Kein Chichi. Nur Düsseldorf.

DITAUSGARATH im Porträt – Draußen ist feindlich

Dieter Nowatius aka DITAUSGARATH, Foto: Alexandra Wehrmann

Wie prägt die direkte Umgebung das Werk eines Künstlers? Noch dazu, wenn er in einem wenig kunstaffinen Quartier lebt? Ein Besuch bei Dieter Nowatius in Garath.

Montag Morgen im tiefen Düsseldorfer Süden. Die Uhren, so scheint es, ticken hier anders. Alles geschieht ein bisschen langsamer als anderswo. Man hat ja Zeit. Im Eiscafé Gondola ist Dieter Nowatius der einzige Gast. Der Mann mit dem Künstlernamen DITAUSGARATH trinkt Kaffee und löst Kreuzworträtsel. Nowatius hat sein ganzes Leben in Garath verbracht. 45 Jahre. Geboren wurde er im berüchtigten Garather Osten. In direkter Nähe des Heizkraftwerks erwarben die Eltern Anfang der Siebziger Jahre ein kleines Eigenheim. Man brauchte Platz. Die Familie hatte wenig Geld – und sechs Kinder. Dieter war das jüngste von ihnen. „Meine Kindheit war geprägt von Sparen, Sparen, Sparen“, sagt er heute. Das Haus musste abbezahlt, die Familie ernährt werden. Nowatius‘ Vater arbeitete als Koch. Das, was man neudeutsch Upcycling nennt, war für die Familie damals schon Alltag. Altes wurde geflickt, repariert, gegebenenfalls auch umgenutzt. Ein Prinzip, das Dieter verinnerlicht hat. Heute baut er aus Urinflaschen, Plattentellern oder Metallschrott Musikinstrumente. Nowatius hat das Talent, aus wenig viel zu machen.

Dieter Nowatius war ein sonderbares Kind. Er schrieb früh Gedichte. Aber Lyrik gehörte nicht zu den Dingen, mit denen man sich in dieser eher rauen Umgebung Anerkennung verschaffen konnte. Für Lyrik bekam man in Garath eher Kloppe. Das ging schon im Kindergarten los und setzte sich in Grund- und weiterführender Schule fort. Nowatius bastelte sich einen Knüppel, bewaffnete sich mit einem Plastikschwert, bohrte einen Nagel durch seinen Kaugummi-Automaten-Ring. „Ich habe mich aber immer nur verteidigt“, erklärt er rückblickend. Er verbrachte viel Zeit im Keller des elterlichen Hauses. „Mir war früh klar: Draußen ist es gefährlich.“ Draußen gab es nachts Schreierei, die Grünstreifen stanken nach Pisse. Der Schwarze Weg, die berüchtigtste Adresse im ganzen Viertel, war gleich um die Ecke.

Im Hause Nowatius flüchtete man sich in die Musik. Die Mutter, eine gelernte Kinderpflegerin, kam aus einer hochgradig musikalischen Familie. Mit Volksweisen und Kirchenliedern sang sie sich den Hausfrauenalltag schön. Sohn Dieter stimmte früh mit ein. „Meine komplette Kindheit ist ein Schatz“, sagt Nowatius und seine grauen Augen lächeln. Bis heute kann er keine Noten lesen. Aber er hat ein unglaubliches Gespür für Rhythmus. „Ich muss immer ausprobieren, wie die Dinge klingen“, sagt er und lässt seine Finger auf Lehne und Sitzfläche des Eiscaféstuhls prasseln. Für einen kurzen Moment wird der Stuhl im Eiscafé Gondola zum Percussion-Instrument.

La Terza Madre beim „Büdchentag“ 2017 am Frankenplatz, Foto: Markus Luigs

Als Jugendlicher entdeckte Nowatius den Heavy Metal für sich. Er trug die Haare so lang, wie das in seiner Umgebung gefährlich war. Dazu eine selbstgenähte Kutte mit Aufnähern der wichtigen Bands. Kreator. Assassin. So was. Dann kam der Punk. Und mit dem Punk die erste eigene Band. Defekt. „Da war ich so 17, 18.“ Es folgten Camorra („nach einem Bud-Spencer-Film“) und Radio Labuwy („nach einem Garather Elektro-Laden“). Ein Instrument hatte Nowatius nie gelernt. Aber schon damals besaß er ein gutes Rhythmusgefühl. Er spielte Djembé. Und er schrieb Texte. Deutsche Texte. Politische Texte. Zwischen den Songs trug er selbst verfasste Gedichte vor. Er war immer noch anders als die anderen. Er war laut, hatte sich nicht unterkriegen lassen. „Wenn du laut bist“, sagt Nowatius, „bleiben die Zähne drin“. Das Publikum mochte seine Bands. Ganz im Gegensatz zu den Garather Neonazis. „Wir hatten unseren Proberaum unter einer Kirche“, erinnert sich der Musiker. „Oben standen die Glatzköppe und warteten auf uns. Man konnte nie alleine zur Probe kommen. Zu gefährlich.“

Irgendwann hatte Nowatius dann genug von gesellschaftskritischen Texten. Hatte sich für ihn erledigt. Die Punk-Bands waren auch passé. Trotzdem schrieb er weiter Songs, schreibt er bis heute. Die meisten davon hat er nie vor Publikum vorgetragen. Auch seine Puppen, Hörspiele und Collagen kennt nur ein sehr kleiner Kreis von Menschen. Er macht die Kunst in erster Linie für sich. Unwichtig ist sie ihm deshalb nicht. Er zieht eine Liste aus der Tasche, auf der er alle Lieder, die er jemals geschrieben hat, notiert hat. „Gesammelte Werke“ hat er darüber geschrieben. Sortiert sind die Songs nach der Anzahl der Wörter, aus denen sie bestehen. „Kürbiskernbrötchen“ zählt nur ein einziges Wort. „Hey du Ei“ 28. „Back n Zahn“ immerhin 78. Was Nowatius heute macht, könnte man als Dada bezeichnen. Nah dran an Helge Schneider oder Insterburg & Co. „Früher haben die Leute oft zu mir gesagt, du klingst wie Rio Reiser“, sagt Nowatius. Natürlich schätze er Ton Steine Scherben. Aber er sei auch großer Fan von Heino und Freddy Quinn. „Ich mag Schlager und Volkslieder.“

Dieter Nowatius hat keine Webseite, keine private E-Mail-Adresse. Er ist nicht bei Facebook. Aber seit 2016 hat er wieder eine Band. Gemeinsam mit dem Profi-Musiker Boris Polonski hat er das Duo La Terza Madre gegründet. Die Entstehungsgeschichte ist ein echter Nowatius: Während eines gesanglosen Elektronik-Sets im zakk schnappte sich Dieter kurzerhand das Mikro und improvisierte zur Musik. Polonski war zugegen und beeindruckt. „So jemanden wie dich suche ich seit zehn Jahren“, soll er gesagt haben. Polonski hat Musik studiert. Er ist von Stockhausen beeinflusst, hatte eine Band mit Jaki Liebezeit (Can), probierte sich an Kompositionen für Theater und Ballett. Seit rund einem Jahr machen die beiden Männer, die musikalisch so unterschiedlich sozialisiert wurden, gemeinsame Sache. Drei Auftritte hatten sie bisher, einen davon beim Büdchentag. Eilig haben sie es nicht. Garather Tempo.

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