Kein Chichi. Nur Düsseldorf.

Gastbeitrag von Sven-André Dreyer. Ein Jahr auf kleinem Fuß

Sven-André Dreyer, Foto: Thomas Stelzmann

 

Wenige Tage noch, dann ist es geschafft, dann ist ein Jahr vergangen, in dem ich nichts gekauft habe. Also keinen Kram gekauft habe, kein Zeug. Das, was so klingt wie ein Gesellschaftsspiel für gelangweilte Städter oder fortgeschrittene religiöse Cracks, war für mich tatsächlich ein Versuch der besonderen Art. Mein inneres Jahr „buddhistischer Bettelmönch“, ein Versuch des kalkulierten Minimalismus. Aber nicht etwa, auch wenn es so klingen mag, ein asketisches Leben. Und auch wenn ich sage, dass es geschafft sei, so soll es nicht klingen, als sei ich nach diesem Jahr erleichtert und würde mich spontan erneut zurück begeben in die unreflektierte Konsumwelt. Es bedeutet aber, dass es eine enorme Umstellung war, ein Jahr lang tatsächlich nichts zu kaufen, ohne mir bei jedem einzelnen Teil Gedanken darüber zu machen, es entweder kaufen zu müssen oder es nur kaufen zu wollen. Weil ich es schön finde etwa. Oder weil ich es zu brauchen glaube.

Zu Beginn des Experiments musste ich differenzieren, und sowohl mir als auch den mich belächelnden Freunden erklären, wie ich das meine, das mit dem „Ich kauf‘ nix mehr“. Zu Kaufen erlaubt waren Verbrauchsgüter: Brot also, Käse, Deo und Duschgel. Eine Busfahrkarte, Rasierklingen, Druckerpatronen und ein Fahrradschlauch, weil der alte verschlissen, und definitiv nicht mehr zu flicken ist. Zu Kaufen verboten waren Gebrauchsgüter, Kleidung, Platten, eine Gästematratze, ein Besteckkasten. Anschaffungen also, die für einen längeren Zeitraum getätigt werden und die, abgesehen von Abnutzungserscheinungen, ihre Form nicht verändern. Und diese Liste lässt sich beliebig verlängern: Ein neuer Kerzenleuchter, Geschirr, ein Schlüsselanhänger oder ein elektrischer Dosenöffner. Gegenstände also, die aus jeder Wohnung ein Museum persönlicher Erlebnisse macht. Gegenstände, die davon erzählen, wie stark eine Gesellschaft von ihrem Konsumverhalten geprägt ist. Und davon, dass unsere Gesellschaft auf ein unbestimmtes Mehr ausgerichtet ist, ein ewiges Wachstum aber nicht funktioniert, nicht funktionieren kann. Und noch etwas bestimmte mein vergangenes Jahr: Ich habe viele Dinge aus meinem Besitz verkauft, und noch mehr verschenkt. Weil ich bemerkt habe, dass ich sie nicht brauche. Und weil ich mit jedem Teil, das nicht mehr in meiner Wohnung steht, zwar weniger besitze, und doch reicher geworden bin. Das Vokabular entstammt dem Kapitalismus. Der Gedanke hingegen kommt aus dem Buddhismus.

Ausgelöst hat das Experiment – trotz einer beachtlichen Beobachtungsliste bei eBay und einer noch umfangreicheren Amazon-Wunschliste – die Lektüre eines Artikels, der davon berichtete, wie viele Gegenstände ein Mensch vor 100 Jahren durchschnittlich besaß und wie viele ein heute lebender Mensch im Durchschnitt besitzt. Zahlen, die für sich sprechen. Denn während noch vor einigen Generationen der persönliche Besitz aus mitunter nur knapp über hundert Dingen bestand, besitzt der heutige Durchschnittseuropäer in der Wohnung, insbesondere aber auch auf Dachböden, in Kellern und Garagen in Summe rund 10.000 Gegenstände. Bei Menschen mit ausgeprägter Sammelleidenschaft oder auch nur einer halbwegs gut sortierten Bibliothek oder Plattensammlung sind es ungleich mehr. Erst seit zwei Generationen, so der Artikel weiter, lebe der Mensch in ständigem Überfluss. Ein Überfluss, der bei vielen unmittelbar in das Hamsterrad führt. Denn während der stetige Kauf der meisten Gegenstände zu einem nur kurzzeitigen Glücksgefühl führt, belastet der Besitz des Gekauften umso mehr. Gedanken über den bei der Herstellung notwendigen Ressourcenverbrauch, CO2 -Ausstoß und die mitunter tragische Ausbeutung der Hersteller tun bei einer kritischen Betrachtung des eigenen Konsumverhaltens ihr Übriges.

Der unkritischste Fall: Die angeschafften Gegenstände verstauben einfach nur ungeachtet ihrer Existenz in der Wohnung. Die Steigerung: Besitztum verpflichtet, Angeschafftes will unterhalten werden, gewartet, gepflegt. Eine Aufgabe, der sich viele nicht gewachsen fühlen und die schließlich dazu führt, dass Besitz tatsächlich belastet. Der sicherlich falsche Weg: Um dem Frust zu begegnen, wird wiederum Neues angeschafft. Vielleicht muss man sich, so meine Erkenntnis und damit auch der Weg zu meinem Experiment, dem Konsumzwang entschlossen und durchdacht entgegenstellen, um durch Konsumverzicht – auch langfristig – Zwängen, die der Konsum mit sich bringt, entfliehen zu können. Denn es ist eine alte, neue Erkenntnis: Besitz ist nicht das Gleiche wie Bereicherung.

Und auch wenn der Start in das Experiment schwer war, Plattformen wie eBay und Amazon mich mit ihren Newslettern immer wieder daran erinnerten, wie schön es sei, sich etwas Neues zu kaufen und meine Wunschliste abzuarbeiten – der Wunsch dies tatsächlich zu tun, ließ mit der Zeit nach. Je mehr ich mich zeitlich vom Start des Experiments entfernte, desto unempfindlicher wurde ich für die Verführung. Werbeprospekte landeten immer häufiger undurchblättert im Altpapier, selbst der Aldi-Wochendeal lässt mich mittlerweile kalt.

Seit gut einem Jahr also übe ich nun Genügsamkeit und bemerke über das extrem reflektierte Kaufen eine neue Bescheidenheit. Ich überlege, was ich brauche. Und damit auch, was nicht. In den Vordergrund tritt zunehmend das, was wirklich wichtig ist. Und eine Demut für das, was ich – fernab allem Gegenständlichen – habe. Weil ich nichts kaufe, gerät etwas bei mir mittlerweile Verschollenes überdies deutlich in den Vordergrund: das Leihen. Ich frage mich durch den Freundeskreis und bemerke, wie viele meiner Freunde einen Raclettegrill auf dem Dachboden, und eine schwere Hilti inklusive Stemmeisen im Keller haben. Beides darf ich mir ausleihen und kann meinerseits mit vorhandenem Werkzeug, aber auch mit Arbeitskraft im Gegenzug und bei Gelegenheit aushelfen. Auch das Reparieren tritt deutlicher als zuvor zutage. Und ist es nicht gerade der Billigtoaster, der – auch das ist Teil der Konsumspirale – preiswert angeschafft wurde, so ist die Chance groß, ihn nach einem Defekt auch reparieren zu können und nicht stattdessen den zweiten, neuen Billigtoaster zu kaufen.

Doch nicht nur bei mir war es zu voll: Vier Menschen habe ich in diesem Jahr bei ihren Umzügen geholfen und ihre prallen Umzugskartons von A nach B geschleppt. Vier Menschen haben in diesem Jahr ihr Hab und Gut in Kisten verpackt und dabei nach eigener Aussage erst festgestellt, wie viel sie besitzen. Und wie wenig sie davon im Alltag tatsächlich brauchen. Ein Beispiel? Bei einem dieser Umzüge trug ich gleich drei Wanderrucksäcke aus der alten in die neue Wohnung. Die Besitzerin versuchte mir verzweifelt zu erklären, warum sie drei dieser Rucksäcke besitzt, nur um dann festzustellen, dass sie es nicht erklären kann. Erklärbar ist es indes nur historisch: 7600 Generationen lang war der Mensch damit beschäftigt, gegen Mangel zu kämpfen. Und heute besitzen einige das Kapital, alles sogar doppelt und dreifach anschaffen zu können. Natürlich muss jeder Mensch für sich herausfinden, wie viel Besitz ihn glücklich macht. Zu probieren, worauf er verzichten kann, lohnt sich aber unbedingt.

Und nun, gegen Ende dieses Jahres wird mir klarer, was ich zuvor nur ahnte: Viele meiner Sorgen hatten damit zu tun, dass ich insgesamt zu viel hatte. Zu viele Verpflichtungen, zu viel Arbeit (unter anderem, um mir neue Dinge kaufen zu können), zu viele Anrufe und zu viele Mails, die beantwortet werden wollten. Zu viele Gegenstände, die intakt gehalten werden wollten, und zu viele Dinge, von denen ich immer wieder den Staub entfernen musste. Ich besaß zu viel Wäsche, die gewaschen und zusammengelegt werden musste, und für all das zu wenig Zeit. Mit meinem Experiment bin ich ruhiger geworden, bewusster und vielleicht auch kreativer. Ich betreibe häufiger das, was moderne Menschen Upcycling nennen. Ich flicke Hosen, die durchs Radfahren immer wieder Löcher im Gesäß haben, mehrfach. Ich übe mich nach dem Defekt meines Dosenöffners darin, den kleinen Dosenöffner meines Taschenmessers zu beherrschen. Das klappt mittlerweile sehr gut. Und immer weiter, so mein Vorhaben, werde ich auch in Zukunft Dinge aus meiner Wohnung tragen, die mich bei ihrer Anschaffung ganz kurz glücklich, dann aber dauerhaft müde und träge gemacht haben. Von einigen Dingen konnte ich mich nur schlecht trennen, doch jetzt, wo sie weg sind, vermisse ich sie nicht. Ich werde also weiterhin Gegenstände weggeben, um vielleicht bald sogar in meiner Wohnung einen unverstellten Blick zu haben auf die Dinge, um die es wirklich geht.

 

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