Kein Chichi. Nur Düsseldorf.

Tomas Kleiner im Interview – „Unsere Arbeitsansätze entstehen aus alltäglichen Momenten“

Thomas Kleiner (links) und Marco Biermann, Foto: Felix Contzen

Sie waren die Medienstars beim diesjährigen Rundgang: Tomas Kleiner und Marco Biermann. Die beiden Studenten verbrachten zusammen rund 50 Stunden unter Wasser. In einem Container vor dem Eingang der Akademie. Dort konnte ihnen jeder zuschauen beim Lesen, Gitarre spielen oder Zähneputzen. theycallitkleinparis hat einige Wochen nach dem Abebben der medialen Flut mit Tomas Kleiner gesprochen.

 

Wie viele Stunden habt ihr während der Aktion unter Wasser verbracht?
Ein paar Tage vor Beginn des „Rundgangs“ ist der lang ersehnte Container angeliefert und sofort mit Wasser befüllt worden. Nachdem es über Nacht ein wenig erwärmt wurde, haben wir direkt am nächsten Tag damit begonnen, uns tauchend in den neuen Räumlichkeiten einzurichten. Das Unterwasser-Projekt hat also sofort begonnen. Es spielte sich ja alles im öffentlichen Raum ab. Die täglichen Tauch-Zeiten hingen dabei doch sehr von der Wassertemperatur ab. Anfangs waren wir um die sechs Stunden täglich unten. Als zwischendurch die Pumpe und damit auch die Heizung aussetzte, wurde es zwangsläufig weniger. Es ging uns nicht darum, eine Durchhalte-Challenge zu starten. Vielmehr wollten wir eine Gewöhnung an das neue Umfeld erzeugen. Insgesamt haben wir beide zusammen sicher um die 50 Stunden unter Wasser verbracht. Und mit den letzten Tagen hat dann auch eine deutliche Eingewöhnung eingesetzt.

Was habt ihr unter Wasser so gemacht?
Zunächst einmal war der Einzug angesagt: Teppich verlegen, Küchenzeile, Sofaecke, Regal und Kleiderständer an- und immer wieder umordnen. Pflanzen und alle möglichen Einrichtungsgegenstände wie Bücher, Spiele, Geschirr, Besteck und zuletzt auch Essen unterbringen. Jeden Tag haben wir weitere Utensilien aus unseren Zweitwohnungen über Wasser mit hineingenommen, sodass sich unser Alltag immer weiter nach Unterwasser verlagerte. Die Zeit vertrieben haben wir uns mit Lesen, Dösen und Gitarre spielen. Später waren dann auch Zähneputzen, Essen, Trinken, Aufräumen und Putzen an der Unterwasser-Tagesordnung. Zuletzt verging die Zeit immer schneller. Irgendwann musste man dann für die Notdurft allerdings doch mal das Wasser verlassen…

Die Möbel und Utensilien, die mit unter Wasser waren, stammten ja aus eurem privaten Bestand und sind jetzt vermutlich größtenteils nicht mehr zu gebrauchen. Schon bei Ikea gewesen?
Nee, bei Ikea waren wir noch nicht. Das Sofa und die Küche sind natürlich hin. Lustigerweise ist uns aber nach unserem WDR-Studiobesuch von einem Zuschauer ein Sofa angeboten worden. Derjenige hatte mitbekommen, dass das Sofa Marcos Freundin doch sehr fehlt. Mal schauen, vielleicht ist das damit ja schon wieder ersetzt. Die Küchenzeile hatten wir uns, ehrlich gesagt, extra für die Aktion besorgt, sie wurde bereits entsorgt. Die meisten Gegenstände mussten wir ja auch präparieren wie zum Beispiel den Kühlschrank, der zuletzt nur noch ein Gerippe war und nach der Aktion überhaupt nicht mehr funktionstüchtig. Insgesamt war die Aktion also auch eine Chance, mal ein bisschen was loszuwerden.

Wie viele Interviews habt ihr zu der Aktion gegeben? Das mediale Interesse war ja riesig.
Das waren wirklich unerwartet viele! Besonders am ersten Wochenende, an dem wir eigentlich ganz in Ruhe einziehen wollten, ging es rund. Das hat uns viel Zeit und Kraft gekostet. Gleichzeitig war es natürlich auch enorm anspornend. Um überhaupt alle Interviews bewältigen zu können, haben wir viele eher nebenbei am Telefon geführt. Oder auch mal beim Essen in der Mensa. Zwanzig Interviews waren es auf jeden Fall. Zudem hatten auch Passanten, Mitstudenten und Freunde viele Fragen. Das hat uns natürlich gefreut, war aber eben auch anstrengend, gerade als wir noch mit dem Aufbau und den Vorbereitungen beschäftigt waren.

Wie war das Echo aus der Akademie selber? Ihr habt ja unheimlich viel Aufmerksamkeit auf euch gezogen, da gab es doch bestimmt auch Unmut und Neid, oder?
Auch von Seiten der Akademie und Mitstudenten haben wir viel positives Feedback bekommen, aber natürlich, total zurecht, auch kritisches. Es war schon eine riesige Herausforderung, mit so viel Aufmerksamkeit sensibel umzugehen, was uns auch sicher nicht unentwegt geglückt ist. Solch ein Setting polarisiert natürlich. Aber wir haben uns alle Mühe gegeben, dem Spektakel einen Charakter von Beiläufigkeit zu geben – so komisch das vielleicht jetzt klingen mag. Außerdem haben wir von Unterwasser aus auch gar nicht so viel von dem mitbekommen, was da vor der Scheibe alles diskutiert wurde. Das war vielleicht unser Glück.

Welche Sender und Zeitungen haben berichtet?
Unter anderem WDR, ARD, RTL, SAT1, 3sat, 7TV, WZ, FAZ, WAZ, NRZ, Zeit Campus, Spiegel, Focus, RP, Monopol, Bild, Express, Saarbrücker Zeitung, Der Standard, Kronenzeitung und einige asiatische Medien, deren Beiträge wir aber natürlich nicht lesen konnten.

Eine Frage, die euch definitiv zu oft gestellt wurde?
Wie viel Grad hat das Wasser? Wie viel Wasser ist in dem Container überhaupt drin? Und wie kamt ihr auf die Idee?

Was habt ihr in den vergangenen Tagen über den Umgang mit Medien gelernt?
Es ist enorm anstrengend. Die Fragen werden häufig so gestellt, dass eine möglichst reißerische Story entstehen kann. Selbst wenn wir versucht haben, einzulenken, und auf das Unspektakuläre der Arbeit hinweisen wollten, wurde die Aktion im Beitrag letztendlich dann doch so beschrieben, dass sie leicht verdaulich und schnell zu greifen war. Und bei Video-Interviews mussten wir uns sehr daran gewöhnen, die selben Fragen immer wieder zu beantworten, was definitiv nicht einfach ist. Letztendlich hat die Berichterstattung aber zu einer riesigen Resonanz geführt, über die wir uns natürlich auch sehr freuen.

Die Aktion war gleichzeitig auch eure Abschlussarbeit an der Akademie. Wie geht es für euch beide jetzt weiter?
Es sind sehr spannende Zeiten! Marco ist als angehender Kunstlehrer schon seit einigen Monaten im Referendariat. Auf mich wird das in Zukunft auch zukommen. Kunstlehrer ist ein super zweites Standbein, gleichzeitig allerdings auch ziemlich einschränkend, was Projekt-orientiertes Arbeiten anbelangt. Ich starte bald mit einem längeren Reise-Projekt, bei dem ich mit künstlerischen Sichtbarkeiten für den Modus des Unterwegs-Seins experimentieren möchte. Aber gemeinsame Arbeiten mit Marco stehen auf jeden Fall auch wieder an.

Von Wasser habt ihr ja vermutlich jetzt erst mal die Nase voll. Womit würdet ihr als Künstler gerne in Zukunft mal arbeiten?
Hm, das ist eine gute Frage. Uns haben Themen und Materialien wie Wasser, Projektion, Alltag, Orte bewohnen, performative Strukturen und so weiter immer wieder in verschiedenen Kontexten zu Arbeiten inspiriert. Meist entstehen unsere Arbeitsansätze aus ganz alltäglichen Momenten, die uns einfach so begegnen. Von daher kommen auch immer wieder sehr unterschiedliche Arbeitsstrukturen zustande. Es kann also jederzeit in alle Richtungen gehen. Wir wollen auch möglichst keine Marke aufmachen und Dinge wiederholen, sondern möchten uns immer wieder neuen Situationen und Settings widmen. Insgesamt könnte ich mir dennoch durchaus vorstellen, dass auch in Zukunft Wasser wieder eine Rolle spielen wird.

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