Kein Chichi. Nur Düsseldorf.

Kathrin Dreckmann und Tomy Brautschek im Interview – „Düsseldorf als Pop-Stadt auditiv erfahrbar machen“

Tomy Brautschek und Kathrin Dreckmann, Foto: Bastian Schramm

Kathrin Dreckmann und Tomy Brautschek arbeiten als wissenschaftliche Mitarbeiter am Institut für Medien- und Kulturwissenschaft der Heinrich-Heine-Universität, wo sie zu popkulturellen Fragestellungen forschen. Im Rahmen eines Seminars von Dreckmann und Brautschek ist Duesseldorf-Sounds entstanden. Auf der Website werden Düsseldorfer Orte von popkultureller Bedeutung in Form von Audio-Guides vorgestellt. theycallitkleinparis hat mit den beiden Wissenschaftlern gesprochen.

 

Was sind eure Forschungsschwerpunkte?
KD: Ich habe mich viele Jahre mit der Kultur- und Speichergeschichte akustischer Speichermedien auseinandergesetzt und darüber meine Doktorarbeit verfasst. Die Medienkulturgeschichte Düsseldorfs hat mich darüber hinaus vor allem wegen ihrer spezifischen Relevanz für die westliche Popkultur interessiert. Gerade die intermedialen Bezüge zwischen Kunst und Musik, wie sie in Düsseldorf auf einzigartige Weise entstanden sind, haben eine große diskursive Bedeutung für die Popkultur nicht nur der 1970er und 1980er Jahre.
TB: Mich interessiert vor allem die Pop- und Sound-Kultur. Hierbei beobachte ich bestimmte Akteure der Popmusik und ihren Umgang mit Medientechnologien der Klangerzeugung. Aber auch Kulturen und Ästhetiken des Rausches ist seit langer Zeit schon einer meiner Forschungsschwerpunkte.

Kathrin, was war das Thema deiner Doktorarbeit?
KD: Der Titel der Arbeit lautet „Speichern und Übertragen. Mediale Ordnungen des akustischen Diskurses. 1900-1945“ und erscheint in diesem Sommer im Fink-Verlag. Gerade beschäftige ich mich intensiv mit der spezifischen Medialität von Musikvideos. Ich wende mich jetzt den Musikvideos zu, die während der Punk-Ära in Düsseldorf entstanden sind. Dazu ist übrigens ein Musikvideokongress am 27. Oktober im Haus der Universität geplant. Dort werden allgemeine Überlegungen zum Musikvideo behandelt werden. Mit Studierenden forsche ich im größten Punkvideoarchiv Düsseldorfs, dem IMAI-Archiv. Die Ergebnisse unserer Recherchen münden dann in einer kleineren Ausstellung sowie in wissenschaftlichen Vorträgen zum Musikvideo. Mich interessieren beispielsweise auch die Videoarbeiten, die im Kontext kanonisch gewordener Popstars wie David Bowie, Prince oder Michael Jackson entstanden sind.
TB: Ich arbeite derzeit an meiner Dissertation mit dem Arbeitstitel: „Fabrikation der Klänge. Zur Medientechnik und Ästhetik des popkulturellen Sounds.“ Hierbei dreht es sich grundlegend um die Popkultur und ihren spielerischen Umgang mit neuer Medientechnologie. Egal ob Tonband oder aktuell das neue Smartphone, all diese Apparate wurden im Laufe ihrer Entwicklung in kreativen Prozessen modifiziert, erweitert oder sogar entgegen ihrer eigentlichen Funktion verwendet. Dies geschah meistens, um sich im Sinne einer gegenkulturellen Bewegung gegen den Mainstream, gegen Konventionen aufzulehnen. Heute lassen sich in der Popmusik solche Produktionsweisen erkennen, die durch gewisse Verfahren der Standardisierung den immer gleichen Sound reproduzieren. Den Spiegel hält uns der Satiriker Jan Böhmermann vor, indem er mit eben genau diesen standardisierten Produktionsformen immer wieder die Ästhetiken aktueller Popproduktionen qualitativ durchaus vergleichbar nachahmt. Spannend sind nun aber aktuelle Entwicklungen in der Pop-Musik, die sich genau entgegen diesen Trends positionieren. Hierbei spielt die Figur des Produzenten wohl die zentralste Rolle. Ich untersuche also bestimmte Strategien der Tonerzeugung, mit denen Produzenten in gewisser Art aus einem avantgardistischen Impuls auf aktuelle Bedürfnisse der Gesellschaft reagieren.

Duesseldorf-Sounds ist die Website zur lokalen popmusikalischen Erinnerungskultur, die im Rahmen eines Seminars von euch entstanden ist und regelmäßig um neue Orte ergänzt wird. Welche Idee steckt dahinter?
KD: Zum einen beschäftigen wir uns am Institut für Medien- und Kulturwissenschaft unter der Leitung von Prof. Dr. Dirk Matejovski schon seit vielen Jahren in Forschung und Lehre mit popkulturellen Fragezusammenhängen. Aus diesen Ambitionen sind auch einige Lehr- und Forschungsprojekte entstanden, die wir einer größere Stadtöffentlichkeit präsentiert haben. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Resonanzräume“ haben wir beispielsweise Vertreter der aktuellen Poptheorie und Musiker aus der Praxis im Salon des Amateurs präsentiert. Gäste waren dort zum Beispiel Moritz von Oswald, Mouse on Mars, Wolfgang Müller, Thomas Meinecke oder Diedrich Diederichsen. Wer sich also mit dem Spannungsverhältnis von Theorie und Praxis in der Popkultur historisch auseinandersetzen möchte, muss sich auch ganz konkret mit der Düsseldorfer Clubkultur beschäftigen. Man denke nur an die bedeutende Rolle des „Creamcheese“, dessen Einrichtung heute in Teilen im Museum Kunstpalast zu sehen ist, für die Musik- und Kunstszene der 1970er Jahre. Zum anderen waren Theorien wie die des französischen Historikers Pierre Nora eine wichtige Referenz in den Seminaren mit den Studierenden. In seiner Gedächtnistheorie nennt Nora Orte, an die Erinnerungen geknüpft werden, „lieux de mémoires”, also Erinnerungsorte. Damit verbunden ist die Vorstellung, dass sich das kollektive Gedächtnis einer sozialen Gruppe an bestimmten Orten kristallisiert und als historisch-sozialer Bezugspunkt prägend für die jeweilige Erinnerungskultur ist. In jüngster Zeit ist zu bemerken, dass sich solche Erinnerungsorte immer häufiger auch innerhalb der Popkultur und für die Popkultur bilden. Auch in und für Düsseldorf wurden schon einige Schritte unternommen, um die Relevanz dieser Stadt als wichtigen Standort für Popmusik und Popkultur zu veranschaulichen.
TB: Unsere Idee war es auch, dass wir Düsseldorf als Pop-Stadt auditiv erfahrbar machen wollten. Für das Projekt war maßgeblich die Vorstellung Auslöser, dass man die Möglichkeit bekommen soll, mit dem Smartphone durch die Straßen zu bestimmten Orten zu spazieren und an wichtigen Stationen Düsseldorfer Popkultur durch Informationen des Audio-Guides begleitet wird. Gleichzeitig aber ist es eben auch möglich, von zu Hause aus auf einen virtuellen Stadtrundgang zu gehen.

Wie werden die entsprechenden Orte vorgestellt?
TB: Die einzelnen Orte werden zunächst auf einer Landkarte markiert, worüber man dann zu den einzelnen Beiträgen navigieren kann. Ein Beitrag besteht aus ein paar repräsentativen Fotos, einem kurzen einleitenden Text und gegebenenfalls noch weiteren Informationen, wie zum Beispiel Links. Für die gestalterischen Elemente des Audio-Guides gibt es keine direkten Vorgaben unsererseits. Hier haben die Studierenden freie Hand. So hat zum Beispiel die Projektgruppe zu Kraftwerks Kling-Klang-Studio selbst mit elektronischen Instrumenten experimentiert und auch Soundscapes musikalisch verarbeitet. Da natürlich auch die Geschichte des Ortes erzählt werden soll, kommen verschiedene Sprecherstimmen zum Einsatz. Zum einen die Studierenden selbst, aber eben auch Zeitzeugen und wichtige Protagonisten der Stadtgeschichte, die jeweils in Eigenregie von den Studierenden ausgesucht, kontaktiert und interviewt werden.

Von derzeit insgesamt acht präsentierten Orten sind vier bereits nicht mehr existent. Warum wird in Düsseldorf in Sachen Musik eigentlich so häufig zurückgeschaut?
TB: Kraftwerk hat die gesamte Musikgeschichte revolutioniert. Sie haben es also verdient, dass man immer auf sie als Referenzpunkt zurückkommt. Auch der Ratinger Hof hat durch die Punkbewegung einen berechtigten Status in der Popgeschichte eingenommen. Dass diese Säulen der Popkultur immer im Gespräch sein werden, ist also durchaus gerechtfertigt. Dass in Düsseldorf so oft zurückgeschaut wird, halte ich mittlerweile übrigens für eine überholte Wahrnehmung. Im Schatten unseres leicht arroganten und verklärten Blickfeldes hat sich eine lebendige und wie immer auch unbequeme Jugend- und Musikkultur entwickelt. Man denke nur an Kollegah, Farid Bang, Selfmade-Records oder die Antilopen Gang. Dennoch gilt: Wer die Gegenwart verstehen will, muss sich mit der Vergangenheit auseinandersetzen. Dieses Projekt arbeitet somit natürlich die wichtigen Stationen der Düsseldorfer Popgeschichte auf. Aber gleichzeitig, und das ist eigentlich das Entscheidende, wird die Geschichte von Orten geschrieben, die erst in jüngerer Vergangenheit „vergangen“ sind. Zum Beispiel der Single Club oder Unique Club. Es ist wichtig, diese Orte als subkulturelle Stationen in Erinnerung zu behalten, da sie prägend für die Menschen einer Zeit und somit charakterisierend für die Stadtgeschichte sind. Andere Orte wie die Homeboy-Studios oder der Salon des Amateurs bestehen darüber hinaus bis heute.

Auf Duesseldorf-Sounds wird Düsseldorf, was Kunst, Popkultur und Musik angeht, in einem Atemzug mit New York und Berlin genannt. Spielen die Städte wirklich in einer Liga?
KD: Es geht ja bei der Frage nach typischen urbanen Sounds nicht unbedingt um die Größe der Städte, es geht um die für die Stadt prägende Musik und wie einflussreich sie für andere oder weiterführende Musikdiskurse war. Im Punk haben zum Beispiel insbesondere Düsseldorf und deren Protagonisten einen starken Einfluss auf die Berliner Szene gehabt, sie in weiten Teilen sogar mitbegründet. Aber auch insbesondere die elektronische Musik hat in Düsseldorf schon immer neue Standards gesetzt. Dazu gehören nicht nur Kraftwerk, sondern dazu darf sicher die Club- und Popkultur, die sich Ende der 1970er und 1980er Jahre entwickelt hat, gerechnet werden. Aber auch heute ist beispielsweise der Salon des Amateurs ein Ort, wo Musikgeschichte geschrieben wurde und wird. In allen wichtigen Musikmagazinen changiert der Salon des Amateurs wegen seiner spezifischen DJ-Kultur und avantgardistischen Musikauswahl immer noch auf den oberen Rängen und. Er wurde mehrfach in einschlägigen Musikmagazinen als einer der besten Clubs Europas ausgezeichnet.

Das Projekt wird im kommenden Semester fortgeführt werden. Wie groß ist das Interesse der Studenten an einem Angebot wie diesen?
TB: In diesem Semester arbeiten 40 Studierende an diesem Projekt.
KD: In den vergangene Semestern war die Zahl nicht weniger gering. Da wir ja bereits seit etwa zwei Jahren an diesem Projekt arbeiten, werden wohl mittlerweile mehr als 100 Studierende zumindest ein wenig mit der lokalen Musikgeschichte vertraut sein.

Welche Orte habt ihr schon jetzt für die Zukunft auf eurer Liste?
TB: Natürlich wird aus dem „Creamcheese“ zukünftig ein wichtiger Beitrag resultieren. Aber auch die Freizeiteinrichtung „Icklack“ wird als wichtiger Standort für die Hip-Hop-Geschichte Deutschlands behandelt. Ebenso gibt es eine meines Erachtens besondere Street-Art mit all ihren Spots, die bisher auch recht unerforscht ist. Man denke unter anderem an How & Nosm, die mittlerweile ihr Atelier in der New Yorker South Bronx betreiben.

27.7., 20 Uhr, Präsentation des neuen Audio-Guides, Salon des Amateurs, Düsseldorf

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