Kein Chichi. Nur Düsseldorf.

seiLeise im Interview – „In Düsseldorf war ich immer im Schutz der Dunkelheit unterwegs“

Foto: seiLeise

Die zarten, poetischen Arbeiten von seiLeise dürften manch einem bekannt vorkommen. Schließlich arbeitet der Street-Art-Künstler bevorzugt im öffentlichen Raum. Und das auch jenseits seiner Heimatstadt Köln. Ab Freitag sind maximal 30 Werke von seiLeise nun drinnen zu sehen, in der Kombüse 59. Kurz vor der Vernissage hat theycallitkleinparis den Domstädter mit einigen Fragen zu seiner Arbeit gelöchert.

Was schätzt du, wie viele Arbeiten von dir sind im Düsseldorfer Stadtraum zu finden?
Mehr als zehn dürften es nicht sein. Es ist allerdings schwer exakt zu beziffern, da Street Art ja dem ständigen Zerfall ausgesetzt ist. Zudem kommt hinzu, dass Düsseldorf zwar nicht allzu weit von meinem Wohnort Köln entfernt ist, aber doch weit jenseits der Grenzen meines Vorgartens liegt. Ich würde die Orte, an denen ich in Düsseldorf war, vermutlich nur schwer wiederfinden, um meine Arbeit in Augenschein zu nehmen.

Wie kam es überhaupt dazu, dass du in Düsseldorf aktiv wurdest?
Ich pflege viele Kontakte zu Düsseldorfer Künstlern. Es findet ein ständiger Austausch statt. Als Street-Art-Künstler bin ich bemüht, meine Bilder einem stetig wachsenden Kreis von Menschen nahezubringen. Düsseldorf ist aus vielen verschiedenen Gründen die logische Konsequenz.
Warum hast du das Pseudonym „seiLeise“ gewählt?
Meine Wurzeln liegen im Graffiti, deshalb agiere ich unter Pseudonym. Ich bin abseits der Kunst leise und zurückhaltend, bewege mich als Künstler in der Grauzone zwischen Legalität und Illegalität. Abgesehen davon mag ich ganz einfach die Klangfarbe.

Bringst du die Arbeiten eigentlich nachts an? Und bist du dabei allein unterwegs?
Das hängt mitunter von den örtlichen Gegebenheiten ab. So gibt es Viertel in Köln, bei denen ich mich tagsüber sicher fühle oder mir sicher bin, andere suche ich lieber nachts auf. In Hamburg verhält es sich ähnlich. Es gibt Orte, an denen man zwangsläufig auffällt, wenn man nachts an Wänden rum hantiert. So ist es oft weniger auffällig, tagsüber, überzeugt von der eigenen Sache, zu arbeiten. In Düsseldorf war ich bisher immer im Schutz der Dunkelheit unterwegs. In fremden Städten orientiere ich mich an den Ratschlägen ortsansässiger Künstler. Manchmal bin ich auch zusammen mit anderen Künstlern unterwegs. Dann aber lieber in kleinen Gruppen, um nicht aufzufallen.

Du hast zwei bevorzugte Arbeitsweisen. Bei den Paste-Ups klebst du papierne Motive auf Wände, Stromkästen und so weiter. Und dann gibt es noch die Reverse-Graffiti. Wie entstehen die genau?
Ich betrachte die Straße als Spielwiese, mein Atelier als Testlabor. Ich finde es bewundernswert, dass andere Künstler strikt ihre klare Linie durchziehen. Ich will und kann das nicht. Seit meiner Kindheit begleitet mich ein Zitat von Keith Haring: „Nichts ist so erfrischend wie ein beherzter Schritt über die Grenzen“. Ich will Grenzen überschreiten, entwickeln, austesten. Das hat mich zum Reverse-Graffiti und nun auch zu Paste-Ups gebracht. In Zukunft möchte ich mir noch weitere, bisher namenlose Techniken aneignen. Reverse-Graffiti beschreibt das partielle Reinigen von schmutzigen Oberflächen. Ich verwende Schablonen, um schmutzige Oberflächen mit einem Hochdruckreiniger oder Sandstrahler zu reinigen, das ergibt durch den Dreckig-Sauber-Kontrast ein temporäres Bild.

bild_4

Foto: seiLeise

Deine Motive wirken auf den ersten Blick sehr poetisch und zart. Trotzdem enthalten sie fast immer auch eine politische Botschaft. Was sind die Themen, die dich derzeit umtreiben?
Ich bin mit den Reverse-Graffiti 2010 angetreten, um den Unorten der Stadt ein wenig Würde zu verleihen, indem ich ihnen ein Gesicht gebe. Ich arbeite grundsätzlich mit leichten Motiven und möchte einfache Emotionen wecken. Sehnsucht, Liebe, Freude. Es geht im Kern immer darum, die Stadt mitzugestalten, schöner zu machen, das Grau zu verdrängen. Mit der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Lage haben sich die Themen etwas verschoben. Nun steht nicht mehr das Leichtverdauliche, sondern etwas schwerere Kost auf der Speisekarte, um die aktuelle Lage mit Bildern zu kommentieren und Betrachter zu bewegen, Bilder und deren Inhalte zu reflektieren.

Früher hast du ja auch gesprüht. Warum bist du umgestiegen?
Gesprüht habe ich nur eine verhältnismäßig kurze Zeit, mit meinem damals besten Freund, da war ich ungefähr 16. Wir wollten wie viele in dem Alter cool sein, uns nachts raus schleichen, Abenteuer suchen, gegen das System arbeiten. Einfach kontra geben. Irgendwann wurde es zur Routine, kein Adrenalin mehr, das Ergebnis hat mich auch eher enttäuscht. Also habe ich mich meiner Ausbildung gewidmet und lange nichts mehr damit am Hut gehabt.

Du sagst von dir selber, dass du nur an öffentlichen Wänden arbeitest. Ist das denn immer so eindeutig auszumachen, was öffentlich ist und was privat?
Es ist natürlich schwer zu differenzieren, und es wird mir bestimmt nicht immer gelingen. Doch ich verspreche jedem Hausbesitzer, an dessen Wand ich mich vergriffen habe: Es ist temporär, die Werke verschwinden nach einiger Zeit wieder. Bei Reverse-Graffiti nehme ich mir Zeit, den Ort zu begutachten. Da ich mich in einer Grauzone bewege, bestimme ich durch mein Handeln von heute die Rechtssprechung von morgen. Deshalb ist es in meinem eigenen Interesse, mir die Frage nach der Vertretbarkeit meines Handels zu stellen. Bei Paste-Ups verhält es sich etwas anders. Beim Arbeiten in der Nacht geht es eher um Schnelligkeit. Auch da gehe ich aber nicht an jede Wand. Aber ich differenziere zugegebenermaßen nicht zwischen privaten und öffentlichen Grund.

Im Rahmen der Schau „Tabuzonen“ stellst du vom 26. bis zum 28. April nun im Innenraum aus, in der Kombüse 59. Wie viele Arbeiten dürfen die Besucher erwarten? Und wie werden sie präsentiert?
Es werden voraussichtlich zwischen 20 und 30 Arbeiten sein. Überwiegend Lackarbeiten. Aber ich habe auch experimentiert. Es wird sich viel um Metall drehen, so viel kann ich verraten. Wer es ganz genau wissen will, muss vorbei am Wochenende vorbeikommen.

Was kostet ein echter seiLeise?

Die Arbeiten kosten zwischen 15 und 1500 Euro. Ich bemühe mich ganz bewusst, keine reine Klientel-Kunst anzubieten, sondern auch Werke, die sich jeder leisten kann.

Und warum der Titel „Tabuzonen“?
Ob der kurzen Laufzeit müsste die Ausstellung eigentlich den Titel „Kurz und Krass“ tragen. Aber wir haben uns an den Inhalten der Bilder orientiert. Es wird viel Politisches dabei sein. Vielleicht bewege ich mich mit dem ein oder anderen Bild sogar in einer Tabuzone.

28.-30.4. seiLeise: „Tabuzonen“, Kombüse 59, Blücherstr. 59, Düsseldorf, Fr ab 19 Uhr Vernissage mit DJ NST, Sa 12-21 Uhr, So 12-19 Uhr

Schreibe einen Kommentar

Basic HTML is allowed. Your email address will not be published.

Subscribe to this comment feed via RSS

*