Kein Chichi. Nur Düsseldorf.

Janine Blöß im Interview – „Jede Fassade kann ein temporäres Kino werden“

Janine Blöß, Foto: Yannick Böhm

Zu festem Schuhwerk wird geraten. Eine Taschenlampe sollte man dabei haben, eine Decke wäre ebenfalls sinnvoll. Dann ist man bestens gerüstet für den „Urban Space Videowalk“. Dass sich dahinter viel mehr verbirgt als ein nächtlicher Spaziergang durch Düsseldorf, erklärt Kuratorin Janine Blöß im Interview mit theycallitkleinparis.

 

Foto: Ansgar Maria van Treeck

Am 23. September um 20 Uhr startet der mittlerweile dritte Urban Space Videowalk. Was erwartet die Mitgänger?
Der Urban Space Videowalk erforscht den Stadtraum mit filmischen Interventionen. An unterschiedlichen Orten in Düsseldorf zeigen wir bei Einbruch der Dunkelheit Kurzfilme zwischen zwei und 30 Minuten Länge. Wir wandern gemeinsam mit einer Fachjury zu den Orten der Filmscreenings, immer begleitet von einem mobilen Beamer-Wagen. Die Filme sollten zum diesjährigen Thema „common space/private property“ passen und werden an entsprechenden Orten gezeigt. In den letzten Jahren zeigten wir beispielsweise Filmbeiträge in einem verlassenen Imbisswagen, auf einem marsartig aussehenden Parkhausdeck, an stillgelegten Bahngleisen, in einer Kneipe, im Volksgarten oder in einer Fabrik für Baukräne. Wir verändern bewusst vorab nichts an den Orten, sodass sie in ihren jeweiligen Eigenheiten unmittelbar erfahrbar werden. Jede Fassade, jedes Gebäude und jeder öffentliche Platz kann ein temporäres Kino werden, in das auch alle zufällig vorbeiziehenden Passanten jederzeit herzlich eingeladen sind.

Filmemacher und Videokünstler waren im Vorfeld aufgerufen, ihre Werke einzureichen. Wie viele Einsendungen hattet ihr zu sichten und wie breit ist das Spektrum?
In diesem Jahr hatten wir fast 70 Einsendungen. Ein Großteil der Filme kommt aus Deutschland, aber wir haben auch Beiträge aus Frankreich, Österreich und sogar China erhalten. Die Bandbreite ist sehr groß – von dokumentarischen Arbeiten bis hin zu künstlerisch-experimentellen Filmen ist alles vertreten. Das Videowalk-Format soll bewusst offen bleiben für verschiedene filmische Ansätze.

Wer trifft die Auswahl der Werke, die letztendlich zu sehen sein werden?
Die Vorauswahl der Werke treffen wir gemeinsam im Weltkunstzimmer-Team, eine Fachjury beurteilt am Ende den Gewinner des Urban Space Videopreises und auch das Publikum verleiht einen Preis an seinen Favoriten. In diesem Jahr freuen wir uns sehr auf eine Fachjury bestehend aus der Urban-Commons-Expertin Dr. Mary Dellenbaugh-Losse, der Medienkünstlerin Freya Hattenberger und Hiroko Kimura-Myokam vom imai.

Als Thema habt ihr in diesem Jahr „common space/private property“ ausgegeben. Kannst du ein bisschen näher erläutern, in welche Richtung es inhaltlich gehen soll?
2017 beschäftigen wir uns mit den Themen Gemeinschaft und Privatheit. In urbanen Räumen gibt es immer wieder Orte gemeinschaftlicher Begegnung und Nutzung. Wie denken wir heute Gemeinschaft? Welche neuen Nachbarschaften und Communities bilden sich, welche Konflikte können entstehen? Großstädte sind vermehrt geprägt durch Privatisierung und Kommerzialisierung von öffentlichen Räumen, die nicht mehr offen zugänglich und frei zu gestalten sind. Wo entwickeln sich Bedürfnisse nach privaten Räumen? Wo entstehen Schutzräume und Privatsphäre und wo schließt privates Eigentum einen offenen Zugang aus? In der aktuellen Diskussion über Commons stellt sich unter anderem die Frage, wie wir Stadt als Allgemeingut neu definieren und bestimmte Räume und Ressourcen in Zukunft teilen können. Die Stadt gehört allen, die in ihr leben.

Foto: Ansgar Maria van Treeck

In welchem Teil der Stadt werden die Videowalker unterwegs sein?
Der Start- und Endpunkt der Route ist das Weltkunstzimmer, dort treffen wir uns. Wir wandern zum Beispiel durch verschiedene Teile von Flingern, Oberbilk und durch das Bahnhofsviertel. Der Videowalk findet ausschließlich zu Fuß statt. Insbesondere die Bewegung, die Wahrnehmung der Stadt und die Gespräche zwischen den Orten erhöht die Sensibilität für den urbanen Raum und seine verschiedenen Lebenswelten.

Werden die Künstler, die die Filme gemacht haben, auch zugegen sein und gegebenenfalls ihre Werke erläutern?
Das ist sehr unterschiedlich. Wir freuen wir uns natürlich sehr, wenn die Filmemacher und Künstler persönlich anwesend sind und sich zu ihrem Werk äußern. Das ist aber leider nicht immer möglich. In diesem Jahr besuchen uns beispielsweise beteiligte Positionen aus dem benachbarten Ruhrgebiet, auch aus Marseille erwarten wir eine Filmemacherin.

Und was für Orte werden zu Pop-Up-Kinos, kannst du dazu schon etwas verraten?
Das ist noch streng geheim. Die Orte werden vorab nicht bekannt gegeben, sodass die spannende Poesie einer temporären Aneignung erhalten bleibt. Die Zuschauer lassen sich auf eine ungewisse Reise ein, ohne Anfang und Ziel zu kennen. Ebenso wichtig wie die Filmscreenings selbst ist der Aspekt des kommunikativen Austauschens und spontanen Kennenlernens an den jeweiligen Orten während des gemeinsamen Spaziergangs.

23.9., 20 Uhr, Weltkunstzimmer, Düsseldorf

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