Kein Chichi. Nur Düsseldorf.

Richard Gleim im Interview – „Wenn sich vier, fünf Menschen zusammen tun, können sie die Welt auseinandernehmen“

ZK in der Trompete, Foto: Richard Gleim

Seine Kamera sei quasi angewachsen, sagt Richard Gleim. Das war Anfang der Achtziger Jahre nicht anders als heute. Damals sah der gebürtige Düsseldorfer zum ersten Mal Campino auf der Bühne. Gleim hielt den Auftritt von ZK im Bild fest, ebenso wie wenig später die der TOTEN HOSEN. Über 30 Jahre später gibt es die HOSEN immer noch. Und Gleim zeigt seine frühen Schwarz-Weiß-Aufnahmen im Rahmen einer Ausstellung im postPOST. Warum er trotzdem kein Nostalgiker ist, wie er sein Archiv sortiert hat und warum jede Ausstellung für ihn eine Diät ist, erzählt der 76-Jährige im Gespräch mit theycallitkleinparis.

Richard, was wiegst du momentan?
111 Kilo.

Ich frage das natürlich nicht aus purer Unhöflichkeit, sondern weil du selber gesagt hast, dass du im Vorfeld deiner Ausstellungen immer abnimmst. Wie viel Kilo waren es denn diesmal?
Bisher 4 Kilo (Stand Anfang September, als wir dieses Interview führten). Das kann aber mehr werden. Noch stehe ich unter Strom und hetze von einer Aufgabe zur nächsten. Das geht noch bis zum 29. September so. Danach gibt es entweder ein munteres „Es ist gelungen“ oder aber ein müdes Erschlaffen. So eine Ausstellung ist ein Monstervorhaben.

Campino mit ZK, Foto: Richard Gleim

Die Ausstellung, über die wir sprechen, startet am 29.9. im postPOST und zeigt Fotos von ZK und den TOTEN HOSEN aus den Jahren 1980 bis 1983. Wann und wo hast du Campino das erste Mal auf der Bühne erlebt?
Mit seiner ersten Band ZK in der Trompete in Düsseldorf-Heerdt.

Wie erinnerst du ihn?
Ein großartiger Entertainer. Im besten Sinne witzig.

Wie stark hat er sich im Laufe der Jahre verändert?
Wie es scheint, nicht wesentlich. Doch was weiß ich. Ich habe ihn Jahre lang nicht mehr erlebt oder gesehen.

Handelt es sich bei den ausgestellten Bildern ausschließlich um Live-Fotos oder hast du die Bands auch jenseits der Bühne fotografiert?
Alles live – ob auf der Bühne, unter der Rheinbrücke oder beim Fußball spielen.

Wie stehst du der Musik der TOTEN HOSEN heute gegenüber?
Nennen wir es nicht Musik. Nennen wir es Haltung. Und die scheint mir immer noch in Ordnung zu sein. Sicherlich hat sich mit dem Erfolg vieles geändert. Aber woher kommt der Erfolg? Wenn sich vier, fünf Menschen zusammen tun und zusammen agieren, dann können sie die Welt auseinandernehmen. Dass die TOTEN HOSEN so lange zusammen wirken, ist eben das Produkt ihrer Haltung. Nachmachen empfohlen. Besser als herum zu jammern.

Gibt es ein persönliches Verhältnis zur Band?
Sollte man sich zufällig in der Stadt begegnen, wird man wohl ‚Hallo’ oder ‚Guten Tag’ sagen. Kürzlich hat Andi mich besucht. Der wohnt bei mir um die Ecke.

Publikum beim Konzert der TOTEN HOSEN im Okie Dokie, Neuss, Foto: Richard Gleim

In der Ankündigung zur Ausstellung ist von einer Zeit des Aufbruchs die Rede. Einer Zeit der Macher. Beschreibe denen, die nicht dabei waren, wie die frühen Achtziger Jahre in Düsseldorf waren! Wer waren die musikalischen Protagonisten? Welche die wichtigen Clubs? Wie war der Dresscode?
Gab es einen Dresscode? Später vielleicht. Als es Mode wurde und Mode und Friseure den Markt erkannt hatten. Die wohl erste Punkband waren die … Aber was tut das hier zur Sache? Es war ein allgemeiner Aufbruch. Täglich entstanden neue Bands und versanken nach einem Auftritt wieder. Nahezu jeder gab kund, dass er in einer Band spiele. Das gehörte zum guten Ton. Oder man machte zumindest ein Fanzine.

Du hast die Szene der Stadt Düsseldorf über einen langen Zeitraum fotografisch dokumentiert. Dementsprechend groß ist heute das Interesse an alten Aufnahmen aus deinem Archiv. Wie ist das für dich als Fotograf, wenn in erster Linie Aufnahmen gefragt sind, die vor Jahrzehnten entstanden sind?

Es ist nicht so wichtig, wie alt Fotos sind. Wichtig ist, ob sie über den damaligen Zeitpunkt hinaus relevant sind und ob sie so sind, dass ich sie schätze.

Wie viele Aufnahmen umfasst dein Archiv und wie ist es sortiert?
Was weiß ich? So 20.000 aus der Zeit, schätze ich. Sortiert ist es chronologisch.

Bist du selber jemand, der gerne in die Vergangenheit schaut, sich erinnert, vielleicht sogar zur Nostalgie neigt?
Nein. Überhaupt nicht. Ich lebe jetzt. Mein Archiv ist Geschichte und Geschichte sollte man nicht verachten. Jeder ernsthafte Historiker schreibt seine Bücher erst mindestens 40 Jahre nach den Ereignissen. Erst dann hat man einen Blick dafür und hatte die Zeit zu recherchieren. Da können in diesem Fall sogar meine Bilder hilfreich sein.

Welche Musik interessiert dich momentan?
Ich bin vom Jazz und der klassischen Moderne geprägt. Doch wenn Glenn Gould Bach spielt, bin ich auch ganz Ohr. Ich höre Musik nie nebenbei, sondern wenn, dann richtig. Musik ist eine Welt für sich – jenseits des täglichen Rumorens. Oder sollte, wollte jemand eine Sinfonie zum aktuellen Wahlgeplänkel schreiben?

Das letzte Konzert, auf dem du warst?
Wenn ich mich recht erinnere: Pyrolator in der Johanneskirche.

Was fotografierst du heute?
Alles, was sich mir aufdrängt. Ich bin nicht nach der Suche nach Bildern. Die Bilder sind da oder ereignen sich und ich halte sie nur fest.

Und wie oft bist du mit der Kamera unterwegs?
Nahezu immer. Sie ist quasi angewachsen bei mir. Sie begleitet mich auf jedem alltäglichen Weg. Die Bilder springen mich an.

Wie viele Fotos werden im Rahmen der Ausstellung im postPOST gezeigt werden?
63, alle schwarz-weiß.

In welcher Größe?
In verschiedenen Formaten. Das größte misst 1,80 Meter in der Breite. Die kleinsten sind DIN A3+. Das ist größer als DIN A3.

Für die, die schon Weihnachtsgeschenke suchen: Was kosten die Fotos?
Selbstverständlich sind das tolle Weihnachtsgeschenke und das vor allem für jene, die schon alles haben. Die Bilderkosten zwischen 350 Euro und 6000 Euro. Das mag manch einem teuer erscheinen. Andere wiederum meinen, das sei viel zu billig. Dazu ist zu sagen, dass es sich um Fine Art Prints handelt, die gerahmt sind, und jeweils hinter doppelt entspiegeltem, vor UV-Strahlung schützendem Museumsglas praktisch konserviert sind. Solche Prints gehören hinter Glas. Normales Bilderglas mag ich nun mal nicht. Da sieht man vor lauter Reflexen das Bild nicht mehr. Nur wenige Kollegen machen das so, auch wenn sie 100.000 Euro für ein Bild verlangen. Das ist somit etwas Besonderes. Vom ar/gee nur das Beste, sonst gar nichts.

„ZK und die TOTEN HOSEN – Die frühen Jahre 1980-1983“: 30.9.-14.10., täglich außer Montag, 12-20 Uhr, Vernissage: 29.9., 19 Uhr

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