Kein Chichi. Nur Düsseldorf.

Matti Rouse im Porträt. Matti kann Voodoo

Foto: Alexandra Wehrmann

Vor über 20 Jahren sah es mal so aus, als könnte Matti Rouse ein Popstar werden. Mit seiner Band Monkeys with Tools war er fürs Vorprogramm von Body Count im Gespräch. Dann kam alles ganz anders. Zum Glück für Matti. Und die Musik.

Heute komponiert der Brite für Film und Theater, spricht Voiceovers und spielt in der Mittelalter-Band Die Streuner. Seit einiger Zeit tritt der 55-Jährige auch solo auf. Das Pflänzchen ist noch sehr zart, vier, fünf Gigs hat er erst absolviert mit den neuen Songs. Bei „Krefeld unplugged“ war er zum Beispiel. Und bei einer Open Session in Wales. „Ich möchte die Lieder noch nicht an die große Glocke hängen. Erst mal schauen, wie sie ankommen“, sagt er. 15 bis 20 Songs hat er zusammen. Das reicht für ein Set von anderthalb Stunden.

Rouse kommt die Treppe hoch. Pfeifend, die Gitarre in der einen, das Laptop in der anderen Hand. Wir wollen über seine Musik sprechen. Aber dann sprechen wir erst mal über alles Andere. Über Gnostiker. Streitkultur in Beziehungen. Über die Feldenkrais-Methode. Rouse und ich sind Nachbarn. Seit rund vier Jahren. Wir sehen uns auf dem Weg zum Markt oder in den Park. Matti mit seinem langen schwarzen Mantel, mit dem grauen, immer etwas wirren Haar. Matti mit seinem Fahrrad, das genauso aus der Zeit gefallen scheint wie er selber. Manchmal höre ich ihn durch die Wand Gitarre spielen. Jetzt sitzt er in meiner Küche, trinkt Leitungswasser und erzählt in seiner ureigenen Mischung aus Deutsch und Englisch.

Geboren wurde Charles Matthew Rouse, den alle nur Matti nennen, in England. In der Shakespeare-Stadt Stratfort-upon-Avon. Sein Vater war Elektriker. Die Familie „upper working class, später middle class“. Als Kind lernte Matti Geige. Das sei damals keinesfalls uncool gewesen: „Alle in meiner Klasse wollten Fiddle spielen.“ Rouse spielte Klassik. Im Orchester. Er war gut, hätte zur Yehudi Menuhin School für begabte Kinder gehen können. „Aber als klassischer Musiker bist du ein Athlet“, sagt er. Ein Athlet wollte er nicht sein, nicht stundenlang üben, jeden Tag. Und irgendwann wollte er auch nicht mehr ausschließlich nach Noten spielen. Sondern selber Melodien erfinden, Texte schreiben. Er stieg auf Gitarre um. Diesmal nahm er keinen Unterricht. Er eignete sich das Instrument selber an. Später kamen Bass, Mandoline, Banjo, aber auch Mundharmonika, Klavier und Saxofon dazu. Momentan ist sein bevorzugtes Instrument eine Tenor-Gitarre. „Die ist von der Tonlage her wie ein Cello.“

Ideen für Songs habe er viele, erzählt Rouse, den sein ehemaliger Band-Kollege Grischa Bender „den besten Songschreiber und gefühlvollsten Musiker, mit dem ich je gearbeitet habe“ nennt. Sie flössen geradezu aus ihm heraus. Manchmal höre er das Lied in seinem Kopf komplett fertig, er müsse es dann nur noch aufnehmen. Es gibt Leute, die behaupten, Matti könne Voodoo. Die Songs jedenfalls sind zauberhaft. Zart, nicht zu folkig, jenseits aller Trends und Strömungen. „Post Folk“ nennt das der Künstler. Ein bisschen scheint es, als lebe Rouse in seiner ganz eigenen Blase. Er hat kein Auto, keinen Führerschein, war lange Zeit ohne Handy. Seine Künstler-Website sieht aus wie aus den Kindertagen des Internets. Aber darum geht es ihm nicht. Erfolg im Sinne von Verkaufs- oder Besucherzahlen ist ihm herzlich egal. Was zählt, ist allein die Musik.

Einen bürgerlichen Berufswunsch hatte Rouse nie. Trotzdem absolvierte er eine Ausbildung. In einer Fabrik, das war noch in England. Aber die Fabriken schlossen eine nach der anderen. „Wir wurden in sterbenden Berufen ausgebildet“, sagt er. Irgendwann kam das Angebot aus Düsseldorf. Ein Musiker, den er auf Kreta kennengelernt hatte, wollte mit ihm Musik machen. Es war die Zeit der Falkland-Kriege. Ein guter Zeitpunkt, die Insel zu verlassen, fand Rouse: „England spuckte mich aus.“ In Deutschland empfand er die Klassenunterschiede als weniger ausgeprägt als in seiner Heimat. „Wenn du in England arm warst, warst du von vielem ausgeschlossen. Das war in Deutschland anders.“ Mittlerweile lebt er seit 35 Jahren unter Germans. Den größeren Teil seines Lebens hat er im Herzen des Kontinents verbracht. Trotzdem hat er seinen britischen Akzent bis heute behalten, geradezu kultiviert. Als Musiker sei es eher ein Vorteil als ein Nachteil Brite zu sein, erklärt er. „So, yeah, it‘s a kind of calling card.“ Trotzdem weiß er auch an Deutschland vieles zu schätzen. Seine Frau sagt manchmal zu ihm: „You‘re so into German.“ Du bist so germanophil. Nach einem Beispiel gefragt, nennt er zunächst die gut funktionierende Infrastruktur hierzulande: Die Art und Weise, wie Briefkästen in Deutschland geleert werden, gefällt ihm. Schnell und effizient. Und, wesentlich wichtiger, die Tatsache, dass die Deutschen die einzige Nation sind, die sich zu ihrer Schuld im Zweiten Weltkrieg bekennt. „Kein anderes Land hat das gemacht“, so Rouse. „Die Japaner nicht. Die Franzosen nicht. Und die Engländer auch nicht.“

Als Rouse Anfang der Anfang der Achtziger nach Düsseldorf kam, wurde er schnell fester Bestandteil der hiesigen Musikszene. Er spielte Waschbrett und Geige bei Heavy Gummi. Las die Songtexte von Doro Peschs Band Warlock Korrektur. Nahm in seinem Studio auf der Kiefernstraße Bands wie Small but Angry auf. Von 1988 bis 1994 war er ein Drittel der Monkeys with Tools. Die Crossover-Band war damals der heiße Scheiß in der Stadt. Irgendwann bekamen sie das Angebot, im Vorprogramm von Ice-Ts Band Body Count zu spielen. Die Crux: Sie sollten dafür bezahlen. „Pay for play“ nennt man das im Business. Letzten Endes entschieden sich die Monkeys gegen das zweifelhafte Angebot, machten noch eine Zeitlang weiter und gingen dann auseinander. Der Druck war zu hoch. Das Business ab einem gewissen Level zu schmutzig. Nutten, Lügen und Mafia Stuff inklusive.

Heute macht Matti sein eigenes Ding. „Erfolg is Bullshit“, davon ist er überzeugt. Mit den Monkeys ist er seinerzeit im Kirmeszelt aufgetreten, vor 800 Leuten. Und auch die Streuner, bei denen er Geige spielt, absolvieren im Jahr rund 30 Auftritte vor mehreren Tausend Menschen. Seine Solo-Sachen möchte er hingegen in wesentlich intimerer Atmosphäre präsentieren. Die Bühne sollte nicht zu hoch, der Abstand zum Publikum möglichst klein sein. Dann funktioniert auch seine sehr persönliche Art der Ansprache perfekt. Die wenigen, die sie bisher gehört haben, mögen seine neuen Songs. „The feedback is pretty good so far.“ Noch in diesem Jahr soll es eine CD geben. Er wird sie im heimischen Studio aufnehmen. Ab und zu werde ich dann durch die Wand wieder seine Gitarre hören.

1.7., 19 Uhr, Matti Rouse, Folkfestival im Hinterhof des Weltkunstzimmer, Düsseldorf

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