Kein Chichi. Nur Düsseldorf.

Axel Ganz im Interview – „Eine Auflage von 1000 Stück zählt schon zu den großen“

Axel Ganz, Foto: Mario Sixtus

Schon seit einigen Jahren geht der Trend zurück zum Vinyl. Die Absatzzahlen von Schallplatten steigen. Und die Plattenläden, die einst auszusterben drohten, kehren zurück. Axel Ganz und Michael Heiber glauben an die Zukunft des schwarzen Goldes. Die beiden möchten das Vinyl Presswerk gründen. Ab Anfang kommenden Jahres sollen am Standort Düsseldorf Platten gepresst werden. theycallitkleinparis hat mit Axel Ganz gesprochen.

 

Laut Statistik sind Vinyl-Käufer überwiegend männlich, zwischen 40 und 59 Jahren alt und Musikfans, bei denen kaum ein Tag vergeht, an dem sie nicht Musik hören. Erkennst du dich darin wieder?
Ich liebe Statistiken! Wenn ich mir unter diesen Aspekten mein Hörverhalten anschaue, dann ja. Dann gehöre ich wohl in diese Kerngruppe, die ich noch ein wenig weiter fassen würde, nämlich von 40 bis 99. Ich kenne aber auch viele Frauen, die an ihren Schallplattensammlungen und den damit verbundenen Erinnerungen mindestens genauso innig hängen wie Männer.

Wann hast du die letzte Platte aufgelegt?
Heute.

Und welche war das?
Francisco Semprun & Michel Christodoulides: Métamorphoses.

Wie umfangreich ist deine Vinylsammlung? Und wie viele CDs stehen dem gegenüber?
Du würdest bei mir ungefähr 650 LPs, 30 Singles und 300 CDs finden. Sowie, ich bin unverbesserlich, circa 300 Cassetten.

Wann und wie entstand die Idee, ein Vinylpresswerk ins Leben zu rufen?
Die Idee stammt eigentlich von Michael Heiber, dem Gründer von Krachladen Records. Er entdeckte eines Tages, dass es zum ersten Mal seit 1982 wieder neue Pressmaschinen auf dem Markt gibt. Im vergangenen Sommer trat er an mich heran. Ich fand die Idee so großartig, dass wir es nun gemeinsam angehen. Michael wird sich um den Vertrieb kümmern, ich um die Produktion.

Was ist deine Motivation? Geht es eher um persönliche Sehnsüchte und Vorlieben oder spielen auch ökonomische Gesichtspunkte eine Rolle?
Eindeutig beides! Es ist die Sehnsucht nach nicht entfremdeter Arbeit, die perfekt zu einem passt, mit der man auch auskömmlich Geld verdient.

Ihr habt den Markt ja bestimmt sondiert. Wie viele Presswerke gibt es derzeit in Deutschland?
Im Moment sind es neun.

Und wie sind die ausgelastet?
Soweit wir wissen, sind die meisten stark bis sehr stark ausgelastet. Die Kollegen von Intakt in Berlin sind seit Frühjahr 2017 am Markt. Sie erwähnten in einem Interview im RBB im Dezember, dass sie schon nach ungefähr einem halben Jahr voll ausgelastet waren.

Das heißt, wie lange muss ich als Kunde in der Regel auf meine Bestellung warten?
Vier bis 12 Wochen. Wir möchten es in vier Wochen schaffen.

Was braucht man an Know-how, um Platten herzustellen?
Man sollte etwas von Kunststoffen verstehen, zum Beispiel von deren thermischen Eigenschaften. Gerade wenn man das Vinyl auch recyceln möchte, braucht man etwas Erfahrung. Dann muss man natürlich die Pressmaschinen kennen. Es gibt Halbautomaten und Vollautomaten. Und nicht zuletzt sollte man sich mit den zahlreichen Varianten einer Schallplatte vertraut machen, zum Beispiel mit farbigem Vinyl, marmoriertem Vinyl, einseitigen Pressungen, Gravuren, Platten ohne Label und so weiter. Es ist unser erklärtes Ziel, insbesondere auf individuelle Kundenwünsche einzugehen.

Und was braucht man an Technik?
Man braucht vor allem anderen einen Extruder, um das Material aufzubereiten, eine Pressmaschine, einen Trockenofen für die Labels, einen Dampferzeuger, ein Kühlsystem, eine Verpackungsmaschine und einiges an Zubehör.

Wie wollte ihr das finanzieren?
Gemischt. Durch private Mittel, aber auch stille Teilhaber und einen KfW-Förderkredit.

Wie sieht euer Zeitplan aus, wann soll es mit der Produktion in Düsseldorf losgehen?
Die Firmengründung ist für den Sommer geplant. Produktionsstart soll im Januar 2019 sein.

Werdet ihr eher kleine Auflagen von 500 oder 1000 Stück produzieren? Oder gingen auch größere Mengen?
The times they are changing. Heute zählt eine Auflage von 1000 Stück schon zu den großen. Ich habe überhaupt nichts gegen große Auflagen. Im Gegenteil. Auch 1000 Stück oder mehr. Wenn man aber die Entwicklung des Marktes betrachtet, fällt auf, dass der Trend zu kleineren Auflagen und Eigenproduktionen von den Künstlern selbst geht. Auf diese Entwicklung möchten wir eingehen. Ziel ist es, auch kleinste Auflagenwünsche zu bedienen, was nicht alle Presswerke tun. Manche beginnen erst bei 300 Stück.

Was würde ich als Kunde zahlen, wenn ich 500 Stück bei dir pressen lassen würde?
Das kommt darauf an, ob du 140 oder 180 Gramm Vinyl haben möchtest, welche Farbe es sein soll, ob es eine Picture Disc werden soll, in welchem Master Cut-Verfahren hergestellt wird, wie das Label aussehen soll, wie die Innentasche und das Album-Cover aussehen sollen und und und…

Von Vinyl geht für Musikfreunde viel Faszination aus. Rein stofflich betrachtet ist es aber nichts Anderes als PVC, was unter anderem für Fußbodenbeläge und Fensterrahmen verwendet wird. Wegen der darin enthaltenen Zusatzstoffe gilt es als umwelt- und gesundheitsschädlich. Woher beziehst du dein Material? Wird Vinyl eigentlich überhaupt recycelt?
Richtig ist, dass es sich um PVC handelt. Allerdings sollte man Schallplatten und Fensterrahmen einerseits sowie Fußbodenbeläge andererseits nicht in einen Topf werfen. Nur in letzteren sind gesundheitsschädliche Weichmacher enthalten. Das Vinyl, also PVC, das wir verwenden werden, kommt von Kunststoffanbietern aus den Niederlanden und Italien. Wir werden auch, soweit möglich, das bei der Produktion anfallende überschüssige Material recyceln.

Seit 2005 steigen die Absatzzahlen von Schallplatten wieder. Der Jahreszuwachs 2015/16 an verkauften Langspielplatten in Deutschland betrug 46 Prozent. Auch hier in Düsseldorf lässt sich der Trend zurück zum Analogen beobachten. Mir würden auf Anhieb fünf Plattenläden einfallen, die in den vergangenen ein, zwei Jahren in der Stadt eröffnet haben. Was glaubst du, wie nachhaltig ist diese Entwicklung?
Das ist die große Frage, die niemand beantworten kann. Ich denke, vieles spricht dafür, dass der Schallplattenmarkt noch ein paar Jahre wachsen wird und sich auf dem dann erreichten Level stabilisiert.

Könnte der Bereich Tonträger, was das angeht, Vorreiter für andere Branchen sein?
In den Neunziger Jahren war die Musikbranche Vorreiter bei der Digitalisierung und den damit zusammenhängenden rechtlichen Fragen. Mal sehen, wie es nun sein wird, bei der Rückbesinnung auf das Analoge. Immerhin zeigt sich, dass die totale Verfügbarkeit und Datenreduktion nicht die einzigen Kriterien sind, die für das genussvolle Hören von Musik von Bedeutung sind.

Letzte Frage: Du bist Musiker. Wirst du in Zukunft deine Platten selber pressen?
Es wäre natürlich eine schön bekloppte Geschichte gewesen, wenn ich später sagen könnte: Ich habe ein Presswerk gegründet, um meine eigene Platte zu pressen. Aber ganz so wird es nicht sein, zumindest nicht in diesem Jahr. (Anm. d. Red.: Im Juli erscheint eine Platte von Ganz‘ Soloprojekt Pondskater beim Label Hauch Records.) Später vielleicht, wenn ich dann noch Zeit dazu habe.

23.2., 19 Uhr, Vinylabend, Axel Ganz und Michael Heiber stellen das Vinyl Presswerk vor, super(7000), Rather Str. 25, Düsseldorf, super7000.de

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