Kein Chichi. Nur Düsseldorf.

Die großen Themen des Lebens #3: Geld (2/2)

Foto: Paul Erntges

Der erste Teil des Gesprächs ist am 1. September 2017 erschienen.


Hast du heute noch Träume, die nur mit Geld zu realisieren sind?

Einen Traum habe ich noch, den werde ich mir auch irgendwann erfüllen. Einen VW-Käfer. Wenn ich mal zehn Mille zusammen gespart habe, dann würde ich mir den kaufen. Ist aber im Moment nicht machbar. Früher hätte ich darüber gelacht! Da hätte ich bei der Bank angerufen und gesagt ‚Mach mal zehn Mille klar‘. Mit der Kneipe haben wir so viel Geld verdient, das ist unvorstellbar.

Die Kneipe war das „Da Paolo“ auf der Graf-Adolf-Straße, eine Zocker-Bude, die zunächst von deinen Eltern betrieben wurde. Irgendwann hast du das Geschäft dann übernommen.

Ja, mit der Sucht der Gäste haben wir viel Geld verdient. Mit Alkohol. Und Zocken. Mit Nicht-Arbeiten 30 Mille im Monat. Da drehste doch durch!

Mit den Süchten der Gäste Geld zu verdienen, war das für euch nie ein moralisches Problem?

Würde ich heute kein Geld mehr mit machen wollen. Ich habe ja damals auch schon so entschieden. Spielautomaten raus. Zigarettenautomaten raus. Ich habe mich, wenn man so will, also selber arm gemacht. Seit ich das Enuma mache (Der Laden war vor dem Umzug nach Bilk genau an der Stelle, an der früher das „Da Paolo“ war), geht es mir finanziell schlecht. Aber das geht ja vielen so. In Deutschland sind vielleicht zehn Prozent der Leute nicht verschuldet. (Steile Behauptung. Muss ich unbedingt recherchieren, ob das stimmt. Vermutlich eine sehr grobe Schätzung.)

Dafür hast du heute angenehmere Klientel bei dir im Laden.

Das ist ja der Reichtum. Alles gut. Im Alter ändern sich halt die Prioritäten.

Was haben deine Eltern eigentlich beruflich gemacht, bevor sie in die Gastronomie gingen?

Mein Vater hat im Bergbau gearbeitet. In Belgien. Und meine Mutter war ja Vollwaise. Irgendwann hat mein Vater sie dann entführt. Er war damals noch verheiratet, mit seiner Cousine.

Wie großzügig waren deine Eltern denn dir gegenüber, was Geld angeht?

Null. Null. Zum Glück habe ich dann den Achim kennengelernt. Joachim Schwarz war ein Hippie aus Berlin. Der hat in dem Haus, in dem meine Eltern die Kneipe hatten, mit Damenoberbekleidung gehandelt. Dem Achim habe ich vielleicht am meisten zu verdanken. Der hat mich vor dem Verfall bewahrt. Dafür gesorgt, dass ich nicht in der Kneipe verkümmere. An die falschen Leute gerate. Für Achim habe ich so ein bisschen das Büro saubergemacht. Paketdienst. Das gab dann immer einen Fünfer. Mit Achim war ich auch das erste Mal im Urlaub. Da war ich 14. In Österreich, Skifahren. Ich kannte ja keinen Urlaub.

Hattest du damals eigentlich eine Idee davon, was du später mal beruflich machen willst?

Ich hatte nie eine Idee. Guck mal, wenn du solche Eltern hast wie ich, bist du immer auf dich alleine gestellt. Da hilft dir keiner. Da musst du überleben. Is‘ schwer. Ich habe einfach nur Glück gehabt.

Hört bei Geld die Freundschaft auf? Wann hast du das letzte Mal jemandem was geliehen?

Heute könnte ich ja keinem mehr was leihen. Aber früher, als das noch anders war, war ich immer großzügig. Wenn ich was hatte, habe ich immer gegeben. Und wenn einer 5000 Euro gebraucht hätte, hätte ich sie ihm natürlich geliehen. Hätte ich aber zurück haben wollen. Aus Prinzip.

Und bist du bei so was mal enttäuscht worden?

Nur von meinem Vater. Dem habe ich 10.000 Euro gegeben, damit er die Schulden von meinem Bruder Giovanni bezahlen konnte. Giovanni hatte Scheiße gebaut. Dafür habe ich sogar einen Kredit aufgenommen. Später hat mein Vater dann behauptet, ich hätte ihm das Geld nie gegeben (Er lacht. Ein bitteres Lachen, eins von der Sorte, die einem im Hals stecken bleibt). Krass, ne?

Und würdest du dir von anderen Leuten Geld leihen?

Ich versuche das eigentlich zu vermeiden. Aber natürlich, ich war schon in der Situation. Einem Gast schulde ich noch zwei Mille. Aber wir sind dran. (Er meint ‚ich bin dran‘, aber jetzt nicht kleinlich werden…)

Wann, denkst du, wird du schuldenfrei sein?

Ende des Jahres. Wenn mein Bruder mir mein Geld zurückzahlt. Das sind bestimmt 14.000 Euro. Die habe ich ihm geliehen, weil er einen Schlaganfall hatte und dadurch blind geworden ist. Vom italienischen Staat hat er bis heute nichts bekommen.

Bist du jemand, der Geld spendet?

Jetzt habe ich ja nichts. Aber früher habe ich immer gespendet. Mal hier, mal da. Behindertenwerkstatt zum Beispiel. Das Problem ist ja, wenn du zehn Euro spendest, kommt ein Euro wirklich an. Der Rest geht für Personal und Verwaltung drauf.

Zahlst du grundsätzlich eher in bar oder mit Karte?

Ich zahl alles in bar. Prinzipiell. Was soll ich mit einer Karte? Mir am Bahnhof eine Zeitung kaufen? Die Karte nutze ich nur für Einzahlungen am Automaten.

Und hast du überhaupt einen Dispokredit?

Dispo? Hahaha. Dispo! (Er kriegt sich gar nicht mehr ein. Dumme Frage von mir. Stand aber auf meiner Liste. Abgehakt hiermit.)

Als du noch mehr Geld zur Verfügung hattest. Hast du mal was angelegt? Aktien, Hochrisikoanlagen? Sparbriefe?

Nein, nie. Ich habe immer alles ausgegeben. Wer kann denn erwarten, dass Apple so groß wird? Die waren ja mal fast pleite. Damals hat doch Bill Gates das Geld gegeben. Stell dir mal vor, du hättest da 100.000 investiert. Du hättest doch gar nicht mehr geschlafen! Guck dir die Leute an, die vorsichtig waren. Die haben Telekom-Aktien gekauft und wurden damit über den Tisch gezogen. Wer zieht die Leute denn zur Verantwortung? Was ist das? Verstehst du? Mich hat so was nie interessiert.

Was hältst du von der Idee des bedingungslosen Grundeinkommens? Darauf warten ja im Moment viele.

Wer soll‘n das bezahlen?

Das würde schon gehen. Haben Ökonomen, die was davon verstehen, schon durchgerechnet.

Bin ich sofort dabei. Dann würde ich morgen meinen Laden zu machen (Lachen. Lautes Lachen. Die Vorstellung gefällt ihm offensichtlich über die Maßen gut.) Wird dann auch meine Miete bezahlt?

Nein, nein, das müsstest du schon selber machen. Die Idee wäre ja, dass jeder, wirklich jeder, eine bestimmte Summe im Monat bekommt. Als Grundstock. Die Rede ist immer von 1000 Euro.

Ich geh‘ nach Italien (jetzt hat er‘s), da brauche ich keine 1000, da reichen 500.

Weil dir dort eine Wohnung gehört, du also keine Miete zahlen musst.

Genau.

Und würdest du das Enuma kein bisschen vermissen? Das würde man sich als Gast ja schon irgendwie wünschen.

Ich geh sofort. (Jetzt kommt er richtig auf Touren. Nicht, dass er gleich seine Koffer packt! Bis zum bedingungslosen Grundeinkommen ist schließlich noch ein weiter Weg.) Ich würde nur mein Kind vermissen. (Mein Kind, wie er das sagt. Man stellt sich seinen Sohn, einen Mittzwanziger, der die Coolness aus jeder Pore atmet, dazu vor. Mein Kind.)

Und was würdest du den ganzen Tag machen, in Italien, wenn du nicht mehr arbeiten würdest?

Schlafen! (Seine Stimme überschlägt sich. Als könne er sich nichts Schöneres vorstellen.) Schlafen, an den Strand gehen, mit Freunden Kaffee trinken, der 50 Cent kostet, Fahrrad fahren, Karate machen, Mittagsschlaf, Mittagessen, Aufstehen, mit Freunden Karten spielen, Fußball spielen gehen, abends wieder essen, dann Schlafen. Ich bin dann 60.

Ein einfaches Leben also?

Ja. Wie sagen die Yogis? Verzicht ist Reichtum.

Und Tauschgeschäfte, praktizierst du so was?

Habe ich noch nie gemacht. Nee.

Und wie denkst du darüber?

Jetzt denk‘ ich jetzt gar nicht darüber nach, weil ich jetzt Geld brauche. Ich glaube, dass das Problem an Tauschgeschäften sein könnte, dass jeder denkt, seine Leistung sei mehr wert als die des Anderen.

Wir sprachen vorhin darüber. Du hast über viele Jahre dein Geld mit einer Zockerbude verdient. Bist du eigentlich selber anfällig fürs Zocken?

Nee. Ich war noch nie in meinem Leben im Casino. Ich weiß gar nicht, wie das aussieht. Beim Zocken ist noch keiner reich geworden.

Stimmt, wer wüsste das besser als du. Lotto spielst du vermutlich auch nicht, oder?

Nee.

Angenommen, du würdest es tun und gewinnen, was würdest du von dem Geld kaufen, außer dem Käfer?

Vielleicht würde ich dann nach Mailand ziehen. Dann müsste ich nicht so weit zum Fußball fahren. Wie groß wäre denn der Gewinn? (Er will es genau wissen. Kann er haben!)

Sagen wir mal eine glatte Million.

Da machste in Mailand auch nichts mit. Da müsstest du schon zehn haben. Mailand ist teuer. Kommt natürlich drauf an, wo du hin willst. In Mailand sitzen ja auch die Großmeister im Karate. Das spräche auch für die Stadt. Das wäre natürlich ein Privileg, von solchen Koryphäen unterrichtet zu werden. Das wäre so, als wenn du im Fußball jeden Tag mit Messi trainieren würdest. Oder mit Ronaldo. Auf dem Niveau sind die.

Abschlussfrage: Verdirbt Geld den Charakter?

Auf jeden Fall.

Sprichst du aus Erfahrung?

Natürlich nicht.

In dieser Reihe außerdem erschienen:

#1: Fußball (1/2)

#1: Fußball (2/2)

#2: Tod (1/2)

#2: Tod (2/2)

#3: Geld (1/2)

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