Beispiel die Idee, verschiedene ehrenamtliche Tätigkeiten zu machen, gar nicht so leicht umsetzen ließ. Für junge Leute gibt es diverse Programme, die aber in der Regel ab 30 nicht mehr greifen. Ansonsten findet man zwar auch im Ausland Portale für ehrenamtliches Engagement, die bieten aber vor allem längerfristige Aktivitäten an mit nur wenigen Stunden im Monat. Ich habe ja eher kürzere, dafür aber stundenintensivere Zeiträume gesucht. Auf viele Anfragen habe ich noch nicht mal eine Antwort bekommen, das war manchmal etwas frustrierend. Am Ende habe ich entschieden, zwei längere Aufenthalte ins Auge zu fassen, einen französischsprachigen und einen englischsprachigen, und dazwischen noch etwas Zeit zu lassen für Spontaneität. Das war mir auch wichtig: Die Auszeit nicht genauso durchzutakten wie sonst den Alltag, sondern auch die Möglichkeit zu haben, mich ein bisschen treiben zu lassen.

Wo hast du die sieben Monate verbracht?
Die ersten drei Monate war ich auf La Réunion mit einem Abstecher nach Mauritius. Für den Anfang, es ging ja Ende Januar 2017 los, habe ich etwas gesucht, wo es zu dieser Zeit wettermäßig angenehmer war als hier. Allerdings hatte ich mir nicht so viel Gedanken darüber gemacht, dass 30 Grad in den Tropen während der Regenperiode nicht unbedingt angenehmer sind. Ich hatte viel Glück, denn die Regenzeit 2017 war ungewöhnlich trocken und die sonst in dieser Jahreszeit sehr verbreiteten Zyklone blieben auch aus. Bis auf ein heftiges Unwetter zu Beginn konnte man es ganz gut aushalten. Im Anschluss bin ich nach einem kurzen Zwischenstopp in Düsseldorf weiter nach Kanada, wo ich weitere zweieinhalb Monate im Osten des Landes verbracht habe. Zum Abschluss der Auszeit war ich dann nochmal in Frankreich (Marseille und Provence) und in meiner Heimatstadt Kassel zur Zeit der „documenta“.

Warum hast du dir gerade diese Länder ausgesucht?
Das hat sich im Laufe der Planungen so ergeben. Wie gesagt wollte ich die Zeit sowohl in einem englischsprachigen als auch einem französischsprachigen Land verbringen, Frankreich war mir irgendwie zu nah und Réunion kannte ich von einem Urlaub, das hatte mir gut gefallen. Zufällig bin ich dann auf ein Projekt der Universität gestoßen und habe angefragt, ob ich mich dort nicht ehrenamtlich engagieren könnte. Das hat geklappt, passte vom Zeitraum her und war somit entschieden. Die Insel ist landschaftlich toll und eine interessante Mischung aus französischer, multikultureller und tropischer Lebensweise. Den zweiten Teil des Sabbaticals wollte ich eigentlich in England verbringen, dort war ein Ehrenamt an einem Theater in Aussicht. Die Abstimmungen wurden aber zunehmend mühsamer und nachdem ich auf Réunion eine Kanadierin getroffen hatte, habe ich mich daran erinnert, dass ich schon immer mal nach Montréal wollte, Freunde besuchen. Da ich aber ja eigentlich mein Englisch auffrischen wollte, bin ich dann erst nach Toronto für einen vierwöchigen Sprachkurs, nach Halifax und Ottawa und schließlich in die Provinz Québec. Das Wiedersehen und die Zeit dort mit Freunden, die ich seit 15 Jahren nicht mehr gesehen hatte, waren es definitiv wert, den Plan etwas geändert zu haben.

Im Garten auf La Réunion, Foto: Catrin Boss

Erinnerst du dich an das Gefühl, als du auf La Réunion ankamst? Fühlte sich das anders an als Urlaub?
Ja, das fühlte sich definitiv anders an als Urlaub. Zu Beginn kam mir die freie Zeit, die vor mir lag, fast unendlich vor. Und es brauchte tatsächlich zwei, drei Wochen, bis ich mich richtig darauf einlassen konnte, nicht jeden Tag einen festen Plan zu haben. Am Anfang habe ich mich ein bisschen verloren gefühlt in meinem zwischengemieteten Häuschen, das mit Flachdach ohne Klimaanlage tagsüber Sauna-Temperaturen erreicht hat, mit Bananenstauden im Garten, die geerntet werden mussten, Geckos, Spinnen, Kakerlaken als Mitbewohnern und unfassbar vielen Mücken. Aber irgendwann war das alles fast normal und ich bin richtig eingetaucht in das Leben dort. Ich hatte viel Glück, dass ich gleich zu Beginn eine Einheimische kennengelernt habe, die mich zu vielem mitgenommen, mir vieles gezeigt hat. Wir sind gute Freundinnen geworden und der Abschied war dann auch nicht so leicht. Insgesamt kam mir den Aufenthalt dort viel länger vor als nur drei Monate.

Viele nutzen eine solche Auszeit vom eigentlichen Job ja auch, um sich sozial oder politisch zu engagieren. Was hast du gemacht?
Ich habe auf Réunion ein Projekt an der Uni betreut. Das war okay, ist aber nicht so gelaufen, wie ich es erhofft hatte. Deshalb habe ich dann auch für den zweiten Teil entschieden, nachdem sich abzeichnete, dass England wohl nicht klappen wird, nicht mehr nach einem weiteren Ehrenamt zu suchen, sondern stattdessen den Kanada-Aufenthalt als eine Mischung aus Sprachkurs, Reisen und Freunde-Besuchen anzulegen. Das war die richtige Entscheidung. Bei meinen ersten Sabbatical-Planungen hatte ich noch gedacht, dass ich unbedingt eine Beschäftigung brauche, eine Gelegenheit, um vor Ort anzudocken. Die Erkenntnis der sieben Monate Auszeit ist definitiv, dass man sich mit vielen kleinen Dingen beschäftigen kann, diese überhaupt erst wahrnimmt, wenn man die Zeit dafür hat, und es, zumindest für einen begrenzten Zeitraum, auch durchaus mal ohne Verankerung in einem arbeitsähnlichen Kontext geht. Sehr gut sogar.

Was hast du von den Einheimischen auf La Réunion und in Kanada gelernt?
Sowohl auf Réunion als auch in Kanada ist die Gesellschaft sehr viel bunter und das ist ganz normal und niemandem scheint das Angst zu machen, im Gegenteil. In beiden Ländern habe ich sehr viel Toleranz und Offenheit erlebt. Ich fand das Miteinander im Alltag, auf der Straße, irgendwie entspannter. Vielleicht lag das aber auch an meiner eigenen Einstellung. Trotzdem ist mir nach meiner Rückkehr in den ersten Tagen wieder in Deutschland aufgefallen, dass hier vieles verschlossener und manches auch aggressiver zugeht. Beispielsweise bei der Nutzung des ÖPNV, aber auch beim alltäglichen Miteinander. Auf Réunion zum Beispiel brauchte man an der Supermarktkasse sehr viel Geduld, weil die Kassiererinnen erst mal jeden in ein Gespräch verwickeln. Ansonsten habe ich aus allen Begegnungen auf Réunion und Kanada, insbesondere auch mit meinen überwiegend japanischen und brasilianischen Sprachmitschülern in Toronto viel mitgenommen. Der Austausch untereinander und dabei der eigene Perspektivwechsel waren sicherlich die nachhaltigste Erfahrung. Ich würde sagen, dass ich wieder richtig Zuhören gelernt habe. Das hat sicherlich auch damit zu tun, dass man sich in Fremdsprachen unterhält und sich einfach mehr noch auf ein Gespräch konzentrieren muss als sonst. Im Alltag hört man doch oft nur noch halb hin oder geht davon aus, dass man sowieso schon weiß, was der andere sagen will.

Und was gefiel dir vor Ort nicht so?
Ich kann eigentlich nicht sagen, dass mir etwas gar nicht gefiel. Toronto war am Anfang etwas krass. Nach drei Monaten Entschleunigung auf der Insel war mir erst mal alles zu groß, zu laut, zu hektisch. Aber auch daran habe ich mich nach einigen Tagen gewöhnt. Was mir ansonsten im Laufe der Zeit immer weniger gefiel, waren die vielen Abschiede. Ich habe so tolle Leute kennengelernt, mit denen ich zum Teil innerhalb kurzer Zeit intensive Momente und viele Erlebnisse teilen konnte, und alle Wege haben sich irgendwann wieder getrennt. Das waren jedes Mal auch sehr traurige Momente.

Was hast du in der Ferne an deiner Heimat neu schätzen gelernt?
Im Grunde genommen habe ich das schätzen gelernt, was ich mal eine zeitlang hinter mir lassen wollte: Alltag. Eigentlich ist es nämlich auch ganz schön, Vertrautes um sich zu haben, Menschen – Freunde, Familie, Kollegen – die da sind und bleiben. Und auch die Tatsache, dass ich einen guten Job habe, der mir Spaß macht und in den ich nach der Auszeit einfach zurückkehren konnte, habe ich noch mehr schätzen gelernt.

Inwiefern hat dich diese Erfahrung verändert?
Ich glaube, ich bin zumindest ein kleines bisschen geduldiger geworden und kann es eher zulassen, Sachen auch mal auf mich zukommen zu lassen und nicht alles komplett durchzuplanen. Im Sabbatical habe ich mich relativ schnell von meinem Plan beziehungsweise von meinen damit verbundenen Erwartungen gelöst und es wurde alles gut, vielleicht sogar besser. Und die Wahrnehmung zu schärfen, für das, was um einen herum passiert, neugierig und offen zu sein, das hat mir bei meinen Aufenthalten so viele Erlebnisse und Begegnungen beschert, dass ich hoffe, dass aus dieser Erkenntnis etwas hängen bleibt.

Hattest du Angst, nach einem halben Jahr großer Freiheit wieder in den Job einzusteigen? Und wie schwer war es, wieder acht Stunden täglich im Ministerium zu sein?
Angst trifft es nicht so richtig. Ich konnte mir zwar nicht wirklich vorstellen, plötzlich wieder den ganzen Tag in einem Büro an einem Schreibtisch zu sitzen, wusste aber ja, dass ich da weitermachen werde, wo ich sieben Monate vorher ausgestiegen war. Und mit der schon beschriebenen Erkenntnis, dass mir meine Arbeit eigentlich Spaß macht und mich dort nette Kollegen erwarten, war der Wiedereinstieg nicht so schwierig wie befürchtet. Nach wenigen Tagen war ich wieder drin und das im ganz positiven Sinne. Komisch ist es jetzt manchmal, an die Zeit der kompletten Selbstbestimmung zurückzudenken, das kommt mir schon wieder sehr weit weg vor…

Was hat dich die Auszeit gekostet?
Ich würde sagen, dass ich durchschnittlich im Monat etwa 1.000 Euro zusätzlich zu den Ausgaben, die man auch sonst im Alltag hat, benötigt habe. Plus die Flüge. Gerade Toronto mit dem Sprachkurs war recht kostenintensiv. Und ich habe insgesamt ja auch nicht gerade die günstigsten Reiseziele gewählt. Gut war auf jeden Fall, dass ich meine Wohnung in Düsseldorf für drei Monate untervermieten konnte, das hat die finanziellen Spielräume etwas vergrößert. Ansonsten hatte ich ganz einfach ein paar Ersparnisse, mit denen ich am Ende auch gut hingekommen bin.

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