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Maura Morales im Interview – „In Kuba herrscht Stillstand“

Maura Morales, Foto: Maike Helbig

Die Tänzerin und Choreografin Maura Morales verbrachte die ersten 18 Jahre ihres Lebens in Kuba. Heute ist die Beziehung zu ihrem Heimatland eine durchaus kritische. Das schlägt sich auch in ihrem neuen Stück nieder, einer Solo-Performance, in der sie sich mit Kuba auseinandersetzt. „Exceso de la nada“ heißt das Stück, das am 8.11. Premiere im FFT Juta feiert. Überfluss des Nichts. theycallitkleinparis hat mit Morales gesprochen.

Maura, im Pressetext zum neuen Stück der Cooperativa Maura Morales findet sich ein markiges Zitat von dir: „Mit 6 Jahren habe ich gelernt zu tanzen, mit 10 Jahren wie man eine Kalaschnikow benutzt und mit 18 Jahren, dass die Geschichte meines Landes eine Lüge war“. Das mit der Kalaschnikow musst du uns erklären!
Ich bin in Kuba aufgewachsen. Dort hatten wir Militärübungen als Schulfach. Uns wurde ständig eingetrichtert, dass eine militärische Bedrohung seitens der USA unmittelbar bevorsteht, dass wir für den Ernstfall bereit sein müssten. Von daher mussten wir jeden Freitag eine Stunde lernen, wie man Dynamit zündet, Schießübungen machen und besagte Kalaschnikows zerlegen und zusammensetzten.

Die ersten Jahre deines Lebens hast du in Nuevitas verbracht, einem kleinen Fischer-Dorf an der kubanischen Küste. Wie kamst du zum Tanz?
Schon als ganz kleines Kind wollte ich immer Tänzerin werden, so wie meine Freundinnen aus der Nachbarschaft Prinzessinnen werden wollten. Glücklicherweise wurde ich mit sechs Jahren von den Talentscouts des kommunistischen Schulsystems gesichtet und eingeladen, beim staatlichen Ballett-Internat vorzutanzen. Ich wurde aufgenommen und verbrachte die nächsten 12 Jahre im Ballett-Internat.

Wie muss man sich deine tänzerische Ausbildung vorstellen? Bei kommunistischen Regimen hat man ja schnell das Bild von viel Drill und wenig Spaß im Kopf. Wie war das bei dir?
Es war in der Tat eine sehr harte Ausbildung, die viel Disziplin erforderte. Aber da es sich um das staatliche Internat der schönen Künste handelte, waren neben der Sparte Tanz auch Musik, bildende Kunst und Schauspiel dort integriert. Es war wunderbar und inspirierend mit anderen Kindern aufzuwachsen, die unterschiedliche Kunstrichtungen verfolgten. Wir lernten voneinander und erlangten so auf ganz natürliche Art und Weise ein breites Wissen über Kunst.

Du hast Kuba 1996 verlassen. Mittlerweile hast du also dein halbes Leben in deiner Heimat verbracht, die andere Hälfte in Europa. Wie würdest du die Beziehung zu deiner Heimat heute beschreiben?
Es tut weh mitanzusehen, wie Kuba, das sich selbst als revolutionäres Land bezeichnet, seit 1959 absolut auf der Stelle tritt. Es hat sich so gut wie gar nichts verändert, es herrscht Stillstand! Mich ärgert, wie ein ganzes System sich aufgrund von Verdrehung der Tatsachen und Lügen aufrecht hält und es seinen Bewohnern fast unmöglich macht, sich ein eigenes Bild von der Realität zu machen. Meine Beziehung zu Kuba ist daher am besten mit dem Wort frustrierend umschrieben.
Auf der anderen Seite bewundere ich die Belastbarkeit und Leidensfähigkeit meiner Landsleute.

Wie oft bist du heute noch auf der Insel?
Ich versuche, mindestens einmal im Jahr nach Kuba zu reisen, um meine Mama zu besuchen. Ich bin Einzelkind. Sie hat also außer mir niemanden.

Wie entstand die Idee, Kuba ein eigenes Stück zu widmen? Hattest du die schon länger im Kopf?
Gerade in letzter Zeit werde ich häufig auf Kuba angesprochen. Man beglückwünscht mich mit den Worten „Na, jetzt haben sich doch endlich die Dinge auf Kuba verändert“. Ja, es hat sich etwas verändert auf Kuba – nur leider nicht für die Kubaner, sondern nur für ausländische Investoren. Solange die Kubaner nicht die Möglichkeit haben, zu sagen, was sie denken, wird sich nichts verändern. Vielleicht empfinde ich es, weil ich das Glück habe, hier in Deutschland zu leben und sagen zu können, was ich denke, als Verantwortung, dieses Stück über Kuba zu machen.

Die künstlerische Auseinandersetzung mit deiner Heimat dürfte also eine durchaus kritische sein. Hältst du es trotzdem für denkbar, dass das Stück in Kuba gezeigt wird?
Das halte ich für eher unwahrscheinlich.

Du sagst, das Stück handele, von einem Land, das aussieht, als würde es lachen, wenn es eigentlich weint. Ist Kuba ein von den Touristen missverstandenes Land?
Es ist ganz natürlich, dass die Touristen nicht den alltäglichen Kampf ums Überleben der Kubaner mitbekommen. Wozu auch? Als Tourist möchte man sich den Urlaub mit den kulturellen und geographischen Vorzügen dieses Inselparadieses versüßen. Und da Kuba quasi von den ausländischen Devisen lebt, zeigt es sich natürlich genau von der Seite, die die Touristen sehen wollen. Von daher würde ich sagen, dass Kuba zur Zeit ein Land für die Touristen ist, nicht jedoch für die Kubaner selbst.

In den letzten Produktionen der Cooperativa waren immer mehrere Tänzer auf der Bühne. „Exceso de la nada“ ist nun ein Solo, der Fokus ist also voll auf dir. Was bedeutet das für die Entwicklung der Arbeit und die Bühnen-Performance selber?
Es ist ein sehr persönliches, autobiographisches Stück. Von daher war es mir wichtig, die Verantwortung auf der Bühne alleine zu tragen. Das geht sogar so weit, dass ich Michio, der normalerweise bei allen Stücken live auf der Bühne zugegen ist, in eine Tonkabine verbannen musste.

8., 10.+11.11., jeweils 20 Uhr, FFT Juta, Düsseldorf

Das Interview mit Maura Morales ist bereits in der Rheinischen Post erschienen.

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