Kein Chichi. Nur Düsseldorf.

Grandbrothers im Interview – „Alles muss seinen Ursprung im Flügel haben“

Grandbrothers, Foto: Tonje Thilesen

Mit einer aufregenden Mischung aus klassischer Klaviermusik, Ambient, Jazz und Elektronik haben Erol Sarp und Lukas Vogel alias Grandbrothers für Aufsehen gesorgt. Am 20. Oktober erscheint nun ihr neues Album „Open“. theycallitkleinparis-Mitarbeiter Holger Wendler hat mit Erol Sarp gesprochen.

 

Seit eurer letzten Platte, dem Debütalbum „Dilation“, sind rund zweieinhalb Jahre vergangen. Warum habt ihr euch mit dem Nachfolger so viel Zeit gelassen?
Eigentlich war das Album schon im September 2016 fertig. Wir sind mit „Open“ zu unserem neuen Label City Slang gewechselt, und die hatten über das Jahr verteilt schon ein paar andere Releases geplant. Der 20. Oktober hat sich dann aber auch als genau richtig rausgestellt, weil wir so genug Zeit für die Vorbereitung der damit einhergehenden Tour hatten. Neben Grandbrothers arbeiten wir nämlich beide noch, zudem ist Lukas im November 2016 Vater geworden – das nimmt dann doch auch etwas Zeit in Anspruch. Das heißt, wir sitzen nicht mehr fünf Tage die Woche zusammen im Studio, sondern eher ein bis zwei Mal.

Beim Hören hatte ich den Eindruck, dass ihr vom klassischen Popsong mit seinen eingängigen, wiederkehrenden Melodien etwas abgekommen seid. Die neuen Songs erscheinen ein Stückweit experimenteller. Was unterscheidet „Open“ eurer Meinung nach vom Vorgänger?
Zum einen sind wir, was den Klang angeht, viel mehr ausgebrochen. Wo „Dilation“ teils sehr verspielt und im Vergleich direkter und trocken klingt, haben wir für die neuen Stücke viel mehr mit Effekten experimentiert. Dadurch ist „Open“ in Teilen um einiges lauter, verzerrter, sphärischer und insgesamt viel intensiver geworden. Was die Arrangements angeht denken wir, dass wir uns in beide Richtungen weiter ausgebreitet haben: Stücke wie „Long Forgotten Future“ oder „Sonic Riots“ haben einen sehr klassischen Popsong-Aufbau, „Circonflexe“ oder „White Nights“ hingegen sind vom Aufbau her eher experimentell einzuordnen. Das sind aber nie bewusste Entscheidungen à la ‚Der Song soll jetzt mal im Radio laufen‘, sondern wir beobachten das dann erst im Nachhinein und machen die Stücke nach Bauchgefühl fertig, so, wie wir sie gut finden.

Auch die neuen Songs verzichten durchgehend auf Gesang und Text. Wie kommen die Titel der Stücke zustande? Und warum heißt das Album „Open“?
Das Album sollte einen Titel haben, der viele Assoziationen ermöglicht. Gerade weil wir keine Texte, sondern lediglich Themen vorgeben, kriegen wir auch immer verschiedene Meinungen von Leuten gespiegelt. Im Grunde soll die Musik also nicht Festes suggerieren, sondern für Interpretation offen sein. Weitere Gedankenspiele waren, dass Reisen immer wieder etwas war, was uns beim Schreiben begleitet hat. Im Sinne von Weite und Ferne, eine Reise in offene Welten. Wir öffnen den Flügel und arbeiten mit Klängen, die man nicht nur durch herkömmliches Spielen erzeugen kann. Wir halten uns offen, ob wir in Konzerthallen oder schwitzigen Clubs spielen wollen. Es waren also mehrere Assoziationen.

Mit seinem ruhigen, sphärischen Klang passt das Album gut zur aktuellen Jahreszeit. Habt ihr den Veröffentlichungstermin bewusst in den Herbst gelegt?
Wie eingangs erzählt, ist es eher durch äußere Umstände zu dem VÖ-Termin gekommen. Wir finden aber, dass man das Album zu jeder Jahreszeit hören sollte.

Ihr steht nun kurz vor einer mehrmonatigen Europa-Tour. Wie wichtig sind euch Live-Auftritte und der direkte Kontakt mit dem Publikum?
Konzerte halten das ganze Projekt am Leben. Dadurch, dass wir einige Stücke live anders spielen und immer wieder mal mit kleinen, technischen Herausforderungen zu kämpfen haben, bleibt alles spannend. Und ich denke als Musiker ist es immer auch wichtig, die Meinung und Reaktionen des Publikum zu hören und zu sehen. Wir wollen die Leute mit manchen Stücken ja beispielsweise zum Tanzen bringen. Ob das klappt, werden wir live sehen.

Das Video zur neuen Single „Bloodflow“ zeigt Szenen einer Gruppentherapie im Wechsel mit persönlichen Kindheitserinnerungen. Wie entstand die Idee für die filmische Umsetzung?
Hugo Jenkins, der Regisseur des Videos, ist mit der Idee auf uns zugekommen. Wir waren sehr schnell überzeugt von seinen visuellen Ansätzen und der Name passt dann ja auch ganz hervorragend.

Auffallend ist, dass Bild und Ton des Videos sehr harmonisch auf einander abgestimmt sind – fast so, als handele sich um Filmmusik. Gibt es diesbezüglich viele Anfragen bei euch?
Tatsächlich haben wir mit diesem Video das erste Mal etwas in Auftrag gegeben, was eine Story erzählt und einen sehr filmischen, cinematischen Ansatz hat. Wir wollen definitiv auch mal Musik für Filme schreiben, weil uns das mit Sicherheit viel Spaß machen würde und wir denken, dass wir so was auch gut umsetzen könnten. Die Herangehensweise wäre dann eine etwas andere. Man müsste Musik für etwas Konkretes schreiben. Wir gehen davon aus, dass das irgendwann auch passieren wird.

Euer erstes Album ist auf dem kleinen Berliner Label FILM erschienen. Mittlerweile seid ihr bei City Slang untergekommen, das unter anderem für seine Zusammenarbeit mit Hauschka, Caribou und The Notwist bekannt ist. Wie kam es zu diesem Schritt?
Wir hatten das Album fertig und sind dann auf Labelsuche gegangen. Das war der nächste logische Schritt für uns. Mit FILM war das alles so abgesprochen. Denen sind wir für ewig mit Dank verbunden, weil wir ohne die ersten Releases mit Sicherheit nicht da wären, wo wir jetzt sind. Als City Slang dann auf uns zugekommen ist, waren wir völlig aus dem Häuschen, weil wir viele der Künstler, die dort veröffentlichen, sehr schätzen und schon lange und viel gehört haben.

Ausgangspunkt eures Sounds sind durchgehend Klavierkompositionen, die du an einem mit elektromechanischen Hämmerchen versehenen Flügel, dem „Grandpiano“, einspielst und Lukas elektronisch weiterentwickelt. Wie entsteht die Idee zu einem neuen Song? Gibt es Momente, in denen das Komponieren besonders leicht fällt?
Unsere Stücke entstehen in der Regel eigentlich durch Jammen. Ab und zu bringen wir mal eine Idee mit zum Proben, meistens entsteht aber alles im Moment. Dann gibt es Tage, an denen viel Gutes entsteht, viele Ideen, die dann später weiterverfolgt werden. Es gibt aber auch Tage, da hört man sich am Ende alles an und kloppt es in die Tonne. Lässt sich nie wirklich vorhersagen – Tagesform, Laune und so weiter spielen da eine große Rolle.

Die Musik hat wie gesagt ihren Ursprung im Pianospiel. Habt ihr euch bewusst gegen den Einsatz eines Synthesizers und für den Flügel entschieden?
Ja, das ist quasi ein Dogma, das wir uns auferlegt haben. Es dürfen keine Samples, Synthesizer oder Ähnliches benutzt werden. Alles muss seinen Ursprung im Flügel haben. Dadurch machen wir es uns zum einen natürlich etwas schwer, aber gerade da liegt die Herausforderung: in der Limitierung die Unendlichkeit zu finden. Und da haben wir das Gefühl, dass es noch vieles zu entdecken gibt.

Welche Musiker und Bands inspirieren euch? Was hört ihr zurzeit für Musik?
Um mal ein paar konkrete Beispiele zu nennen: Khruangbin, das neue Bicep-Album, das neue Mount Kimbie-Album, Four Tet. Vieles was also so in die Richtung geht. Daneben immer wieder Jazz, ab und an Klassik. Da wir gerade basteln für die Tour, laufen viele Gilles Peterson- und Klaus Fiehe-Sendungen bei uns.

Ihr habt euch vor etwa sieben Jahren an der hiesigen Robert-Schumann-Hochschule kennengelernt. Wann fiel die Entscheidung, gemeinsam Musik zu machen? Und war sofort klar, dass du am Flügel sitzt und Lukas am Laptop?
2011 in etwa haben wir uns darüber unterhalten, dass es cool wäre doch mal gemeinsam Musik zu machen. Die Rollenverteilung war dann sehr schnell klar, weil wir unsere jeweiligen Stärken so am besten ausspielen können. Das heißt aber auch, dass wir mal an des jeweils anderen Arbeitsplatz gehen und beraten und über Dinge sprechen können.

Lukas kommt aus Zürich, lebt aber mittlerweile in Bochum. Du bist aus Wuppertal – der Stadt, der ihr auch schon ein Stück gewidmet habt. Welchen Bezug habt ihr noch zu Düsseldorf?
Düsseldorf wird für immer der Geburtsort der Grandbrothers bleiben. Hier haben wir uns kennengelernt, hier haben wir den Entschluss gefasst zusammen Musik zu machen und hier haben wir die ersten Jahre zusammen experimentiert und geprobt. Mittlerweile steht unser Proberaum in Bochum. Wenn man so will, sind wir aktuell also eine Bochumer Band. Mal gucken, wo es uns in den nächsten Jahren so hin verschlägt.

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