Kein Chichi. Nur Düsseldorf.

Miguel Passarge im Interview – „Die meisten Bands haben Lust auf das Format“

Blumfeld, Foto: Frank Egel

Im vergangenen Jahr ging die erste Ausgabe des „Lieblingsplatte“ über die Bühnen des zakk. Idee des Festivals: Bands und Musiker präsentieren wegweisende Platten deutscher Popgeschichte live. In diesem Jahr spielen unter anderem Blumfeld ihr 1992er Album „Ich-Maschine“, die Flowerpornoes „…red‘ nicht von Straßen, nicht von Zügen“ und Mouse on Mars „Iaora Tahiti“. Sogar die Stieber Twins kehren für ein Konzert zurück. theycallitkleinparis hat mit dem gesprochen, auf dessen Mist die Idee gewachsen ist: zakk-Musikplaner Miguel Passarge.

 

Die erste Ausgabe des Festivals „Lieblingsplatte“ ging im vergangenen Jahr über die Bühne. Wie waren die Reaktionen?
Die Reaktionen waren durchweg positiv, auch für die beteiligten Künstler sind das besondere Abende. Sie selbst haben die Alben, die aufgeführt werden, in der Regel vorher noch nie am Stück performt. Es ist für Publikum und die Bands eine Reise in die Vergangenheit. Es werden allerdings nur Alben aufgeführt, die einen Einfluss auf die deutsche Musikgeschichte haben, insofern hatten wir auch viel junges Publikum und der Bezug zur Jetztzeit ist absolut vorhanden.

Und, war euch sofort klar, dass ihr das Festival wiederholen würdet?
Der Wille war von vorneherein da, aber der logistische und finanzielle Aufwand für das Festival ist recht hoch, sodass wir immer von Jahr zu Jahr eine nächste Ausgabe planen müssen.

Wie wichtig ist ein solches selbst entwickeltes Format für das Programm-Portfolio von zakk?
zakk ist eines der größten soziokulturellen Zentren Deutschlands, insofern haben wir den Anspruch, nicht nur Trends hinterherzuhecheln, sondern selbst Akzente zu setzen und eigene Formate zu entwickeln. Aus dieser Motivation heraus ist auch Lieblingsplatte entstanden.

Wie entstand die Idee?
Wie viele gute Ideen lag sie eigentlich in der Luft, sie wollte nur umgesetzt werden. Wie ich im Nachhinein erfahren habe, waren wir auch nicht die Einzigen, die die Idee hatten. Aber wir waren die ersten, die sich an die Umsetzung gewagt haben.

Flowerpornoes, Foto: zakk

Und wer entscheidet, welche Platten Lieblingsplatten sind? Du allein? Oder werden noch andere Kollegen zu Rate gezogen?
Ich habe die künstlerische Leitung von Lieblingsplatte, aber in meinem Booking, auch allgemein im zakk, lasse ich immer viele Kriterien einfließen. Mein persönlicher Geschmack ist nur zu einem geringeren Teil relevant. Insofern hole ich mir immer viele Meinungen ein und suche das Gespräch mit Kollegen und Musikexperten, so kommen dann die Einladungen an die Bands zustande.

Sechs Platten werden im Rahmen der diesjährigen Festival-Ausgabe vorgestellt. Die jüngste ist Stieber Twins „Fenster zum Hof“ aus dem Jahr 1996. Sind danach keine wegweisenden Platten mehr erschienen?
Doch, auf jeden Fall. Letztes Jahr waren auch jüngere Alben dabei, und bei einer kommenden Ausgabe wird das wieder der Fall sein. Bei jüngeren Alben wird es jedoch, das habe ich in der Vergangenheit so erlebt, mehr Widerspruch geben, was die Wichtigkeit und den Einfluss der Alben angeht, weil sie sich nur in einem kürzeren Zeitraum „bewähren“ konnten.

Bands sind ja in aller Regel daran interessiert, ihr aktuelles Material zu präsentieren. Wie reagieren sie auf die Anfrage, ein 20 bis 30 Jahre altes Album live zu spielen? Müsst ihr da viel Überzeugungsarbeit leisten?
Die meisten Bands haben wirklich Lust auf das Format. Wenn Bands absagen war der Grund bisher meistens terminlicher oder organisatorischer Natur. Und dieses Jahr hat sich ja selbst Andreas Dorau darauf eingelassen, „Fred vom Jupiter“ wieder auf die Bühne zu bringen, wogegen er sich die letzten 30 Jahre gewehrt hatte. Wir sind eben keine RTL-Neue Deutsche Welle-Show, wo die Musikgeschichte kommerziell ausgeschlachtet wird, sondern bieten den Bands einen seriösen künstlerischen Rahmen, in dem sie sich offensichtlich wohlfühlen.

Welchen Stellenwert hat das Album im Jahr 2017 überhaupt noch?
Das Album hat – erstaunlicherweise – seinen Platz und Status in der Musikbranche beibehalten, trotz des Musikstreamings und den Spotify-Playlists. Für die Bands selbst und Musikliebhaber ist es weiterhin das Format, an dem man sich künstlerisch abarbeitet, in dem man sich beweisen muss.

Bist du noch ein Plattenkäufer? Oder nutzt du überwiegend Streamingdienste?
Natürlich kaufe ich noch ab und zu Platten, oder bekomme netterweise welche zugeschickt oder geschenkt. Aber ich bin auch ein Streaming-Nutzer der ersten Stunde und bin davon fasziniert, jederzeit und überall auf alle Musik zugreifen zu können, die mich interessiert.

Welche Platte hast du dir zuletzt gekauft?
Die aktuelle Platte von Devendra Banhart, den ich vor wenigen Wochen auch in einer grandiosen Performance beim Week End-Fest in Köln zusammen mit dem Rundfunk-Tanzorchester Ehrenfeld gesehen habe.

Und, wie ist sie?
Das tolle an Platten ist natürlich ihr warmer, analoger Klang und die Räumlichkeit, die man beim Musikgenuss auf einer guten Anlage zu Hause hat. Dieses Erlebnis, auch beim Hören der Devendra Banhart-Platte, hat man eben nur auf Vinyl.

Wo wir schon mal sprechen. Im zakk findet seit einiger Zeit ja auch regelmäßig „Das popmusikalische Quartett“ statt. Warum reden da eigentlich fast ausschließlich Männer über Musik?
Gleich beim ersten Popmusikalischen Quartett war mit Janina Sachau eine Musikerin und Schauspielerin zu Gast (Anm. d. Red.: Die erste Ausgabe der Veranstaltung fand im April 2012 statt). Leider sind Frauen, sowohl auf künstlerischer, als auch der Management-Seite, im Musikbusiness chronisch unterrepräsentiert. Ich persönlich bedauere das sehr und versuche mit Formaten wie der Konzertreihe „Female Voices“ gegenzusteuern.

9.-16.9. zakk, Düsseldorf, die Konzerte von Blumfeld und den Stieber Twins sind ausverkauft

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