Kein Chichi. Nur Düsseldorf.

Suzan Köcher im Interview – „Die beste Zeit meines Lebens“

Foto: Jens Vetter

Im vergangenen Jahr war Suzan Köcher noch eine von Tausenden. Eine ganz normale Besucherin beim Open Source Festival. In diesem Jahr tritt die 22-jährige Solingerin, deren Debütalbum im Herbst bei Unique Records erscheinen wird, auf der Young Talent Stage auf. Und das ist noch lange nicht das Ende der Fahnenstange! Davon ist theycallitkleinparis felsenfest überzeugt.

Auf deiner Facebookseite schreibt jemand, dass er „Blood Red Wine“, den Titeltrack deiner EP, gerne als Schlaflied hören würde, weil er Schlafprobleme hat. Wogegen kann deine Musik sonst noch helfen?
Gleich zum Anfang eine schwierige Frage, die ich selbst gar nicht beantworten kann. Ich könnte eher sagen, wobei Musik mir hilft. Songs zu schreiben, bedeutet für mich die Freiheit, meine Gedanken in Worten und Melodien kreativ zu verewigen. Eine Stimmung zu erschaffen. Musik zu hören, kann mir Kraft geben und mich die ungewöhnlichsten Dinge fühlen lassen. Sie hilft mir, Gefühlslagen zu intensivieren, mich zu inspirieren und meine Gedanken zu untermalen. Wobei meine Musik anderen Hörern noch helfen kann, müssten sie sagen. Es kommt, denke ich, auch sehr auf die unterschiedlichen Lebenssituationen und Umwelteinflüsse an.

Seit die EP Ende April erschienen ist, bist du viel live unterwegs. Wie anstrengend waren die letzten Monate?
Für mich ist das Unterwegssein eher ein Privileg. Ich erlebe und lerne so viel auf Tour – nicht nur was das Musik machen angeht. Ich habe schon sehr viel von Deutschland sehen dürfen. Im April waren wir sogar in Prag und allein die Erfahrung, verschiedene Kulturen kennenlernen zu dürfen, ist unglaublich viel wert. Dennoch muss man sagen, dass es einem schon die Kräfte raubt, immer auf Achse zu sein, besonders durch den Schlafmangel. Aber für mich ist es die beste Zeit meines Lebens und ich versuche, jeden Augenblick aufzusaugen. Ich genieße es sehr, denn es gibt nichts Besseres im Leben als seinen Traum zu verwirklichen. Zum Glück bin ich ja auch nicht alleine. Wir unterstützen uns gegenseitig in der Band und geben uns Kraft. Tatsächlich ist es sogar so, dass ich es eher vermisse, wenn ich mal zwei Wochen Pause habe. Und nach den Konzerten gehe ich vielleicht kaputt, aber mehr als glücklich ins Bett.

Wie lässt sich das Touren mit deinem Alltag verbinden, studierst du jenseits der Bühne, machst du einen Job? Oder konzentrierst du dich derzeit voll auf die Musik?
Aktuell habe ich das Glück, mich voll und ganz auf die Musik konzentrieren zu können. Ich bin noch im Wartesemester für den Studiengang Soziale Arbeit und das lässt sich auch mit zwei flexiblen Nebenjobs sehr gut verbinden. Wenn ich dann studiere, wird sich zwangsläufig etwas verändern, aber die Musik wird für mich immer an erster Stelle stehen.

Du hast so unterschiedliche Künstler wie Wanda, Ron Sexsmith oder The Sonics supportet. Welche Kombination hat in deinen Augen besonders gut gepasst?
Das waren sehr unterschiedliche, aber allesamt wunderbare und einmalige Erfahrungen, die ich sammeln durfte. Und tatsächlich waren auch alle sehr stimmig und das Feedback war großartig. Wenn man aber danach geht, welcher dieser Künstler am nächsten an meiner Musik dran ist, dann würde ich Ron Sexsmith sagen. Da hat wirklich alles gestimmt, man hat gemerkt, dass die Leute sehr genau verstanden haben, was wir mit unserer Musik wollen und sich vollkommen darauf eingelassen haben.

Deine EP ist beim Düsseldorfer Label Unique Records erschienen. Wie seid ihr zusammen gekommen?
Ich war zunächst Gastsängerin bei Palace Fever, bevor ich später fester Bestandteil wurde. Die Band wurde bei einem Konzert von Unique Records entdeckt. Dort war ich zwar nur für drei Songs auf der Bühne, aber ich bin ihnen trotzdem positiv aufgefallen. Mittlerweile sind wir sehr gut befreundet mit den Labelchefs Henry Storch und Ina Schulz. Als sie gehört haben, dass ich auch eigene Songs schreibe, waren sie sehr angetan von der Idee, etwas mit mir zu machen. Dafür bin ich sehr dankbar.

Die vier Songs auf der EP bleiben sofort im Ohr hängen, die Arrangements sind stimmig und ausgefeilt. Das Ganze wirkt künstlerisch sehr reif. Dabei bist du erst 22. Wann hast du mit der Musik angefangen?
Ich habe schon als kleines Kind immer irgendwelche Zeilen von Songs aufgeschnappt und sie dann in sehr schlechtem Englisch nachgesungen. Als ich älter wurde, habe ich angefangen Tagebuch und Gedichte zu schreiben. Ich erinnere mich sehr gut daran, wie ich meine ersten Lieder hineinschrieb über Jungs, in die ich verknallt war. Damals beherrschte ich noch kein Instrument außer Blockflöte, weshalb ich die Melodien im Kopf komponieren musste. Mit 12 lernte ich dann Klavier und fing an meine Gedichte zur Klavierbegleitung zu singen. Ich trat dem Schulchor bei, um einiges über den Umgang mit der Stimme zu lernen. In der achten Klasse gründete ich dann eine Schülerband, die Strawberry Hunters. Als unsere Gitarristin ausstieg, habe ich selber Gitarre spielen gelernt. Da war ich 15. Nach Schulende löste sich die Band auf. Ich hatte daraufhin einige Soloauftritte, bevor ich dann auf Julian Müller getroffen bin. Er engagierte mich zunächst als Gastsängerin für Palace Fever. Mittlerweile bin ich festes Mitglied der Band. Von Julian habe ich sehr viel gelernt. Nicht nur über Konzerte, ich bekam auch komplett neue musikalische Einflüsse. Ganz natürlich entwickelten sich neue Songs, die allein durch die vielen Erfahrungen und Eindrücke mit Palace Fever sehr viel reifer und bestimmter waren als alles, was ich vorher geschrieben habe. Julian hat mir dabei geholfen, meine Visionen umzusetzen, und hat die Songs dann auch arrangiert.

Mit „Harley Davidson“ coverst du auf deiner im April erschienenen EP auch einen Song von Serge Gainsbourg. Warum hast du dich ausgerechnet für den Song entschieden?
Ich habe französische Musik einfach für mich entdeckt. Durch meine Band bin ich auf Serge Gainsbourg gestoßen, auf Brigitte Bardot, Jane Birkin, Francoise Hardy, Jaques Dutronc und France Gall. Daraus hat sich eine große Liebe entwickelt, auch wenn ich weder Französisch spreche, noch verstehe. Wir haben aus Spaß bei einer Probe den Song gespielt und ich habe ihn mit sehr viel Mühe versucht zu singen. Uns war schnell klar, dass es ein herausragendes Cover ist und der Song wurde ein Hauptbestandteil der Live-Shows. Daher entschieden wir, dass er auf die EP kommen soll.

Was bedeutet dir das Werk von Gainsbourg?
Serge Gainsbourg ist für mich einer der wichtigsten Songwriter der Sechziger Jahre. Er war ein sehr provokanter, sehr frecher, aber genialer Künstler, der die französische Musik stark beeinflusst hat. Ich bewundere seine Art mit Worten zu spielen und dabei so verzwickte Melodien so einfach klingen zu lassen. Seine Arrangements sind einzigartig, weit orchestriert und revolutionär.

Dein Sound enthält Elemente von Folk-Rock, Country und Psychedelic. Von welchen Künstlern fühlst du dich beeinflusst?
Es gibt so viele großartige Bands, die mir viel beigebracht haben, dass es schwer ist, einzelne herauszupicken. Natürlich ist eine Band wie die Beatles unheimlich wichtig und ich habe alle ihre Alben zu Hause stehen. Unbedingt erwähnen möchte ich auch Joni Mitchell. Sie hat ihre ganz eigene Art Musik zu machen, was mich sehr inspiriert, auch wenn man ihren Einfluss musikalisch vermutlich nicht eindeutig bei mir herauslesen kann. Über die französischen Künstler haben wir ja schon geredet. Gerade in den barocken Arrangements meiner Platte kommen diese Einflüsse zum Tragen.

Die EP ist nur ein Vorbote auf dein im Herbst erscheinendes Album. Habt ihr die Songs schon im Kasten?
Fast! Ich habe mich sehr spontan dazu entschieden, noch einen Song, den ich vor kurzer Zeit geschrieben habe, mit aufs Album zu nehmen. Er passt perfekt ins Konzept und auch meine Band war sich einig, dass wir ihn noch schnell aufnehmen und draufpacken müssen. Ansonsten ist aber alles im Kasten und ich kann es kaum erwarten, der Welt mein Werk zu präsentieren!

Du kommst aus der Punkrockcity Solingen. Wie stehst du dem Punk gegenüber?
So viel Punkrock gibt es hier in Solingen gar nicht mehr. Zumindest bekomme ich davon nicht viel mit. Musikalisch bin ich nicht besonders vom 77er Punk beeinflusst. Mich interessieren eher die Vorläufer aus den Sechzigern und die Do-It-Yourself-Attitüde von Bands wie den Sonics, Pretty Things oder The Who. Diese Einflüsse kommen bei mir eher in der Einstellung zum Tragen. Ich mag das Rohe und mir ist Feeling wichtiger als technische Perfektion.

Du trittst beim diesjährigen Open Source Festival auf der Young Talent Stage auf. Wie ist deine Gefühlslage, wenn du daran denkst?
Ich fühle mich sehr geehrt. Letztes Jahr stand ich noch beim Open Source Festival im Publikum und durfte die Bands bewundern. Dieses Jahr darf ich selbst spielen und ich fühle eine Mischung aus Vorfreude und ein wenig Nervosität, da ich ja schon gesehen habe, wie viele Leute dort antanzen werden. Die Vorfreude überwiegt aber und ich bin sehr gespannt auf die anderen Bands.

Welche andere Band beziehungsweise welchen Künstler möchtest du dir unbedingt anschauen?
Ich muss gestehen, dass ich mich noch gar nicht genau mit dem diesjährigen Line-Up befasst habe. Meine Freunde von Love Machine spielen und wenn sich das nicht mit meinem Slot überschneidet, werde ich sie mir natürlich angucken. Ansonsten lasse ich mich mal überraschen.

8.7. theycallitkleinparis präsentiert: Open Source Festival, Galopprennbahn Grafenberg, Düsseldorf

Suzan Köcher spielt von 20:30 bis 21 Uhr auf der Young Talent Stage.


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